Menschenrechte
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Situation der Frauen und Kinder


11.3.2008
Frauen und Kinder gelten als besonders schutzbedürftige Glieder der menschlichen Gesellschaft. Dennoch haben sie, trotz mancher Fortschritte, immer noch am meisten unter Menschenrechtsverletzungen zu leiden.

Afghanische Frauen stehen Schlange, um ihre Stimme in einem Wahllokal in Kabul abzugeben, 20.08.2009.Kabul, Augsut 2009: Afghanische Frauen stehen Schlange, um bei der Präsidentschaftswahl ihre Stimmen abzugeben. (© AP)

Einleitung



Obwohl bereits die Charta der Vereinten Nationen von 1945 wie auch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte die Gleichberechtigung von Mann und Frau festgeschrieben haben, werden Frauen in vielen Ländern und gesellschaftlichen Bereichen in ihren Rechten nach wie vor massiv eingeschränkt. Da auch Kinder die Leidtragenden sind, wenn Frauen gleiche Chancen in der Gesellschaft verwehrt werden, soll die Menschenrechtssituation von Frauen und Kindern in einem eigenen Kapitel dargestellt werden.

Rechtliche Grundlagen



Trotz der klaren Vorgaben aus ihrer Charta und der Erklärung von 1948 machte sich die UNO nur zögerlich ans Werk, diese Vorgaben in rechtsverbindliche Konventionen zu gießen. So verabschiedete man 1953 zunächst nur das Übereinkommen über die politischen Rechte der Frau. Erst mit der Konvention zur Beseitigung jeder Form der Diskriminierung von Frauen, die 1979 von der Generalversammlung beschlossen wurde, schuf die UNO ein umfassendes Instrumentarium, mit dem die Gleichberechtigung von Frauen auch bei Bildung und Gesundheit, im Berufsleben, im wirtschaftlichen und sozialen Leben sowie nicht zuletzt auch in Ehe- und Familienfragen sichergestellt werden kann. 1989 schließlich wurde die Konvention über die Rechte des Kindes verabschiedet.

Die Rechte der Kinder wurden inzwischen praktisch von allen in der UNO vertretenen Ländern anerkannt, die Konvention über die Rechte von Frauen immerhin von 184 Staaten ratifiziert. Allerdings meldeten etliche von ihnen Vorbehalte gegen die Umsetzung einiger Artikel an. Der in manchen Teilen der Welt immer noch vorhandene Widerstand gegen die völlige Gleichberechtigung der Frau sowie die insgesamt sehr schleppende Realisierung von Frauen- und Kinderrechten veranlasste die Staats- und Regierungschefs, in ihrer Millenniumserklärung die vollständige Umsetzung beider Konventionen anzumahnen und klare zeitliche Vorgaben zu fixieren.

Quellentext

Geburtsstunde der Kinderrechte

[...] Das kleine Mädchen, das im Jahr 1874 vor einem New Yorker Gericht aussagt, [...] weist am ganzen Körper Spuren von Schlägen und Peitschenhieben auf. [...] Mary Ellen ist erst vor Kurzem mit Hilfe der methodistischen Gemeindeschwester Etta Wheeler befreit worden - aus einem kleinen verliesartigen Zimmer in einer dunklen engen Wohnung, das sie die letzten sechs Jahre nicht hat verlassen dürfen.
Diese Befreiung war nicht einfach gewesen. Die Polizei hatte zunächst jede Unterstützung verweigert. Sie könne ohne handfeste Beweise nichts unternehmen, und es gebe andererseits auch kein Gesetz, das es erlaube, in die Wohnung einzudringen, um ebendiese Beweise zu sichern. Auch alle anderen Behörden konnten oder wollten nichts tun; Einrichtungen, die sich dem Schutz von Kindern verschrieben haben, gab es zu dieser Zeit noch nicht. [...]
Etta Wheeler gelang es, den Fall vor das höchste Gericht der Stadt New York zu bringen. [...] Im April 1874 begann der Prozess [...]. "Ich sah", schrieb einer der vielen anwesenden Gerichtsreporter, der sozialkritische Journalist und Fotograf Jacob A. Riis, "wie man ein Kind hereinbrachte, in eine Pferdedecke gewickelt, bei dessen Anblick Männer in lautes Weinen ausbrachen, und ich hörte noch einmal die Geschichte von Mary Ellen, eine Geschichte, die eine ganze Stadt innerlich aufwühlte und an das Gewissen einer Welt rührte, die vergessen hatte. Und während ich hinsah, wusste ich, dass hier soeben das erste Kapitel der Rechte der Kinder niedergeschrieben wurde." Die Jury des Gerichtes benötigte laut dem New York Herald nur 20 Minuten, um die Angeklagte schuldig zu sprechen. Sie wurde wegen Tätlichkeiten und Körperverletzung zu einer Strafe von einem Jahr Gefängnis bei schwerer körperlicher Arbeit verurteilt. [...]
Der Fall Mary Ellen wirkte wie eine Initialzündung. Noch 1875 wurde die New York Society for the Prevention of Cruelty to Children (NYSPCC) gegründet, die gleich im ersten Jahr ihres Bestehens 300 Fälle von Kindesmisshandlung untersuchte. Die NYSPCC war weltweit die erste ihrer Art [...]. [...] In London entstand 1884 eine weitere "Gesellschaft zur Verhinderung von Grausamkeiten gegen Kinder", aus der fünf Jahre später eine nationale Einrichtung hervorging. Im selben Jahr noch verabschiedete das Parlament einen Prevention of Cruelty to Children Act.
Auch auf dem Kontinent begann man sich für das Thema zu interessieren. In Berlin wurde 1898 ein "Verein zum Schutze der Kinder gegen Ausbeutung und Misshandlung" gegründet. Er wurde zum Vorläufer des 1953 in Hamburg gegründeten Deutschen Kinderschutzbundes (nachdem er zwischenzeitlich in nationalsozialistisch verordneter Bedeutungslosigkeit durch die offizielle Eingliederung in die NS-Volkswohlfahrt überwintert hatte). Dieser Verband ist heute mit rund 50.000 Mitgliedern und über 400 Ortsverbänden der größte seiner Art in Deutschland.
Die Wende in der öffentlichen Wahrnehmung wurde begleitet von juristischen Reformen: Das Bürgerliche Gesetzbuch vom 1. Januar 1900 führte Strafen für Eltern ein, die ihre Kinder misshandelten oder vernachlässigten. Auch die Weimarer Verfassung von 1919 forderte für "jedes deutsche Kind [das] Recht auf Erziehung zur leiblichen, seelischen und gesellschaftlichen Tüchtigkeit" ein.
Im September 1924 veröffentlichte der Völkerbund eine Children's Charta, in der grundlegende Rechte für Kinder formuliert waren; diese sogenannte Genfer Erklärung wurde nach mehrjährigen Vorarbeiten durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen am 20. November 1959 in eine Erklärung der Rechte des Kindes überführt. Wiederum 30 Jahre darauf, am 20. November 1989, legte die UN-Generalversammlung eine Konvention über die Rechte des Kindes vor. Inzwischen haben alle Staaten der Welt - mit Ausnahme von Somalia und den USA - das Vertragswerk unterzeichnet.

Jakob Matschke, "Ich möchte nicht zurück zu Mama", in: Die Zeit Nr. 23 vom 31. Mai 2007





 

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