Fußball - mehr als ein Spiel

4.5.2006 | Von:
Franz-Josef Brüggemeier

Das "Fußballwunder" von 1954

Auswirkungen des WM-Gewinns

Aufwertung des Fußballsports

1954 füllten Fußballspiele die Stadien, ihre Übertragungen zählten zu den populärsten Radiosendungen, die Berichte auf den Sportseiten besaßen eine große Leserschaft, und Fußballanhänger waren in allen sozialen Milieus anzutreffen. In der Arbeiterschaft hatte der Fußball allerdings besonders viele Anhänger, während er sich in anderen Gruppen langsamer etablierte. Noch haftete ihm der Geruch an, ein bloßes Vergnügen der "unteren Schichten" zu sein. Die Feuilletons sowie die seriösen Zeitungen generell enthielten nur selten Beiträge zum Sport, insbesondere nicht zum Fußball. Die Kluft zwischen Hoch- und populärer Kultur war zu groß und die Angst vor einer "Vermassung" zu verbreitet.

Insgesamt war Fußball - wie Sport allgemein - in der Öffentlichkeit weniger präsent als heute. Fußballer waren noch keine Personen des öffentlichen Interesses, über die Zeitungen oder Radiosendungen regelmäßig informierten. Als die westdeutsche Nationalmannschaft nach dem Titelgewinn in München empfangen wurde, hat die Süddeutsche Zeitung deshalb eigens in einem Artikel die einzelnen Spieler vorgestellt. Die Redaktion ging zu Recht davon aus, dass die meisten Leser nichts oder nur sehr wenig über die Fußballer wussten.

Die Fußballweltmeisterschaft von 1954 leitete eine neue Entwicklung ein. Die WM war das erste Sportereignis, das direkt in mehrere Länder übertragen wurde. Wer einen Fernsehapparat besaß, konnte einzelne Spiele in der Schweiz "live" mitverfolgen. Aus technischen Gründen wurden allerdings nur jeweils zwei Begegnungen übertragen. Da die westdeutsche Mannschaft nicht zu den Favoriten zählte, war von den ersten vier Spielen nur eines zu sehen. Die Radioanstalten hielten sich ebenfalls zurück: Da keiner wusste, wie groß das Interesse an den Sendungen sein würde, wurde vom ersten Spiel gegen die Türkei nur die zweite Halbzeit übertragen.

Triumph des Außenseiters

Dass schließlich so viele Deutsche die Spiele verfolgten, hing mit dem unerwarteten, spannenden Verlauf des Turniers zusammen: Die deutsche Mannschaft begann als Außenseiter, erreichte im ersten Spiel gegen die Türkei einen leichten Sieg und stand danach vor einer wirklichen Herausforderung: der Begegnung mit den Ungarn. Diese hatten seit Jahren kein Spiel mehr verloren und 1953 im Londoner Wembley-Stadion als erste ausländische Mannschaft England besiegt. Sie galten daher eindeutig als Favoriten. Das Interesse am Spiel war in Deutschland riesengroß, etwa 30.000 Zuschauer reisten eigens an - und wurden bitter enttäuscht. Denn die deutsche Mannschaft wurde geradezu deklassiert, lag zeitweise mit 7:1 zurück und konnte durch zwei späte Tore das Ergebnis nur deshalb verbessern, weil sich die ungarischen Spieler schonten.

Die Nationalmannschaft von Bundestrainer Sepp Herberger konnte sich jedoch in den folgenden Spielen enorm steigern und stand am 30. Juni im Halbfinale gegen Österreich. Auch hier galt die deutsche Mannschaft als Außenseiter, erzielte aber einen triumphalen Sieg. Erst jetzt entstand in Deutschland ein allgemeines Interesse an der Weltmeisterschaft, das für kurze Zeit die gesamte Bevölkerung erfasste. Über Nacht wurden Sitzungen abgesagt oder unterbrochen, und im Theater teilten Schauspieler durch verdeckte Botschaften den Spielstand mit.

Am 4. Juli stand die Überraschungsmannschaft erneut den scheinbar übermächtigen Ungarn gegenüber und geriet noch rascher in Rückstand als beim ersten Aufeinandertreffen in der Vorrunde. Doch die deutschen Spieler nahmen die Herausforderung an, erzielten den Ausgleich, konnten kurz vor Schluss sogar in Führung gehen und mussten bange sieben Minuten überstehen, in denen ein Ausgleich fiel, der jedoch nicht anerkannt wurde. Mit großem Einsatz und viel Glück verteidigte die Mannschaft den Vorsprung und wurde Weltmeister.

In ganz Deutschland - in der Bundesrepublik wie in der DDR - verfolgten fast alle dieses Spiel. Die wenigen Fernsehapparate waren umlagert. Gaststätten, Kinos und Veranstaltungssäle mit Fernsehern hatten vorher Berechtigungskarten ausgegeben. Die zwei Stunden der Übertragung waren überall "von einer geradezu unerträglichen Spannung gefüllt [...]. Atemlose Stille wechselte mit stürmischem Geschrei, das die Räume zu sprengen drohte, als die entscheidenden Tore fielen. Die Menschen sprangen von ihren Sitzen hoch, warfen die Arme in die Luft, Biergläser fingen auf den Tischen an zu tanzen" - so schilderte die Badische Zeitung vom 6. Juli 1954 den Tag des Finales. Auch andernorts herrschte höchste Anspannung, die sich nach dem Abpfiff in Jubelausbrüchen und begeisterten Feiern entlud.

Quellentext

Besuch im Zoo

Mein Vater war ein leidenschaftlicher und guter Feldhandballspieler, der sich für Fußball wenig interessierte. Sonst wäre er auch nicht auf die Idee gekommen, am 4. Juli 1954 mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen von Finsterwalde - das liegt in der Niederlausitz - nach Leipzig zu fahren, um dort den berühmten Zoo zu besuchen. Dass es der Tag des Endspiels um die Fußballweltmeisterschaft 1954 war, hatte er entweder nicht zur Kenntnis genommen oder vergessen. Er war ja Handballer, und ich war erst acht Jahre alt.

Wir wunderten uns nur, dass wir ab Mittag fast den ganzen Zoo für uns alleine hatten und dass keine Straßenbahnen mehr fuhren, als wir wieder zum Bahnhof wollten. Der nach der Ursache der leeren Straßen und der ausbleibenden Straßenbahnen am Ausgang des Zoos befragte Pförtner starrte uns wie Marsmenschen an: "Ja wisst ihr nicht, das Endspiel! Aber wir haben keine Chance, die Ungarn führen 2:0." Aus fußballerischer Sicht hatten wir tatsächlich auf dem Mars gelebt und das Endspiel völlig vergessen.
Unvergessen bleibt jedoch, was sich dann ereignete. Als wir uns notgedrungen zu Fuß auf den Marsch zum Leipziger Zentralbahnhof machten, passierten wir die Connewitzer Vorstadt mit ihren Straßenfluchten. Die Fenster waren bei der Julihitze geöffnet, und manchmal konnten wir die erregte Stimme des Reporters bis auf die Straße hören. Als wir - immer noch unterwegs - plötzlich Torschreie aus allen Fenstern hörten, war es wie in einem Stadion, und wir wussten sofort: Die deutsche Mannschaft hatte ein Tor geschossen. Das gleiche akustische Straßen-Erlebnis signalisierte uns den Ausgleich zum 2:2.
Natürlich hatten wir unseren Zug verpasst, kamen aber dafür auf dem riesigen Zentralbahnhof in den Genuss der Schlussminuten der Radio-Reportage aus Bern, die über die Bahnhofslautsprecher übertragen wurde. Kein Zug verließ die Halle. Alle lauschten gebannt. Der Jubel nach dem 3:2 und dem Schlusspfiff wird mir immer in Erinnerung bleiben. Wildfremde Menschen tanzten auf dem Bahnsteig, umarmten sich und rissen die Arme hoch.
Als wenig später die Hymne des Deutschlandliedes gespielt wurde, sagte ich zu meinem Vater: "Das ist doch aber das falsche Lied." In der Schule hatten wir gerade "Auferstanden aus Ruinen" gelernt - die DDR-Hymne. Seine Antwort ging im Jubel der Menge unter.

Jochen Teichler. Der Autor ist heute Professor für Zeitgeschichte des Sports an der Universität Potsdam.

Nationaler Überschwang?

Angesichts dieser Reaktionen stellt sich die Frage, wie die allgemeine Begeisterung zustande kam und welche Botschaften damit verbunden waren. Hierzu wurden viele Überlegungen angestellt. Vor allem die Formulierung "Wir sind wieder wer" wurde benutzt, um die Gefühle der Bevölkerung zu beschreiben. Sie klingt zwar plausibel, wurde damals aber nicht geäußert. Einige Autoren gehen sogar noch einen Schritt weiter. Für sie hat die Mannschaft durch den Titelgewinn auch "die Verletzungen repariert, die während und nach dem Krieg erlitten wurden". Der Titelgewinn habe dazu gedient, "die allgemeine Kriegsschuld und die individuelle Mittäterschaft zu kaschieren". Doch solche Thesen sind völlig aus der Luft gegriffen und verkennen, wie vielschichtig die damalige Situation tatsächlich war.

Schon die Reaktionen im Stadion sind schwer zu interpretieren. Unmittelbar nach dem Abpfiff sangen deutsche Zuschauer die verpönte erste Strophe der Nationalhymne und ließen "Deutschland, Deutschland über alles" hochleben. Dieses Verhalten löste sofort eine Debatte aus, bei der übereinstimmend das Verhalten der Zuschauer als "mehr oder minder" gedankenlos bezeichnet wurde. Offizielle Stellen und auch die Medien bemühten sich sehr, nationale Bekundungen zu vermeiden. So warnte der Deutschland-Uniondienst der CDU/CSU bereits am Montag nach dem Endspiel davor, "nach dem Fußballerfolg in Bern von einem "deutschen Fußballwunder" zu sprechen". Der große sportliche Erfolg dürfe nicht in nationale Phrasen gehüllt und das Geschehen in der Schweiz so kommentiert werden, als habe das deutsche Volk neun Jahre nach dem Zusammenbruch wieder zu "siegen" verstanden.

Als Beleg für nationale Phrasen dient oft die Ansprache, die Peco Bauwens, der damalige Präsident des DFB, beim Empfang der Mannschaft in München hielt. Sie wurde in einem Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung als "Sieg-Heil-Rede" bezeichnet. Diese Behauptung ist jedoch weit überzogen. Bauwens neigte zu nationalem Pathos und benutzte "etwas überschwengliche, nationalistische Ausdrücke", die "eine gewiße Trübung" des Festabends in München bewirkten - so der Bericht des Sportmagazins vom 8. Juli 1954. Doch Formulierungen, die auf eine "Sieg-Heil-Rede" hinweisen, sind im Text nicht zu erkennen.

Auffallend ist auch, wie rasch die Berichterstattung über die Weltmeisterschaft und deren Auswirkungen abklang. Schon nach wenigen Tagen gewannen andere Ereignisse wieder den Vorrang. Generell konzentrierten sich die Artikel auf die sportlichen Ereignisse und beschäftigten sich nicht mit der Frage der nationalen Identität oder gar der "Neugründung" der Bundesrepublik. Daran änderte sich auch in den folgenden Jahren nichts. Selbst ein Film über die Weltmeisterschaft, der kurz nach deren Ende in die Kinos kam, fand nur vorübergehendes Interesse. Die Filmrollen gingen in der Folgezeit verloren und werden heute mit großem Aufwand gesucht.

Quellentext

Folgen der Niederlage

Das Dorf Székelyudvarhely lag irgendwann einmal auf ungarischem Staatsgebiet. Nun gehörte es, wie ganz Siebenbürgen, zu Rumänien, doch Sprache und Kultur des kleinen Dorfes waren ungarisch wie eh und je. Als am Tag nach dem Endspiel eine Theatergruppe zu einem Gastspiel ins Dorf kam, wunderten sich die Schauspieler, dass dort alle schwarzgekleidet umherliefen. Sie fragten ein altes Mütterchen, wer denn gestorben sei. Gestorben sei niemand, erwiderte die Frau. Es sei viel, viel schlimmer. Man habe doch gestern im Fußball verloren. [...] Die Niederlage haben die Ungarn ihren Fußballern lange nicht verziehen. [...]

Die Goldene Mannschaft war silbern geworden - und das war in den Augen der Ungarn wertlos. Das Land hatte vergessen, dass man im Fußball auch verlieren kann; es hatte sich in einen Rausch geträumt, über all die Jahre. Nun war das Unvorstellbare passiert, und mit der Mannschaft hatte das ganze Land verloren. [...]
Eine seltsame Wut auf die Mannschaft machte sich breit. Ein Triumphmarsch hätte es werden sollen von der Grenze bis nach Budapest, und nun kamen sie am Grenzort Hegyeshalom an, und die Mienen der Menschen, die sie erwarteten, waren nicht unbedingt heiter. Die Menge bewarf einen Studiowagen des ungarischen Rundfunks mit Steinen, in der falschen Annahme, die Spieler sollten in ihm nach Budapest geschmuggelt werden. Gegenüber dem Sport-Reporter Karoly Molnár meinte der Fahrer jenes Wagens, eine derartig aufgeladene Stimmung habe er letztmalig erlebt, als er die von den Amerikanern ausgelieferten ungarischen Kriegsverbrecher vom Flughafen abholte. Bereits im direkten Anschluss an das Spiel war es zu Ausschreitungen gekommen. Eine Situation war eingetreten, der die Polizei nicht gewachsen war, denn sie war wohl für Verhaftungen, Schauprozesse und Erschießungen ausgebildet - also als Repressionsapparat. Das war eine bis dahin erfolgreiche Strategie gewesen und wohl auch der Grund dafür, warum es in der Volksrepublik Ungarn trotz der angespannten innenpolitischen Lage noch nicht zu größeren Demonstrationen gekommen war. Aber nun sahen sich die Ordnungshüter mit eben dieser nie da gewesenen Situation konfrontiert. Zehntausende zogen durch die Rakocziutca, warfen Straßenbahnen um und Schaufenster ein, holten die Bilder der Mannschaft aus den Auslagen und warfen sie auf die Straße. Das Regime sprach hilflos von politikfreier Randale, doch dahinter steckte mehr. Lange hatte die Nationalmannschaft als Kitt zwischen Volk und Regime gedient. Auf sie hatte sich alle Hoffnung gerichtet. Doch diese Hoffnung war zerstoben, der Kitt war mürbe geworden. Und wenngleich man auf die Spieler sauer war, so richtete sich der Hass doch gegen die sportlichen Institutionen des Regimes, gegen die Funktionäre, die zwischen Mannschaft und Regime standen. [...]
So hatten die Ausschreitungen doch eine politische Komponente. Es war das erste Mal nach 1945, dass es zu derart massiven öffentlichen Unmutsbekundungen kam: "Das wäre", meint der Politologe Péter Kende, "nur ein Jahr zuvor völlig undenkbar gewesen. Aber das System war durch die Flügelkämpfe innerhalb der Partei schon sehr destabilisiert. Nur deshalb konnte eine derartige Demonstration überhaupt stattfinden. Die Menschen waren viel weniger untertanenhaft, als sie es noch ein Jahr zuvor waren. Es war das erste Fanal von etwas, das in der Mitte der Gesellschaft wirkte und dann zwei Jahre später als ein Volksaufstand offen ausbrach". Der Sporthistoriker László Kutassi spricht von einer "Generalprobe für die Konterrevolution", und auch Paul Lendvai schließt sich an: "Der aufgestaute Hass, die aufgestaute Verbitterung haben das erste Mal seit der kommunistischen Machtübernahme zu einer massiven Demonstration geführt. Das war das Vorspiel zum Aufstand zweieinhalb Jahre später." [...]

Peter Kasza, 1954 - Fußball spielt Geschichte. Das Wunder von Bern, Berlin 2004, S. 140 ff.

Aufgehen in einer virtuellen Gemeinschaft

Dennoch: Der Titelgewinn hat Reaktionen ausgelöst, die ganz ungewöhnlich waren und einer Erklärung bedürfen. Warum konnten, so ein Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung Anfang Juli 1954, "alte Mütterchen, die kaum wissen, wie ein Fußball aussieht, beim Anblick einer Fußballmannschaft in Freudentränen ausbrechen?". Das war in der Tat schwer zu erklären, denn nicht nur alte Mütterchen brachen in Tränen aus, sondern auch viele andere, die ansonsten mit Fußball wenig zu tun hatten und über das Spiel kaum etwas wussten.

Mit der Fußballweltmeisterschaft fand 1954 ein Ereignis statt, das kurzfristig eine äußerst intensive Spannung erzeugte, langfristig aber weitgehend folgenlos war. Auf der einen Seite ging es um alles - um den Gewinn der Weltmeisterschaft -, auf der anderen aber stand nichts auf dem Spiel. Die Mannschaft brachte zwar einen Pokal mit nach Hause, doch sie hatte keinen Einfluss auf die politischen Verhältnisse und löste keines der gesellschaftlichen Probleme in der Bundesrepublik.

Durch die Begeisterung für den Fußball entstand eine Gemeinschaft, die wegen ihrer Größe und der Intensität ihrer Gefühle eine neue Qualität besaß. Diese Gemeinschaft war "virtuell", weil sie auf einem medial vermittelten Ereignis beruhte. Fast keiner der Beteiligten konnte das Spiel tatsächlich sehen - den meisten Zuschauern stand lediglich die Stimme des Radioreporters zur Verfügung, angereichert durch die Vorstellungen und Gefühle, die er bei ihnen freisetzte. Die Gemeinschaft bestand auch nur für einen kurzen Moment. Ihre Mitglieder waren nicht aktiv und hatten sich auch nicht versammelt, um gemeinsame Werte zu vertreten. Sie verband vielmehr, dass sie zwei Stunden höchster Anspannung teilten und einem Ereignis folgten, das damals nicht einmal aufgezeichnet werden konnte und schon im Moment des Erlebens verflog. Wenn die Vorstellung von "virtuellen Gemeinschaften" etwas zutreffend beschreibt, dann die Ereignisse des 4. Juli 1954 und an den darauffolgenden Tagen.

Quellentext

"Stimme von Bern"

[...] Am Ende des Spiels, das an jenem 4. Juli 1954 vor ihm liegt, wird Zimmermann in Ekstase geraten. Er wird schreien. Er wird brüllen. Seine Stimme wird sich überschlagen - und sie wird damit für immer verbunden sein mit dem größten Triumph in der deutschen Sportgeschichte.

[...] "Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Rahn schießt! Tor! Tor! Tor! Tor! (kurze Pause) Tor für Deutschland! Linksschuss von Rahn. Schäfer hat die Flanke nach innen geschlagen. Schäfer hat sich gegen Bozsik durchgesetzt. 3:2 für Deutschland! Halten Sie mich für verrückt! Halten Sie mich für übergeschnappt!" Er japst nach Luft, er kann es selbst kaum glauben. [...] Es sind berührende und verstörende Passagen. Spätestens jetzt hat Zimmermann auch diejenigen Hörer mitgerissen, die sich üblicherweise nicht für den Fußball interessieren. [...] "Aus! Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister! Schlägt Ungarn mit 3:2-Toren im Finale in Bern!"
Diese Sätze sind vielleicht auch deshalb in die Rundfunkgeschichte eingegangen, weil sie ungewöhnlich subjektiv sind, weil sie die neutrale Position, die ein Journalist normalerweise einnimmt, verlassen haben. Zimmermann hat sich hinreißen lassen, diese Konventionen zu verletzen, speziell zum Schluss der Übertragung. [...] Sein Kollege Hempel aus der DDR jedenfalls spricht in diesem Finale viele Dinge aus, die Zimmermann nicht anführt. Abgesehen davon, dass er die Herberger-Elf im politischen korrekten DDR-Deutsch stets "Westdeutschland" oder "westdeutsche Mannschaft" nennt, kritisiert er auch zuweilen unerschrocken den Schiedsrichter, wenn der ein Foul eines Deutschen nicht abpfeift. [...] Hempel nimmt also eine strikt neutrale Haltung ein, natürlich auch, weil sie von der Sendeleitung Ost-Berlins so angeordnet worden ist. Nach dem Schlusspfiff geht allerdings auch seine Stimme in die Höhe, er sagt: "Das Unvorstellbare ist passiert!" Dennoch wirkt diese Reportage für den ostdeutschen Sender wie ein Pendant zur Ekstase Zimmermanns. Journalistisch hat Hempel ohne Zweifel sauberer gearbeitet. Aber die Geschichte wird Zimmermann Recht geben. Seine Reportage wird [...] zum Mythos. Zum Gegenstand millionenfacher Erzählungen. [...]
Hempel aber gerät zur tragischen Figur. [...] Der junge Erfurter ist völlig sprachlos, als er bei seiner Rückkehr in die DDR bemerkt, dass seine Reportage dem Publikum nicht zugesagt hat. [...] Es ist ein Thema, das ihn bis heute verfolgt. Wie krass und vernichtend das damalige Urteil ausfällt, davon berichtet er in den 90er Jahren einmal bei einer Veranstaltung an der Universität Erfurt. Er habe nach dem Endspiel 3.000 Leserbriefe bekommen, erzählt er dort, "davon mehr als 90 Prozent anonym". Viele hätten messerscharfe Formulierungen benutzt [...]. Diese mehrheitlich radikale Ablehnung ist ein Zeichen, wie sehr sich auch die Ostdeutschen mit dem Triumph der Walter-Elf identifizieren. [...]
Zimmermann besitzt schon vor der Weltmeisterschaft in der Schweiz einen ausgezeichneten Namen. Die deutschen Fußballfans kennen ihn schließlich aus vielen Übertragungen. Doch nun gilt er, nicht nur bei seinem Arbeitgeber in Hamburg, als kleine Berühmtheit. Und er genießt es, wenn ihn die Leute im Alltag an der Stimme erkennen. Denn wann immer er den Mund aufmacht - beim Tanken, in einem Restaurant oder beim Theaterbesuch - drehen sich die Leute um und sagen: "Das ist Herbert Zimmermann". Weil sie diese Stimme berührt hat an diesem 4. Juli 1954. [...]

Erik Eggers, Die Stimme von Bern, Augsburg 2004, S. 165 ff.

Parallel dazu gab es nationalistische Äußerungen und Appelle an ewige nationale Werte. Doch sie waren nicht das entscheidende Element, das Zuschauer und Zuhörer verband. Die enorme Begeisterung und der Überschwang der Gefühle gingen zurück auf die Anspannung, die es für einen Moment des Rausches erlaubte, die Unterschiede von Herkunft, Politik, Konfession, Ausbildung oder Einkommen zu vergessen. So entstand eine Gemeinschaft, die nicht nur intensiv, sondern auch flüchtig war und nach dem Abpfiff schnell wieder zerfiel. Als dann der Alltag zurückkehrte, war die Bundesrepublik so vielfältig, so unsicher und so gespalten wie zuvor.

Keine neue Identität

Eine neue nationale Identität ist in diesen Tagen nicht entstanden. Das war schon deshalb nicht möglich, weil die in Bern siegreichen Fußballer denkbar ungeeignet waren, der Nation neue Orientierung oder gar eine neue Identität zu geben. Die bürgerlichen Intellektuellen und Eliten, die sich für Geschichtspolitik, das Selbstverständnis der Nation und deren Identität zuständig fühlten, konnten mit den Spielern nichts anfangen. Dafür war die Kluft zwischen Hoch- und Alltagskultur zu tief. Hinzu kommt, dass es schon prinzipiell keine Werte, Ziele oder Überzeugungen gibt, die eine so große Anziehungskraft besitzen, dass sie ganze Nationen dauerhaft vereinen. Die bestehenden Unterschiede von sozialen Milieus, Glauben, Geschlecht, Alter, Bildung und Vermögen können kaum überwunden werden. Selbst bedeutend kleinere Gruppen besitzen keine kollektive Identität, abgesehen vielleicht von religiösen Orden oder fanatischen politischen Gruppen. Selbst einzelne Menschen verfügen in der Regel nicht über eine einheitliche, in sich stimmige Identität, sondern besitzen in mehrere, die sogar in Widerspruch zueinander stehen können. Es ist deshalb sinnvoller, Konzepte zu verwenden, die diese Vieldeutigkeit und Komplexität besser beschreiben. Dazu kann der Begriff der "virtuellen Gemeinschaft" einen Beitrag leisten.

Charakteristisch für diese ist ein weitgehendes Fehlen verbindlicher Werte und Festlegungen. Dadurch besteht die Möglichkeit, sich diesen Gemeinschaften anzuschließen und sie auch wieder zu verlassen. Ein aktuelleres Beispiel aus dem Fußball verdeutlicht dies: Die höchsten Zuschauerzahlen im deutschen Fernsehen erreichten 2004 die Übertragungen von der Fußball-Europameisterschaft. Das ist auf den ersten Blick nicht überraschend; doch verblüffend ist, dass die Zuschauer nicht nur die Spiele der deutschen Mannschaft mit Begeisterung verfolgten, sondern auch diejenigen der Griechen. Entscheidend war, dass - ähnlich wie 1954 - der Erfolg der griechischen Mannschaft überraschend kam und die Möglichkeit bot, sich einer "virtuellen Gemeinschaft" von Griechenlandfans anzuschließen, Momente höchster Intensität und Gemeinsamkeit zu erleben und diese anschließend hinter sich zu lassen.

Im Juli 1954 wurde der Titelgewinn nicht als die eigentliche Gründung der Bundesrepublik wahrgenommen. Damit ist nicht ausgeschlossen, dass wir uns heute trotzdem dafür entscheiden, in den damaligen Ereignissen eines unserer Gründungsdaten zu sehen. Das steht uns frei, denn die Konstruktion und Erfindung von Traditionen, Mythen und Geschichten ist kein abgeschlossener Prozess. Der 4. Juli 1954 wäre keine schlechte Wahl, um auf ein Datum zurückzugreifen, an dem eine "virtuelle Gemeinschaft" bestand, die keine verpflichtenden Werte verkündete, weit offen stand und auf dem Erfolg eines Außenseiters beruhte, bei dem Glück und Können gleichermaßen eine Rolle spielten. Es gibt schlechtere Anlässe, sich zu feiern.


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