Volksrepublik China
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Außenpolitik


2.3.2006
Nach traditionellem Selbstverständnis war China Mittelpunkt einer in hierarchischen Kreisen geordneten Welt. Nach einer langen Phase der Zurückgezogenheit und Ausgrenzung will es an die frühere Weltgeltung anknüpfen.

US-Präsident Barack Obama, in der Mitte, geht neben dem chinesischen Präsidenten Hu Jintao an einer chinesischen Ehrengarde während einer Begrüßungszeremonie in der Großen Halle des Volkes in Beijing vorbei.US-Präsident Barack Obama, in der Mitte, geht neben dem chinesischen Präsidenten Hu Jintao an einer chinesischen Ehrengarde während einer Begrüßungszeremonie in der Großen Halle des Volkes in Beijing vorbei. (© AP)

Einleitung



Seit Eintritt in das 21. Jahrhundert gibt es kaum noch Kontroversen darüber ob, sondern allenfalls nur noch, wann China den Status einer Weltmacht erreichen wird. Das Ende der bipolaren Welt (Dualismus USA-Sowjetunion), die Diskussion um das Pazifische Jahrhundert (Verlagerung des Weltzentrums vom Westen in den Pazifischen Raum) und die rasante wirtschaftliche Entwicklung der Volksrepublik in den vergangenen 25 Jahren stützen diese These. Diskussionen über Chinas Rolle in der Welt reichen jedoch mindestens bis in die 1940er Jahre zurück. Denn obwohl die damalige Republik China aufgrund des wieder aufflammenden Bürgerkrieges zwischen Nationalisten und Kommunisten innerlich zerrissen und geschwächt war, wurde sie auf Betreiben der USA in den Fünfer-Kreis des UN-Sicherheitsrates aufgenommen, dem neben den beiden "alten Großmächten", Frankreich und Großbritannien, die beiden "neuen Großmächte", USA und Sowjetunion, angehörten.

Die These von der globalen Rolle Chinas basierte häufig auf Zukunftsprojektionen, die stärker das angenommene Potenzial als die tatsächlich gegebenen Möglichkeiten Chinas berücksichtigten. Die chinesische Elite hat China stets wie selbstverständlich eine besondere Rolle zugemessen und dies durch eigene Analysen untermauert - in der Hoffnung, dass andere Länder diese als beispielhaft akzeptieren würden. Da dieses Vorgehen keine Neuentwicklung des kommunistischen China darstellt, sondern tief in der chinesischen Tradition wurzelt, ist zum Verständnis der Außenpolitik der Volksrepublik ein Blick auf die Geschichte der Außenbeziehungen Chinas unerlässlich.

Historische Grundlagen



Im Chinesischen lautet der Name für China "zhongguo", was wörtlich übersetzt "Reich der Mitte" bedeutet. Bereits diese Bezeichnung verrät das chinesische Selbstverständnis der eigenen zentralen Rolle in der Welt. Es überdauerte auch die Erniedrigungen, die China im 19. Jahrhundert in der Auseinandersetzung mit dem Westen erfahren musste. Nach traditionellem Verständnis repräsentierte China bzw. der Einflussbereich des chinesischen Reiches die gesamte zivilisierte Welt (alles unter dem Himmel - tianxia). China stand im Mittelpunkt und an der Spitze einer in hierarchischen Kreisen angeordneten Welt. Symmetrische Beziehungen von Gleich zu Gleich oder gar asymmetrische Beziehungen zu Ungunsten Chinas waren nach diesem Hierarchieverständnis undenkbar.

Aus der eigenen kulturellen Überlegenheit leitete das chinesische Kaiserreich allerdings weder ein missionarisches Gebot noch eine expansive Außenpolitik ab. Es erhob allenfalls einen Anspruch auf die "intellektuelle Autorität" in der Definition der Außenbeziehungen, den es im Wesentlichen aus zwei Gründen lange Zeit aufrechterhalten konnte: Zum einen wurde der Anspruch von den benachbarten kleinen Staaten nicht in Frage gestellt. Zum anderen zeigte sich China sehr pragmatisch und interpretierte bereits die Nicht-Ablehnung durch andere Staaten als Zustimmung zum eigenen Konzept.

Mit dem Vordringen des Westens kam die sorgsam aufrechterhaltene "Tributfiktion" jedoch ins Wanken. Der Westen verlangte ein Agieren auf gleicher Augenhöhe, zumindest jedoch den Aufbau von Handelsbeziehungen. Chinas Desinteresse an beidem führte letztlich zur erzwungenen Öffnung bestimmter Häfen und Städte wie Hongkong und Shanghai im Zuge der Opiumkriege (1840 bis 1842). Verschärft wurde das Gefühl der Erniedrigung Chinas durch die Niederlage im Krieg gegen Japan 1894/95. China musste sich an den Gedanken gewöhnen, ein Staat unter vielen zu sein.

Trotzdem haben sich führende chinesische Politiker des 20. Jahrhunderts wie der Vater der Revolution von 1911 Sun Yatsen (1866 - 1925), der Führer der konservativen Guomindang-Partei Chiang Kaishek oder auch der Kommunist Mao Zedong stets darum bemüht, den Anspruch Chinas auf eine zentrale Rolle in der Welt aufrechtzuerhalten.

So lässt sich die Popularität von Lenins Imperialismustheorie unter chinesischen Revolutionären in den 1920er Jahren auch mit der zentralen Rolle erklären, die darin Chinas eigenem antiimperialistischen Kampf zufiel. Dasselbe gilt für den unsteten Kurs Chiang Kaisheks in den 1930er/40er Jahren, als er zunächst den Schulterschluss mit dem aufsteigenden Faschismus in Deutschland und Italien erprobte, und sein Land dann auf die Seite der großen Demokratien in der Anti-Kriegsallianz stellte. Auch ein rückständiges China konnte nach Meinung von Chinas Elite an der Spitze der internationalen Entwicklung stehen - und mit der Aufnahme in den UN-Sicherheitsrat nach Ende des Zweiten Weltkrieges war China dies letztlich auch gelungen.



 

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