Entwicklung und Entwicklungspolitik
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Entwicklungsdefizite und mögliche Ursachen


9.6.2005
Gesundheit ist ein zentrales Element für die Lebensqualität jedes Menschen und ein wichtiger Faktor für die Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklung. In den Entwicklungsländern spielen allerdings noch andere Faktoren wie zum Beispiel Binnen- oder grenzüberschreitende Migration eine Rolle.

Labortechniker Mercy Oluya testet Blutproben auf HIV in der Klinik von Ärzte ohne Grenzen (Médecins sans Frontières) in den Kibera-Slum von Nairobi, Kenia.Labortechniker Mercy Oluya testet Blutproben auf HIV in der Klinik von Ärzte ohne Grenzen (Médecins sans Frontières) in den Kibera-Slum von Nairobi, Kenia. (© AP)

Streit um Begriffe



Der Begriff "Entwicklungsländer" (developing countries) ist sprachlich in gewisser Weise problematisch. Kritische Stimmen wie der schwedische Ökonom Gunnar Myrdal haben darauf hingewiesen, er unterstelle in unangemessen optimistischer Weise, dass diese Länder sich tatsächlich entwickelten. Dabei sei doch gerade die Frage, ob und wie sie sich entwickelten, klärungsbedürftig. Für die ärmsten Entwicklungsländer hat sich der Begriff "am wenigsten entwickelte Länder" (Least Developed Countries - LDC) durchgesetzt. Die Bezeichnung "Dritte Welt" wird meist historisch auf die Einteilung in Erste Welt (westliche Industrieländer) und Zweite Welt (östliche Industrieländer) bezogen, sodass die Entwicklungsländer dann als jüngste Ländergruppierung als Dritte Welt erscheinen. Er ist nicht etwa im Sinne einer Rangordnung ("drittrangig") zu verstehen. Der Begriff Dritte Welt wurde auch verwendet, um die Einheit dieser Ländergruppe zu betonen. Andere Fachleute haben die ärmste Teilgruppe, die "am wenigsten entwickelten Länder", noch als "Vierte Welt" ausgegliedert. Mit dem Ende des Ostblocks und der Pluralisierung der Entwicklungsländer wird der Benennung zunehmend fragwürdig.

LändergruppenLändergruppen
Aber auch die mögliche sprachliche Alternative, der "Süden", ist problematisch. Nicht nur die geografische Zuordnung ist ungenau, da sich beispielsweise die wohlhabenden Staaten Australien und Neuseeland auf der Südhalbkugel befinden. Vielmehr legt der Begriff "Süden" eine Einheitlichkeit von Interessen und Handlungen nahe, die faktisch nicht oder nicht mehr vorhanden ist.

Die diskutierten Begriffe werden trotz wachsender Kritik überwiegend weiter verwendet - wie auch hier -, weil sie in den Sprachgebrauch eingegangen sind und bessere Alternativen fehlen. Man sollte sich aber der mit ihnen verbundenen Problematik bewusst sein. Unter "Entwicklung" können sehr verschiedene Dinge verstanden werden. Die 1977 unter Vorsitz des früheren deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt eingesetzte internationale "Unabhängige Kommission für internationale Entwicklungsfragen" (Brandt-Kommission) hat den Begriff wie folgt umschrieben: "Entwicklung ist mehr als der Übergang von Arm zu Reich, von einer traditionellen Agrarwirtschaft zu einer komplexen Stadtgemeinschaft. Sie trägt in sich nicht nur die Idee des materiellen Wohlstands, sondern auch die von mehr menschlicher Würde, mehr Sicherheit, Gerechtigkeit und Gleichheit."

Die wachsende Gefährdung des Ökosystems Erde hat ebenso ihren Niederschlag in der Entwicklungspolitik gefunden. Mitte der 1980er Jahre wurde der Begriff "Entwicklung" um das präzisierende Adjektiv "dauerhaft" oder "nachhaltig" (sustainable) erweitert. Die "Weltkommission für Umwelt und Entwicklung" (Brundtland-Kommission) hat in ihrem 1987 vorgelegten, an Industrie- wie Entwicklungsländer gerichteten Bericht folgende Definition gewählt: "Unter dauerhafter Entwicklung verstehen wir eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen. Die Forderung, diese Entwicklung 'dauerhaft' zu gestalten, gilt für alle Länder und Menschen. Die Möglichkeit kommender Generationen, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, ist durch Umweltzerstörung ebenso gefährdet wie durch Unterentwicklung in der Dritten Welt." In einem anderen Versuch ist Entwicklung betont als "menschliche Entwicklung" (human development) definiert worden.

Allgemein gilt es, die genannten Begriffe mit Vorsicht zu verwenden, weil dabei unbedacht Wertungen einfließen, die dem eigenen Kulturkreis entstammen und als Beurteilungsmaßstab zu Pauschalurteilen führen können.


Schwächen in der Binnenökonomie



Die folgende Zusammenstellung berücksichtigt Merkmale und spezielle Probleme der Entwicklungsländer im Bereich der Binnenökonomie.
  • Geringes Bruttonationaleinkommen pro Kopf: Als Maßstab für die wirtschaftliche Situation der Bevölkerung wird meist das durchschnittliche Bruttonationaleinkommen (BNE, früher Bruttosozialprodukt BSP) pro Kopf herangezogen. Die Messung des BNE pro Kopf ist aber - und dies gilt für andere Merkmale teilweise in noch stärkerem Maße - mit methodischen Problemen verbunden, die die Aussagekraft einschränken und die bei der Verwendung berücksichtigt werden sollten. Eine Schwierigkeit ist bereits die Erfassung des BNE. Sie ist wenig zuverlässig und teilweise auf Schätzungen (zum Beispiel Produktion nur für den Eigenbedarf, also Subsistenzwirtschaft) angewiesen. Deshalb hat die Weltbank so genannte Kaufkraftparitäten entwickelt, bei denen für die Lebenshaltung der Bevölkerung repräsentative Warenbündel ermittelt und deren Preise miteinander verglichen werden. Die durchschnittliche Kaufkraft pro Kopf im Vergleich zum BNE pro Kopf lag in den Entwicklungsländern imJahr 2001 mehr als drei mal so hoch. Verantwortlich dafür sind die meist deutlich niedrigeren Preise des täglichen Bedarfs. Allerdings gibt es auch gegenüber Kaufkraftvergleichen methodische Vorbehalte, vor allem, wenn sie benutzt werden, um die Situation des ärmsten Bevölkerungsteils zu messen. Der Warenkorb der Armen ist anders zusammengesetzt als der durchschnittliche Warenkorb. Zudem sind die Preise auf dem Land und in der Stadt sowie zwischen den Regionen häufig sehr verschieden.
  • Extrem ungleiche Verteilung: Die durchschnittlichen Pro-Kopf-Werte sind vor allem dann irreführend, wenn der künstlichen statistischen Gleichheit der Durchschnittswerte in den betreffenden Staaten real eine ausgeprägte Ungleichheit der Verteilung gegenübersteht. Das Monatseinkommen eines Plantagenbesitzers von 5000 Geldeinheiten und von 100 Plantagenarbeitern in Höhe von jeweils 50 Geldeinheiten ergibt addiert und durch die Personenzahl geteilt zwar ein durchschnittliches Einkommen pro Person von rund 100 Geldeinheiten; aber diese Durchschnittsgröße verrät nichts über die krasse Ungleichheit der Verteilung zwischen den genannten Personengruppen. Sie ist in den Entwicklungsländern sowohl regional als auch nach Personen sehr viel ausgeprägter als in den Industriestaaten.
  • Niedrige Spar- und Investitionstätigkeit: Ausdruck der für den größten Teil der Bevölkerung extrem geringen Einkommen ist auch eine niedrige Sparrate. Die Investitionstätigkeit wird zudem durch Kapitalflucht weiter geschwächt. Der vermögende Teil der Bevölkerung investiert häufig nicht im eigenen Land, sondern bringt große Teile des eigenen Vermögens in das als sicherer eingeschätzte Ausland, zum Beispiel auf vertrauliche Nummernkonten Schweizer Banken.
  • Unzureichende Infrastruktur: Der Ausbau der Wirtschaft wird durch eine mangelhaft ausgebaute Infrastruktur, zum Beispiel ein unzulängliches Verkehrs- und Kommunikationsnetz, behindert.
  • Unzureichende Schul- und Ausbildung: Obwohl der Anteil der Analphabeten (Menschen ohne Lese- und Schreibfähigkeit) an den über 15-Jährigen deutlich zurückgegangen ist, machte er 2001 in den Entwicklungsländern durchschnittlich noch ein Viertel aus. In den ärmsten Entwicklungsländern, mit Schwerpunkten in Südasien und Subsahara-Afrika, betrug er sogar mehr als ein Drittel. In mindestens einem Dutzend Länder kann mehr als die Hälfte der Bevölkerung nicht lesen und schreiben, was nicht nur den wirtschaftlichen Aufbau beeinträchtigt, sondern diesen Menschen eine wichtige Voraussetzung für eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben vorenthält. Trotz teilweise großer Anstrengungen und auch Erfolgen im Schulbereich ist das von der UN-Erziehungskonferenz 1990 abgegebene Versprechen, bis 2000 weltweit eine Primarschulerziehung sicherzustellen, nicht erreicht worden. 2000 gab es noch 115 Millionen Kinder, die keine Schule besuchten, mit Schwerpunkt wiederum in Südasien und Subsahara-Afrika. Darüber hinaus gelingt es nur einem Viertel der Entwicklungsländer, alle Schulkinder auch über die gesamte Zeit der Primarstufe in der Schule zu halten.
  • Hohe, verdeckte Arbeitslosigkeit: Verdeckte Erwerbslosigkeit tritt vor allem im Zusammenhang mit dem informellen Sektor auf, der in vielen Entwicklungsländern ein Auffangbecken für Arbeitslose darstellt, die sich zum Beispiel mit Straßenhandel ihr Überleben sichern. Auch in der Landwirtschaft spielt verdeckte Arbeitslosigkeit eine Rolle, wenn beispielsweise ein Bauer für die Bewirtschaftung seiner kleinen Ackerfläche nur einen geringen Teil seiner verfügbaren Arbeitszeit benötigt. Von offener oder verdeckter Arbeitslosigkeit ist ein relativ hoher Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung in den Entwicklungsländern betroffen. Dabei ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit angesichts des großen Anteils der Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung besonders bedrohlich. Neben der Arbeitslosigkeit spielen auch die Arbeitsbedingungen eine wichtige Rolle. In vielen Entwicklungsländern werden die von der Internationalen Arbeitsorganisation in Genf propagierten Kernarbeitsnormen - insbesondere Verbot von Zwangsarbeit, Kampf gegen Kinderarbeit, Vereinigungsfreiheit der Arbeitnehmer in Gewerkschaften - nicht eingehalten.
  • Dominanz des primären Sektors: Der größte Produktionsbereich ist meist weiterhin der primäre Sektor (Land-, Forstwirtschaft, Fischerei und Bergbau) und hier insbesondere die Landwirtschaft. Allerdings hat sich der Anteil der Dienstleistungen im Laufe der Zeit deutlich erhöht, während der Industrialisierungsgrad vergleichsweise gering blieb.
  • Unzureichende Ernährung: Ungeachtet der Dominanz des Agrarsektors sind Unter- und Mangelernährung verbreitet und Hungerkatastrophen für Hunderte von Millionen Menschen in der Dritten Welt gegenwärtig und auch in absehbarer Zukunft bittere Realität. Schätzungen bewegen sich zwischen 400 und 880 Millionen. Viele Entwicklungsländer sind bisher nicht in der Lage, ihre wachsende Bevölkerung aus eigener Kraft ausreichend zu versorgen. In der Getreideversorgung zum Beispiel sind sie immer abhängiger geworden von Importen aus dem Norden, vor allem aus Nordamerika. Andere Entwicklungsländer, hauptsächlich in Asien, haben dagegen mit Hilfe der "Grünen Revolution" (Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität durch neue Anbaumethoden, insbesondere neue Sortenzüchtungen, aber auch neue kontroverse Debatten um die Risiken genetisch veränderter Nahrungsmittel) ihre Nahrungsmittelproduktion weit über das Bevölkerungswachstum hinaus steigern können. Zur Lösung desErnährungsproblems müssten viele Entwicklungsländer nicht nur hinreichendend viel produzieren, ihre Agrarstruktur reformieren und ihre Preispolitik zu Gunsten der Erzeuger ändern. Darüber hinaus ist es notwendig, die Nahrungsmittel besser zu verteilen, um die Versorgung der ärmsten Teile der Bevölkerung zu sichern.

Quellentext

Zwischen Slum und High-Tech

[...] V. Papathi [...] kann nicht lesen, sie kann nicht schreiben. Mit ihren zwei Kindern lebt die Vierunddreißigjährige in Kuduremala, einem der gut 80 Slums vor den Toren der Provinzstadt Mysore, und ist die Sprecherin der Frauen hier. Sie gehören den Dalit an, den rund 160 Millionen Unberührbaren in der größten Demokratie der Erde. Treffen sie auf Angehörige einer höheren Kaste, wechseln sie stumm die Straßenseite. Sie leben davon, Toiletten zu putzen, Abfall der Mittelschicht wegzuräumen, Nachttöpfe zu leeren. Die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) hat ihnen geholfen, in Kuduremala ein menschenwürdiges Zuhause zu bauen. Seine 800 Bewohner haben nun sauberes Wasser, einen Weg zwischen ihren Hütten, den auch der Monsun nicht wegspült, eine Mauer um ihr kleines Dorf. Und nun bestimmt der Computer ihr Denken, ihr Träumen. Was ist dein größter Wunsch Papathi? "Ich will, dass meine Kinder Computeringenieure werden können! Wie die Kinder der Reichen in Bangalore", sagt die Frau mit fester Stimme.
"Bangalore ist die Stadt, die dir zuwinkt" heißt der Werbespruch der Metropole. Bangalore, das Ziel jeder Hoffnung, ist nicht weit von hier entfernt: 140 Kilometer, fünf Stunden Fahrt über eine staubige Piste, die sich Landstraße nennt. [...]
Fünf Stunden oder ein Leben lang - die Strecke von Kuduremala an die Schreibtische in den Bürotürmen von Bangalore zieht sich. [...]
Die Dalit in Kuduremala haben auf ihre Weise von der Uni profitiert. So wie viele von Mysore. [...]
"Nothing is comparable to knowledge" prangt über der Pforte der sechstältesten Universität Indiens - "Nichts ist dem Wissen vergleichbar". Als "Maharaja's College" nahm Mysores Hochschule 1916 ihren Anfang - heute ist das im Jahr 2000 gegründete Centre for Information Science and Technology (Cist) ihr Herzstück und ihr ganzer Stolz. In Mysore geht es um Ausbildung, um die Eintrittskarte für den Weg zum Wohlstand. Von den 560 Unternehmen und Institutionen der Stadt, die sich mit Computern im weitesten Sinne beschäftigen, sind 80 Internetcafés und 110 Computerschulen. Mysore ist Durchlauferhitzer für die Massen, die nach Bangalore drängen. [...]
Bangalore, Millionenstadt und Metropole. [...] Auf dessen Straßen es kein Durchkommen gibt - außer in einer Kolonne schwarzer Karossen mit getönten Scheiben und Polizeischutz, mit der Neuinvestoren durch die Stadt jagen. [...]
Jawaid Akhtar, Direktor der Landesregierung für Informations- und Biotechnologie, will mit Zahlen glänzen: "Die Software-Ausfuhren aus Bangalore haben 2003 einen Wert von rund 2,5 Milliarden Dollar erreicht. Seit drei Jahren macht hier jede Woche ein neues Computerunternehmen auf, jeden Monat eine Firma aus der Biotechnologie. Jeder internationale Konzern der Branche hat bei uns eine Niederlassung. Dell hat sogar vier." [...]
Die Stadt weiß, was sie für ihre Umgebung, für das Bundesland Karnataka, für ganz Indien bedeutet. [...]
Ein Zehntel der Einwohner des Landes Karnataka leben in Bangalore. Die Wirtschaftsleistung pro Kopf liegt hier doppelt so hoch wie etwa in Mysore. Und deshalb sagt Akhtar nun: "Wir wollen die IT-Industrie nicht mehr an einem Ort konzentrieren, alle müssen davon profitieren." Die zweite Welle der Investoren soll Denkfabriken im ganzen Land sprießen lassen - so wie ein guter Monsunregen den Reis.
Die Kinder Mysores könnten davon profitieren. Doch auch die Kinder in Kuduremala, dem Slum? [...]

Christoph Hein, Bangalore ist das Ziel der Hoffnung, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. Februar 2004.