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Entwicklung und Entwicklungspolitik

9.6.2005 | Von:

Entwicklungsländer - Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Notwendigkeit differenzierter Betrachtung

Soziale und ökonomische KennzahlenSoziale und ökonomische Kennzahlen
Im Folgenden soll anhand vier verschiedener Länderprofile deutlich werden, wie notwendig eine differenzierte Betrachtung der gemeinhin als Entwicklungsländer bezeichneten Staaten ist. Bei der Auswahl wurden sowohl Unterschiede im Entwicklungsstand als auch die regionale Zugehörigkeit berücksichtigt. Aus diesen Gründen werden hier Südafrika, Tansania, Südkorea und Brasilien vor- und gegenübergestellt. Erkennbare Potenziale in Hinblick auf Entwicklungsfortschritte stoßen bei jedem der vier vorgestellten Länder auf jeweils eigene Hemmnisse und Unwägbarkeiten. Die folgende Übersicht zeigt anhand wesentlicher sozialer und ökonomischer Kennzahlen die längerfristigen Entwicklungstendenzen der vier ausgewählten Länder auf, was einer ersten Orientierung dienen mag.

Südafrika

Jacqueline Jansen

Wenn im Jahre 2010 um den Weltmeistertitel im Fußball gekickt wird, dann geschieht dies erstmals auf afrikanischem Boden - und zwar in Südafrika, einem Land, das mit einer Fläche von 1 223 201 Quadratkilometern fast 3,4-mal so groß ist wie die Bundesrepublik Deutschland. Die südafrikanische Republik besitzt eine äußerst heterogene Bevölkerungsstruktur, die sich aus zahlreichen Völkern mit jeweils eigener Geschichte, Kultur und Sprache zusammensetzt. Mit einem Anteil von 79 Prozent ist die schwarzafrikanische die am stärksten vertretene Gruppe; sie gliedert sich wiederum in verschiedene Volksgruppen auf. Von den im Jahr 2001 durch eine Volkszählung ermittelten 44,8 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern des Landes klassifizierten sich weiterhin 9,6 Prozent als "weiß", 8,9 Prozent als "farbig" und 2,5 Prozent als "indisch" bzw. "asiatisch".

Mittlerweile leben über 50 Prozent der Bevölkerung Südafrikas in Städten. Dabei zieht es die Menschen besonders in die im Nordosten des Landes gelegene Hauptstadt Pretoria und in das am westlichen Kap gelegene Cape Town (Kapstadt). Auch das Wirtschaftszentrum Johannesburg im Nordosten übt eine große Anziehungskraft aus. Mit Blick auf seine Bodenschätze kann Südafrika als "reiches Land" bezeichnet werden, verfügt es doch über erhebliche Vorkommen an Gold, Diamanten, Platin, Kohle, Kupfer und Eisenerz.

Weiße Besiedlung

Bereits vor der Landung der Europäer im Jahre 1652 wurde das Land von San ("Buschmänner"), Khoikoi (Nama) und verschiedenen Nguni-Völkern bewohnt. Im Zuge der steigenden Einwanderung von Hugenotten sowie deutschen wie niederländischen Siedlern bildete sich bald eine Gesellschaft von Buren (boeren,Bauern) heraus, die als Farmer und Händler tätig waren. Ihre Expansion ins Landesinnere führte zu gewaltsamen Konflikten um Landbesitz und -nutzung mit den afrikanischen Ureinwohnern. Nachdem die Briten 1814 die Verwaltung in der Kapkolonie übernommen hatten, entwickelten sich Spannungen zwischen der burischen Bevölkerung und den britischen Verwaltern, die 1899 im South African War ("Burenkrieg") gipfelten, den die Briten im Jahr 1902 für sich entscheiden konnten. Zu einer endgültigen Einigung zwischen Buren und Briten kam es aber erst 1910 in Form der Gründung der "Südafrikanischen Union"?. Erstmals entstand ein unabhängiger südafrikanischer Staat. Sein grundlegendes Kennzeichen war die Aussöhnung zwischen britischen und burischen Bevölkerungsteilen; gleichzeitig wahrten sie gemeinsame Interessen gegenüber der schwarzen Bevölkerungsmehrheit. Letztere wurde vom politischen und sozialen Leben vollkommen ausgeschlossen und zunehmend diskriminiert.

Apartheid

Mit dem Wahlsieg der von Buren dominierten National Party (NP) 1948 wurde die untergeordnete Stellung der schwarzen Bevölkerungsmehrheit im Rahmen der so genannten Apartheidpolitik systematisch ausgebaut und auf alle Bereiche des sozialen und politischen Lebens übertragen. Von nun an bestimmte die staatliche Zuordnung der Bürger zur "Rasse" der "Weißen", "Schwarzen" oder "Farbigen" ihren gesellschaftlichen Wert, ihre Rechte und Pflichten. Ein politisches Mitspracherecht auf nationaler Ebene wurde den Schwarzen vorenthalten, ebenso wie andere grundlegende Bürgerrechte. Das Apartheidregime verbot Ehen und sexuelle Kontakte zwischen Weißen und Schwarzen ebenso wie die gemeinsame Nutzung sozialer Einrichtungen wie Schulen und Behörden. Im Vollzug der territorialen Apartheid wies es der schwarzen Bevölkerung in den 1970er und 1980er Jahren getrennte Siedlungsgebiete auf dem Land (so genannte Homelands) zu, während städtische Wohngebiete allein den Weißen vorbehalten waren.

Der anfänglich friedliche Protest der schwarzafrikanischen Bevölkerung gegen diese Diskriminierungen radikalisierte sich seit Ende der 1950er Jahre und führte zu gewaltsamen und blutigen Kämpfen gegen den Apartheidstaat. Der African National Congress (ANC) nahm in dieser Protestbewegung eine Schlüsselstellung ein. Er wurde 1960 verboten und operierte seitdem im Untergrund. Gegen Ende der 1980er Jahre bewegten der ungebrochene Widerstand der schwarzen Bevölkerungsmehrheit, eine schwindende Legitimation der Apartheidpolitik innerhalb der weißen Bevölkerung sowie der steigende Protest der internationalen Staatengemeinschaft die Regierung zur Aufnahme von Gesprächen. Nach langen Verhandlungen einigten sich die NP-Regierung unter Präsident Frederik W. de Klerk und die schwarzen Widerstandsorganisationen unter Leitung des ANC-Führers Nelson Mandela 1993 auf die weitere Vorgehensweise für einen Übergang zu einer demokratischen Ordnung.

Demokratie

1994 fanden in Südafrika die ersten freien und demokratischen Wahlen statt, aus denen Nelson Mandela als erster Präsident hervorging. Der letzte formale Schritt hin zu einer demokratischen Ordnung wurde mit der endgültigen Verabschiedung einer demokratischen Verfassung im Jahre 1997 vollzogen.

Seitdem steht die Regierung des neuen Südafrika vor der Herausforderung, in einer Art Balanceakt einen Ausgleich zwischen den Forderungen und Hoffnungen der schwarzen und weißen Bevölkerung zu schaffen. Während die schwarzen Bevölkerungsteile verbesserte Lebensbedingungen und Chancengleichheit einfordern, fürchtet die einflussreiche weiße Minderheit, ihre privilegierte Stellung und ihren Wohlstand zu verlieren. Diese Ambivalenz ist charakteristisch für die Republik Südafrika, auch in Bezug auf ihren Status als Entwicklungsland. Denn die Strukturen in Südafrika sind für ein Entwicklungsland ungewöhnlich:

Auffallend ist das im Vergleich zu anderen Entwicklungsländern hohe BNE pro Kopf von 2 600 US-Dollar im Jahr 2002, das bei Kaufkraftparität für das Untersuchungsjahr 9 870 US-Dollar betrug. Auch die geringe Bedeutung des Agrarsektors mit einem Anteil von lediglich vier Prozent am BIP im Jahr 2002 ist für ein Entwicklungsland eher untypisch. Dagegen leistete der industrielle Sektor, der als einer der entwickeltsten in ganz Afrika gilt, mit 32 Prozent im gleichen Jahr einen großen Beitrag zur inländischen Wertschöpfung, noch übertroffen vom Dienstleistungssektor mit 64 Prozent. Auch im technologischen Bereich ist die Entwicklung Südafrikas im Vergleich zu anderen Entwicklungsländern weit vorangeschritten.

Aktuelle Herausforderungen

Von Südafrikas relativer wirtschaftlicher Stärke profitiert nur ein kleiner, vorwiegend weißer Anteil der Bevölkerung sowie die schwarze Oberschicht (elf Prozent). Die relative Verteilung des vorhandenen Wohlstandes zeigt, warum Südafrika nach wie vor zur Gruppe der Entwicklungsländer gehört: Fast die Hälfte der Bevölkerung muss von einem Einkommen unterhalb der nationalen Armutsgrenze leben. Die Armen sind zu 90 Prozent schwarzer Hautfarbe. 2002 befanden sich 10,5 Prozent in extremer Armut, da sie mit weniger als einem US-Dollar täglich ihren Lebensunterhalt bestreiten mussten. Die personelle Einkommenssituation der Republik ist durch starke Ungleichverteilung geprägt, für das Jahr 2002 konnte ein Gini-Koeffizient von 0,63 ermittelt werden - damit steht dem "Heer" von Armen eine zahlenmäßig kleine Gruppe äußerst Wohlhabender gegenüber.

Im innerafrikanischen Vergleich ist die südafrikanische Wirtschaft zwar leistungsfähig - so hat sie den weltweit modernsten Bergbausektor - entspricht aber nicht durchgehend den Bedingungen des Weltmarktes, denen sie sich aussetzen muss. Die Wirtschaftsstruktur des Landes kann als dual bezeichnet werden: Eine moderne, formal industrialisierte Wirtschaft und ein großer informeller Sektor, der durch Arbeitslosigkeit und Armut geprägt ist, existieren nebeneinander. Bei einer Arbeitslosenquote von 30,5 Prozent im Jahre 2002 sind 90 Prozent der Arbeitslosen schwarze Bürgerinnen und Bürger. Auch ein jährliches Wachstum des BIP von drei Prozent im Jahr 2002 reichte nicht aus, um Armut und Arbeitslosigkeit entscheidend zu verringern. Verschärft wird die Situation durch illegal Zugewanderte aus anderen afrikanischen Staaten.

Mit einer liberalen Wirtschaftspolitik versucht die südafrikanische Regierung, wirtschaftliches Wachstum und die Stärkung der außenwirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit zu forcieren. Maßnahmen zur Konsolidierung des Staatshaushaltes verfolgt sie ebenso konsequent wie die Privatisierung einstiger Staatsbetriebe. Erste Erfolge zeigen sich: Die südafrikanische Wirtschaft wächst langsam, aber stetig.

Im sozialen Bereich hat die Regierung die Versorgung mit Strom, Wasser und Telefonanschlüssen in den Wohngebieten der ärmeren Bevölkerungsgruppen vorangetrieben, wobei die Behebung der akuten Wohnungsnot bislang langsamer voranschritt. Unter dem Stichwort der affirmative action (sinngemäß übersetzt: "positive Diskriminierung") wird die Beseitigung der sozialen Ungleichheit innerhalb der Bevölkerung angestrebt, indem systematisch nach Quoten Arbeitsplätze und Aufstiegsmöglichkeiten für Menschen zur Verfügung gestellt werden, die in der Zeit der Apartheid benachteiligt wurden. Die Bildung einer schwarzen Mittelschicht ist ein gewünschter Effekt dieser politischen Maßnahmen. Eine nicht beabsichtigte Folge dieser Politik ist hingegen die steigende Auswanderung hoch qualifizierter weißer Arbeitskräfte, die für ihre berufliche Zukunft in Südafrika keine Perspektiven mehr sehen. Somit hat die südafrikanische Republik, wie viele andere Entwicklungsländer auch, mit dem Problem des brain drain zu kämpfen. Es herrscht ein Mangel an gut qualifizierten Arbeitskräften, während für gering qualifizierte Arbeit die Nachfrage höher ist als das Angebot. Ein weiteres schwerwiegendes Problem, das die Zukunft der südafrikanischen Bevölkerung bedroht, -ist die Aids-Epidemie. Bei einer Gesamtzahl von geschätzten 5,3 Millionen HIV-Infizierten zum Ende des Jahres 2003 sind circa 21,5 Prozent der erwachsenen Südafrikaner von der Immunschwächekrankheit betroffen. Es sterben vor allem junge Frauen und Männer unter 40, also die Leistungsträger der erwerbsfähigen Bevölkerung. Die Folgen auch für die Wirtschaftsleistung des Landes sind unabsehbar. Die Bekämpfung von Aids in Südafrika und in anderen afrikanischen Staaten wird nicht nur durch traditionelle Gesellschaftsstrukturen, sondern auch durch fehlende finanzielle Ressourcen erschwert. Wirksame Aids-Medikamente sind trotz landesspezifischer Preissenkungen der Pharmakonzerne für die Mehrheit der Betroffenen immer noch unerschwinglich.

Als eine weitere Herausforderung für die südafrikanische Regierung gestaltet sich die langsam voranschreitende Landreform: Die aus der Apartheid resultierende ungleiche Verteilung des wirtschaftlich nutzbaren Landes hat zur Folge, dass derzeit geschätzte 86 Prozent der gesamten Agrarflächen in den Händen von circa 60 000 weißen Farmern sind, während 14 Millionen schwarze Afrikaner auf den verbleibenden circa 14 Prozent des Landes ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen. Unmittelbar nach den ersten Wahlen 1994 wurde ein Bodenreformprogramm verabschiedet mit dem Ziel, 30 Prozent des verfügbaren Landes innerhalb von fünf Jahren umzuverteilen. Dieses Vorhaben ist vorerst gescheitert, nachdem im Jahre 2000 gerade einmal 0,5 Prozent des landwirtschaftlich nutzbaren Bodens an landlose Schwarze verteilt worden waren.

Eine positive Voraussetzung für die Lösung der vorgestellten Probleme ist in Südafrika gegeben: Das Land besitzt eine junge demokratische Ordnung, an deren Grundfesten bislang nicht gerüttelt wird. Dominiert wird die politische Szenerie von der ehemaligen Befreiungsbewegung und jetzigen Regierungspartei ANC, die ihre Machtposition im Frühjahr 2003 zu einer Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament ausbauen konnte und in den Wahlen des Jahres 2004 durch die Wählerinnen und Wähler bestätigt wurde. Hier bleibt abzuwarten, ob es gelingen wird, eine bislang fehlende starke und handlungsfähige Opposition zu entwickeln, die ein Gegengewicht zur Macht des ANC bilden könnte.

Tansania

Jacqueline Jansen

Die Vereinigte Republik Tansania, die aus dem Festland und der Inselrepublik Sansibar besteht, beherbergt sowohl den höchsten als auch den niedrigsten Punkt des afrikanischen Kontinents. Im Nordosten des 945 087 Quadratkilometer großen Landes liegt der 5 891 Meter hohe Kilimandscharo. Der Grund des im Westen gelegenen Tanganyika Sees ist mit 358 Metern unter der Meeresoberfläche der "tiefste" Punkt Afrikas.

Im Jahre 2000 lebten 28 Prozent der insgesamt circa 34 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner Tansanias in Städten. Dabei ist Dar es Salaam mit circa drei Millionen Menschen als Regierungssitz und Wirtschaftsmetropole die größte Stadt. In der eigentlichen Hauptstadt Dodoma leben ungefähr 300 000 Menschen.

Ein charakteristisches Merkmal Tansanias ist seine äußerst heterogene Sozialstruktur. Seine Bevölkerung setzt sich aus insgesamt 120 verschiedenen Ethnien zusammen, die bis in die jüngste Vergangenheit ein erstaunlich friedliches - fast schon mustergültiges - Zusammenleben führten. Zwei Faktoren leisteten dazu einen entscheidenden Beitrag: Da keine der in Tansania lebenden Ethnien eine eindeutige zahlenmäßige Mehrheit bildet, gibt es keinen Dominanzanspruch einzelner Bevölkerungsgruppen. Zudem trägt die gemeinsame Landessprache Kishuaheli dazu bei, ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu schaffen.

In den letzten Jahren nahmen allerdings vor allem auf Sansibar Auseinandersetzungen zwischen schwarzer und asiatischer Bevölkerung sowie zwischen Christen und Muslimen zu. Während auf dem Festland circa 35 Prozent der Bevölkerung den muslimischen Glaubensgemeinschaften angehören, dominieren sie auf Sansibar mit circa 97 Prozent.

Wirtschaftliche Kennzahlen

Mit einem BNE pro Kopf von 290 US-Dollar und einem HDI-Index-Wert von 0,407 im Jahr 2002 zählt Tansania zur Gruppe der LDC. Eine gravierende Belastung für die Wirtschaftsleistung des Landes ist seine hohe Verschuldung. Sie betrug im Jahr 2002 77,2 Prozent des BIP. Die immensen Tilgungszahlungen belasten den Staatshaushalt erheblich. Einhergehend mit der schlechten wirtschaftlichen Lage hat Tansania ein massives Armutsproblem: Im Jahr 2001 lebten 36 Prozent der Bevölkerung unterhalb der nationalen Armutsgrenze.

Die Wirtschaftsstruktur Tansanias weist die für Entwicklungsländer charakteristische Dominanz des Agrarsektors auf. Für circa 80 Prozent der Bevölkerung stellt die Landwirtschaft die hauptsächliche Lebensgrundlage dar. Im Jahr 2001 hielt sie einen Anteil von 44,8 Prozent am BIP, zwei Drittel des Exportwertes wurden durch landwirtschaftliche Produkte erzielt. Problematisch ist in diesem Zusammenhang, dass der Agrarsektor in besonderem Maße von klimatischen Gegebenheiten abhängig ist. Außerdem wird der zu erzielende Preis der Agrarprodukte auf dem Weltmarkt bestimmt, sodass Preiseinbrüche für Produkte wie Kaffee oder Cashewnüsse - neben Gold die wichtigsten Exportgüter - nicht beeinflussbare negative Folgen für die Wirtschaft haben. Ein Blick in die Geschichte Tansanias liefert Hinweise auf die Hintergründe der bestehenden Entwicklungsschwierigkeiten.

Historische Voraussetzungen

Das Festland des heutigen Tansania war bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts in den Händen der Portugiesen. Mit dem Helgoland-Sansibar-Vertrag übernahm es das Deutsche Reich 1891 als Kolonie ("Deutsch-Ostafrika"). Die Insel Sansibar, seit dem Zerfall der portugiesischen Herrschaft in den Händen der Sultane von Omar, kam unter britische Verwaltung, wurde aber weiterhin durch das arabische Sultanat regiert. Unter dieser Herrschaft wurde den Afrikanern auf Sansibar jede Möglichkeit zum sozialen Aufstieg verwehrt, während die Araber und Asiaten eine politisch und wirtschaftlich privilegierte Position inne hatten.

Nach dem Ersten Weltkrieg verlor das Deutsche Reich seine Kolonien und somit auch seine Herrschaft über Tansania. Das Gebiet kam 1920 unter das Mandat des Völkerbundes mit Großbritannien als verwaltender Macht und wurde mit der Gründung der Vereinten Nationen (UN) 1945 zu einem UN-Treuhandgebiet unter britischer Verwaltung. 1961 wurde Tansania unabhängig. Julius K. Nyerere, Gründer der Partei African National Union (TANU), wurde erster Premierminister des Landes. Auf Sansibar fand die Herrschaft des Sultans 1964 durch einen Putsch der Afro Shirazi Party (ASP), die die Interessen der Afrikaner vertrat, ein jähes Ende. Noch im selben Jahr (1964) wurde die "Volksrepublik Sansibar und Pemba" ausgerufen.

Unter der Bezeichnung "Vereinigte Republik Tansania" schlossen sich ebenfalls 1964 das Festland und die Inselrepublik Sansibar zusammen. Dabei wurde der Republik Sansibar, die aus der größten Insel Sansibar sowie einer Reihe kleinerer Inseln (darunter Pemba) besteht, ein Status weitgehender Autonomie vom Festland zugestanden. In dessen Rahmen besitzt die Inselgruppe einen eigenen Präsidenten, eine eigene Regierung, ein eigenes Parlament sowie eine eigene Justiz.

Mit Verabschiedung einer neuen Verfassung im Juli 1965 wurde die Republik Tansania offiziell zu einem Einparteienstaat. Im Jahre 1977 vereinigte sich die TANU mit der ASP zur Einheitspartei CCM (Chama Cha Mapinduzi - Partei der Revolution). Damit gab es sowohl für das Festland als auch für die Inseln nur noch eine einzige Partei. Für internationales Aufsehen sorgte die ostafrikanische Republik 1967 mit der Arusha-Erklärung: In ihr stellte der Präsident und CCM-Vorsitzende Nyerere seine Konzeption des spezifisch tansanischen "ujamaa-Sozialismus" vor, der die Politik der folgenden Jahre mitbestimmten sollte.

Mit der Verwirklichung dieses Konzepts sollte das Land einen eigenständigen "dritten Entwicklungsweg" beschreiten und weder dem kapitalistischen Westen noch dem sozialistischen Osten auf ihren Entwicklungspfaden folgen. Dabei setzten die Verfechter des ujamaa-Sozialismus gemäß dem Konzept der self-reliance auf die eigenen Kräfte ihres Landes und seiner Bevölkerung. Im wirtschaftlichen Bereich bedeutete dies, dass nicht die Industrialisierung, sondern die Landwirtschaft gefördert wurde. Agrarprodukte wurden fortan im Kollektiv erwirtschaftet, kommerzielle Banken und Industriebetriebe verstaatlicht. Doch die Realität zeigte schon bald die Schattenseiten des ujamaa-Sozialismus: Besonders gravierend wirkte sich die staatliche Überregulierung aus, die ein freies und dynamisches Wirtschaften verhinderte und durch ihre bürokratische Schwerfälligkeit eine Weiterentwicklung des Landes erschwerte. Die Erfolge der Entwicklungsstrategie in sozialen Bereichen wie der Gesundheitsversorgung und Schulbildung wurden durch Tansanias Wirtschaftskrise seit Ende der 1970er Jahre zunichte gemacht. Die große wirtschaftliche Not des ostafrikanischen Staates, die ihren Höhepunkt zu Beginn der 1980er Jahre erreichte, übte einen enormen Handlungsdruck auf die Regierung aus, ihren gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Kurs zu ändern. Mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF), der Weltbank und der internationalen Gebergemeinschaft wurde ein schrittweiser Übergang zur Marktwirtschaft vereinbart.

Zwischen Stagnation und Fortschritt

Die Reformmaßnahmen der ostafrikanischen Republik konnten seitdem einige positive Entwicklungen erzielen. So verzeichnete das Land einen Zuwachs in den durchschnittlichen jährlichen Wachstumsraten des BIP. Lagen diese in der Periode 1990 bis 1995 noch bei 2,7 Prozent, so konnten sie in den Jahren 2001 bis 2002 auf 5,8 Prozent gesteigert werden. Die enorm hohe jährliche Inflationsrate von nahezu 30 Prozent in der Periode von 1990 bis 1995 konnte ab dem Jahr 1999 auf eine jährliche Rate von circa fünf Prozent verringert werden. Der IWF führt diese Erfolge darauf zurück, dass die tansanische Regierung gemäß den wirtschaftspolitischen Forderungen der internationalen Geldgeber eine weitere Liberalisierung der Wirtschaft (insbesondere der Agrarwirtschaft), eine strikte Ausgabenpolitik des Staates sowie Anstrengungen zur Verbesserung des Wirtschafts- und Geschäftsklimas verfolgt.

Weiterhin verfügt Tansania mit reichen Vorkommen an Bodenschätzen wie Gold, Uran, Nickel und Kupfer über ein großes ökonomisches Potenzial, von dem weitere positive Impulse für die Wirtschaft ausgehen können. Auch die Aussichten für den Export von landwirtschaftlichen Gütern sind grundsätzlich gut. Nach der erfolgten Liberalisierung des Handels können die einheimischen Erzeuger mit marktgerechten Gewinnen rechnen. Außerdem ist es gelungen, die Bandbreite der landwirtschaftlichen Exportprodukte zu vergrößern. Damit wird die Abhängigkeit von einigen wenigen Produkten verringert, und die Folgen starker Preisstürze für bestimmte Güter auf dem Weltmarkt können besser abgefangen werden.

Auch bei der Schuldenproblematik ist Erleichterung in Sicht: Im Rahmen der HIPC-Initiative erfüllte Tansania im November 2001 die Bedingungen für einen Schuldenerlass. Er wird schätzungsweise eine Höhe von insgesamt drei Milliarden US-Dollar erreichen. Die fälligen Tilgungszahlungen Tansanias - im Jahr 1998 noch 29 Prozent der Staatseinnahmen - verringerten sich bis 2001 auf neun Prozent und beliefen sich nach einem kurzen Anstieg wieder auf neun Prozent im Jahr 2003. Durch die Einsparungen bei den fälligen Tilgungszahlungen konnte das Land seine Investitionen in die Sozialsysteme von schätzungsweise sieben Prozent des BIP im Jahr 2001 auf elf Prozent im Jahr 2003 steigern.

Auch im Bildungsbereich erzielte Tansania Erfolge: Die Analphabetenquote unter den Erwachsenen sank von 37 (1990) auf 23 Prozent 2002. Bei den Jugendlichen verringerte sich diese Quote von 17 (1990) auf acht Prozent 2002. Doch diese Fortschritte reichen noch nicht aus: Noch immer zählt Tansania zu den ärmsten Ländern der Welt.

Der Anteil der Bevölkerung, der unterhalb der nationalen Armutsgrenze lebt, konnte in der Zeit von 1990/1991 bis 2001/2002 nur um drei Prozentpunkte verringert werden. Das jährliche Wachstum des BIP zeichnet zwar eine positive Tendenz, aber dieser Wert reicht bei einem Bevölkerungswachstum von circa zwei Prozent (2002) nicht aus, um die Armut merklich zu verringern.

Zudem darf die nach wie vor starke Abhängigkeit Tansanias von der internationalen Entwicklungszusammenarbeit nicht vergessen werden. Bezogen auf die öffentliche Entwicklungshilfe (ODA) steht Tansania mit 1233 Millionen US-Dollar Entwicklungshilfe im Jahr 2002 an vierter Stelle der Top Ten der afrikanischen Empfängerländer.

Auch im Bereich der sozialen Entwicklung sind ernüchternde Fakten zu vermelden: Die Lebenserwartung bei Geburt in Tansania sank von 50 Jahren (1990) auf circa 43 Jahre (2002). Und auch die Kindersterblichkeit ist mit 104 pro Tausend (2002) relativ hoch. Mitverantwortlich dafür ist die starke Aids-Epidemie. Ende 2003 waren dort geschätzte 1,6 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert - darunter 140 000 Kinder im Alter bis 14 Jahren.

Entscheidend für die Zukunft des Landes ist auch, ob es gelingt, eine stabile demokratische Ordnung in Tansania zu errichten. Zu Beginn der 1990er Jahre vollzog die Vereinigte Republik Tansania einen kontrollierten Wandel hin zu einem demokratisch-pluralistischen Mehrparteiensystem. Während die dominante Position der CCM, die sich in freien und fairen Wahlen behaupten konnte, dem Festland zu weitgehender politischer Stabilität verhalf, etablierte sich auf der Inselrepublik Sansibar die Civic United Front (CUF). Sie tritt als Verfechterin einer autonomen Inselrepublik auf. Diese Position sichert der muslimisch dominierten Partei auf Sansibar den Status der wichtigsten Oppositionspartei, während sie auf dem Festland mehrheitlich als sezessionistische Regionalpartei wahrgenommen und damit äußerst negativ beurteilt wird.

Auf die neue Konkurrenz reagierte die CCM mit einem demokratisch unlauteren und repressiven Vorgehen: Sie versuchte nicht nur durch Gewalt und Einschüchterungen, das Oppositionslager zu schwächen, sondern auch durch die Manipulation der Wahlen im Jahr 2000. Im Januar 2001 eskalierten die Konflikte in blutigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei. Ob ein im Oktober 2001 unterzeichnetes Versöhnungsabkommen zwischen den beiden Parteien den reibungslosen und fairen Ablauf zukünftiger Wahlen auf der Inselrepublik Sansibar sicherstellen und damit die Grundlage für eine stabile politische Ordnung gewährleisten kann, wird die Zukunft zeigen.