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Entwicklung und Entwicklungspolitik

9.6.2005 | Von:

Entwicklungsländer - Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Brasilien

Guido Jura

Brasilien hat mit seinen 176,9 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern (2003) sowie mit dem 8,5 Millionen Quadratkilometer großen Staatsgebiet, das sich damit über die Hälfte der südamerikanischen Landfläche erstreckt, die regionale Führungsrolle auf diesem Kontinent inne. Das präsidialdemokratisch verfasste Schwellenland ist ein wichtiger Akteur in der internationalen Politik und vor allem ein bedeutender Partner der EU und damit auch Deutschlands. So stellt etwa Sao Paulo mit mehr als 2000 dort angesiedelten deutschen Firmen den größten deutschen Industriestandort außerhalb der Bundesrepublik dar. Die engen bilateralen Beziehungen zu Deutschland zeigen sich insbesondere auch in der entwicklungspolitischen, kulturellen und auch wissenschaftlichtechnischen Zusammenarbeit auf Regierungsebene, wie vor allem aber auch im vielfältigen Engagement der NROs.

Die regionalen und besonders die sozialen Widersprüche Brasiliens sind nach wie vor groß: Laut UN leben 22 Prozent der Brasilianerinnen und Brasilianer von weniger als zwei US-Dollar am Tag, womit der Hunger auch heute noch ein weit verbreitetes Phänomen ist. Auf der anderen Seite verfügen zehn Prozent der Bevölkerung über nahezu die Hälfte des Volkseinkommens. Nur ein Prozent der Grundbesitzer nennt fast die Hälfte der landwirtschaftlich genutzten Fläche sein Eigen, dagegen verteilen sich weniger als drei Prozent der Landfläche auf drei Millionen Kleinbauern, viele haben gar nichts. Hinsichtlich des HDI erreichte Brasilien 2003 mit diesen Daten im internationalen Vergleich nur Rang 65.

Armut und Reichtum liegen räumlich teilweise sehr dicht beieinander. Dies ist die Folge der enormen Landflucht, die Hunderttausende vor allem aus der Regenwaldzone des Nordens und Nordwestens in die am Atlantik gelegenen Städte, insbesondere im Südosten des Landes, aber auch in das erst 1960 künstlich als neue Hauptstadt angelegte Brasilia führt.

Heterogene Bevölkerung

Brasiliens Bevölkerung, die mit 1,3 Prozent pro Jahr wächst (2003), weist eine enorme ethnische Vielfalt auf; europäische Einflüsse, afrikanische Minoritäten und eine ursprünglich indianische Bevölkerung haben sich im Laufe von fünf Jahrhunderten allerdings stark vermischt. Die extrem heterogene brasilianische Gesellschaft ist insgesamt von kultureller und politischer Toleranz geprägt. Im sozioökonomischen Bereich zeigt sich aber dennoch eine deutliche Benachteiligung der schwarzen Brasilianer, denen ein Anteil von 45 Prozent an der Gesamtbevölkerung zukommt: Von 53 Millionen, die 2002 unter der Armutsgrenze lebten, hatten schätzungsweise 64 Prozent eine schwarze Hautfarbe.

Ringen um Konsolidierung und Demokratie

1500 nahm der Seefahrer Cabral das heutige brasilianische Gebiet für Portugal in Besitz. 1822 erlangte das Land als Kaiserreich seine Unabhängigkeit, 1888/89 wurde es nach der entschädigungslosen Abschaffung der Sklaverei in eine föderative Republik umgewandelt. Die großen Landeigner dominierten aber weiterhin die Politik. Infolge der Weltwirtschaftskrise wurde Brasilien 1930 zur Diktatur. Nach einer nur kurzen demokratischen Episode zwischen 1945 und 1954 erzwang das Militär den Rücktritt des inzwischen zivil gewählten Präsidenten und übernahm 1964 für 21 Jahre die Herrschaft. Diese brachte Brasilien zwar den Ausbau seiner Infrastruktur und eine massive Industrialisierung (das "brasilianische Wirtschaftswunder" ging zwischen 1968/69 und 1973 mit jährlichen realen Wachstumsraten des BNE von elf Prozent einher), gleichzeitig war diese Periode aber von Menschenrechtsverletzungen, einer Verschärfung der strukturellen sozialen Probleme sowie der weiteren Zerrüttung der Staatsfinanzen geprägt. 1988 konnte in Form eines friedlichen Übergangs eine neue demokratische Verfassung verabschiedet werden.

Zwiespalt zwischen Wirtschafts- und Sozialreform

Zwischen 1988 und 1994 mühten sich verschiedene Regierungen mittels einschneidender Wirtschafts- und Währungsreformen, umfangreicher Privatisierungen sowie der Liberalisierung des Außenhandels und der Öffnung des brasilianischen Marktes für ausländische Investoren, die volkswirtschaftlichen Daten zu verbessern. Brasilien war allerdings in eine strukturelle Abhängigkeit von internationalen Kapitalgebern geraten. Dies zeigte sich in der Amtszeit des in den internationalen Finanzorganisationen IWF und Weltbank sehr geachteten Präsident Fernando Henrique Cardoso (1995-2002) gleich in mehreren Krisenszenarien: So bekam das wirtschaftlich bereits angeschlagene Brasilien die Auswirkungen der Asienkrise von 1997, die Folgen des 11. Septembers 2001 und die Argentinienkrise 2002 deutlicher zu spüren als viele andere Länder. Das relative Wohlverhalten der internationalen Finanzwelt erkaufte sich die Regierung durch die Vernachlässigung wichtiger innerer Reformprojekte: Bildungs, Renten und Landreform wurden ebenso wenig angegangen wie die Bekämpfung der Massenarmut. Auch der enormen Umweltverschmutzung und der radikalen Abholzung des Amazonas-Regenwaldes vermochte die Regierung des Landes, in dem bis zu 70 Prozent der Biodiversität der Erde vermutet werden, lange Zeit keinen Einhalt zu gebieten.

Im Sommer 2002 versicherte entgegen den Befürchtungen der internationalen Kapitalgeber sogar der Präsidentschaftskandidat der oppositionellen linksorientierten PT (Partido dos Trabalhadores), Luis Inácio Lula da Silva, im Falle seines Wahlsiegs die Verpflichtungen seines Landes gegenüber dem IWF einzuhalten, die Unabhängigkeit der Zentralbank zu schützen und nicht zur Inflationspolitik vergangener Jahre zurückzukehren. Er wurde im Oktober 2002 zum Präsidenten gewählt und sieht sich im In und Ausland mit hohen Erwartungen konfrontiert. Als Ziele seiner Regierung stellt er nach wie vor die Schaffung einer gerechten Weltwirtschaftsordnung sowie die Bekämpfung der Armut in seinem eigenen Land heraus. Gleichzeitig hält er an der Fortführung der von seinem Vorgänger eingeleiteten Reformen fest.

Erfolge bei der Bekämpfung der Armut, die der Präsident "seinen Brasilianern" versprochen hat und für die er gewählt worden ist, sind bislang ausgeblieben: Immer noch lebt jeder dritte Brasilianer unter dem Existenzminimum, das Programm Fóme Zero (Null Hunger) und die Landreform sind nur in rudimentären Ansätzen verwirklicht, und die Arbeitslosigkeit lag Mitte 2004 bei rekordverdächtigen 19 Prozent. Wenn auch das Gespenst des Staatsbankrotts zunächst nicht mehr existiert, ist der Erfolg der Regierung Lula gefährdet: Selbst das für 2004 erwartete Wirtschaftswachstum von 3,8 Prozent reicht für die versprochenen Sozialprogramme bei weitem nicht aus. Die begonnene Pensions und Steuerreform sorgt zwar für Vertrauen bei internationalen Kapitalanlegern, der Durchschnittsbrasilianer aber bemerkt hiervon im Alltag zunächst wenig. Der innere Druck wird weiter wachsen.