Entwicklung und Entwicklungspolitik
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Das Thema im Unterricht


9.6.2005
Jugendliche begegnen entwicklungspolitischen Fragestellungen im Alltag. Daran kann der Unterricht anknüpfen. Er soll die rationale Urteilsbildung sowie Einsichten in ökonomische Zusammenhänge fördern und zur Bildung persönlicher Werthaltungen beitragen.

Schülerinnen und Schüler melden sich am 18. November 2008 während einer Unterrichtsstunde in einer Schule in Bremen.Unterrichtsstunde: Schülerinnen und Schüler melden sich. (© AP)

Entwicklungsländer im Alltag



Der Fußballer Giovane Elber engagiert sich für ein Ausbildungszentrum, das Favelakindern in Brasilien zugute kommen soll. Der in Freiburg gut verdienende Spieler Boubacar Diarra sorgt, wie ein Filmbericht im WDR am 14. Mai 2001 zeigte, mit gebrauchten Fahrzeugen aus Deutschland für die Gründung eines Transportunternehmens in der Heimat Mali, mit dem seine Familie ein eigenes Einkommen erwirtschaftet kann. Er fühlt sich für das Wohlergehen der Familie verantwortlich, und diese Unterstützung wird auch von ihr erwartet.

Die Flutkatastrophe in Südostasien Ende 2004 führte zu verstärkter Berichterstattung aus den betroffenen Regionen, die auch die spezifischen Lebensbedingungen der dortigen Bevölkerung aufgriff. Die Nachrichtenbeispiele zeigen, dass Schülerinnen und Schüler, ohne sich dessen immer bewusst zu sein, der "Realität" von Entwicklungsländern in vielfältiger Weise im Alltag begegnen. In aller Regel taucht das Thema wie hier nicht in abstrakter, theoretischer, sondern in Form konkreter Beispiele auf und erzeugt emotionale Betroffenheit.

Nicht nur aufgrund der spektakulären Flutwelle Weihnachten 2004, sondern auch zu anderen Anlässen präsentieren Fernsehkanäle Galas und Spendenshows, stellen Prominente ihre Person in den Dienst einer guten Sache, finden sich Plakate mit Spendenaufrufen zu Spenden von Misereor, Brot für die Welt und anderen NROs.

In vielen Klassen sitzen zudem Mitschülerinnen und Mitschüler mit Migrationshintergrund, während die Medien die Jugendlichen mit den Folgen von Migration für die deutsche Gesellschaft konfrontieren und von einer vermeintlichen Bedrohung der "Leitkultur" bis hin zur Rettung vor der Vergreisung der Gesellschaft alle Facetten der aus Migration resultierenden Folgen diskutieren.

In den letzten Jahren hat zudem der Begriff der Globalisierung einen Siegeszug durch die Medien angetreten und Einzug in die Alltagssprache gehalten. Für die Jugendlichen kann sich der Terminus in kritischer Auseinandersetzung mit dem eigenen Konsumverhalten konkretisieren, etwa beim Kauf von Markenturnschuhen, bei der Konfrontation mit deren Produktionsbedingungen oder dem Verzehr fair gehandelter Orangen oder Kaffees. Schließlich dürften auch die medienwirksamen Aktionen der Globalisierungsgegner etwa der Organisation Attac bei den Jugendlichen Eindruck hinterlassen haben.

Voraussetzungen in Lerngruppen



Für Klassen aus dem Primarbereich bzw. der Sekundarstufe I sind nur wenige Kenntnisse über das Thema Entwicklungsländer vorauszusetzen. In der Sekundarstufe II dürfte vor allem der Terminus der Globalisierung bekannt, wenn auch in seinen verschiedenen Dimensionen nicht unbedingt verstanden sein. Gleichzeitig ist fraglich, ob der weitgehende Pragmatismus von Fachleuten, die eher nationale Eigeninteressen als menschenfreundliche Motive als Hintergrund für Entwicklungszusammenarbeit angeben, auch bei Jugendlichen verbreitet ist.

Vielmehr präsentieren sie sich in der Shell-Jugendstudie 2002 - Mädchen stärker als Jungen und abhängig vom Bildungsniveau - in ihrem persönlichen Umfeld als gesellschaftlich engagiert und empathiefähig. Allerdings finden die etablierten Organisationen, zu denen auch die Menschenrechtsgruppen und Hilfsorganisationen gehören, weniger Zuspruch. Die Ergebnisse der Studie machen außerdem deutlich, dass Jugendliche der Globalisierung offen, ohne Angst und ideologiefrei gegenüberstehen und ihre Chancen erkennen. Insbesondere Kampagnen zur Armutsbekämpfung sind geeignet, bei Jugendlichen "Mit-Leiden", Empathie und Motivation zur Auseinandersetzung mit betroffenen Ländern und mit Maßnahmen zur Verminderung menschlichen Leides zu erzeugen. Der Unterricht über Entwicklungsländer sollte zur rationalen Urteilsbildung und der Kenntnis von Zusammenhängen, etwa von Ökonomie und Ökologie, Industrie- und Entwicklungsländern, Ost-West-Konflikt und Nord-Süd-Konflikt, beitragen. Die Breite und der Querschnittscharakter des Themas ermöglichen eine Behandlung unterschiedlicher Aspekte in verschiedenen Altersgruppen und Fächern. Beispielsweise kann kann ein Roman im Deutschunterricht das Problem der Kinderarbeit erörtern und eine Unterrichtsreihe in Geografie die Desertifikation behandeln. Die folgenden Überlegungen beziehen sich allerdings auf den Politik-/Sozialwissenschafts- bzw. Sozialkunde-Unterricht in der Sekundarstufe II, da sich hierfür die Verwendung der "Informationen zur politischen Bildung" anbietet und die Rahmenlehrpläne der Länder die Behandlung der Thematik in diesen Jahrgangsstufen vorsehen.