Russland
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Raum, Ressourcen und Bevölkerung


3.2.2004
Russland ist reich an Bodenschätzen, deren Abbau aufgrund der klimatischen Bedingungen nicht immer möglich ist. Die Bevölkerung, deren Zahl seit Jahren schrumpft, lebt zu 76 Prozent in städtischen Siedlungen.

Foto von Rohren in einem Gasspeicher und -umschlagplatz in Bojarka vor den Toren von Kiew am 3. Januar 2006. Der staatlich kontrollierte russische Gasriese Gazprom warnte am 5. Juni 2006 vor der erhöhten Gefahr einer Verschärfung des russisch-ukraiinischen Gasstreits. Wiederholung der Gaskrise mit der Ukraine. Nach der Aufgabe aus sowjetischen Zeiten tradierter günstiger Konditionen für den ukrainischen Import von Erdgas aus Russland zugunsten marktorientierter Preise kam es seit 2005 zu Spannungen, da die Ukraine, der weltweit viertgrößte Gasimporteur und wesentlicher Umschlagplatz für Gaslieferungen nach Europa, den neuen Konditionen nicht zustimmen wollte. Ein Gasengpass für Europa wurde zeitweise befürchtet.Die Rohre eines Gasspeichers und -umschlagplatzs in Bojarka vor den Toren Kiews. Wegen des russisch-ukrainischen Gasstreits war die europäische Erdgasversorgung seit dem Jahn 2005 mehrfach gefährdet. (© AP)

Naturräumliche Gegebenheiten



Die geographische Struktur Russlands wird vor allem durch zwei Faktoren geprägt: den geologischen Bau und das Klima.

Weite Teile des Landes, von Geologen als Russische Tafel bezeichnet, sind charakterisiert durch ausgedehnte, niedrige Höhenzüge wie den Timanrücken im Norden oder das mittelrussische Hügelland sowie durch flache, Hunderte von Kilometern breite Senken, die von Flüssen genutzt werden. Nach Süden wird das Russische Tiefland begrenzt durch den Übergang zu den Lößgebieten der Ukraine, die Flach- und Hügelländer Nordkaukasiens und die Absenkung zur Kaspischen Senke. Südlich anschließend ragt der Große Kaukasus auf (Elbrus, 5633 Meter), der im Gegensatz zu den Alpen weitgehend von moderner Erschließung ausgenommen blieb.

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Nach Osten bildet der Ural eine sanfte Gebirgsschwelle. Ihr schließt sich das westsibirische Tiefland an, dessen Sedimente das Speichergestein für Erdöl- und Erdgasvorkommen sind. Östlich des Flusses Jenissej steigt das Gelände zum mittelsibirischen Bergland an, das sich sanft zum Jakutischen Becken absenkt. Darauf folgen nach Osten Gebirgszüge wie das Werchojansker, das Tscherski- oder das Kolyma-Gebirge. Nach Süden begrenzen Gebirge wie Altai und Sajan westlich des Baikalsees die Tief- und Bergländer, während östlich dieses Sees die Gebirgszüge des Stanowoi zu den steppenartigen Niederungen des Amur abfallen. Im äußersten Südosten bildet der stark bewaldete Gebirgszug Sichote-Alin am Japanischen Meer eine eigenständige Landschaftseinheit.

Bodenschätze

Die Russische Tafel ist arm an Bodenschätzen; nur im äußersten Nordosten liegen die Kohlelagerstätten von Workuta, im zentralen Teil um Kursk finden sich Eisenerze, und im Süden lagert die Kohle des Donbass, eines Kohlereviers im Grenzraum Russlands mit der Ukraine. Erze kommen insbesondere in Gebirgen wie den Chibinen auf der Kola-Halbinsel, im Ural, im Altai und im Sajan vor, Lagerstätten von Steinkohle in deren Vorsenken. Der Abbau umfangreicher Kohlevorkommen in Sibirien wie beispielsweise im Tunguska-Becken ist wegen ihrer Lage im Gebiet des Dauerfrostbodens unter den heutigen wirtschaftlichen und technischen Voraussetzungen nicht möglich.

Die vergleichsweise große Entfernung von den dicht besiedelten Zentren führte dazu, dass die Erschließung zahlreicher Bodenschätze erst verhältnismäßig spät erfolgte. Entlegene Lagerstätten von Buntmetallerzen wie den Kupfer-, Kobalt- und Nickelerzen von Norilsk wurden aus strategischen Interessen wegen der relativen Seltenheit dieser Metallerze in Russland und der sicher erscheinenden kontinentalen Lage erschlossen. In den subarktischen Bergbaugebieten auf der Kola-Halbinsel, im Petschora-Becken (Workuta) und bei Norilsk ist der Bergbau mit hohen Emissionen und massiven Landschaftsschäden verbunden.

Erdöl und Erdgas finden sich in der Kaspischen Senke, im westlichen Uralvorland und in Westsibirien. Die Nutzung dieser außerordentlich umfangreichen Lagerstätten erfordert einen hohen Infrastrukturaufwand. Der Abbau lohnt sich, wenn die einzelnen Vorkommen besonders ergiebig sind. So gehören die westsibirischen Abbauregionen aufgrund der günstigen Absatzchancen zu den reichsten Gebieten des Landes mit den höchsten Durchschnittseinkommen.

Angaben, wie hoch die wirtschaftlich nutzbaren Vorräte sind, variieren sehr. Seitdem die Industrie in der Umbruchphase teilweise an Bedeutung verloren hat, hängt Russlands Wirtschaft stark von der Verfügbarkeit der natürlichen Ressourcen ab. An erster Stelle der Bodenschätze, die exportiert werden, stehen Erdöl aus dem mittleren und Erdgas aus dem nördlichen Westsibirien. Die Erdölförderung, die 1990 noch 516 Millionen Tonnen betragen hatte, sank bis 1998 auf 303 Millionen Tonnen, um dann bis 2002 auf lediglich 380 Millionen Tonnen anzusteigen. Die Erdgasförderung verzeichnete dagegen nur einen relativ geringen Rückgang von 601 (1990) auf 564 Milliarden Kubikmeter (1998). Seither ist ein leichter Anstieg zu vermerken (2002: 595 Milliarden Kubikmeter). Da die westeuropäische Nachfrage einen sicheren Absatzmarkt garantiert, wird die Erdgasförderung derzeit auf die Jamal-Halbinsel ausgedehnt. Allerdings sind die Erschließungsarbeiten im hohen Norden kostenintensiv. Daher werden die Arbeitskräfte, die in weiter südlich gelegenen Wohnsiedlungen leben, zeitlich befristet an die Einsatzorte gebracht. Dieses Modell gab es bereits zu Sowjetzeiten.

Neben den genannten Bodenschätzen haben Gold und Diamanten nach wie vor große geoökonomische Bedeutung. Die Vorkommen finden sich östlich des Jenissej in Sibirien. Die größten Diamantvorkommen gibt es in Sacha-Jakutien, das sich wichtige Mitspracherechte bei ihrer Erschließung und Vermarktung sichern konnte. Die Förderung der "klassischen" Bodenschätze für die Schwermetallurgie wie Eisenerze und Steinkohle ging dagegen zurück. Ursachen sind zum einen veränderte Marktbedingungen, aber auch die Überalterung der Förder- und Verarbeitungsstätten. Die Kohleförderung sank zwischen 1990 und 1998 von 257 auf 153 Millionen Tonnen Steinkohle bzw. von 138 auf 78,8 Millionen Tonnen Braunkohle. Die Stahlerzeugung reduzierte sich um die Hälfte von 89,6 auf 43,7 Millionen Tonnen. Auch hier besteht inzwischen wieder ein Zuwachs (2002: Kohle insgesamt 253 Millionen Tonnen, Stahl 59,8 Millionen Tonnen).

Klima

Das Klima ist in den meisten Landesteilen kontinental mit großen jahreszeitlichen Temperaturunterschieden. Das winterliche Kältehoch reicht zeitweise von der ostsibirischen Baikalregion bis Westrussland, andererseits dringen subpolare Tiefdruckgebiete vom Atlantik weit in das Innere des Landes vor und bewirken im wärmsten Monat des Sommerhalbjahrs, dass die Temperaturunterschiede zwischen der Südgrenze der Tundra und der Nordgrenze der Steppe kaum vier Grad überschreiten. In der Steppenzone des Trans-Wolga-Gebietes können allerdings auch Dürreperioden auftreten, die die Getreideernte beeinträchtigen, ebenso Spätfröste, die die Frühjahrsaussaat bedrohen.

Dauerfrostboden, eine Folge des Klimas, erstreckt sich über 47 Prozent der Landesfläche. Er beeinträchtigt im äußersten Nordrussland sowie in weiten Teilen Sibiriens und des Fernen Ostens den landwirtschaftlichen Anbau, erschwert und verteuert den Bau von Gebäuden und Verkehrswegen. Der Untergrund ist teilweise über 200 Meter tief gefroren und taut während der sommerlichen Erwärmung nur in einer dünnen Bodenschicht auf. Gebäude müssen durch Pfähle, heute meist aus Beton, tief im Untergrund verankert und gegen Wärmeleitung zwischen Gebäude und Boden geschützt werden. In den Gebieten mit Dauerfrostboden, die Tundrenvegetation oder Nadelwald aufweisen, sind die wichtigsten Wirtschaftszweige der Abbau von Bodenschätzen, die Rentierzucht und die Holzgewinnung, die bereits zu einem starken Rückgang der Nadelwälder führte.

Klimatisch bedingt beschränkt sich der landwirtschaftliche Anbau auf das so genannte Agrardreieck, das von der europäischen Westgrenze Russlands zwischen St. Petersburg und Rostow keilförmig nach Osten zur mittleren Wolga, zum südlichen Ural und in das südliche Westsibirien reicht. In den Steppen führen aber erhebliche Schwankungen der Niederschlagsverteilung und -menge von Jahr zu Jahr zu großen Unterschieden bei den Ernteerträgen. Dies trifft insbesondere die Gebiete östlich der Wolga, während in Südrussland und Nordkaukasien die Erntesicherheit etwas höher liegt. Die Spannweite und Unsicherheit der Erträge wird besonders deutlich im Vergleich der Jahre 1997 und 1998: Während 1997 die Getreideernte mit 74,5 Millionen Tonnen ausreichend ausfiel, blieb sie 1998 mit 41,9 Millionen Tonnen weit unter dem Bedarf. Deshalb versuchten einzelne Regionen sogar, die Ausfuhr von Getreide sowie weiteren landwirtschaftlichen Produkten in andere Gebiete Russlands zu verhindern, um ihre eigene Bevölkerung versorgen zu können. Seit 2000 konnten wieder ausreichende Ernten erzielt werden (2002: 86,6 Millionen Tonnen). Die unsicheren Witterungsbedingungen sind jedoch nicht der alleinige Grund für die unzureichenden landwirtschaftlichen Erträge. Zu den Ursachen gehören auch Mängel in der Agrarstruktur und in der Organisation der landwirtschaftlichen Produktion sowie ein Missverhältnis zwischen Aufwand und Ertrag.



 

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