Russland
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3.2.2004 | Von:
Hans-Henning Schröder

Vom Kiewer Reich bis zum Zerfall der UdSSR

Mitte des 17. Jahrhunderts öffnete sich Russland unter Zar Peter dem Großen nach Westen. Diese Entwicklung wurde unter der Sowjetherrschaft 1917 bis 1991 unterbrochen.

Ein Blick auf das Segelschiff Shtandart, eine Kopie des Schiffs von Peter dem Großen, von dem Dach des Einsiedler Museums mit Blick auf den Fluß Neva in St. Petersburg. Die St. Peter und Paul Festung im Hintergrund.Ein Blick auf das Segelschiff Shtandart, eine Kopie des Schiffs von Peter dem Großen, von dem Dach des Einsiedler Museums mit Blick auf den Fluß Neva in St. Petersburg. (© AP)

Einleitung

Seit seinem Eintritt in die Moderne ist Russland ein europäischer Staat. In wechselnder Gestalt und unter wechselnden Namen - als Russländisches Reich, Sowjetunion und Russländische Föderation - hat dieses Land die Geschichte Europas maßgeblich mitgestaltet. Der Vielvölkerstaat, der sich über zwei Kontinente erstreckt - Europa und Asien - und sich vom lateinisch geprägten Okzident durch seine Orientierung an der byzantinischen Ostkirche unterschied, näherte sich im Verlauf der Neuzeit macht- und gesellschaftspolitisch den Kernstaaten Europas immer weiter an und trug seinen Teil zur Entfaltung europäischen Denkens und europäischer Kultur bei.

Aufstieg zur europäischen Großmacht

Eine politische und gesellschaftliche Organisation formierte sich im Raum des späteren Russland zunächst unter dem Einfluss anderer Kulturkreise. Mitte des neunten Jahrhunderts entstand entlang der Handelsrouten zwischen Ostsee und Schwarzem Meer ein System von bald slawisierten, verwandschaftlich verbundenen, normannisch-skandinavischen Herrschaften, die sich im Lauf der Zeit zu einer festeren politischen Organisationsform, der Kiewer Rus, entwickelten. Stützpunkte wurden städtische Siedlungen wie Kiew - der Hauptort, der dem Herrschaftsverband auch seinen Namen gab -, Wladimir oder Susdal, die zugleich als Herrschaftssitz, Festung, Tributverwaltung, kirchliches Zentrum und Fernhandelsbasis fungierten. In dieser Phase gewann das Herrschergeschlecht der Rjurikiden, dem später - bis 1598 - die russischen Zaren entstammten, die Oberhand.

Unter dem Kiewer Großfürsten Wladimir I., dem Heiligen (978-1015), setzte sich von Byzanz aus das Christentum in der Rus durch. Die Einbindung in den orthodoxen Missionierungsraum bedeutete auf lange Sicht die Separation vom lateinisch-christlichen Teil Europas, der mit Reformation, Renaissance und Aufklärung eine Entwicklung nahm, die in Russland nicht mitvollzogen wurde. Der Austausch mit dem Westen kam gänzlich zum Erliegen, als die Kiewer Rus unter den Mongolenstürmen der Jahre 1223, 1237/38 und 1239/40 zerbrach und die Teilfürstentümer für anderthalb Jahrhunderte unter die Oberhoheit des westlichen Mongolenkhanats, der "Goldenen Horde" mit ihrem Sitz in Sarai an der unteren Wolga, gerieten. In dieser Phase wurde Moskau zum neuen Machtzentrum der Rus. Im Jahr 1380 war es soweit erstarkt, dass es in einer siegreichen Schlacht auf dem "Schnepfenfeld" am Don der mongolischen Oberhoheit ein Ende setzen konnte. In der Folge dehnte Moskau sein Territorium aus.

Ivan III. (1462-1505) bezeichnete sich erstmals als "russischer Großfürst und Zar" und betonte mit diesem von der Bezeichnung "Caesar" abgeleiteten Titel seinen Anspruch auf Gleichrangigkeit mit dem Kaisertum im "Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation". 1510 entwickelte in Pskow der Mönch Filofej die Idee von Moskau als "Drittem Rom" - als dem dritten Zentrum der Christenheit nach Rom und Byzanz.

Eine Generation später ließ sich Ivan IV. (der Schreckliche, 1547-1584) als "Zar und Selbstherrscher des ganzen großen Russland" krönen - ein Titel, der den Anspruch auf die Nachfolge der byzantinischen Kaiserwürde einschloss. Unter seiner Herrschaft wurde das Reich im Kontext imperialer Machtpolitik nach Osten und Süden ausgedehnt. Im Innern folgte einer Phase der Reformen das Schreckensregiment, die Opritschnina. Mit seinem Sohn Fjodor, der 1598 ohne Nachfolger starb, endete die Dynastie der Rjurikiden. Nach einer Phase der smuta, der Wirren, wurde 1613 mit der Wahl des Bojaren Michail Romanow (1613-1645) ein Neuanfang gemacht. Die Bojaren waren Angehörige des Hochadels in der altrussischen Geschichte. Es war dann sein Nachkomme Peter I. (1682/1689-1725), der Russland mit harter Hand modernisierte und die "Pforten nach Europa" aufstieß.

Autokratische Modernisierung

Bereits im 16. Jahrhundert war die Zarenmacht mit den europäischen Mächten in Kontakt gekommen. Mit Schweden und Polen führte sie in wechselnden Koalitionen Krieg um den Besitz der baltischen Region. Im 17. Jahrhundert gewann die Verbindung mit West- und Mitteleuropa an Bedeutung. Die russische Politik konnte die wirtschaftlichen Entwicklungen und Verschiebungen der Machtverhältnisse im westlichen Europa nicht länger ignorieren.

Zar Peter baute eine seegängige Flotte auf, vergrößerte das Heer und schulte es nach westlichen Vorbildern. Er gestaltete die Zentralverwaltung um, indem er schwedischem Vorbild folgend nach Fachaufgaben strukturierte Kollegien (Ministerien) schuf, und er betrieb eine merkantilistische Wirtschaftspolitik, indem er den Handel und die heimische Produktion durch Errichtung von Manufakturen förderte. Ausländische Fachkräfte wurden ins Land geholt, Russen zum Studium ins Ausland entsandt. Zum 1. Januar 1700 ließ der Zar auch die alte byzantinische Zeitrechnung abschaffen, an deren Stelle nach dem Vorbild der protestantischen Länder der Julianische Kalender trat. (Der genauere Gregorianische Kalender, der in den katholischen Regionen galt und nach dem wir uns heute noch richten, wurde in Russland erst am 14. Februar 1918 eingeführt.)

Doch große Teile der Gesellschaft, insbesondere die Bauernschaft, blieben von dem petrinischen Modernisierungsversuch unberührt. Der Widerspruch zwischen der traditionsorientierten Bevölkerungsmehrheit und dem modern-absolutistischen Regime bestimmte bis weit ins 20. Jahrhundert das soziale und geistige Leben Russlands. Doch Peters Reformen schufen die Voraussetzungen für den Aufstieg des Landes zur europäischen Großmacht. Nach dem Sieg über die Schweden 1709 in der Schlacht bei Poltawa, Ukraine, nahm der Zar den Kaisertitel an, der von Preußen und den Generalstaaten der Niederlande sofort, von den meisten anderen europäischen Mächten im Lauf der nächsten 50 Jahre anerkannt wurde.

Im 18. und 19. Jahrhundert entwickelte sich Russland zu einem wichtigen Faktor europäischer Politik. Unter den Nachfolgern Peters dehnte sich das Reich in Kriegen mit dem Osmanischen Reich nach Süden und durch die polnischen Teilungen nach Westen aus. In den Napoleonischen Kriegen zu Beginn des 19. Jahrhunderts spielte das Zarenreich als Gegner des napoleonischen Frankreich, dann als Verbündeter und schließlich als Mitglied der antinapoleonischen Allianz eine entscheidende Rolle, die auch bei der Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress 1815 zum Tragen kam. In den Folgejahren schloss sich Russland im Rahmen der "Heiligen Allianz" eng mit den konservativen Mächten Habsburg und Preußen zusammen und erlangte als "Gendarm Europas" eine bestimmende Rolle auf dem Kontinent. Die zarische Regierung betrieb eine restaurativ-konservative Politik und wandte sich gegen alle Freiheitsbewegungen jener Zeit.
Gesellschaftliche Spannungen Russlands Position im Konzert der großen europäischen Mächte brachte die russischen Oberschichten in engen Kontakt mit dem geistigen und politischen Leben des Kontinents. Die Rezeption von Ideen aus der Welt der französischen Revolution und des nationalstaatlichen Erwachens in West- und Mitteleuropa führte zu einer Entfremdung zwischen Teilen der europäisierten Oberschicht und dem autokratischen Regime. Die Spannungen fanden Ausdruck in der Debatte zwischen "Westlern" und "Slawophilen". Während erstere die Öffnung gegenüber dem "Westen" guthießen und Russlands Heil vom Hineinwachsen in diesen "Westen" erwarteten, betonten die Slawophilen slawische und orthodoxe Traditionen und sahen die Zukunft des Landes in der Rückkehr zu diesen Wurzeln.

In dieser Auseinandersetzung trat erstmals eine Gruppe hervor, die den gesellschaftlichen Konflikten in Russland bis weit in das 20. Jahrhundert Form und Ausdruck gab - die Intelligenzija. Dieser Begriff bezeichnet eine Ideengemeinschaft, die ihre soziale und politische Identität aus der gemeinsamen Weltsicht gewann. Ihr Selbstverständnis stützte sich auf drei Leitgedanken: den Willen, die autokratische Zarenherrschaft zu stürzen, das Bewusstsein der Verantwortung für sozial Schwächere und den Glauben, über eine wissenschaftlich fundierte Weltanschauung zu verfügen. Aus der Intelligenzija heraus formten sich jene politischen Gruppierungen, die in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts den Kampf mit dem zarischen System aufnahmen.

Sturz der Zarenherrschaft

Im Krimkrieg (1853-1856), den Russland gegen das Osmanische Reich, Frankreich und Großbritannien führte, erwies sich das Zarenreich gegenüber den europäischen Großmächten als militärisch und wirtschaftlich hoffnungslos rückständig. Die Regierung Alexanders II. (1855-1881) nahm daher eine umfassende Reform von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft in Angriff. Kern der Neuordnung war die Bauernbefreiung im Jahre 1861, die die Leibeigenschaft beseitigte und von Umgestaltungen der Justiz, der Streitkräfte, des Bildungswesens und der Kommunalverfassung flankiert wurde.

Die Reformen führten nicht zu einer politischen Beruhigung im Innern. Aus der Intelligenzija heraus entwickelte sich eine politische Bewegung, die "Volkstümler", die einen Sturz des Zarismus durch Aufklärung der bäuerlichen Massen anstrebten. Einige Gruppierungen setzten auf individuellen Terror. 1881 wurde Alexander II. durch ein Bombenattentat getötet.

Die Regierung seines Nachfolgers Alexander III. (1881-1894) schränkte die Reformen teilweise wieder ein, verfolgte den Kurs wirtschaftlicher Modernisierung aber weiter. Der Ausbau der Industrie, der in den siebziger Jahren in Gang kam, gewann in den neunziger Jahren hohes Tempo. Im Gefolge der Industrialisierung wandelte sich auch die Gesellschaft. Wiewohl Russland immer noch ein Agrarstaat war und 1897 über 86 Prozent der Bevölkerung auf dem Lande lebten, wuchsen die Städte rasch und wurden zu sozialen Brennpunkten. Die Einwohnerschaft Moskaus etwa stieg zwischen 1867 und 1914 von 350000 auf 1,7 Millionen, die von St. Petersburg von 500000 auf 2,2 Millionen.

Die Unzufriedenheit der Industriearbeiterschaft, die unter unerträglichen Bedingungen lebte und arbeitete, das wachsende Selbstbewusstsein des entstehenden Bürgertums, die verbreitete Missstimmung auf dem Dorfe, die sich aus der Landarmut und der hohen Steuerlast nährte, und nicht zuletzt wachsende nationale Spannungen im Vielvölkerstaat Russland bedrohten jedoch zunehmend die überkommene Ordnung. Das Regime erwies sich als unfähig, die auseinander strebenden Interessen der gesellschaftlichen Gruppen zu integrieren und die scharf hervortretenden sozialen und nationalen Konflikte zu mildern.

Die Revolution von 1905 bis 1907, bei der sich neben dem Industrieproletariat und der Intelligenz erstmals auch große Teile der Bauernschaft gegen den Zaren wandten, war ein letztes Warnzeichen. Durch den Einsatz von Militär gelang es noch einmal, das Zarenregime zu retten. Die Einrichtung eines Parlaments, der Duma, mit sehr beschränkten Rechten - Max Weber sprach von einem "Scheinkonstitutionalismus" - und eine Agrarreform setzten neue Veränderungen in Gang. Der Beginn des Ersten Weltkriegs im Jahre 1914 verhinderte, dass diese Maßnahmen zur Entfaltung kamen.

1914 erwies sich rasch, dass das russische Reich allen Modernisierungsschritten zum Trotz in einem Krieg technisierter Massenheere dem Deutschen Reich nicht gewachsen war. Die russischen Armeen erlitten katastrophale Niederlagen. In Reaktion auf den Bankrott des Versorgungssystems kam es 1916 in den Städten zu Streiks und Unruhen, die an Schärfe zunahmen und schließlich im Februar 1917 in Petersburg zum Zusammenbruch der Ordnung führten. Zar Nikolaus II. dankte am 15. März 1917 ab. Mit seiner Familie wurde er nach Jekaterinburg gebracht, wo sie im Juli 1918 von den Bolschewiki ermordet wurden.

Die Macht ging in die Hände einer Provisorischen Regierung über, die den Krieg fortsetzte und die Lösung der Landfrage an eine noch zu wählende Verfassunggebende Versammlung verwies. Damit stellte sie sich der bäuerlichen Bevölkerung entgegen, die mehrheitlich eine Vergrößerung ihrer Bodenanteile durch eine Aufteilung der Gutsländereien forderte. Neben der Regierung entwickelte sich der Petersburger Sowjet - der Arbeiter- und Soldatenrat - rasch zu einer eigenständigen Kraft. In ihm gewannen die Vertreter der Bolschewiki, des radikalen Flügels der russischen Sozialdemokratie, an Bedeutung und Profil, insbesondere nachdem Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924), die politische und ideologische Leitfigur dieser Gruppe, aus dem Schweizer Exil zurückgekehrt war.

Die Weigerung der Provisorischen Regierung, den Boden umzuverteilen und den Krieg zu beenden, spielte ihren Gegnern in die Hände. Am 6. November 1917 (24. Oktober nach dem Julianischen Kalender) initiierte die Sowjetmehrheit unter Führung der Bolschewiki einen Umsturz, der die Provisorische Regierung beseitigte und einen Rat der Volkskommissare installierte. Indem die neue Führung Friedensverhandlungen einleitete und die Landnahme der Bauern legitimierte, verschaffte sie sich den notwendigen landesweiten Rückhalt, der es ihr erlaubte, die eben gewählte Konstituierende Versammlung am 18. Januar 1918 gewaltsam aufzulösen.

Staat und Gesellschaft in der Sowjetzeit

Das Regime, das nach dem kurzen Sommer der Demokratie an die Stelle der zarischen Autokratie trat, beherrschte die Völker des Russischen Reiches über einen Zeitraum von 74 Jahren und führte sie auf einem Pfad in die Moderne, der sich von dem der Staaten in West- und Mitteleuropa in vielen Punkten unterschied. Doch die Ideen, die diesem Weg zugrunde lagen, waren Teil einer großen europäischen Utopie, die nun in Sowjetrussland in die Tat umgesetzt wurde.
Revolutionäre Neuordnung

Die revolutionäre Neuordnung von Staat und Gesellschaft vollzog sich allerdings unter extremen Bedingungen. Bereits im Frühjahr 1918 kam es zwischen "Weißen", Gegnern des Oktoberumsturzes, von denen manche die alte zarische Ordnung wieder herstellen wollten, und "Roten", den Bolschewiki, zu heftigen Kämpfen. Großbritannien, die USA, Japan und Frankreich entsandten Interventionstruppen, die die Weißen gegen die sowjetische Seite unterstützten.

In einer ungeheuren Kraftanstrengung organisierten die Bolschewiki den Widerstand und bauten eine mit massiver Repression verbundene, rigide Versorgungsdiktatur auf. Der "Kommunismus" der Bürgerkriegsphase mit Hochinflation und gewaltsamer Beschlagnahmung lebensnotwendiger Güter war eine überbürokratisierte Organisation des Mangels, die im ganzen Land Unzufriedenheit und Widerstand hervorrief. Die Industrieproduktion sank im Bürgerkrieg auf ein Minimum, der Schwarzmarkt blühte. In nur zwei Jahren gelang es den Bolschewiki, ihre soziale Basis zu ruinieren: Die Arbeiterschaft befand sich durch den Zerfall der Industrie im Zustand der Auflösung, die bäuerliche Bevölkerungsmehrheit, ursprünglich durch das Bodendekret 1917 für die Sowjetmacht gewonnen, befand sich 1920 im Aufstand. Das System des "Kriegskommunismus" war trotz des militärischen Sieges bankrott.

In dieser Situation fand die sowjetische Führung die Kraft zu einer politischen Wende. Sie ersetzte im März 1921 die Ablieferungspflicht durch eine Naturalsteuer und gab den Handel mit Überschüssen frei. Damit öffnete sie den Weg für die Entstehung eines Agrarmarktes, der sich rasch entfaltete und zu einer deutlichen Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion führte. Da die sowjetische Führung nach Vertreibung der Weißen und Unterdrückung aller konkurrierenden linken Parteien wie Menschewiki und Sozialrevolutionäre ein politisches Monopol innehatte, konnte sie sich die Verfügung über Großindustrie, Banken und Außenhandel vorbehalten und so weiterhin die Wirtschaftsentwicklung kontrollieren.

Ziel der "Neuen Ökonomischen Politik" (NÖP) war einerseits die Steigerung der Wirtschaftsleistung, andererseits die Versöhnung der Gesellschaft mit dem Regime und damit die Überwindung der Folgen von Bürgerkrieg und Versorgungsdiktatur. Von 1921 bis 1928 herrschte ein fragiles soziales Einvernehmen, das es ermöglichte, die Wirtschaftsleistung der Vorkriegszeit wieder zu erreichen und die Basis für die weitere Industrialisierung des Landes zu schaffen.

An der Spitze der "Russischen Kommunistischen Partei" (der Bolschewiki) kam es indessen zu heftigen Führungskämpfen, in denen sich letztlich Generalsekretär Iosif Wissarionowitsch Stalin (1879-1953) durchsetzte. Er verstand es, die emotionale Reaktion auf den Tod Lenins am 24. Januar 1924 auszunutzen und einen Lenin-Kult zu organisieren, der vom Aufbau einer bürokratischen Organisation flankiert wurde. Dieser Apparat war die Machtbasis, mit deren Hilfe Stalin nach der Ausschaltung seiner Gegner Ende der zwanziger Jahre die dominierende Figur wurde. In Fortentwicklung des Lenin-Kults wurde nun auch Stalin das Objekt kultischer Verehrung. Aus der Mythisierung seiner Person erwuchs ihm zusätzliche Macht.

Diktatur Stalins Seine beherrschende Position erlaubte es ihm, eine Politik forcierter Industrialisierung durchzusetzen, die die Entwicklung der Konsumgüterproduktion völlig vernachlässigte. Damit wurde der Grundstein für das Missverhältnis der Industriezweige gelegt, das die sowjetische Wirtschaft bis 1991 und darüber hinaus belastete. Die Entscheidung war eine Reaktion auf die Krise der NÖP. In ihrer ideologischen Fixierung nahm die Führungsgruppe um Stalin die - am Markt orientierten - Versuche der Bauern, Höchstpreise zu erzielen, als feindseligen Schritt wahr und antwortete mit Zwangsmaßnahmen. Zwischen Juli 1929 und Juli 1932 wurden fast 15 Millionen Höfe zwangsweise "kollektiviert", das heißt mit Land, Vieh und Gerätschaften in eine kollektive Großwirtschaft überführt. Da die Bauern diese Maßnahmen, die sie als Enteignung verstanden, ablehnten, nahm die Kollektivierung bald den Charakter eines "Kriegs gegen das Dorf" an. Durch Strafmaßnahmen, Deportation, Krankheit und Hunger kamen in dieser Phase mehrere Millionen Bauern ums Leben. Die sowjetische Landwirtschaft wurde auf lange Sicht geschädigt, die verfehlte Agrarpolitik erschwerte auch die Industrialisierung.

Der erste Fünfjahrsplan (1928-1932) sah für die Wirtschaftsentwicklung exorbitante Zuwachsraten und hohe Priorität für die Produktionsgüterindustrie vor. Eine zentrale Planung, die sich im Lauf der Zeit zu einem kaum überschaubaren, hochbürokratisierten System der Wirtschaftsverwaltung entwickelte, sollte rasches Wachstum garantieren. In der Tat gelang es in einer bemerkenswerten Mischung von Massenmobilisierung, Enthusiasmus und Repression, ganz erhebliche industrielle Zuwächse zu erzielen. Die Sowjetunion verwandelte sich in dieser Phase unter großen Opfern in ein Industrieland. Die Gesellschaft geriet in Bewegung - Urbanisierungsprozesse, soziale Aufstiegsmöglichkeiten und kulturelle Fortschritte durch Alphabetisierung und Vervielfachung der Hochschulen veränderten den Charakter des Landes.

Die zerstörerische Verstaatlichung des Agrarsektors und die industrielle Mobilisierung wurden begleitet vom Ausbau eines Repressionsapparates, der bald sogar die herrschende Partei selbst marginalisierte. Die politische Polizei (bis 1934 OGPU, Allgemeine Staatliche Politische Verwaltung, dann in das NKWD, Volkskommissariat für Inneres, überführt) verschärfte die Überwachung und baute ein System von Zwangsarbeitslagern auf, das eine eigene ökonomischen Bedeutung hatte und unter Leitung der Hauptverwaltung für Lager (GULag) neben dem Personenkult zum konstitutiven Bestandteil des Stalin-Regimes wurde. Die Repression wandte sich auch gegen die Führungskader der Partei. In den großen "Säuberungsaktionen" der Jahre 1937 und 1938 wurde fast die gesamte militärische und politische Elite ausgelöscht. Eine Generation von Aufsteigern, der auch die späteren Sowjetführer Nikita Chruschtschow und Leonid Breschnjew angehörten, ersetzte die liquidierten Kader.

Anfang der vierziger Jahre beherrschten Stalin und sein Repressionsapparat die Sowjetunion unangefochten. Indes hatte sich die internationale Lage alarmierend zugespitzt. In Italien und in Deutschland hatten sich mit Faschisten und Nationalsozialisten rechtsradikale Terrorregime durchgesetzt. Das Münchener Abkommen von 1938 zeigte, dass die westlichen Demokratien nicht bereit waren, Hitlers aggressiver Expansionspolitik ernsthaft Widerstand zu leisten. In dieser Situation vollzog die Stalinsche Führung im Laufe des Jahres 1939 eine außenpolitische Wende und ging eine Allianz mit dem nationalsozialistischen Deutschland ein. Der Schritt verschaffte der Sowjetunion nicht nur eine Atempause, sondern auch politische Handlungsfreiheit in Ost- und Nordeuropa. Während Deutschland durch den Angriff auf Polen einen Weltkrieg auslöste, eignete sich die UdSSR (Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken) Teile Polens sowie die baltischen Republiken an, zwang Rumänien zur Abtretung Bessarabiens und begann einen Krieg mit Finnland.

Als sich Deutschland im Sommer 1941 gegen die Sowjetunion wandte, war die Stalinsche Führung aber letztlich doch überrascht. Die Rote Armee erlitt in den ersten Kriegsmonaten eine verheerende Niederlage, die Wehrmacht drang bis Moskau und Leningrad (das heutige St. Petersburg) vor. Erst nach vierjährigem harten Ringen konnte die UdSSR gemeinsam mit den Westalliierten das nationalsozialistische Deutschland niederwerfen. Die Unterzeichnung der Kapitulationserklärung durch die Vertreter der Wehrmacht am 9. Mai 1945 um 0.16 Uhr in Berlin-Karlshorst, dem Hauptquartier der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland, beendete einen Krieg, den die deutsche Seite als Rassen- und Vernichtungskrieg geführt und der die Sowjetunion über 20 Millionen Tote gekostet hatte. Die westlichen Teile des Landes waren zerstört, erhebliche Anstrengungen notwendig, um die Wirtschaftsleistung wieder auf den Vorkriegsstand zu bringen. Dazu kamen in breitem Umfang auch Kriegsgefangene sowie weibliche und männliche Zwangsarbeiter aus dem GULag zum Einsatz. Bis 1948 wurde das Vorkriegsniveau erreicht, 1952 war die Gesamtproduktion doppelt so hoch wie 1940. Da der Schwerpunkt aber nach wie vor auf der Produktionsgütererzeugung lag, stieg der Lebensstandard nicht fühlbar.

Die Hoffnungen, die kollektive Leistung der Gesellschaft bei der Abwehr des deutschen Angriffs würde nach Kriegsende zu einer Liberalisierung des Stalinschen Regimes führen, erfüllten sich nicht. Die Mythisierung Stalins, der sich trotz der katastrophalen Fehlleistungen des Jahres 1941 als Urheber des Sieges feiern ließ, nahm bizarre Ausmaße an. Gestützt auf seine Privatkanzlei und den NKWD (ab 1946 MWD), dem seit 1938 Lawrentij Berija vorstand, deckte Stalin eine Reihe von "Verschwörungen" auf und lancierte neuerliche Säuberungskampagnen, denen eine Reihe hoher Parteiführer zum Opfer fielen, unter anderem Nikolaj Wosnesenskij, der während des Krieges in den Führungsgremien von Partei und Staat für die sowjetische Wirtschaft zuständig gewesen war. Diese neue Repressionswelle endete erst mit Stalins Tod am 5. März 1953.
Reformen der Chruschtschow-Jahre In den Nachfolgekonflikten setzte sich Nikita Sergejewitsch Chruschtschow durch (1953-1964), der in den dreißiger Jahren als Parteisekretär von Moskau und der Ukraine, nach 1949 als Sekretär des Zentralkomitees der KPdSU, der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, stets Spitzenstellungen innegehabt hatte. Berija wurde verhaftet und hingerichtet. Die "kollektive Führung", die das personale Regiment Stalins ablöste und in der Chruschtschow als primus inter pares agierte, stand vor der schwierigen Aufgabe, die repressiven Strukturen des Stalinistischen Systems abzulösen, ohne die Einparteiherrschaft, die zentrale Planwirtschaft und das Primat des Marxismus-Leninismus zu gefährden. Die Geheimpolizei, die unter Stalin und Berija politische Macht gewonnen hatte, wurde wieder dem Parteiapparat untergeordnet. Die Gesellschaft, tief gespalten und durch die Massenrepressionen traumatisiert, musste versöhnt und sozial integriert werden. Der politische, ökonomische und militärische Wettbewerb mit dem "Kapitalismus" - mit den Konsumgesellschaften westlichen Typs - erforderte eine Beschleunigung der Technologieentwicklung, die Restrukturierung der Wirtschaft und die Steigerung der wirtschaftlichen Wachstumsraten.

Charakteristika der Chruschtschow-Ära waren daher fortgesetzte, oft übereilte Reformen im Innern und international das Hervortreten der Sowjetunion als Führungsmacht des "sozialistischen Lagers", die im Rahmen der Entkolonialisierungsbewegung auch weltweit agierte. Die Integration der durch Repression, Krieg und Industrialisierung zerrissenen Gesellschaft sollten ein umfassendes Sozialprogramm sowie die Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Stalin-Zeit gewährleisten. Die Kritik hatte allerdings Grenzen: Zwar wurde das Lagersystem nach 1953 verkleinert und eine große Zahl von Häftlingen entlassen, doch vermied es Chruschtschow, der Stalin in einer Geheimrede auf dem 20. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 scharf verurteilte, seine Kritik auf die Parteiführung, die Partei und den Polizeiapparat auszudehnen. Das politische System als solches wurde nicht in Frage gestellt.

In der Industriepolitik setzte die Chruschtschowsche Führung weiter auf den beschleunigten Ausbau des Produktionsgütersektors und des Rüstungsbereichs. Hier wurden beachtliche Fortschritte erzielt, und 1957 konnte die westliche Öffentlichkeit mit dem Start des ersten Erdsatelliten ("Sputnik-Schock") überrascht werden. In anderen Wirtschaftsbereichen, insbesondere bei der Erzeugung von Konsumgütern, blieben die Leistungen aber deutlich hinter den Erwartungen zurück, und wiederholte Reformen der Industrieverwaltung führten nicht zu besseren Ergebnissen. Die radikale Reorganisation der Partei 1962/63 - der Parteiapparat wurde in einen industriellen und einen agrarischen Zweig unterteilt - provozierte im mittleren und oberen Parteimanagement Unwillen und trug nicht unwesentlich zum Sturz Chruschtschows bei. Auch die umfassende Neuordnung des Agrarbereichs und die Erschließung von Neuland in Mittelasien erbrachten letztlich keine nachhaltigen Leistungsverbesserungen.

Insgesamt hinterließ die Reformpolitik dieser Zeit einen ambivalenten Eindruck: Zwar unternahm die Führung ernsthaft den Versuch, die Schwächen der Wirtschafts- und Sozialorganisation zu überwinden, doch griffen viele der Maßnahmen zu kurz. Zudem brachte der hektische Rhythmus der Reformen immer wieder Unruhe in die Verwaltung. So wuchs innerhalb von Partei und Verwaltungsapparat allmählich die Opposition gegen die Chruschtschowsche Führung.

Auch die Bilanz der sowjetischen Außenpolitik war widersprüchlich. Zwar war es gelungen, die Regime sowjetischen Typs in Ostmitteleuropa nach den Aufständen 1953 in der DDR sowie 1956 in Ungarn und Polen zu konsolidieren und in eine straff organisierte Wirtschafts- und Militärallianz einzubinden. Doch 1960 kam es mit China, dem anderen großen sozialistischen Staat, in der "Polemik über die Generallinie" zu einem tief gehenden ideologischen Zerwürfnis.

Gegenüber den USA konnte die UdSSR ihre Position in der Phase der Entkolonialisierung ausbauen, die "Korrelation der Kräfte" in der Welt schien sich zugunsten der Sowjetunion zu verschieben. Die Gefahr eines atomaren Vernichtungskriegs gab aber Anlass, das Konzept einer "friedlichen Koexistenz" der konkurrierenden Systeme zu entwickeln, und so suchte die Chruschtschowsche Führung das Gespräch mit den USA. Die vorsichtige Annäherung wurde durch Krisen wie den U-2-Zwischenfall 1960, als ein amerikanisches Spionageflugzeug über sowjetischem Territorium abgeschossen wurde, oder den Mauerbau in Berlin 1961 immer wieder belastet. Als Chruschtschow aber 1962 versuchte, im Interessenbereich der USA auf Kuba Mittelstreckenraketen zu stationieren, provozierte er scharfe Reaktionen der Kennedy-Administration und musste einen Rückzieher machen.

Die außenpolitischen Misserfolge verstärkten die Unzufriedenheit in den Führungskreisen der Partei, die durch die übereilten Reformen von Partei und Verwaltung ohnehin irritiert waren. Am 14. Oktober 1964 setzte das Zentralkomitee Chruschtschow ab und wählte Leonid Breschnjew (1964-1982) - Mitglied des Politbüros und seit 1960 als Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjets sowjetisches Staatsoberhaupt - zu seinem Nachfolger in der Parteiführung. Die Form des Machtwechsels - durch Mehrheitsentscheidung im zuständigen Parteigremium - verdeutlicht, wie sehr sich die Sowjetunion in der Ära Chruschtschow verändert hatte. Das repressive Mobilisierungsregime der Stalin-Zeit war durch eine gefestigte Herrschaft der Monopolpartei abgelöst worden, in der politische Prozesse in regelhaften Bahnen verliefen.

Konsolidierung und Stagnation

Die neue Führung beeilte sich zunächst, die Partei- und Verwaltungsreform Chruschtschows rückgängig zu machen, und ging dann daran, die Wirtschaftsleitung neu zu ordnen. Die Stellung der Zentralbehörden, insbesondere des Staatlichen Plankomitees (Gosplan), wurde gestärkt, die Leitung der Industriezweige wieder bei den Ministerien zusammengefasst. Gleichzeitig erhielten jedoch die Betriebe erheblich größere Kompetenzen. In den ersten Jahren führten diese Reformen durchaus zu einer Leistungssteigerung, die jährlichen Wachstumsraten verdoppelten sich. Ab Mitte der siebziger Jahre verlangsamte sich das Wachstum aber fühlbar, die Zunahme blieb selbst nach den offiziellen Angaben noch unter der der Chruschtschow-Zeit. Auch die Agrarproduktion stieg in den siebziger Jahren nur geringfügig. Die sowjetische Volkswirtschaft stagnierte.

Ein entscheidendes Problem war, dass es auf Dauer nicht gelang, die Produktivität der Arbeitskraft nachhaltig zu steigern. Zuwächse wurden daher im Wesentlichen durch Heranziehung zusätzlicher Ressourcen (Arbeitskraft, Energie, Rohstoffe) erzielt - das sowjetische Wachstum war extensiv, nicht intensiv. Ursache war das System der Planung und Leitung, das für die Betriebe keine Anreize schuf, mit Ressourcen sparsam umzugehen und innovative Verfahren einzusetzen. Die Unfähigkeit der sowjetischen Volkswirtschaft, in der technologischen Entwicklung den Anschluss an die kapitalistischen Industriestaaten zu halten, war ein wesentlicher Faktor für ihr Scheitern.

In der Innenpolitik bedeutete der Übergang von Chruschtschow zu Breschnjew ein vorsichtiges Abrücken von der Entstalinisierung. Die kritische Auseinandersetzung mit der Stalin-Ära, die unter Chruschtschow phasenweise in einigen Literaturzeitschriften möglich gewesen war, wurde unterbunden. Bereits vor 1964 war die sowjetische Obrigkeit gegen missliebige Intellektuelle vorgegangen. 1965 initiierte der KGB, das Komitee für Staatssicherheit, einen Schauprozess gegen die Schriftsteller Julij Daniel und Andrej Sinjawskij wegen Verhöhnung des Sowjetsystems. Die Verfolgung nonkonformistischer Intellektueller, zu denen Schriftsteller wie Alexander Solschenizyn und Wissenschaftler wie Andrej Sacharow zählten, war ein Element Breschnjewscher Gesellschaftspolitik.
Außen- und sicherheitspolitisch verzeichnete die UdSSR bis in die zweite Hälfte der siebziger Jahre erhebliche Erfolge. Die Breschnjewsche Führung beschleunigte den Bau von Interkontinentalraketen und erreichte Ende der sechziger Jahre im Bereich strategischer Atomwaffen das Niveau der US-Rüstung. Das Abkommen über die Begrenzung der Strategischen Waffen (SALT I) bestätigte ihr im Jahr 1972 den Status als "die andere Supermacht", als gleichberechtigte Partnerin der USA.

Parallel zur Hochrüstungspolitik suchte die sowjetische Führung die Spannungen in den Ost-West-Beziehungen abzubauen. Durch die Ostverträge und das Viermächteabkommen zum Status von West-Berlin entkrampften sich die deutsch-sowjetischen Beziehungen. Der Helsinki-Prozess, der durch die Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte am 1. August 1975 formalisiert wurde, schuf einen Rahmen für Zusammenarbeit und friedlichen Wettbewerb in Europa. Der Einmarsch in die Tschechoslowakei am 21. August 1968 und die Verkündung der Breschnjew-Doktrin über "die begrenzte Souveränität der sozialistischen Staaten im Falle einer Gefahr für das sozialistische Weltsystem" wurden im Westen nicht als Gefährdung des Entspannungsprozesses wahrgenommen. In der Tat begannen schon im folgenden Jahr die deutsch-sowjetischen Gespräche über Gewaltverzicht und Normalisierung, die im August 1970 erfolgreich zum Abschluss gebracht wurden. Das Verhältnis der UdSSR zu China besserte sich indes nicht. Im März 1969 kam es am Grenzfluss Ussuri sogar zu bewaffneten Zusammenstößen. Der östliche Nachbar wurde zunehmend als bedrohliche Konkurrenz empfunden.

Erst in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre zerbrach die Politik der Entspannung, da die Sowjetunion ihre politische und militärische Präsenz in Asien und Afrika verstärkte. Der Aufbau einer Hochseeflotte, der Einmarsch in Afghanistan 1979 und die militärische Intervention in afrikanischen Krisengebieten wie Angola, Mosambik und Äthiopien provozierten westliche Gegenreaktionen ebenso wie die Stationierung von Mittelstreckenraketen, die auf Westeuropa gerichtet waren. Der Ausbau des Imperiums überforderte die wirtschaftlichen Ressourcen der UdSSR und beschleunigte die innere Krise. Zum technologischen Rückstand und zur ökonomischen Wachstumsschwäche trat Ende der siebziger Jahre eine Legitimationskrise, zu der insbesondere der "schmutzige Krieg" in Afghanistan (1979-1989) beitrug, in dem über 13000 sowjetische Soldaten starben.

Gorbatschow und das Scheitern der Systemreform

Am Ende der Breschnjew-Ära sah sich die sowjetische Führung daher nicht nur mit einer Wirtschaftskrise und einer problematischen außenpolitischen Situation konfrontiert, auch die innere Lage erschien prekär. Die wachsenden Probleme, die in der Spitze der Partei auch durchaus wahrgenommen wurden, veranlassten die politische Führung, im November 1982 nach dem Tode Breschnjews mit Jurij Andropow einen Generalsekretär zu wählen, von dem sie energische Schritte zur Reformierung und zur Modernisierung des Regimes erwartete. Nach Andropows vorzeitigem Tod und dem kurzen Zwischenspiel mit Konstantin Tschernenko entschied sich die Parteispitze, mit dem Andropow-Protegé Michail Gorbatschow einen Generalsekretär zu berufen, der die Konzepte seines politischen Ziehvaters fortführen und in die Tat umsetzen sollte. Tatsächlich knüpfte Gorbatschow zunächst an die Politik Andropows an und suchte die Leistungsfähigkeit der sowjetischen Wirtschaft durch verschärfte Disziplin und "Beschleunigung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts" zu verbessern.

Im Januar 1987 schlug Gorbatschow allerdings eine neue Richtung ein: Auf dem Plenum des Zentralkomitees (ZK) kündigte er eine tief greifende Umgestaltung an, die alle Bereiche der Gesellschaft erfassen sollte - die Perestrojka. So wollte die Reformergruppe um Gorbatschow beispielsweise die Bedeutung der "Sowjets", der Parlamente, erhöhen, die Rechtsordnung stärken, Parteifunktionäre regelrecht wählen statt von oben bestimmte Kandidaten akklamieren zu lassen und die Gesetzgebung verbessern. Damit wurde eine Öffnung der Gesellschaft eingeleitet. Auf der 19. Parteikonferenz im Sommer 1988 setzten sich die Anhänger dieses Kurses mit ihrem Programm durch, das eine Stärkung parlamentarischer Elemente im Regierungssystem vorsah und das Monopol der Kommunistischen Partei de facto in Frage stellte. Die Wahlen zu einem Kongress der Volksdeputierten im Frühjahr 1989 stellten - auch wenn das Wahlverfahren nicht wirklich demokratischen Prinzipien entsprach - den Durchbruch zu einer demokratischen Entwicklung dar.

Die Reform der politischen Ordnung - ursprünglich eine Initiative von oben - schuf den Raum für die Entfaltung einer politischen Öffentlichkeit, die mit einer vehementen Politisierung der Gesellschaft verbunden war. Die KPdSU verlor rasch an Gewicht und büßte im März 1990 ihr politisches Monopol auch offiziell ein. Die Kräfte, die nun hervortraten, waren aber keineswegs gewillt, die Reformpolitik der Gorbatschow-Gruppe zu unterstützen. Denn während es deren Ziel war, die Sowjetunion durch Umgestaltung im Innern als Weltmacht zu erhalten, bezogen die neuen politischen Bewegungen Legitimität aus ihrem - ethnisch, ökologisch, sozial oder historisch begründeten - Auftreten gegen die Politik des Zentrums. Im Kaukasus und in den baltischen Republiken setzten sich Gruppen durch, die eine stärkere Eigenständigkeit dieser Staaten anstrebten bis hin zur völligen Loslösung von der UdSSR. Insofern schuf die Öffnung der Gesellschaft keineswegs eine Basis für die Politik der Gorbatschow-Gruppe, sondern stellte die sowjetische Staatlichkeit insgesamt in Frage.

Gorbatschow und seine Mitstreiter gerieten zwischen die Fronten eines sich verschärfenden Konflikts, in dem durch Wahl legitimierte Bewegungen in Republiken und Regionen, die das alte sowjetische System entschieden ablehnten, konservativen Kräften in der Kommunistischen Partei sowie deren Machtapparaten gegenüberstanden. Das hilflose politische Lavieren Gorbatschows in den Jahren 1990 und 1991 erklärt sich aus dieser Konstellation. Der Umsturzversuch einer "konservativen" Junta im August 1991, der vor allem am Widerstand des russischen Parlaments und der russischen Regierung scheiterte, entzog der Regierung Gorbatschow endgültig den Boden. Der Zerfall der UdSSR, zu dem der "konservative" Putsch den letzten Anstoß gegeben hatte, gab schließlich den Weg für die Transformation von politischem und Wirtschaftssystem frei.
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