Russland

3.2.2004 | Von:

Kultur und Bildungswesen

Identitätssuche in der Kultur

Christine Engel

In Russland ist nach der intensiv erlebten Umbruchszeit während und nach der Perestrojka unter dem politischen Schlagwort "Stabilität" mittlerweile eine gewisse wirtschaftliche und politische Konsolidierung eingetreten. Im Ringen um eine solche Stabilität wurden allerdings auch rigide Pressegesetze erlassen und die Fernsehlandschaft von unabhängigen und regierungskritischen Sendern "bereinigt", so dass dort eine kritische Auseinandersetzung kaum möglich ist. In anderen kulturellen Bereichen, vor allem in Literatur, Literaturkritik und Film, findet sie dagegen statt.

Unter der Maßgabe, dass Kultur ein Verständigungsprozess, ein Aushandeln gemeinsam geteilter Orientierungsmuster ist, lässt sich beobachten, dass die Frage nach der kollektiven Identität ganz oben rangiert. Gegenwärtig vermeidet allerdings die russische Gesellschaft eine kritische Aufarbeitung der einschneidenden kollektiven Erfahrungen des 20. Jahrhunderts wie Revolution, Bürgerkrieg oder Stalinzeit. Die Sowjetzeit ist zwar allgegenwärtig und wird zum Teil auch nostalgisch verklärt, der aufklärerische Gestus der Perestrojka ist jedoch bereits in den frühen neunziger Jahren zum Erliegen gekommen. Auch die dramatischen Erfahrungen der postsowjetischen Umbruchszeit werden derzeit kaum offen angesprochen und eher nur indirekt artikuliert.

Literatur und Literaturkritik

Die russische Literatur bietet seit den neunziger Jahren ein breites Spektrum für alle Arten von Lesebedürfnissen. Das Interesse an Literatur, Theater, Film und Kunst ist nach wie vor sehr groß, und auch die städtische Jugend nimmt daran lebhaften Anteil. Bei all dieser Vielfalt, die auch von den Verlagen nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten gefördert wird, lassen sich aber dennoch gewisse Tendenzen ablesen. Eines der Foren, das allgemeine Entwicklungen im Kulturbetrieb fassbar macht und ein breites Spektrum von Meinungen widerspiegelt, ist die Vergabe von Literaturpreisen, von denen jährlich an die 300 ausgelobt werden, gestiftet von verschiedenen staatlichen Trägern, Banken oder Konzernen. Vor allem die auf den Kulturseiten der Presse veröffentlichten Diskussionen im Vorfeld der Preisverleihungen sind ein Austragungsort für weltanschauliche Positionen, während die literarische Qualität der Werke der potenziellen Preisträger nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt.

Ein Blick auf die Verleihung einiger der bekanntesten Preise im Jahr 2002 zeigt eine merkliche Tendenz zu wertkonservativen Haltungen. Das Problem dabei ist, dass Abgrenzungen zu nationalistischen Einstellungen oft nur ungenügend oder gar nicht vorgenommen werden. So bekam zum Beispiel Alexander Prochanow, ein bolschewistischer Nationalpatriot und Herausgeber der nationalistisch gefärbten Zeitung Sawtra, den Nazionalnyj bestseller, und Eduard Limonow, der sich persönlich für die Anliegen des Milosevic-Regimes in Serbien einsetzte, erhielt den Andrej-Belyj-Preis.

Die wertkonservative Tendenz äußert sich in der Literaturkritik auch in der nachdrücklichen Forderung nach realistischen Schreibweisen, in der Unterstützung von Schriftstellern und Schriftstellerinnen, die solche Schreibweisen pflegen, sowie auf der Ebene theoretischer Überlegungen. Damit bekommen altbekannte Postulate des sozialistischen Realismus neuen Aufschwung, die sich heute wie damals gegen formale Experimente wenden und für ein Schreiben in der Tradition der klassischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts eintreten.

Vehement abgelehnt werden Literatur und Kunst der Postmoderne, die breite Kreise für intellektuell, ironisch und damit gefährlich halten. Aggressive Angriffe gelten der Internet- und Populärkultur sowie einzelnen Literatinnen und Literaten dieser Richtung. Eine der Zielscheiben war der Schriftsteller Wladimir Sorokin, der seit den siebziger Jahren in seinen Werken ideologische und kulturelle Erörterungen als sprachliche und körperliche Gewalt darstellt und dabei den so genannten guten Ton der Literatursprache weit hinter sich lässt. Mithilfe der Vereinigung Iduschtschie wmeste (Vereint marschieren), einer Jugendorganisation, die sich für ein "sauberes Russland" einsetzt und sich auf ihre Nähe zu Präsident Putin beruft, wurde Sorokin 2002 wegen Pornografie vor Gericht gestellt, das ihn allerdings - und auch das ist ein starkes Signal - freisprach.

Sehnsucht nach nationaler Identität

Der "Zerfall des Imperiums" zu Beginn der neunziger Jahre, der von vielen als "Zerfall der Identität" und als "Schnitt in das eigene Fleisch" erlebt wurde, nährt kollektive Wunschvorstellungen nach einer intakten nationalen Identität. Waren in den neunziger Jahren vor allem ironisch-scherzhafte Darstellungen dieser Identitätssuche gängig wie zum Beispiel im Film Osobennosti nazionalnoj ochoty (Besonderheiten der russischen Jagd; 1995; Regie: Alexander Rogoschkin), so überwiegt auch hier inzwischen eine neue "Ernsthaftigkeit", die den Schwerpunkt auf "Patriotismus" legt. Das zeigt sich unter anderem an einer emotionalen Verschiebung bei den Auseinandersetzungen um den Kaukasus-Konflikt. Obwohl bereits der erste Krieg (1994-1996) einen breiten Rückhalt vor allem auch in Kreisen der ehemals regierungskritischen russischen Intelligenzija fand, kamen damals dennoch Stimmen zu Wort, die die Kriegshandlungen als eine unverhältnismäßige Reaktion der russischen Regierung einstuften. Im zweiten Krieg (seit 1999) wurden dagegen - zum Teil aufgrund verschärften Vorgehens gegen regierungskritische Medienberichterstattung - bisher kaum kritische Stimmen laut. Vielmehr werden unter dem Schlagwort der "Rettung des Vaterlandes" (alte) Helden- und Männlichkeitsmythen wieder belebt.

Zwei publikumswirksame Spielfilme - beide von namhaften Regisseuren - machen diese Verschiebung deutlich. Kawkaskij plennik ( Verleihtitel: Gefangen im Kaukasus; 1996) unter der Regie von Sergej Bodrow plädiert für eine Deeskalation des Konflikts, für eine Akzeptanz der fremden Kultur sowie für die Beachtung der kulturellen und territorialen Grenzen. Der Film Wojna (Krieg; 2002) von Alexej Balabanow dagegen entwirft ein Bedrohungsszenarium, das die Tschetschenen als Angreifer stilisiert, die ganz Russland unterwandern.

Vergewisserung in der Geschichte

Die Frage nach dem "Wer sind wir?" wird quer durch alle Lager auch mit der Frage "Woher kommen wir?" und "Zu wem gehören wir?" verknüpft und lässt alte Debatten nach dem "spezifisch Russischen" wieder aufleben, die zum Teil an die kontrovers geführten Argumentationen der Slawophilen und der Westler aus dem 19. Jahrhundert anknüpfen. Diese Suche nach Sicherheiten führt auch zu einem intensiven Erkundungsgang in die vorrevolutionäre russische Geschichte, zum Teil bis in das Kiewer Reich.

Die Selbstvergewisserung über historische Muster prägt inzwischen auch den Raum Moskau, wo allen voran der von Oberbürgermeister Jurij Luschkow geförderte Bildhauer Surab Zereteli seine verschnörkelten Monumente aufstellt, in denen er Elemente aus verschiedenen russischen Stilepochen verwendet und dadurch wohl die Aktualität der Vergangenheit wachrufen will. Autoren wie Wladimir Sorokin oder Dmitrij Prigow nutzten dieses Stilmittel in der russischen Kunst und Literatur des Untergrunds bereits seit den siebziger Jahren, allerdings um sich mit dem Denk- und Zeichensystem der Sowjetunion kritisch auseinanderzusetzen. Inzwischen hat sich dieses Verfahren aber verselbstständigt und wird für unterschiedlichste Darstellungsabsichten verwendet, beispielsweise zur Unterstützung eines diffusen patriotischen Gefühls wie bei Zereteli oder zur Selbstdarstellung wie bei den protzigen Landhäusern der reichen "neuen Russen".

Quellentext

Rückkehr zum Realismus

[...] Seine letzte Blütephase erlebte der russische Realismus in der Zeit des Sozialismus - "solide, traditionell, klassisch, realistisch" lautete das Dogma des heute als propagandistisch denunzierten künstlerischen Schaffens. [...]

Seit der Wende gehen die Reflexionen zum Phänomen des sozialistischen Realismus in verschiedene Richtungen. Die einen erklären ihn zum Kitsch und schneiden ihn damit aus der Kunstgeschichte heraus, beziehungsweise lassen ihn als Gegenstand der spöttischen Popart weiter leben. Versucht man jedoch, dem Phänomen einen Platz in der russischen Kunstgeschichte einzuräumen, kommt man zu erstaunlichen Ergebnissen. Wie zum Beispiel, dass im sozialistischen Realismus die Traditionen der sakralen Kunst fortleben.

In vielen wichtigen Punkten nämlich überschneidet sich das bolschewistische "Hofschaffen" mit der Ikonenmalerei. So zum Beispiel im Darstellungskanon: Ein Lenin im Pyjama ist genau so undenkbar innerhalb des sozialistischen Realismus wie ein laut lachender Jesus in der Ikonenmalerei. [...] Ganz im Sinne der Ikonenmalerei ersetzen die Vorgaben der Propagandakunst das Reale durch das Imaginäre. Und so wie Ikonen ja nur von gesegneten Künstlern gemalt werden durften, wurden die prägenden Bilder der sozialistischen Kunst von "akademischen", also eingeweihten Künstlern geschaffen.

Die Kanonabtrünnigen schufen sich im sowjetischen Underground ihre parallele Kunstwelt, die sich dem offiziellen Trend widersetzte und nachträglich ein hohes Ansehen bekam: Das Unkonventionelle avancierte nach der Perestrojka zum neuen Kanon. All das, was den Beigeschmack des "Offiziellen" oder gar "Traditionellen" trug, galt als abgeschrieben.

[...] Inzwischen hat die Geschichte [...] eine neue Runde gedreht: vom "Unfug" der Moderne enttäuscht, verkündet heute eine bekannte Petersburger Künstlergruppe die Rückkehr zu den Idealen des Akademismus. Angestiftet wurde die Bewegung von Timur Nowikow, [...] er [...] gründete Anfang der Neunziger die Neue Akademie der Feinen Künste. Im Laufe der Jahre entwickelte er sich von einem Verkünder der Westkunst zum Patriarchen der einheimischen "Neoakademisten", die nunmehr auf klassizistische Schönheit setzen. [...]

In einem ihrer militanten Manifeste erläutern die Neoakademisten ihr Vorhaben folgendermaßen: "Und nun, am Ende des 20. Jahrhunderts, machen wir eine freudige und vielleicht auch überraschende Entdeckung: Nach dem Jahrhundert der avantgardistischen Abstraktion ist es die traditionell schöne Kunst, die die Bourgeoisie schockiert."

Nelja Veremej, "Schönheit rettet die Welt", in: Freitag 28 vom 4. Juli 2003.

Im Film bedient sich der Regisseur Nikita Michalkow, gleichzeitig Vorsitzender des russischen Filmverbandes, publikumswirksam eines nationalen und kulturellen Patriotismus. Sibirskij zirjulnik (Der Barbier von Sibirien; 1998) zeigt die Liebesgeschichte zwischen einem Offizier der zaristischen Armee und einer Amerikanerin in der Zeit Alexanders III. und verknüpft dabei Fragen der kollektiven Identitätsfindung mit kulturellen Grenzziehungen zwischen Ost und West. Dabei werden bekannte Klischees aufgegriffen: Die russische Seite verkörpert die "russische Seele" mit Aufrichtigkeit, Verantwortung, Opferbereitschaft, männlicher Ehre und Spontaneität. Dem Westen dagegen wird ungehemmter Rationalismus zugeschrieben, so dass ihm Russland rätselhaft und unzugänglich bleiben muss. Auch der international renommierte Regisseur Alexander Sokurow begibt sich in seinem Film Russkij kowtscheg (Russian Ark; 2003) auf Zeitreise. Er setzt sich mit der bekannten Abhandlung von Astolphe de Custine (1843) auseinander, in der Russland als unzivilisiertes Land aus dem Verband der europäischen Völker ausgeschieden wird. Auf einem langen Marsch durch die verschachtelten Räume der Eremitage in St. Petersburg - aufgenommen in einer einzigen ungeschnittenen Kamerabewegung - lässt der Regisseur die Zarenzeit seit Peter I. bis zu ihrem Untergang Revue passieren. Das 20. Jahrhundert wird dagegen nur angedeutet.

Eine Mischung von historischem Schauplatz und etablierten Diskursen über Ost und West liegt auch den erfolgreichen Kriminal- bzw. Spionageromanen von Boris Akunin zugrunde. Die Figur des Erast Fandorin, erfolgreicher Ermittler des zaristischen Geheimdienstes, trägt Züge von James Bond und einem russischen aristokratischen Dandy des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die Romane Akunins sprechen ein sehr unterschiedliches Publikum an. Leserinnen und Leser, die in der russischen Geschichte Bestätigung der eigenen Größe suchen, werden auf ihre Kosten kommen. Es finden sich aber auch genügend ironische und satirische Bezüge zur Gegenwart und zur verbreiteten Sehnsucht nach dem alten Imperium, die die erste Lesart unterlaufen.

Gegenwart als unsicheres Terrain

Das Unbehagen, verursacht durch die gesellschaftlichen Umbrüche sowie durch mangelnde öffentliche Diskussion und Verdrängungsstrategien, prägt auch viele kulturelle Werke, die sich explizit mit der Gegenwart auseinander setzen. Einen ersten populärkulturellen Niederschlag fand dieses Unbehagen Mitte der neunziger Jahre in der Witzserie über die "neuen Russen". Diese Witze reagierten in einer kollektiven Abwehrhaltung vor allem auf die sich verschärfenden Gesellschaftsunterschiede, die damals in der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich deutlich wurden.

In der Literatur wird die Gegenwart häufig als absurd und instabil gezeichnet. Eine solche brüchige Welt, die der geistigen Verfassung der heutigen Russen nachspürt, vermittelt zum Beispiel Andrej Lewkin in seinem Roman Golem, russkaja wersija (Der Golem, russische Version; 2002), wobei er die Strukturlosigkeit der Welt durch die Strukturlosigkeit des Romans wiedergibt. In diese Reihe von Schriftstellern und Schriftstellerinnen, die die Gegenwart als grotesk, kafkaesk und absurd wahrnehmen, gehören auch Ljudmila Petruschewskaja und Ljudmila Ulizkaja, wobei letztere in ihrem Roman Puteschestwije w sedmuju storonu sweta (Reise in den siebten Himmel; 2000) die heutigen Absurditäten mit denen der Sowjetzeit in Beziehung setzt. Ein häufiges Motiv der neuesten Literatur sind zudem aus ihren Lebensbahnen geworfene Protagonisten und Protagonistinnen, wie sie bei Sergej Gandlewskij oder Wladimir Makanin anzutreffen sind.

Das breite Publikum greift zur Bewältigung anstehender Gegenwartsfragen allerdings eher auf Kriminalromane von Alexandra Marinina oder Darja Donzowa zurück. Beide verwenden aktuelle gesellschaftliche Probleme als Hintergrund der Handlung. Jugendliche Leser und Leserinnen sehen ihre Welt in den Erzählungen von Irina Deneschkina dargestellt. In ihrem Debütband Daj mne (Komm 2002) erzählt die 23-jährige Autorin in schnellen Schnitten und Wendungen von Partys, Punkkonzerten, Sex und Alkohol. Ihre Protagonisten verständigen sich lustvoll über populärkulturelle Codes und Songzitate und lassen dennoch eine spürbare Sehnsucht nach einer Identität jenseits des Labels erkennen.