Russland

3.2.2004 | Von:

Kultur und Bildungswesen

Gliederung des Bildungssystems

Russisches BildungssystemRussisches Bildungssystem
Vorschulerziehung: Im Vorschulbereich ist der Besuch des Kindergartens für die drei- bis sechsjährigen Kinder freiwillig und wegen bestehender Finanzierungslücken in den öffentlichen Haushalten nur für die bedürftigen Familien noch kostenfrei. Zahlreiche Kindergärten mussten in den neunziger Jahren aus finanziellen Gründen geschlossen werden. Der Anteil der betreuten Kinder wächst nach einem Tiefpunkt im Jahre 1998 jedoch langsam wieder an (2001: 4,3 Millionen Kinder oder 57,2 Prozent der Altersgruppe). Weiterhin unzureichend bleibt jedoch die Versorgung auf dem Lande. Befürwortet wird auch ein kurzzeitiger Besuch des Kindergartens, um möglichst vielen Kindern die angestrebte Vorbereitung auf den Schulbesuch zu vermitteln. Neben der individuellen Förderung und besonderen Angeboten, wie zum Beispiel dem frühen Erlernen einer Fremdsprache, stehen Maßnahmen auf dem Programm, die den vielfach schlechten Gesundheitszustand der Kinder verbessern und ihre psychosoziale und geistige Entwicklung fördern sollen.

Allgemein bildende Schule: Im Jahr 2001 gab es 66900 allgemein bildende Schulen mit insgesamt circa 19,4 Millionen Schülerinnen und Schülern. Die meisten Schulen, die grundsätzlich eigene Einnahmen erwirtschaften dürfen, haben finanziell nur überlebt, indem sie von den Eltern Gebühren für besondere Angebote und Zusatzleistungen verlangen. Ein Schulgeld von teilweise beträchtlicher Höhe wird jedoch nur an Privatschulen erhoben. Im Jahre 2001/2002 besuchten 66000 Kinder Privatschulen, die einen Anteil von etwas über einem Prozent aller Schulen ausmachen. Bei den Lernergebnissen übertreffen nur wenige von ihnen die erfolgreicheren staatlichen Schulen.

Die neunjährige Schulpflicht gliedert sich in eine vierjährige Primarstufe (natschalnjaja schkola), die allerdings von den mehrheitlich erst mit sieben Jahren eingeschulten Kindern bereits in drei Jahren absolviert wird. Anschließend folgt die fünfjährige Hauptstufe oder -schule (osnownaja schkola), die mit einer Abschlussprüfung endet. Die Entscheidung über ihre geplante Verlängerung um ein weiteres Schuljahr, die die chronische Überlastung der Schülerinnen und Schüler mit Lehrstoff (bei faktisch für viele nur acht Schuljahren) reduzieren sollte, wurde vorerst ausgesetzt.

Erwerb der Hochschulreife: Circa zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler, in den Städten weitaus mehr, gehen nach absolvierter Pflichtschule in die zur Hochschulreife führende zweijährige Oberstufe über, um die "vollständige mittlere Bildung" (srednee polnoe obrasowanie) zu erwerben; eine Aufnahmeprüfung ist hierfür nicht erforderlich. Die Oberstufe schließt mit der Abiturprüfung ab, die jedoch noch nicht den Eintritt in die Hochschule garantiert.

Im Jahr 2000 besuchten etwa 12,7 Prozent, auf dem Lande jedoch nur 2,6 Prozent der Schulkinder Schulen "gehobenen Typs" (schkoly powyschennogo tipa) mit besonderen Angeboten zur Hochschulvorbereitung - die neu geschaffenen Gymnasien ab Klasse eins, fünf oder acht sowie die mathematisch-naturwissenschaftlich und technisch ausgerichteten Lyzeen ab Klasse acht oder zehn. Zusammen mit den herkömmlichen Schulen, die vertieften Unterricht in einzelnen Unterrichtsfächern anbieten, bilden diese Einrichtungen eine Gruppe, die vielfach im Rahmen eines Vertrags mit einer Universität und deren Lehrkräften zusammenarbeitet, um den Übergang der Schülerinnen und Schüler in ein Hochschulstudium gezielt vorzubereiten. Besondere bildungspolitische Aufmerksamkeit erhielten die wenigen neuen Eliteschulen bei den Spitzenuniversitäten in Moskau und St. Petersburg sowie in dem naturwissenschaftlich-technischen Zentrum von Nowosibirsk.

Einrichtungen für Minoritäten: Circa 19 Prozent der Bevölkerung gehören mehr als 160 nichtrussischen so genannten Nationalitäten und ethnischen Gruppen an. Für sie gibt es "nationale Schulen", in denen laut verfassungsmäßig abgesichertem Recht ein Unterricht in der Muttersprache und in nationalspezifischen Inhalten angeboten wird.

Zugang zum Studium: Ein großes Problem bildet derzeit noch der Übergang zum Hochschulstudium, für den sich circa 70 Prozent der Abiturientinnen und Abiturienten entscheiden. Insbesondere Schülerinnen und Schüler aus den unteren Einkommensschichten und der Provinz haben aus finanziellen Gründen allein auf der Basis des Abiturs keine gleichen Zugangschancen: Ohne die Vorbereitung durch kostspielige private Tutorien sind die obligatorischen traditionellen Aufnahmeprüfungen an den Universitäten kaum zu bestehen. Weil Tutoren und Prüfer vielfach dieselbe Person sind und Schmiergeldzahlungen keine Ausnahme bilden, ist das Verfahren in den Augen der Öffentlichkeit höchst angreifbar geworden. Das bereits in 47 Regionen erfolgreich erprobte neue einheitliche staatliche Examen (Jedinnyj gosudarstwennyj eksamen, EGE) am Ende der oberen Sekundarstufe bedeutet eine Herauslösung der Prüfung aus der Schule, aber auch aus der Hochschule. Durch den Einsatz von Tests und die Nutzung von Computern soll die Auswertung zentralisiert und eine größere Objektivität erreicht werden. Zurückgenommen wurden die Pläne, an die Prüfungsergebnisse Studien-Gutscheine zu koppeln, die in ihrer Höhe nach der Leistung gestaffelt sind.

Eine ebenfalls in Erprobung befindliche Profilbildung nach Fächerschwerpunkten in der oberen Sekundarstufe soll das einheitliche Examen flankieren. Diese Form der Spezialisierung bedeutet eine einschneidende Veränderung der in ihrem Kernbestand immer noch überwiegend einheitlichen Curricula der allgemein bildenden Schulen. Die Profilbildung soll den individuellen Interessen und Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler mehr Raum geben und in Zusammenarbeit mit außerschulischen Einrichtungen (darunter auch berufliche Schulen und Hochschulen) berufsorientierend wirken. Darüber hinaus kann mit ihr der Zustrom zu den Hochschulen stärker kanalisiert werden. Beabsichtigt, aber noch immer nicht verabschiedet, ist außerdem die Erneuerung der Bildungsprogramme im Rahmen eines für die gesamte Föderation gültigen einheitlichen Bildungsstandards. Dieser legt nach dem Vorbild der PISA-Studie die zu vermittelnden staatlich garantierten Mindest-Kompetenzanforderungen fest und kann in den Regionen und den Einzelschulen inhaltlich ergänzt werden.

Berufliches Bildungswesen: Das differenzierte, auf Durchlässigkeit ausgerichtete berufliche Bildungswesen umfasst, angefangen von der einfachen Anlernausbildung im Betrieb über die grundlegende berufliche Bildung in beruflichen Schulen sowie die mittlere Fachschulbildung und das Hochschulstudium, vier Stufen sowie schließlich den gesamten Aufgabenbereich der Weiterbildung von Arbeitskräften. Dieser mündet in das lebenslange Lernen der allgemeinen Erwachsenenbildung ein. Ebenso wie das Wissenschaftssystem war die berufliche Bildung besonderen Einbrüchen ausgesetzt, da sie in der Vergangenheit in weiten Bereichen an die zugehörigen eng spezialisierten Wirtschaftszweige und Betriebe sowie eine planwirtschaftlich organisierte Administration gebunden war. Nach dem Zusammenbruch der großen Industriebetriebe ist das Berufsbildungssystem nun in hohem Maße von einer neuerlichen Stabilisierung der allgemeinen Wirtschafts- und Arbeitsmarktentwicklung abhängig.

Hochschulwesen: Im Hochschulbereich hat sich eine Privatisierung erheblichen Umfangs und eine dynamische Entwicklung vollzogen. Ursächlich hierfür war eine wachsende Bereitschaft unter den in der Aufnahmeprüfung abgewiesenen Studienbewerbern, für ihr Studium Gebühren zu entrichten. Die Zahl der Hochschulen verdoppelte sich von 519 im Jahr 1991 auf 1008 im Jahr 2001; 387 davon sind Privathochschulen. Vielfach erweiterten bis dahin fachlich eng begrenzte Hochschulen ihr Fächerspektrum, um den begehrten Status einer Universität zu erlangen (1998: 270, 2001: 304 Universitäten). Offiziell unterstützt wird die Tendenz, in die Hochschulen zunehmend Einrichtungen anderer Bildungsstufen wie Gymnasien, Lyzeen, Colleges, Technika sowie mittlere Fachschulen einzubinden.

Seit dem Tiefpunkt im Jahre 1993/1994 hat sich die Studierendenzahl mit 5,426 Millionen mehr als verdoppelt, und ihr Anteil je 10000 Einwohner ist gegenüber den achtziger Jahren um die Hälfte gestiegen (2001: 332 gegenüber 1980: 219 Studierenden nur an staatlichen Hochschulen). Die vom Bildungsministerium festgelegte Quote von höchstens 25 Prozent bezahlenden Studierenden je Hochschule wurde beträchtlich überschritten und erreichte im Durchschnitt circa 44 Prozent. Der vergleichsweise umfangreiche Sektor der privaten Hochschulen wird bislang nur von knapp 11,6 Prozent der Studierenden besucht. Die in der Regel kleinen Privathochschulen verlangen teilweise Studiengebühren von mehreren 1000 US-Dollar pro Studienjahr. Die staatliche Kontrolle der angebotenen Qualifikationen wird in diesem, aber auch im staatlichen Hochschulsektor verschärft, um auszuschließen, dass unlautere, aber auch qualitativ unzureichende Angebote fortbestehen können. Die äußerst geringen Stipendien wurden kürzlich erhöht, und es sollen in breiterem Umfang Studienkredite für finanziell bedürftige Studierende erprobt und eingeführt werden. Deren Rückzahlung kann bei Übernahme einer staatlich erwünschten Tätigkeit, etwa als Lehrkraft an einer Landschule, erlassen werden.

Bislang konnte die Einführung eines Stufenstudiums nach internationalem Muster (Bakkalaureus- und Magister-Abschluss) das traditionelle, nach fünf Studienjahren erreichte Diplom nicht ablösen. Mit den Bestrebungen Russlands, sich dem gesamteuropäischen so genannten Bologna-Prozess anzuschließen, in dessen Rahmen die Studiengänge und Hochschulabschlüsse europaweit kompatibel werden sollen, gewinnt diese Struktur des Hochschulstudiums aber erneut an Aktualität.

Der schlechte Zustand und das traditionell geringe Prestige der Ausbildung in den einfachen Berufen, der große Mangel an qualifizierten Arbeitsplätzen, aber auch die Zurückstellung vom Wehrdienst bei Aufnahme eines Studiums direkt nach dem Abitur ließen das Hochschulstudium für immer mehr junge Menschen attraktiv werden. Die Entwicklung veranlasste mittlerweile die Regierung, an eine Zulassungsbegrenzung in Abstimmung mit dem Arbeitskräftebedarf der sich wieder erholenden Wirtschaft zu denken. Beklagt wird zugleich die erhebliche Abwanderung gerade der qualifiziertesten jungen Hochschulabsolventen in das westliche Ausland.

Quellentext

Suche nach Orientierung

[...] Iwan ist einer derer, die von Russlands Öffnung zur Welt profitieren. Der 18-Jährige hat zehn Monate in Solingen gelebt und spricht gut Deutsch. Er gehört zur noch kleinen Gruppe von Jugendlichen, die andere Länder kennen gelernt und dabei ein russisches Selbstbewusstsein fern eines intoleranten Patriotismus erworben haben. [...]

Die Möglichkeiten der Selbstbestimmung mögen groß sein im heutigen Russland, den immensen Leistungsdruck aber spürt jeder. In einem Jahr will Iwan zur Ausbildung als Kameramann auf die Kinohochschule gehen, um später ins Regiefach zu wechseln. Von September an muss er neben der Schule den Vorbereitungskurs auf die obligatorische Aufnahmeprüfung besuchen. Der kostet an die 1000 Dollar. Ohne den Kursus hat er keine Chance. Bildung kostet. Dennoch boomen die Hochschulen. Mitte der neunziger Jahre erschien es den meisten Jugendlichen noch verlockender, schnell an der Kasse eines Kiosks Geld zu verdienen: Heute sind die Ansprüche der Studenten gestiegen: Nicht mehr das Proforma-Diplom sozialistischer Zeiten oder der universitäre Heiratsmarkt zählen, sondern die Qualität und der Nutzen der Lehre.

So ist eine unübersichtliche Landschaft von staatlichen und privaten Instituten entstanden, die allein durch das System der Vorbereitungskurse etwa eine Milliarde Dollar im Jahr kassieren. Die Staatsuniversitäten nehmen zur Hälfte zahlende Studenten auf - reiche Eltern sind oft die beste Antwort auf die Fragen in der Aufnahmeprüfung. [...]

Besonders die rein kommerziellen Hochschulen sind auf die zahlenden Studenten angewiesen. Die jungen Männer wollen nach dem Abitur unbedingt studieren, weil sie so dem Wehrdienst entgehen können. [...] Iwans Kinohochschule ist eine Militärfakultät angegliedert, die er absolvieren wird, um nach dem Studium nicht mehr eingezogen zu werden. [...]

Er lebt allein mit seiner Mutter. Fast alle Jugendlichen leben entweder bei den Eltern oder ganz unabhängig. Wohngemeinschaften stoßen durch die instinktive Abneigung gegen den Kollektivismus auf Ablehnung. Vielleicht bekommt Iwans Freundin später die Wohnung ihrer Großmutter. Dann können sie heiraten, obwohl Iwan sich damit noch Zeit lassen will. Erst möchte er sein Leben auf die Beine stellen. Das unterscheidet ihn von der Generation seiner Eltern, in der die frühe Heirat mit 18 oder 20 Jahren die sozialistische Existenz und den Anspruch auf eine staatliche Wohnung hatte sichern sollen. [...]

Johannes Voswinkel, "Iwan im Underground", in: Die Zeit Nr. 44 vom 24. Oktober 2002.