Tschechien

8.11.2002 | Von:

Beziehungen zu Deutschland

Alltagsbegegnungen vor 1990

Über Jahrzehnte nach dem Krieg waren auch die Alltagsbeziehungen der drei Staaten noch geprägt durch das Münchener Abkommen, das Protektorat und die Vertreibung. Bei den Tschechen wie bei anderen Europäern galten die Deutschen vielfach als kollektiv schuldig für die Verbrechen des Dritten Reiches. Auf der anderen Seite wirkten die Verletzungen der Nachkriegszeit und das Leid der Vertriebenen nach. In der Bundesrepublik wurde die Vertreibung als ungerechte Bestrafung der Deutschen in der Tschechoslowakei gewertet.

In der DDR blieb diese Seite der Geschichte nur in familiären Gesprächen und im individuellen Gedächtnis lebendig. Für die Ostdeutschen bot die Tschechoslowakei im Laufe der Jahrzehnte immer anziehendere Aspekte: Durch eigene Reiseerfahrungen lernten sie ihre Landschaft, ihre Städte, ihre Kultur und ihr Warenangebot schätzen. Da die Tschechoslowakei die nach der Sowjetunion größte Außenhandelspartnerin der DDR unter den Staaten des RGW (COMECON) war, vor Polen und Ungarn, ergaben sich umfangreichere Kontakte zwischen den Betrieben und reger Warenaustausch. Der Skoda war in der DDR-Bevölkerung ein begehrtes Auto. Auf der anderen Seite wurden Fahrzeuge der Marken "Wartburg" und "Trabant" ins Nachbarland geliefert. Das Projekt, gemeinsam ein "RGW-Auto" zu bauen, scheiterte jedoch.

Von zentraler Bedeutung für den alltäglichen Kontakt war die Vereinbarung über den visa- und passfreien Reiseverkehr zwischen beiden Ländern, die Anfang 1972 in Kraft trat. Während 1970 66000 Tschechen und Slowaken in die DDR und 77000 Ostdeutsche zu privaten Zwecken in den Nachbarstaat gefahren waren, kamen 1973 über 4,2 Millionen Ostdeutsche zu ihren Nachbarn und in die DDR reisten 1,2 Millionen Tschechen und Slowaken.

Reiseverkehr in und aus CSSRReiseverkehr in und aus CSSR
Diese hohe Zahl ostdeutscher Reisender blieb bis in die achtziger Jahre konstant, während sich die Zahl der tschechoslowakischen Besucher auf über zwei Millionen, 1988 sogar um weitere 500000 erhöhte, obgleich Ungarn noch vor der DDR ihr wichtigstes Reiseziel blieb. Aus Angaben des Tschechoslowakischen Statistischen Amtes geht hervor, dass 1985 über sieben Millionen DDR-Bürger im Nachbarland waren und somit knapp die Hälfte aller ausländischen Besucher des Landes stellten.

Dieses gegenseitige Interesse hatte teilweise wirtschaftliche Ursachen. Die Tschechen wurden durch die gleichbleibend niedrigen Preise in der DDR angezogen, die DDR-Bürger waren durch das relativ reichhaltige Warenangebot der Tschechoslowakei beeindruckt. Der Kontakt in Pensionen und Geschäften führte dazu, dass die sozialen und kulturellen Eigenarten des jeweiligen Nachbarn vertrauter wurden.

Aus der Bundesrepublik wurden im selben Zeitraum erheblich weniger Besucher registriert: jährlich zwischen 400000 und 700000. Die Urlaubs- und Einkaufsreisen der Tschechen und Slowaken in den Westen führten zwar bis auf 1989, als der Tourismus nach Österreich hohe Zuwachsraten verzeichnete, vorrangig in die Bundesrepublik, verharrten aber auf wesentlich niedrigerem Niveau. Für die Beziehungen zwischen der Tschechoslowakei und der Bundesrepublik war der Handel wichtiger als der Tourismus. Die Bundesrepublik war schon vor 1989 der wichtigste tschechoslowakische Handelspartner im Westen, wobei der Handel mit der Bundesrepublik vor 1989 circa zwei Drittel des gesamten tschechoslowakischen EG-Außenhandels ausmachte.

Neben Politik, Handel und Tourismus prägte ein spezielles politisches Ereignis die Alltagsbeziehungen der drei Staaten: die Reformen des Jahres 1968 und ihr Ende. Den Weg in die DDR fand der "Prager Frühling" wegen der restriktiven Informationspolitik der SED-Führung allerdings nur über die private Berichterstattung sowie über Rundfunk und Fernsehen des anderen Deutschland. Studien nach 1989 zeigten, dass sich zunächst nur wenige DDR-Bürger für den "Prager Frühling" und gegen seine militärische Unterdrückung aussprachen, die dann allerdings in den achtziger Jahren und besonders im Herbst 1989 in der Bewegung für eine demokratische DDR eine herausragende Rolle spielten. Für diese aktive Minderheit waren die Hoffnungen des tschechoslowakischen Reformversuchs und seine Beendigung durch die kommunistischen Machthaber eine prägende Erfahrung. Das zweite wichtige politische Einzelereignis vor 1989, die "Charta 77", wurde ebenfalls nur von einer Minderheit der DDR-Bevölkerung, den Dissidenten, intensiv wahrgenommen.

Quellentext

Geliebte Tschechen, 1969

Nach Deutschland doch nicht. Also brach ich nach Holland auf. Nur, in Hamburg ging mir das Geld aus. Die Ausreisegenehmigung hatte ich bekommen und 20 Mark. Das Studienbuch kam auch mit. Verbotenerweise. Vater sagte am Telefon: "Bleibe dort". Gesehen habe ich meine Eltern zehn Jahre nicht mehr. Die Gastgeber, Familie Herr, fragten nicht "bis wann?" Der kleine Bauunternehmer konnte sich das leisten.

Im Polizeigebäude waren zwei Türen. Eine mit Treppe, die andere ohne – einige Kunden kamen in der grünen Minna. Zusammen wurden wir abgelichtet, gaben Fingerabdrücke. Das entwürdigte uns nicht – es gab eine Fortsetzung. Hamburger Millionäre kamen oft zusammen, um Flüchtlingen zu helfen. Heinz Wittenburg fand mich heraus – heute kaum denkbar. Die Starthilfe war da – ein Anzug vom Edelsten. Der erste Job – Fensterputz bei Warburgs: Herr Sonka, es ist schon sauber genug, kommen Sie zum Tee. Das alles auf Englisch. Die neue Sprache: Karl May und ein Wörterbuch, Fernsehshows mit Roy Black und Uschi Glas, Pippi Langstrumpf – bei den Gastgebern. Und nach zwei Monaten die Aufnahme in die Uni. Das Studium aus Prag wurde anerkannt.

Andere haben es schwerer gehabt. Flüchtlingslager. Eltern sprachen mit ihren Kindern im holprigen Deutsch, um sie "nicht zu benachteiligen". Kinder verstanden es nicht – Iva Svarcová drehte einen Film dazu. Ich jedoch kam mir immer wie ein "Deutscher ehrenhalber" vor. Zuerst wegen der Sprache etwas zurückgestellt, wurde ich später um die Ausfertigung dienstlicher Briefe gebeten, denn ich lernte diesen "schwülstigen deutschen Stil". Beim Mikroskop hörte ich Bundestagsdebatten: Brandt, Stücklen, Wehner, Maihofer, von und zu Guttenberg. Dann kam eine böhmakelnde Stimme hinzu: Milan Horacek, der neue Grüne. Da waren wir, manche Tschechen, richtig integriert.

Was tun mit dem Schulwissen. Wie kann es sein, dass gleiche Daten in eine völlig verschiedene Geschichte führen? Wie können sie sich für den aggressiven Bismarck begeistern? Wie können wir mit den Sudetendeutschen so merkwürdig umgehen, wenn sie mir im Jetzt helfen.

Mein Kind ("Mischling") und die Zweisprachigkeit sind mir bis heute wichtig. Für die heutigen Emigranten ist es schwieriger: Die Erfahrung von woanders, eine Sprachkompetenz außerhalb der großen Sprachen, spielen in der deutschen Integrationsdiskussion keine Rolle. Die heutigen Flüchtlinge und Ausländer kennen die meiner Erfahrung entsprechende freundliche Behandlung nicht. Leitkultur? Was machen wir mit den Deutschen "von Geburt", die sprachlich und beim Geschichtstest schlechter abschneiden als ich? Ich wurde angenommen und gefördert und heute wird hineingeprügelt.

Jaroslav Sonka, heute zwei Pässe. Journalist, Europäische Akademie Berlin.

Die Sicht der Tschechen und Slowaken wurde beeinflusst durch die Erkenntnis, dass die DDR-Deutschen sich 1968 an der Niederwerfung des Reformversuchs beteiligt hatten, während aus dem anderen deutschen Staat Unterstützung für den "Prager Frühling" und Protest gegen seine Unterdrückung laut wurde. Danach suchten zehntausende politische Emigranten aus der Tschechoslowakei in der Bundesrepublik eine zweite Heimat. Von den geschätzten 150000, die ihr Land nach dem 21. August verlassen haben, sind bis 1969 ungefähr 55000 in die Bundesrepublik gegangen, circa 34000 davon sind geblieben. In den siebziger Jahren kamen jährlich jeweils einige hundert Emigranten, in den achtziger Jahren stieg deren Zahl auf einige Tausend an. Insgesamt waren es noch einmal circa 25000.