Deutschland in den 70er/80er Jahren

4.4.2002 | Von:

Wirtschaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik

Technologischer Wandel

Wirtschaftlich im WandelWirtschaftlich im Wandel
Die krisenhafte Entwicklung der siebziger Jahre fiel zusammen mit einem raschen technologischen Wandel, der geprägt war von dem Vordringen der so genannten Neuen Technologien. Dazu zählte die Roboter- und Sensortechnik, Gen- und Biotechnologie, Verbundwerkstoffe, Recyclingverfahren, computergestützte Konstruktion und Fertigung, Telekommunikation und Mikroelektronik. Im Gegensatz zu den ressourcenintensiven Neuerungen der beiden vorhergehenden Jahrzehnte zeichneten sich die Neuen Technologien dadurch aus, dass sie Einsparungen an Material, Energie, Arbeit und Kapital ermöglichten. Weitere Merkmale waren der Übergang "vom Produkt zum System", die Verwischung der Grenzen zwischen ehemals eigenständigen Bereichen wie Elektronik und Informationsverarbeitung, Biochemie, Mikrobiologie und Verfahrenstechnik sowie der vor allem in der Mikroelektronik zu beobachtende Trend zur Internationalisierung.

Die Stärke der Bundesrepublik lag allerdings weniger im Bereich der Spitzentechnologie als vielmehr in dem der höherwertigen Technologie. So übertrafen die deutschen Ausfuhren von Gütern der zweiten Kategorie in die USA die entsprechenden Einfuhren fast um das Dreieinhalbfache und im Fall der EG immerhin um das Zweieinhalbfache. Hohe Exportüberschüsse erzielten beispielsweise Erzeugnisse der chemischen Industrie, des Maschinenbaus, der Automobilindustrie, medizinische Geräte und technische Keramik; im Bereich der Spitzentechnologie zählten pharmazeutische Produkte, neue Kunststoffe, medizinische Elektronik, hochentwickelte optische Instrumente sowie mess- und regeltechnische Ge-räte zu den gefragten Gütern. Eindeutige Defizite existierten dagegen in den wichtigen Sparten Datenverarbeitung, Tele-kommunikation und Halbleitertechnik.

Die staatliche Technologiepolitik konzentrierte sich seit Beginn der siebziger Jahre besonders auf die Neuen Technologien. Die gesamten staatlichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung stiegen von 2,8 Milliarden im Jahr 1974 auf knapp unter sechs Milliarden im Jahr 1985. Der Kreis der innovativen Branchen blieb ungeachtet solcher staatlicher Eingriffe in etwa gleich: Nach wie vor gehörten die chemische Industrie, die Elektrotechnik, der Fahrzeug- und Maschinenbau, die Gummi- und Kunststoffverarbeitung, die Sparten Büromaschinen und EDV-Industrie, Feinmechanik und Optik sowie die Feinkeramik dazu. Die meisten dieser innovationsstarken Industrien zeichneten sich in den siebziger und achtziger Jahren auch durch ein überdurchschnittliches Wachstum aus.

Strittig sind die beschäftigungspolitischen Effekte des Einsatzes der Neuen Technologien: Auf der einen Seite konnten innovationsfreudige Unternehmen ihre Beschäftigtenzahlen steigern; auf der anderen Seite wurden beispielsweise in der informationstechnischen Industrie viele neu geschaffene Arbeitsplätze später wieder abgebaut. Einigkeit herrscht indes darüber, dass Innovationen der Produktionsverfahren Arbeitsplätze vernichten und Produktinnovationen Arbeitsplätze schaffen. Eindeutige Belege für eine "technologische Arbeitslosigkeit" gibt es für den hier interessierenden Zeitraum jedenfalls nicht.

Von Stagnation, wie sie die Wirtschaft der Bundesrepublik Mitte der siebziger Jahre kennzeichnete, konnte also auf dem Gebiet der Technik keine Rede sein – im Gegenteil. Die "dritte industrielle Revolution", wie der Siegeszug der Neuen Technologien auch genannt wurde, veränderte die Arbeits- und Lebenswelt grundlegend. Sie stellte nicht zuletzt die Organisationen der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber vor neue Herausforderungen.

Sozialpartnerschaft auf dem Prüfstand

Die Kontroverse, die Mitte des Jahrzehnts zwischen den "Sozialpartnern" entbrannte, drehte sich allerdings nicht darum, wie die Folgen des technologischen Wandels am besten bewältigt werden könnten. Im Mittelpunkt stand vielmehr die Frage der Mitbestimmung. Ausgelöst wurde der Streit durch einen Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Reform der Mitbestimmung, welcher, in Anlehnung an die seit 1951 geltende Regelung in der Montanindustrie, die Parität zwischen Anteilseignern und Arbeitnehmern im Aufsichtsrat vorsah. Betroffen waren rund 650 Großbetriebe mit jeweils mehr als 2000 Beschäftigten. Proteste der Unternehmerseite sorgten dafür, dass der Aufsichtsratsvorsitzende nach der endgültigen Regelung eine Zweitstimme erhielt, die es ihm erlaubte, bei Abstimmungen eine Pattsituation zu vermeiden.

Ungeachtet dieses allenfalls halben Erfolgs der Gewerkschaften klagten Vertreter der Unternehmer über deren vermeintliche Übermacht im politischen Leben der Bundesrepublik und malten das Schreckgespenst eines "Gewerkschaftsstaates" an die Wand. Der Deutsche Gewerkschaftsbund nahm diese Angriffe zum Anlass, aus der "Konzertierten Aktion" auszutreten. Dieser Schritt markierte das Ende der institutionalisierten Zusammenarbeit zwischen Staat, Gewerkschaften und Unternehmerverbänden, die vor allem darauf abgezielt hatte, durch gemeinsame Anstrengungen, beispielsweise durch die Einhaltung von Lohnleitlinien, eine kontinuierliche wirtschaftliche Entwicklung zu gewährleisten; allerdings hatte die "Konzertierte Aktion" bereits in den Jahren zuvor ihre Bedeutung als wirtschafts- und sozialpolitisches Verhandlungs- und Koordinierungsgremium weitgehend eingebüßt.

Hingegen bewährte sich das neue Mitbestimmungsgesetz vor allem insofern, als es die Zusammenarbeit zwischen Betriebsleitungen und Belegschaftsvertretern und damit eine Stärkung "kooperativer Unternehmenskulturen" (Wolfgang Streeck) förderte. Das bedeutete, dass auch auf überbetrieblicher Ebene sich Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften darum bemühten, Tarifkonflikte eher durch Verhandlungen als durch Streiks und Aussperrungen zu lösen.