Deutschland in den 70er/80er Jahren
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Gesellschaft, Alltag und Kultur in der Bundesrepublik


4.4.2002
Die Gesellschaft der Bundesrepublik befindet sich im Umbruch: Deutschland ist de facto ein Einwanderungsland geworden - der Begriff selbst bleibt dabei noch lange tabuisiert. Die Bildungsexpansion erreicht ihren Höhepunkt, die Frauenbewegung beginnt sich zu etablieren und ein allgemeiner Wertewandel - Stichworte "Risikogesellschaft" bzw. "Erlebnisgesellschaft" vollzieht sich.

In Frankfurt demonstrieren im Jahr 1974 Frauen gegen Paragraph 218 und für das Recht auf Abtreibung.In Frankfurt demonstrieren im Jahr 1974 Frauen gegen Paragraph 218 und für das Recht auf Abtreibung. (© picture-alliance/AP)

Bevölkerung



Die Bevölkerungszahl der Bundesrepublik stieg in den siebziger und achtziger Jahren von 61 auf 62,7 Millionen (1989) und damit weit weniger stark als in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens. Der von der Öffentlichkeit besorgt kommentierte Rückgang der Geburtenraten (1970: 13,4 Lebendgeborene je 1000 Einwohner; 1985: 9,6; 1989: 11,0) und die zugleich steigende Lebenserwartung (1970: bei Männern 67,4, bei Frauen 73,8 Jahre; 1991: 73,1 bzw. 79,5) ließ die Gesellschaft insgesamt altern. Die Demographen rechneten bereits Mitte der siebziger Jahre vor, dass für den vollständigen Ersatz der Elterngeneration diese 2,2 Kinder erzeugen müsste, während es tatsächlich nur 1,4 waren.

War 1970 annähernd ein Drittel der Bevölkerung jünger als 20 Jahre, machte dieser Anteil Mitte der neunziger Jahre nur noch ein Fünftel aus. Hinzu kam, dass immer weniger Menschen bis zum 65. Lebensjahr arbeiteten. Waren es 1970 noch fast die Hälfte aller Arbeiter und Angestellten, galt dies ein Jahrzehnt später nur noch für jeden sechsten.

Die Bundesrepublik war – insbesondere infolge der Arbeitsimmigration von "Gastarbeitern" aus Süd- und Südosteuropa – im Laufe der sechziger und frühen siebziger Jahre de facto zu einem Einwanderungsland geworden – der Begriff selbst blieb freilich noch lange politisch tabuisiert. Die Zahl der ausländischen Arbeitskräfte verzwanzigfachte sich in diesem Zeitraum auf 2,6 Millionen (1973), wobei türkische Staatsangehörige seither die größte Gruppe stellen. Spätestens Anfang der siebziger Jahre zeichnete sich endgültig ab, dass die "Gastarbeiter" durch den Nachzug ihrer Familien zu einem ständigen Teil der Bevölkerung der Bundesrepublik geworden waren.

Jedes sechste neu geborene Kind hatte 1974 ausländische Eltern und von 1970 bis 1980 stieg die Zahl der ausländischen Bürgerinnen und Bürger von 3 auf 4,5 Millionen (= 7,2 Prozent der gesamten Wohnbevölkerung) stark an. In den achtziger Jahren nahm dann die Zahl der Ausländer nur noch langsam zu. Sie betrug 1989 4,8 Millionen (= 7,7 Prozent). Versuche in der Zeit der Kanzlerschaft Kohls, die Rückkehr von ausländischen Bürgerinnen und Bürgern finanziell zu fördern, wurden Anfang der neunziger Jahre aufgegeben. Die zu einem großen Teil bereits in der zweiten und dritten Generation in Deutschland lebenden ausländischen Menschen waren und sind nicht nur volkswirtschaftlich unersetzlich, sondern bewirkten zugleich eine gesellschaftliche und kulturelle Öffnung des nationalen Horizonts – dies markierte einen beträchtlichen und nachwirkenden Unterschied zur DDR.

Allerdings war das Verhältnis der westdeutschen Bevölkerung zu den ausländischen Mitbürgern keineswegs harmonisch. Einer Untersuchung des Instituts für angewandte Sozialwissenschaft (infas) zufolge meinten 39 Prozent der repräsentativ Befragten Ende 1981, die Türken würden den Deutschen ihre Arbeitsplätze wegnehmen. Latente oder offene Ausländerfeindschaft zeigte sich vor allem unter Menschen mit niedrigem sozialem Status und Bildungsniveau, speziell unter männlichen Jugendlichen. Anders als in den sechziger und siebziger Jahren galt Ausländerfeindschaft in den achtziger Jahren nicht mehr ausschließlich den Gastarbeitern, sondern verstärkt der Gruppe der Asylsuchenden. Diese Gruppe verdoppelte sich 1980 gegenüber dem Vorjahr auf circa 100000. Da – neben einem größeren Anteil kurdischer Flüchtlinge aus der Türkei – auch sehr viele Menschen aus Afrika unter den Asylbewerbern waren, mischten sich nun auch stärker offen rassistische Töne in die Ausländerfeindschaft. Die Auseinandersetzung um die Regelung des Asylrechts eskalierte dann in den neunziger Jahren.

Soziale Struktur



Die bereits in den sechziger Jahren einsetzende Entwicklung zur "postindustriellen", das heißt nicht mehr vom industriellen, sondern vom "tertiären" bzw. Dienstleistungssektor volkswirtschaftlich dominierten Gesellschaft schritt in den siebziger und achtziger Jahren weiter voran: Erstmals war Mitte der siebziger Jahre (1975) mit 47,9 Prozent ein höherer Anteil aller Erwerbstätigen im so genannten tertiären bzw. Dienstleistungssektor beschäftigt als im produzierenden Gewerbe, also in Industrie und Handwerk, mit 45,3 Prozent. Seither hat sich die Schere noch weiter geöffnet (1989 betrug die Relation 55 zu 41 Prozent), während der Anteil der in Land- und Forstwirtschaft Beschäftigten sich von 1970 bis 1988 auf 4,2 Prozent halbierte. Ausdruck fand dieser volkswirtschaftliche Strukturwandel auch darin, dass seit Mitte der siebziger Jahre der Anteil der Angestellten und Beamten denjenigen der Arbeiter überstieg und dass zugleich Bildungsstand und Qualifikationsstruktur immer weiter anstiegen. Der Anteil der "ungelernten" Erwerbstätigen sank von 41 Prozent (1970) auf 23 Prozent (1989).

Die Entwicklung zur postindustriellen Gesellschaft zeigte sich auch in der fortschreitenden Auflösung traditioneller Milieus. Auf der politischen Ebene bedeutete dies, dass die Sozialdemokratie angesichts eines sinkenden Anteils der Industriearbeiterschaft, der angestammten Wählerklientel ebenso Probleme bekam, wie die CDU/ CSU, die mit einer Abnahme der landwirtschaftlich tätigen Bevölkerung und des traditionellen bürgerlichen Milieus konfrontiert war. Auch sank die Bindungskraft der Gewerkschaften im einen wie die der Kirchen im anderen Falle. Aber die Erosion traditioneller Milieus ist nicht mit einer generellen Milieuauflösung zu verwechseln. Soziologische Erhebungen ergaben vielmehr eine Differenzierung der sozialen Milieus. Neue Milieus, die sich in ihren Wertorientierungen unterscheiden lassen und bei denen zugleich generationelle Unterschiede eine stärkere Rolle spielen, überlagern mittlerweile die alte Schichteneinteilung (siehe hierzu auch "Informationen zur politischen Bildung" Nr. 269 zum Thema "Sozialer Wandel in Deutschland").

Wohlstand und Konsum



LohnkraftLohnkraft
Das real verfügbare Einkommen pro Kopf der Bevölkerung in der Bundesrepublik bzw. in den alten Bundesländern (bezogen auf das Preisniveau von 1991) stieg nach Angaben des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung von 16169 (1970) auf 25121 DM (1991), ein Anstieg von über 50 Prozent. Die westdeutsche Gesellschaft erlebte also in den siebziger und achtziger Jahren insgesamt eine erhebliche Wohlstandssteigerung. Dies zeigte sich in der Umschichtung des Konsums. Während den Berechnungen des Statistischen Bundesamtes zufolge 1962/63 immerhin 58 Prozent des Einkommens unmittelbar lebensnotwendig – definitionsgemäß für Nahrung, Kleidung und Wohnung – verwendet wurden, waren es 1973 nur noch 44 und 1978 sogar nur 42 Prozent. Seither ist der Wert in dieser Größenordnung geblieben.

Soziale Differenzierung

Allerdings erfuhr die Verteilung des Volkseinkommens eine gegensätzliche Entwicklung. Die Lohnquote (Anteil der Einkommen aus unselbstständiger Arbeit) stieg in den siebziger Jahren von 68 (1970) auf 76 Prozent (1980) und fiel dann wieder auf 70 Prozent (1991), während im gleichen Zeitraum – umgekehrt – die Quote der Einkommen aus selbstständiger Arbeit von 32 (1970) auf 24 Prozent (1980) fiel und dann wieder auf 30 Prozent (1991) anstieg. Hinter diesen statistischen Angaben stehen wirtschafts-, finanz- und sozialpolitische Veränderungen, die in den achtziger Jahren die soziale Ungleichheit befestigten, die etwa unter dem Stichwort "Zwei-Drittel-Gesellschaft" diskutiert wurde. Demnach verbreitere sich die gut verdienende Mittelschicht und zwei Drittel der Gesellschaft würden in wachsendem Wohlstand leben, während gleichzeitig ein tiefer sozialer Graben zum unteren Drittel der Gesellschaft, das auf staatliche Unterstützung angewiesen sei, entstehe.

Diese Bezeichnung suggerierte allerdings ein falsches Bild. Während nämlich die relativen Veränderungen beim großen Teil der Einkommensgruppen wenig auffällig waren und damit die soziale Schichtung insgesamt weitgehend in den gleichen Relationen erhalten blieb, gab es die größten Veränderungen am oberen und unteren Rand der Gesellschaft. So verbesserte sich zum einen die relative Wohlstandsposition der Selbstständigen (ohne Landwirte) in außergewöhnlichem Maße; 1970 erzielten diese durchschnittlich ein Einkommen von circa 140 Prozent im Vergleich zum Durchschnitt aller Einkommensbezieher, 1990 waren es circa 250 Prozent.

Auf der anderen Seite hatten diejenigen, die auf Sozialhilfe, Arbeitslosengeld, Arbeitslosenhilfe und ähnliche Zuwendungen angewiesen waren, relative Einbußen hinzunehmen. Zudem fielen mehr Menschen durch die Maschen des sozialen Netzes. Nach dem von den Vereinten Nationen festgelegten Kriterium für Armut, weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Nettoeinkommens zur Verfügung zu haben, stieg der Anteil der Armutspopulation in der Bundesrepublik bzw. in den alten Bundesländern von 6,5 Prozent (1973) auf 10,2 Prozent (1991). Vor allem allein erziehende Mütter, kinderreiche Familien, Jugendliche und "Langzeitarbeitslose" sowie ausländische Mitbürger zählten in wachsendem Umfang zum armen Teil der Bevölkerung. Unterschiede deutscher und ausländischer Haushalte zeigten sich im Übrigen etwa bei der Ausstattung der Wohnungen. Während deutsche Haushalte 1989 durchschnittlich über eine Wohnfläche von 43,5 Quadratmetern pro Person verfügten, waren es bei den ausländischen nur 21,7 Quadratmeter.

Die Differenzierung des Einkommensspektrums und der kulturell geprägten Vorlieben ist zu bedenken, wenn man die Entwicklung des Konsums betrachtet. Eines der auffälligsten Merkmale ist sicherlich die Zunahme an PKW, die den Anspruch individueller Freiheit besonders deutlich symbolisiert. Nachdem sich ihre Zahl bereits in den sechziger Jahren verdreifacht hatte, verdoppelte sie sich nochmals von 13,9 (1970) auf 30,7 Millionen (1990; alte Bundesländer). Ein PKW war 1969 in 44 Prozent, 1978 in 62 und 1988 in 68 Prozent aller Haushalte vorhanden – die Bundesrepublik wurde also in den siebziger und achtziger Jahren zu einer weitgehend automobilisierten Gesellschaft.

Im gleichen Zeitraum erfolgte auch die flächendeckende Ausbreitung von elektrischen Haushaltsgeräten, deren Besitz bis zu den sechziger Jahren noch sehr abhängig von der Höhe des Einkommens war. Der amtlichen Statistik zufolge gab es eine Waschmaschine 1969 in 61 Prozent aller Haushalte, 1988 in 86 Prozent. Bei Kühlschränken stieg der Ausstattungsgrad gleichzeitig von 84 auf 98 Prozent, bei Gefriergeräten von 14 auf 65 Prozent, bei Geschirrspülmaschinen von 2 auf 29 Prozent.

Der Anteil der Ausgaben, die von den Vier-Personen-Haushalten der Arbeiter und Angestellten mit mittlerem Einkommen für Freizeitgüter und Urlaube aufgewandt wurden, weist einen Anstieg von 12,3 (1970) auf 18,4 Prozent (1990) auf. Besonders eindrucksvoll ist für diesen von der amtlichen Statistik definierten durchschnittlichen Haushalt der Zuwachs an Geräten der Kommunikations- und Unterhaltungselektronik. Dies betraf nicht nur den Einzug des Fernsehens und des Radios in die letzten noch rundfunkfreien Haushalte (vgl. auch Seite 38f.), befördert vor allem durch Farb-TV-Geräte und Hörfunk in Stereoqualität, sondern auch die Anschaffung neuer technischer Geräte. Die größten Umsatzsteigerungen innerhalb aller unterhaltungsindustriellen Sparten hatte zwischen 1975 und 1985 die Phonoindustrie erzielt. Ein Videorecorder war 1985 in 22 Prozent, 1990 in 54 Prozent der Haushalte vorhanden. Der Anteil der Haushalte, die einen Personal Computer (PC) besaßen, stieg im gleichen Zeitraum von 13 auf 32 Prozent. Erstrangige Bedeutung für die Veränderung der Alltagsmuster, für die Formung von Lebensstilen hatte auch die Durchsetzung des Telefons, das 1970 erst in einem Fünftel, 1980 bereits in 86 und 1990 in 98 Prozent der Haushalte vorhanden war.

Nach Erhebungen des EMNID-Instituts vermehrte sich das Freizeitbudget der Bundesbürger von 1969 bis 1982 um etwa ein Viertel. Neben dem häuslichen Medienkonsum profitierte davon vor allem der Sport. Die Mitgliederzahl des Deutschen Sportbundes (DSB) verdoppelte sich von circa zehn Millionen Mitgliedern 1970 auf etwa 20 Millionen Mitglieder 1987. Zudem sind vielfältige unorganisierte Sportaktivitäten einzubeziehen, etwa das Ende der achtziger Jahre allmählich populär werdende Jogging und andere Betätigungen, die zu einer sich ausbreitenden Fitness-Welle gehörten. Eine enorme Expansion hatte auch der Urlaubstourismus zu verzeichnen, und dies trotz der in den achtziger Jahren stagnierenden Realeinkommen. 1987 machten zwei Drittel aller Bundesbürger eine Urlaubsreise, und wiederum mehr als zwei Drittel davon fuhren ins Ausland.