Deutschland in den 70er/80er Jahren

4.4.2002 | Von:

Gesellschaft und Alltag in der DDR

Freizeit

Ab Ende der sechziger Jahre begann sich auch in der DDR eine Freizeitkultur zu entwickeln, nachdem mit der sukzessiven Senkung der Arbeitszeit, der Einführung des arbeitsfreien Wochenendes und der Erhöhung des Mindesturlaubs ab 1979 auf 21 Tage die notwendigen Voraussetzungen dafür geschaffen worden waren. Es hatte weniger mit kleinbürgerlicher Mentalität zu tun, wenn Datsche und Schrebergarten charakteristische Merkmale der DDR-Freizeitgesellschaft verkörperten. Tatsächlich wies der SED-Staat mit insgesamt 2,6 Millionen Wochenendgrundstücken und 855.000 Kleingärten die höchste Dichte an Gartengrundstücken in der Welt auf. Für diesen hohen Bedarf gab es durchaus triftige Gründe. So blieb "der unangefochtene Platz des Kleingartens im Alltag der DDR-Bürger ein Phänomen, das sich aus allerlei Defiziten und Nöten erklären lässt: Unwirtliche Städte und Wohngebiete, übermäßige Politisierung des öffentlichen Lebens, Belehrung allerorten, die den Leuten die Ohren verstopfte und sie hinter ihre Hecke flüchten ließ, Mängel in der Versorgung, die zur Selbsthilfe zwangen, Fehlen einer kommerzialisierten Freizeitkultur, die Alternativen geboten hätte" (Evemarie Badstübner, S. 379).

Urlaub und Reisen

Anfang der siebziger Jahre war auch die DDR zu einem Land des Massentourismus geworden – parallel zur jetzt einsetzenden Massenmotorisierung, wobei Reisen allerdings fast nur im Bereich der "sozialistischen Bruderstaaten" möglich waren. Freizeit und Urlaub waren eingebunden in die Zielstellung der SED, eine sozialistische Kulturgesellschaft zu schaffen, was allerdings nicht gelang. Entsprechend nahmen staatliche Institutionen, vor allem aber Betriebe und der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB), insbesondere bei der Zuteilung von entsprechenden Plätzen, in der Urlaubsplanung eine wichtige Rolle ein.

So vergaben der Feriendienst des FDGB im Jahr 1989 an der Ostsee, dem beliebtesten Urlaubsgebiet der DDR, 18 Prozent der "Erholungsplätze", die Betriebe 25 Prozent, und 26 Prozent stellten öffentliche Zeltplätze zur Verfügung. Damit wurden fast drei Viertel aller Erholungsplätze durch den Staat und die Betriebe vergeben. Die restlichen Plätze verteilten sich auf Privatquartiere sowie Zeltlager für Kinder und Jugendliche. Um den begehrten "Ferienscheck" zu bekommen, spielte beim Auswahlverfahren für die durchweg zu knappen Urlaubsplätze durch Betriebe und FDGB das politische sowie das Arbeitsverhalten durchaus eine Rolle, daneben die Zahl der Kinder sowie die Anzahl der bereits erhaltenen Ferienplätze.

Mitte der achtziger Jahre hatte die DDR mit 137.000 Betten und 1,9 Millionen Gästen die Höchstzahl an Übernachtungskapazität und -auslastung erreicht. Doch langte dies nie für den tatsächlichen Bedarf aus. Das gegenüber den staatlich subventionierten "Erholungsplätzen" teurere Camping verzeichnete in diesem Zeitraum einen stetigen Zuwachs; es erfreute sich auch deshalb ungebrochener Beliebtheit, weil es in politischer Hinsicht größeren Freiraum, weniger Reglementierung und damit mehr individuelle Freiheit bot.

Reisen in die Bundesrepublik waren bei Familienfesten und dem Tod von Verwandten für die DDR-Bürgerinnen und -Bürger unterhalb des Rentenalters nur als Einzelperson und nur auf Antrag möglich, wobei die Genehmigung oft sehr willkürlich erteilt wurde. Trotz dieser erneut "systembedingten" Eingrenzungen (im wahrsten Wortsinn) sowie Einschränkungen und Behinderungen des Reisens entwickelte sich die DDR in den siebziger und achtziger Jahren zum Land mit dem größten Massentourismus innerhalb des Ostblocks – mit einer für die Planwirtschaft allerdings zu hohen Finanzbelastung von rund zehn Prozent des Staatshaushalts .

Frauen

Die individuelle Verfügung über Freizeit ist auch in der DDR von großen Unterschieden zwischen den Geschlechtern geprägt geblieben. Trotz eines nahezu flächendeckenden Netzes von Kindergärten und -horten und sonstigen sozialpolitischen Einrichtungen verfügten Frauen aufgrund des Weiterbestehens traditioneller, geschlechtsspezifischer Rollenzuweisungen über durchschnittlich 30 bis 40 Prozent weniger Freizeit als Männer. Hinzu kam, dass die DDR die weltweit höchste Beschäftigungsquote von Frauen aufwies (91,3 Prozent im Stichjahr 1988). Aus dem Umstand, gleichzeitig Arbeiterin bzw. Angestellte, Mutter und Hausfrau zu sein, erwuchs eine starke Mehrfachbelastung.

GleichstellungsvorsprungGleichstellungsvorsprung
Zwischen propagierter und teilweise realisierter Gleichberechtigung auf der einen Seite und tatsächlicher, individueller Lebenswirklichkeit auf der anderen Seite bestand eine Kluft, doch besaßen Frauen vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Bedingungen in der DDR stärker die Möglichkeit, Familie und Beruf zu vereinbaren. Hierzu trug die relative ökonomische Unabhängigkeit vom Partner bei, die sich für Frauen aus der eigenen Arbeitstätigkeit ergab. Primär bestimmten pragmatische Überlegungen und Handlungsweisen ihren Alltag. Entsprechend wurden Teilzeitarbeit oder niedriger bezahlte Arbeit – trotz häufig bestehender Besserqualifizierung – angenommen, um neben dem Beruf für die Familie sorgen zu können. "So hat sich für DDR-Frauen die Emanzipation, die zwar so nicht benannt wurde, anders als im Westen vollzogen, stiller, viel persönlicher und weniger bemerkbar" (Gerda Szepansky).

Erziehung und Schule

Mit der Zielsetzung, "allseitig gebildete sozialistische Persönlichkeiten" heranzubilden, "die ihrem sozialistischen Vaterland treu ergeben sind", war es der SED sehr ernst. Diese Erziehung setzte bereits im Kleinkindstadium ein und wurde in Kindergärten und Schulen durch Massenorganisationen wie die Jungen Pioniere und die FDJ flankiert, die paramilitärische Formen und Rituale praktizierten. Neben die ausgeprägte politisch-ideologische Erziehung trat aber auch die frühe Vorbereitung von Kindern und Jugendlichen auf "sozialistische Arbeitsgewohnheiten", insbesondere durch den polytechnischen Unterricht. Für die Schülerinnen und Schüler bedeutete dies zweierlei. "Richtiges" politisch-ideologisches Verhalten, verbunden mit entsprechenden Aktivitäten, konnte trotz schlechterer schulischer Leistungen durchaus persönliches Fortkommen sichern, während dies im umgekehrten Sinne nur ausnahmsweise und von Fall zu Fall galt; individuelle Berufswünsche hatten sich "ökonomischen Erfordernissen" unterzuordnen.

Jegliches Verhalten, das davon abwich, war zumeist mit persönlichen Belastungen, die bisweilen Diffamierungen gleichkamen und beträchtlichen Nachteilen, auch für die spätere berufliche Zukunft, verbunden. Hier die Aussage einer Mutter aus der Rückschau im Jahre 1990: "Als es später darum ging, ob die Kinder zur Erweiterten Oberschule und damit zum Abitur zugelassen werden, hatten wir Glück, weil sie von ihren Lehrern unterstützt wurden. Wir standen ja stets der Kirche nahe, die Kinder gehörten zur Jungen Gemeinde, und das ließ sich in der Schule nicht verheimlichen. Aber beide hatten glücklicherweise Spezialbegabungen und waren auch sonst recht gute Schüler [...]. Bei Sebastian waren es Mathematik und Physik und bei Susanne die Musik. Auch die Armee wurde für Sebastian nicht zum Problem, weil er gesundheitlich nicht gut beisammen war. Die Oberschule wurde allerdings zu einem einzigen Horror für Kinder und Eltern. Beide wurden in die Rolle von Einzelgängern gedrängt, weil sie von uns dazu erzogen worden waren, nicht nur ja zu sagen und alles nachzuplappern, und weil sie sich für bestimmte Sachen engagierten. Sie waren zwar in der FDJ, aber wenig aktiv. Es gab stets Ärger, wenn sich Susanne entschuldigte, weil sie in der Musikschule zu tun hatte. Sebastian hatte in der 11. Klasse einen Computer gebaut, der im Rahmen der Messe der Meister von morgen, der MMM Berlin, einen Preis erhielt. Der Krach mit der Schule ging jedoch so weit, dass er nicht einmal schulfrei bekam, um diesen Preis entgegenzunehmen. Als ob es den Lehrern Spaß gemacht hätte, den Kindern Knüppel zwischen die Beine zu schmeißen. Jedes persönliche Engagement für irgendetwas war eben verdächtig" (zit. nach: Gisela Helwig, Die letzten Jahre der DDR, S. 23).

Insgesamt war die Politik der SED gegenüber der heranwachsenden Generation zwiespältig. Auf der einen Seite hielt sie beständig an einem Erziehungsanspruch fest, der durch Kindergarten, Schule, Junge Pioniere, FDJ und sonstige Einrichtungen bis hinein in die Diskothek verfolgt wurde, auf der anderen Seite war diese "Förderung der Jugend" durchweg von einem tiefen Misstrauen begleitet. Auf die Verteufelung des "Westeinflusses" (Abschneiden von langen Haaren, Verbot von Jeans, Ablehnung der Rockmusik etc.) noch in den siebziger Jahren folgte die Aufnahme einer eigenen Jeans-Produktion, die widerwillige Zulassung von Rockbands und die flächendeckende Einrichtung von Jugendklubs unter Aufsicht der FDJ. Das Verhalten der Jugendlichen war allerdings kaum weniger ambivalent. Bis Mitte der achtziger Jahre verhielten sie sich weitgehend staatsloyal, ab dann führte die wachsende Wirtschafts- und Versorgungskrise zu immer größerer Skepsis bezüglich der fortwährend propagierten "Überlegenheit des Sozialismus".

Ministerium für Staatssicherheit

Die Allgegenwart des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), der "Stasi", ist den meisten Bundesbürgern bis zur "Wende" von 1989/90 eher unbekannt geblieben, den Menschen in der DDR hingegen ist sie ständig bewusst gewesen. Ohne permanent in Erscheinung zu treten, stellte sie dennoch ein Element ihres Alltags dar. Die Anfang der siebziger Jahre einsetzende Entspannungspolitik, welche die SED-Führung zu einer gewissen Öffnung der DDR zwang, bedeutete für das MfS eine "außerordentliche Belastungsprobe" (Erich Mielke), da offen repressive Maßnahmen aus Gründen eines möglichen internationalen Reputationsverlustes tunlichst vermieden werden sollten.

Durch eine erhebliche Aufstockung des Personals, durch Verstärkung der Kontrolle sowie verfeinerte Methoden der Bespitzelung wurden die Aktivitäten der Staatssicherheit erhöht, um die Bevölkerung flächendeckend und zugleich präventiv überwachen zu können. Gleichzeitig blieben Gewaltanwendung, Freiheitsberaubung, Unterdrückung, Einschüchterung und andere Repressionen im Einzelfall nach wie vor weiter Praktiken des MfS. Ab Mitte der siebziger Jahre kam im Bevölkerungsdurchschnitt ein IM (Inoffizieller Mitarbeiter) auf 100 DDR-Bürgerinnen und -Bürger, insgesamt standen 1989 91.000 hauptamtliche und 173000 Inoffizielle Mitarbeitende im Dienst des MfS.

Es ist sicherlich einsichtig, dass diese permanent im Hintergrund existierende – und falls notwendig – jederzeit in den Vordergrund stoßende Präsenz des MfS einschüchternd gewirkt hat. Die Folge war eine fortwährende Verunsicherung da- rüber, was man sagen durfte und mit wem man tatsächlich vertraulich sprechen konnte.

Jede Art von abweichendem Verhalten konnte dazu führen, in die Fänge der Stasi zu geraten. Ein Opfer des MfS berichtet: "Im Januar '86, da war ich 191/2, stellte ich den Ausreiseantrag. Erst mal passierte gar nichts. Dann eine Aussprache im Betrieb. Dann wieder nichts. Wochenlang, monatelang diese Warterei [...]. Am 31. Mai 1988 wurde ich abgeholt. Frühmorgens im Betrieb warteten vier Herren. Hielten mir einen Ausweis unter die Nase und nahmen mich mit – zur "Klärung eines Sachverhalts". Plötzlich, im Auto, erkannte ich den einen: Anfang 20, der Anorak, die Frisur [...]. Den hatte ich am vorigen Wochenende gesehen! Mit meinen Eltern war ich in Berlin zum Einkaufen. Und dieser Typ saß mir auf der Rückfahrt gegenüber – im Platzkartenwagen! Jetzt ging es zur Bautzener Straße, Dresdens Stasi-U-Haft. Endlose Gänge und Treppen. Alles vergittert. Vernehmung den ganzen Tag. Wegen der kleinsten Einzelheiten wurde man stundenlang gelöchert. Und der Vernehmer drohte: "Wenn Sie nicht reden, haben wir noch andere Mittel!" Doch der totale Schock kam abends: "Sie haben Ihre Anzeigepflicht verletzt, dafür gibt es zwei bis fünf Jahre. Dazu geheime Nachrichtenübermittlung, das heißt zwei bis zwölf Jahre. Sie bleiben hier" (zit. nach Gisela Helwig, Die letzten Jahre der DDR, S. 120). Die junge Frau konnte erst nach zweieinhalbjähriger Haft am 8. März 1989 durch Freikauf in die Bundesrepublik übersiedeln.

Charakteristika

Die hier vorgestellten Beispiele nehmen nicht für sich in Anspruch, für den Alltag in der DDR durchweg repräsentativ gewesen zu sein; vielmehr illustrieren sie einige charakteristische Bedingungen und Probleme des täglichen Lebens und Arbeitens, mit denen sich Menschen im SED-Staat auseinander zu setzen hatten. Doch die angestrebte "Durchherrschung" der Gesellschaft durch die Partei konnte niemals völlig realisiert werden. Der Alltag, das wirkliche Leben in der DDR, entzog sich häufig dieser Zielsetzung und entsprach keineswegs dem immer wieder propagierten Bild. Nicht zuletzt gelang es der SED selbst auch nicht – und seit den achtziger Jahren zusehends weniger, die Überlegenheit des sozialistischen Herrschafts-, Wirtschafts- und Gesellschaftssystems gegenüber dem "Westen" unter Beweis zu stellen. Individuelle Situationen und Verhältnisse konnten daher durchaus unterschiedlich sein; denn bewusst und unbewusst wurden Freiräume gesucht, um den fortwährenden Ansprüchen und Aufforderungen der Partei und der Massenorganisationen zu entgehen. Einzelfälle sind die angeführten Beispiele jedoch nicht gewesen.

Grundsätzlich dürfte gelten: "Alltag in der DDR war immer ein Alltag mit der Politik, in letzter Instanz mit der Politik der SED, aber auch mit den von dieser Politik abgeleiteten "Politiken" der von ihr beherrschten Staatsapparate, Betriebe und Massenorganisationen [...]. Das lässt sich sinnfällig an Entscheidungen, die die individuelle Lebensführung und damit den Alltag verändern und neu ausrichten, veranschaulichen: Heiraten und Kinderkriegen standen in enger Wechselwirkung mit Wohnungsvergabepolitiken, Vereinbarkeit von Beruf und Mutterschaft hing von den staatlicherseits zur Verfügung gestellten Kinderbetreuungseinrichtungen ab, Bildungsmöglichkeiten waren mit politisch kodierten Klassenzugehörigkeiten und Loyalitätsbeweisen verknüpft, die Teilhabe an anderen materiellen Errungenschaften wie Ferienplätzen, Eintragungen in eine Warteliste für Autos etc. an die Mitgliedschaften in Massenorganisationen und so weiter. Der alltägliche Umgang mit den vom politischen Willen der SED und nicht nur den materiellen Möglichkeiten diktierten Konditionen für die Beschaffung und den Erwerb der Grundlagen für die eigene Lebensführung war eine Selbstverständlichkeit, eine Routine" (Deutscher Bundestag, S. 27f.).


Mediathek

Deutscher Alltag: Was sie voneinander wissen

1983: Filmaufnahmen in einer polytechnischen Oberschule in Luckenwalde südlich von Berlin und einer Realschule in Bergheim bei Köln. Wie spiegeln sich die politischen Systeme wider? Welches Bild wird den Schülern vom anderen Teil vermittelt?

Jetzt ansehen