Revolution von 1848
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Europa unter Modernisierungsdruck


21.1.2010
Nach dem Sturz Napoleons soll die Rückkehr zu alten Ordnungsvorstellungen Europa stabilisieren. Doch die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Neue gesellschaftliche Gruppierungen fordern Freiheit, nationale Einigung und politische Teilhabe.

Abschied Napoleons von der Kaiserlichen Garde in Fontainebleau, Gemälde von Antoine Alphonse Montfort.Abschied Napoleons von der Kaiserlichen Garde in Fontainebleau, Gemälde von Antoine Alphonse Montfort. (© Public Domain, Wikimedia)

Einleitung



Das Revolutionsjahr 1848 zählt zu den Glanzpunkten, aber auch zu den Wendepunkten deutscher Geschichte. Kennzeichnend war der richtungweisende Versuch, einen national geeinten, modernen deutschen Staat mit einer freiheitlichen Verfassung zu schaffen, ausgerichtet auf die Interessen und auf das Wohl des Volkes. In diesem Rechtsstaat sollten mündige Staatsbürger ihr politisches Schicksal mitbestimmen, sie sollten durch Grundrechte geschützt sein und neue Chancen für ihre soziale und wirtschaftliche Entfaltung erhalten. Ein auf solche Weise freiheitlich gestaltetes Deutschland war gedacht als Teil einer friedlichen gesamteuropäischen Staaten- und Völkerfamilie.

Neue Modelle politischer Herrschaft



Dieses Projekt eines modern anmutenden "europäischen Hauses" gleichberechtigter freiheitlicher Verfassungsstaaten hatte eine ganze Reihe von Anknüpfungspunkten und Vorbildern: Einzelne deutsche Reformer hatten schon vor der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, 1806, Überlegungen in diese Richtung angestellt, so beispielsweise Immanuel Kant (1724-1804) mit seiner Maxime von einer "Befreiung des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" oder Johann Gottfried von Herder (1744-1803), der die Betonung auf die kulturelle Eigenständigkeit jedes einzelnen Volkes legte. Auch lieferten fortschrittliche westliche Staaten, neben Großbritannien vor allem die USA und Frankreich, Visionen für eine Neugestaltung Europas, bei der einem neuartigen deutschen Staat eine Schlüsselrolle zufallen sollte. Die bei Unterschieden in Einzelaspekten parallelen Impulse waren von Strömungen der Zeit wie dem Rationalismus und der Aufklärung, dem Empirismus und dem Materialismus geprägt.

Im England des 17. Jahrhunderts hatten Kämpfe zwischen Stuart-Königen mit absolutistischen und katholisierenden Tendenzen auf der einen sowie deren Parlamenten auf der anderen Seite zur Hinrichtung eines Königs (1649) und zur Restauration der Anglikanischen Staatskirche geführt, was eine protestantisch orientierte Öffnung des Glaubens und politischen Denkens auslöste.

Habeas-Corpus-Akte(1679), "Glorreiche Revolution"(1688/89) und Bill of Rights (1689) veränderten die monarchische Struktur des Staates richtungweisend: Der König regierte nicht mehr "von Gottes Gnaden", sondern als eine Art Angestellter der Nation und Garant für den inneren Frieden.

Auch wurden die Rechte des Parlaments in der nunmehr konstitutionell ausgerichteten Monarchie mit ungeschriebener Verfassung auf Dauer gesichert; John Locke (1632-1704) genießt seitdem den Ruf, herausragender Begründer und Theoretiker eines solchen bürgerlich-liberalen Staatsgedankens gewesen zu sein.

Mochte auch in England, schon aufgrund eines stark eingeschränkten Wahlrechts, der Weg zur Demokratie noch weit sein, Whigs und Tories stellten hier fortan Vorformen politischer Parteien dar und bildeten - für die übrige Welt immer wieder faszinierend - mit ihrer Kultur der streitbaren Konsensfindung die Vorhut einer modernen zivilen Gesellschaft.

Auch auf Amerika blickte das alte Europa des 19. Jahrhunderts. Neben Deutschen orientierten insbesondere Italiener und Polen, denen noch die Entfaltung eines nationalen Lebens in eigenen freiheitlichen Staaten versagt war, vielfach ihr politisches Denken an der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika und insbesondere an deren Unabhängigkeitserklärung (1776), die sich auf naturrechtlich vorgegebene Prinzipien wie Freiheit und Gleichheit der Menschen berief.

In hohem Ansehen stand zudem die moderne, erstmals von einem Verfassungskonvent erstellte präsidiale und bundesstaatliche Verfassung der USA mit der Bill of Rights (1787/89). Schließlich beeindruckte die handelspolitische Erfolgsgeschichte Amerikas, eines freiheitlich strukturierten großen Flächenstaates, der sich positiv von weiten Teilen Europas mit muffiger Enge und bitterer Armut abhob.

Frankreichs politische Strahlkraft ging demgegenüber auf die Französische Revolution und die Napoleonische Zeit (1789-1815), mithin eine erheblich jüngere Vergangenheit zurück. Bestimmend waren zumeist Mythen, welche die politischen Denker und Akteure mit Royalisten auf der Rechten und Republikanern auf der Linken polarisierten.

Quellentext

Impulse durch Napoleon

Im Anfang war die Revolution. Als sich die französischen Generalstände im Juni 1789 in Versailles zur Nationalversammlung erklärten, konnte allerdings noch keiner der Abgeordneten ahnen, welche grundstürzenden Veränderungen dieser Beschluss in Gang setzen sollte. Wenige Jahre und eine Epoche der Weltgeschichte später waren Europas Throne ins Wanken geraten, und kurz nach der Wende zum neuen Jahrhundert beherrschte ein General der Revolution den Kontinent, der sich 1804 selbst zum Kaiser gekrönt hatte: Napoleon Bonaparte.
Auch für Frankreichs Nachbarn begann jetzt eine neue Zeit. Am 1. August 1806 erklärten 16 deutsche Landesfürsten - darunter die Herren von Bayern, Baden, Württemberg und Hessen-Darmstadt -ihren förmlichen Austritt aus dem Heiligen Römischen Reich und schlossen sich Frankreich im Rheinbund an. Fünf Tage später kapitulierte in Wien Kaiser Franz II. vor dem Ultimatum Napoleons, der Europas Mitte allein für sich reklamierte, und legte die Krone nieder. Nach mehr als 800 Jahren hatte das Reich [...] aufgehört zu existieren. [...]
Dieses bittere Ende hatte sich lange schon vorbereitet. Der Versuch der deutschen Fürsten, das revolutionäre Feuer jenseits des Rheins auszutreten, war im Herbst 1792 bei Valmy gescheitert; die Invasionstruppen des Alten Europa mussten kehrtmachen. Stattdessen rückte Frankreich vor. Mit der Besetzung Belgiens, Savoyens, Nizzas und der linksrheinischen Gebiete, später mit der Errichtung von Tochterrepubliken in Italien, der Schweiz und den Niederlanden dehnte sich das neue Modell der politischen Herrschaft immer weiter aus.
In den Nachbarstaaten war der Beginn der Revolution von vielen Menschen mit Sympathie, ja mit Begeisterung verfolgt worden. [...] Im annektierten Rheinland war die Zeit der Ständegesellschaft zu Ende. Hier herrschten Rechtsgleichheit, Gewerbe- und Religionsfreiheit (endlich durften die Juden gleichberechtigte Bürger sein), aber auch die Pflicht zum Wehrdienst in der französischen Armee. Wirtschaftlich profitierte das Rheinland von den neuen Absatzmärkten des Imperiums. Die französischen Jahre legten den Grundstein für einen ökonomischen Vorsprung, der das Ende der napoleonischen Herrschaft überdauerte. [...]
Ganz anders als im napoleonbegeisterten Westen und Süden sah die Lage im Norden und Osten Deutschlands aus. Nach zehn Jahren Frieden hatte der verlorene Krieg gegen Frankreich 1806/07 Preußen in eine Wirtschaftskrise gestürzt, die alles Bisherige in den Schatten stellte. [...]
Auch Hamburg und andere norddeutsche Hafenstädte litten. Am 21. November 1806, einen Monat nachdem Preußens Armee bei Jena und Auerstedt untergegangen war, hatte Napoleon von Berlin aus eine Handelssperre gegen England verfügt. Damit wollte er den Erzfeind endlich in die Knie zwingen. Doch sie schlug auf sein Reich selbst zurück und gefährdete (nicht nur) Norddeutschlands Handelszentren in ihrer Existenz. [...]
Doch selbst in den Rheinbundstaaten begann die Stimmung allmählich umzuschlagen. Der wirtschaftliche Niedergang durch die fatale Kontinentalsperre hinterließ auch hier seine Spuren. Schlimmer aber war, dass Napoleons Kriege in Spanien (seit 1808) und Russland (seit 1812) immer mehr Soldaten forderten. In den Rheinbundverträgen hatte der Kaiser die Pflicht seiner Bundesgenossen zur Heerfolge festschreiben lassen. [...]
Gerade weil Napoleon stets von Sieg zu Sieg geschritten war, löste die Nachricht über den Untergang der Grande Armée in Russland so großes Entsetzen aus [...]. Erst jetzt fanden Europas Großmächte zu einer dauerhaften Allianz zusammen. Im Herbst 1813, verstärkt nach der "Völkerschlacht" von Leipzig, wechselten dann auch die Rheinbundstaaten die Seite, nicht ohne sich die Gebietsgewinne der französischen Zeit garantieren zu lassen. Eine Propaganda bisher ungekannten Ausmaßes unterstützte die Mobilmachung gegen Napoleon. Von Theodor Körner bis Heinrich von Kleist war so mancher kleine und große Dichter mit einem Hassgesang dabei, und erstmals rückten auch Freikorps aus.
Doch ein nationaler "Befreiungskrieg", ein "Freiheitskrieg" gar, waren die antinapoleonischen Kriege nicht. Es waren die Siege regulärer Truppen, die das Schicksal des Kaisers entschieden, und die so genannte Nationalbegeisterung erfasste keineswegs das ganze Volk, sondern nur den vergleichsweise kleinen Kreis der schon in den Jahren der Revolution politisierten Studenten und der protestantischen Bildungsbürger. [...]

Ute Planert , "Der Abgott der Menge", in: Die Zeit Nr. 32 vom 3.August 2006


Frankreich galt ungeachtet einer verbreiteten Ablehnung der Schreckensherrschaft der Jakobiner (1793/94) und bei einer nachhaltigen Betroffenheit der Menschen von einer Kette verlustreicher Kriege und Bürgerkriege vor allem als Mutterland der Revolution und jener Volksherrschaft, die Jean-Jaques Rousseau (1712-1778) in seiner Lehre von einem demokratischen Gesellschaftsvertrag als alleiniger Grundlage des Staates umrissen hatte. Dessen ungeachtet galten der Sturm auf die Bastille und die Parole "Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit" (1848 sollte man von einer "Verbrüderung" sprechen), des weiteren die Gründung einer Nationalversammlung, die Erklärung der Menschenrechte, die schriftliche Niederlegung einer modellhaften konstitutionellen Verfassung (1789/91) sowie nicht zuletzt auch das erstmalige Auftreten freiheitlicher, auf nationale Selbstbestimmung pochender Völker mit Trikoloren, Hymnen wie der Marseillaise und Nationalkokarden als elementare Bezugspunkte für alle politischen Richtungen des 19. Jahrhunderts.

Auch von Preußen gingen entscheidende Impulse aus: Staatsmänner wie Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein (1757-1831) und Karl August Fürst von Hardenberg (1750-1822) hatten in der Existenzkrise der Hohenzollernmonarchie nach ihrer Niederlage gegen das Frankreich Napoleons für zukunftweisende Erneuerungen gesorgt: Bauernbefreiung, Beseitigung der Ständeordnung, städtische Selbstverwaltung, Gewerbefreiheit und bürgerliche Gleichberechtigung der Juden.

Erfolglos blieben dagegen ihre Bemühungen, den noch absolutistisch regierenden König Friedrich Wilhelm III. zur Einlösung seiner Verfassungsversprechen zu bewegen. Von großer Tragweite war schließlich, dass die Erfahrung der napoleonischen Fremdherrschaft über weite Teile Mitteleuropas zur Entfaltung von National- und Freiheitsbewegungen geführt hatte.