Revolution von 1848
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Märzrevolution und Liberalisierung


21.1.2010
Im März 1848 breitet sich die Revolution in Deutschland und Österreich aus. Während sie in Südwestdeutschland unter Einfluss gemäßigter Reformkräfte weitgehend friedlich verläuft, kommt es in Österreich und Preußen zu blutigen Zusammenstößen.

Märzrevolution 1848 in Berlin.Märzrevolution 1848 in Berlin. (© Public Domain, Wikimedia)

Februarrevolution in Frankreich



Das auslösende Signal, das Europa weithin mobilisierte, kam aus Paris, wo republikanische Demonstrationen zu einem Aufstand mit Barrikadenkämpfen führten, der am 25. Februar 1848 nach der Abdankung König Louis Philippes zur Ausrufung der Zweiten Republik in Frankreich führte. Eine provisorische Regierung, gebildet aus bürgerlichen Republikanern und Sozialisten, verkündigte ein politisches Reformprogramm, das politische Vorhaben wie die Einführung des allgemeinen Wahlrechts und soziale Anliegen wie das Auffangen der Arbeitslosen in Mobilgarden und "Nationalwerkstätten" umfasste.

Umgehend verbreitete sich Aufbruchstimmung in Europa, und in einer Kettenreaktion folgte im Monat März eine Vielzahl paralleler, sich wechselseitig stützender Revolutionen mit dem Ziel einer neuen, von den Völkern getragenen Ordnung. In dieser "Märzrevolution", konzentriert auf Metropolen von Karlsruhe bis Budapest, Wien und Prag sowie von Berlin bis Mailand, wurden viele, zunächst als unumkehrbar angesehene Erfolge erstritten.

Die Menschen glaubten an den naturnotwendigen Anbruch einer neuen Ära, die Freiheit und Prosperität, Recht und Frieden bringen würde. Vielfach verbreitete sich eine feierliche, festliche, glückliche Stimmung, und es herrschte ein nahezu naives Vertrauen, dass mit dem politischen Umschwung die anstehenden und vielfach unterschätzten Probleme bereits gemeistert seien. Flächendeckend breitete sich die revolutionäre Bewegung über den Deutschen Bund aus, obwohl dieser wegen seines föderativen Aufbaus an sich für eine Revolution denkbar ungeeignet war. Jetzt kam zum Tragen, dass im Vormärz viele Modernisierungen eingesetzt hatten, deren Entwicklung zwar von den Regierungen künstlich abgebremst, aber nicht völlig zum Erliegen gebracht worden war. Dank der neuen technischen Möglichkeiten, etwa des Eisenbahnnetzes und der vorzugsweise entlang der Bahnstrecken verlegten elektromagnetischen Telegraphenlinien, weiteten sich Kommunikation und Mobilität schlagartig aus. Die politische Öffentlichkeit wuchs dadurch nochmals sprunghaft an; damit begann, nicht zuletzt in Deutschland, das Zeitalter der Meinungsvielfalt.

Aufbruchstimmung in Südwestdeutschland



Für das Geschehen in den deutschen Mittel- und Kleinstaaten waren die Vorgänge im Großherzogtum Baden charakteristisch und bahnbrechend. In der Industrie- und Handelsstadt Mannheim feierte allen voran der volkstümliche Anwalt und Demokrat Friedrich Hecker am 26. Februar das Eintreffen der Nachrichten aus Paris und machte sich an das "Werk für Deutschlands Befreiung". Schon am folgenden Tage fand in der Stadt eine erste, mehr als 2500 Menschen zählende Volksversammlung statt, unzählige weitere sollten in den nächsten Tagen und Wochen im gesamten Deutschland folgen. Die große Zahl der Demonstranten zeigte, dass sich in der Märzrevolution ganz unterschiedliche Volksgruppen und Interessen zusammenfanden oder nebeneinander agierten. In nicht wenigen ländlichen Regionen mit besonderer Rückständigkeit, besonders in Teilen des Südwestens, Hessens, Thüringens und Frankens, setzten bäuerliche Aufstandsbewegungen ein, die eine Befreiung von drückenden Lasten, Verschuldung und Not zum Ziel hatten. Verfassungs- und deutschlandpolitische Anliegen waren demgegenüber weitgehend Sache der Städter, besonders des gehobenen Bürgertums mit dessen liberalen und demokratischen Gruppierungen. In Bewegung geraten waren auch Teile der städtischen Unterschichten, die der Protest gegen ihre hoffnungslose Lage an einzelnen Orten zu Gewaltaktionen und zu Zerstörungen von Maschinen trieb. Charakteristischer aber war, dass auch Kleinbürger und Arbeiter nicht zuletzt dank der Volksversammlungen den Anschluss an die für einen Machtwechsel bereiten Gruppierungen, besonders die Demokraten, fanden, zumal diese zunehmend sozialpolitische Forderungen aufnahmen.

Durchsetzung der "Märzforderungen"

Vor diesem Hintergrund gelang es den zahlenmäßig dominierenden Vertretern der liberalen Richtung, vor allem reformfreudigen Beamten und Bildungsbürgern, Männern der Wirtschaft und freier Berufe, relativ leicht, sich als künftige Regierungspartei und politische Mitte zwischen den aufgebrachten Massen und den Vertretern des alten Systems zu empfehlen. In Zusammenarbeit mit Demokraten lenkten sie Volksversammlungen und sorgten dafür, dass bewaffnete Teilnehmer nicht zu zerstörender Gewalt griffen, sondern vielmehr "petitionierten", was bedeutete, dass sie der politischen Führung durch Abordnungen ihre Wünsche auf verfassungsmäßigem Wege vortrugen. Allerdings kamen "Sturmpetitionen" zustande, die den Forderungen durch neuerliche und wiederum nicht ganz friedfertige Demonstrationen - wie es hieß - "Nachdruck" verliehen. Der Inhalt der Forderungen trug erneut die Handschrift der Liberalen und der mit ihnen zusammenarbeitenden Demokraten. In der badischen Hauptstadt Karlsruhe wieauch in den anderen Residenzen wurden den Fürsten und Regierungen die erstaunlich gleichlautenden "Märzforderungen" unterbreitet, darunter Volksbewaffnung, Pressefreiheit, Schwurgerichte und ein deutsches Nationalparlament.

Quellentext

Märzforderungen aus Dresden

Die drohenden Zeitereignisse machen jedem echten Deutschen die ruhige, aber unverhüllte Kundgebung dessen, was nach seiner Überzeugung die Eintracht des Vaterlandes im Innern und nach Außen erheischt, zur heiligsten Pflicht.
[...] Von dieser Überzeugung beseelt sprechen wir, die unterzeichneten Bürger und Einwohner Dresdens, die Erwartung aus, daß auch von der sächsischen hohen Staatsregierung den Forderungen der Zeit, deren Gewährung teils für die Ruhe und das Wohlergehen unseres Sachsenlandes, teils für die einheitliche Entwicklung Deutschlands und "seine Erhebung auf die unter den Nationen Europas ihm gebührende Stufe", unerläßlich und unabweisbar ist, dieselbe schleunige Erfüllung werde zu Teil werden, welche ihnen in anderen deutschen Staaten teils verheißen, teils schon gefolgt ist.
Diese Wünsche sind:
1. Freiheit der Presse, Wegfall des Konzessionszwangs für Zeitschriften und Überweisung der Preßvergehen an die ordentlichen Gerichte;
2. Freiheit des religiösen Bekenntnisses und der kirchlichen Vereinigung.
3. Freiheit des Versammlungs- und Vereinsrechtes.
4. Gesetzliche Sicherstellung der Person gegen willkürliche Verhaftung, Haussuchung und Untersuchungshaft.
5. Verbesserung des Wahlgesetzes namentlich durch Herabsetzung des Zensus und Ausdehnung der Wählbarkeit auf das ganze Land.
6. Öffentlichkeit und Mündlichkeit der Rechtspflege mit Schwurgericht.
7. Vereidigung des Militärs auf die Verfassung.
8. Verminderung des stehenden Heeres, Umbildung des Militärwesens und der Bürgerbewaffnung. [...]
Wir zweifeln nicht an dem landesväterlichen Sinne des allverehrten, allgeliebten Königs, wir geben uns seiner Huld und Weisheit mit Vertrauen hin, wir erwarten aber ebenso zuversichtlich von den Ratgebern der Krone, daß sie klare Einsicht und aufrichtigen Willen genug haben werden, jenen dringenden Forderungen der Neuzeit zu entsprechen, oder dafern dies mit ihren Überzeugungen nicht im Einklang stehen sollte, dies offen bekennen und durch freiwilligen Rücktritt von ihrem Amte das gesetzliche Zustandekommen zeitgemäßer Reformen ermöglichen und sich dadurch der Achtung und des Beifalls aller Parteien versichern werden.
Es lebe der König! Es lebe die Verfassung! Es lebe die Eintracht zwischen Regierung und Volk!
Dresden, den 7. März 1848.

Karl Obermann (Hg.), Flugblätter der Revolution 1848/49, München 1972, S. 49 f.


Mit diesen Programmpunkten wurde nicht auf punktuelle politische Veränderungen, sondern auf eine fundamentale politische Kehrtwende in den deutschen Ländern und in Gesamtdeutschland abgezielt. Die Heere der Zeit waren bis dahin nämlich strikt auf die Monarchen hin orientiert, sie bildeten neben der politischen Polizei das Rückgrat der bisherigen Unterdrückungspolitik. Mit dem Ruf nach milizartigen "Bürgerwehren" oder "Nationalgarden" sollte nun das Gewaltmonopol der Fürsten gebrochen werden und die Unterdrückung des Volkes ein Ende finden. Die Pressefreiheit sollte eine breite liberal-demokratische Öffentlichkeit schaffen. Volksnahe Gerichte zielten auf eine von den Interessen der bisherigen Machtinhaber unabhängige Justiz.

Bei alledem war klar, dass so weitreichende politische Kehrtwenden nur mit neuen - liberalen oder demokratischen - Regierungen zu realisieren waren. Schließlich sollte mit der Schaffung einer Nationalversammlung der parlamentarische Gedanke in Deutschland bestimmend werden. Der Deutsche Bund wie dessen Einzelstaaten waren in mit Bürgerrechten ausgestattete Verfassungs- und Rechtsstaaten umzuwandeln.

Die baldige Umsetzung dieser Märzforderungen durch neu gebildete Regierungen trug zur Befriedung der Unruhen in Stadt und Land bei. Solche Erfolge waren anfangs allerdings keineswegs sicher. Überall ließen sich Ängste und chaotische Zustände beobachten. Als etwa in Karlsruhe am 1. März, umgeben von demonstrierenden Menschen und Abordnungen vor allem aus Städten, die Zweite Kammer Badens tagte und die Märzforderungen aufgriff, hatte Großherzog Leopold zwar schon ein Einlenken signalisiert. Aber es herrschte alles andere als Sicherheit, hatten doch die Großmächte und die Vertreter der alten Ordnung bislang noch immer kritische Situationen zu ihren Gunsten gewendet.

Panikartig wurde häufig in der Märzrevolution auch mit äußeren Kriegen gerechnet. Reale wie vermeintliche Gefahren drohten die zuversichtliche Aufbruchstimmung immer wieder zu erschüttern, es war oft ein kurzer Weg zum Ausbruch einer Volkswut. Der noch aus Zeiten der Französischen Revolution bekannte Ruf "Verrat" konnte Hass und Raserei auslösen. Vor allem die Liberalen fürchteten eine in einem Blutbad endende soziale Revolution, zumal in Paris der republikanisch-demokratische "Vierte Stand" gesiegt hatte. Sie wurden damit an die Ausschreitungen während der Französischen Revolution und an die Fremdherrschaft Napoleons erinnert.

Nicht zuletzt rechnete man mit der Möglichkeit eines Interventionskrieges Frankreichs mit dem Ziel, im Rahmen einer republikanischen Umgestaltung Europas auch eine deutsche Republik zu errichten. Die Demokraten hatten weniger Berührungsängste gegenüber den Massen, trugen aber den Risiken einer entfesselten Gewalt gleichermaßen Rechnung. Außenpolitisch fürchteten sie vor allem, dass das zaristische Russland als "Hort der Reaktion" einen politischen Erdrutsch in der Mitte Europas nicht tatenlos hinnehmen würde.

Großherzog Leopold von Baden sah keine Alternative. Ein Einsatz des Heeres, sofern dieses für einen Schlag gegen das Volk überhaupt noch zur Verfügung stand, musste dazu führen, dass sich die Unruhen auf dem Lande und in den Städten verbanden und eskalierten. Nach einigen Tagen des Lavierens stimmte er am 9. März allen Forderungen endgültig zu und setzte eines der ersten "Märzministerien" in Deutschland ein, eine "konstitutionelle Regierung" unter liberaler Führung. Dies bedeutete, dass die Regierung - und nicht mehr der Landesherr - durch ihre Unterschrift für alle Gesetze und Regierungsakte die politische Verantwortung übernahm. Den anderen Mittel- und Kleinstaaten blieb keine Wahl, als diesem Beispiel zu folgen, auch wenn in manchen von ihnen eine hinhaltende Politik des Fürsten (Württemberg) oder die Rückständigkeit des Landes (Mecklenburg, Oldenburg) die fälligen Modernisierungen erheblich verzögerten. In Bayern musste König Ludwig I. zugunsten seines Sohnes abdanken.

Spaltung von Liberalen und Demokraten

Auf den ersten Blick mag an dieser Entwicklung verwundern, dass die Liberalen - oft in Verbindung mit zu Reformen bereiten Konservativen - die Märzministerien bildeten, sich aber nicht mit ihren traditionellen Partnern, den Demokraten, zu einer Regierungskoalition zusammenfanden. Dies verwundert um so mehr, als die Demokraten dank ihres Rückhalts in den zu Gewalt bereiten Massen der Märzrevolution erst die nötige Schubkraft verliehen, die Ziele der Revolution mit formuliert und sich verantwortungsbewusst der Gewalteindämmungsstrategie angeschlossen hatten. Doch gerade im Zuge der Bildung der neuen Regierungen trennten sich die Wege der beiden Parteien deutlich. Die Demokraten fanden sich in der bitteren und undankbaren Rolle einer Oppositionspartei wieder, während die nun gegenüber der politischen Rechten nicht selten konzessionsbereiten Liberalen das Werk der konkreten Umsetzung der Märzforderungen übernahmen.

Diese Entwicklung war darin begründet, dass die Gemeinsamkeit der beiden Gruppierungen im Vormärz in ihrer Ablehnung gegen das alte Regime und in dem allgemeinen Willen gelegen hatte, Deutschland zu erneuern. Als 1848 eine definitive Umgestaltung Deutschlands anstand, kam dagegen zum Tragen, dass die Liberalen eine konstitutionelle Monarchie und die Demokraten eine Republik und damit unterschiedliche Staatsformen anstrebten. Auch in zentralen Einzelheiten wie der Wahlrechtsfrage unterschieden sich die Anschauungen erheblich. Während die Liberalen von einer noch verbreiteten politischen Unmündigkeit des Volkes ausgingen und das Wahlrecht nur Staatsbürgern mit Besitz zukommen lassen wollten, befürworteten die stärker egalitär ausgerichteten Demokraten das gleiche Wahlrecht für alle.

Eher noch wichtiger war der unterschiedliche Umgang beider mit der politischen Tradition in Deutschland. Die Liberalen wollten das - wie sie sagten - "organisch" Gewachsene nicht zerstören und lehnten einen völligen Neuanfang ab. Analog zu ihrem Verhalten im Vormärz ging es ihnen um einen Staatsumbau, wobei sie sich auf die Bundesakte und die Erfolge des Frühkonstitutionalismus beriefen. Sie setzten sich für eine fundamentale Reform ein und sahen diese als "Verrechtlichung" der Zustände in Deutschland an. Hierbei vertrauten sie darauf, dass eine Traditionen bewahrende Zusammenarbeit mit den Fürsten nach der Märzrevolution möglich und nötig sein würde. Leitend war der Gedanke, dass die Fürsten - nun endlich - die Zeichen der Zeit eines sich herausbildenden bürgerlichen Zeitalters respektieren und als weiterhin führende Kräfte definitiv und dauerhaft auf einen liberalen Kurs einschwenken würden.

Die Demokraten wiederum schienen nach Bildung der Märzregierungen von den Oppositionsbänken aus kaum noch eine Chance zu besitzen, die von ihnen erstrebte Staatsform und damit einen klaren Bruch mit der Vergangenheit durchzusetzen. Auf der anderen Seite hatten sie sich durch die von ihnen mitgetragene erfolgreiche Eindämmung der Revolution jede Chance genommen, wieder zu revolutionären Mitteln zu greifen: Eine "zweite Revolution" war in Deutschland kaum noch möglich.