Revolution von 1848

21.1.2010 | Von:

Vorparlament und Paulskirche

Bemühungen um internationale Anerkennung

Keineswegs günstiger waren die Perspektiven der Paulskirchenversammlung in der Frage einer Anerkennung des Deutschen Reichs durch andere Staaten, von einer außenpolitischen Hilfe durch andere Nationalbewegungen oder etablierte Großmächte ganz zu schweigen. Maßgeblich waren die schon vor dem Zusammentritt der Paulskirche im Vorparlament aufgelaufenen Probleme: Der Krieg deutscher Truppen gegen Dänemark und - besonders bedrückend - die unausweichlichen massiven Interessenkollisionen mit anderen Nationalbewegungen, die gleichermaßen wie die deutsche weitgesteckte Ziele verfolgten.

Am tiefsten und mit großer Langzeitwirkung wurde 1848 das Verhältnis zwischen dem deutschen und dem polnischen Volk getrübt. Die Nationalversammlung war an dieser Entwicklung insofern beteiligt, als sie Ende Juli die Einbeziehung des Großteils der Provinz Posen mit seiner polnischsprachigen Mehrheit in das Deutsche Reich guthieß. Wie in allen deutschlandpolitischen Debatten der Paulskirche fehlten gute oder zumindest bedenkenswerte Argumente ebenso wenig wie besonnene Stimmen, doch haften blieben letztlich eher nationalistische Töne, Kulturdünkel und überzogene Eigeninteressen.

Quellentext

Protestnote zum Polen-Entscheid

Deutsches Volk, das Unglaubliche ist geschehen! Die Mehrheit Deiner Vertreter hat die Revolution verleugnet und die theuersten Sympathien freier Völker verscherzt! Sie hat eine neue Theilung Polens ohne sichere Ermittlung der dortigen Bevölkerungsverhältnisse vorgenommen und die alten Theilungen für immer genehmigt [...].

Das ist der Sinn ihres heutigen Beschlusses in der Polensache. [...]
Dies ist ein unerhörtes Unglück, welches uns den Herzen unserer polnischen Brüder entfremdet, Mißtrauen zwischen ihnen und uns gesät [...] hat [...].
Die Mehrheit der Nationalversammlung hat keinen Sinn und kein Herz für die Befreiung unserer Nachbarvölker gezeigt. Sie hat kein Wort des Friedens für Italien, keine Sylbe des Mitgefühls für Polen gehabt. Es hat sich vielmehr ein brutaler Völkeregoismus erhoben, der die Italiener wieder unterwerfen und dem grausamen Bombardierer Radetzky wieder nach Mailand verhelfen, der die polnische Nation für immer aus der Reihe der Völker ausstreichen, und die Slaven in Österreich zu keiner freien und eignen Gestaltung ihrer Angelegenheiten kommen lassen will. [...]
331 Stimmen gegen 101 Stimmen haben die Erklärung der Theilung Polens für ein schmachvolles Unrecht und die Anerkenntnis der heiligen Pflicht des deutschen Volkes zur Wiederherstellung eines selbständigen Polens mitzuwirken verweigert. Und diese 331 sind zu einem Theile dieselben Leute, welche im Vorparlament jene schönen Beschlüsse faßten! [...]
Wir, die wir der Minderheit der Nationalversammlung angehören, wir erklären feierlich, vor aller Welt, daß wir nur die Gerechtigkeit gegen unsere Mitvölker, die Gründung eines neuen Friedens und neuer Verträge zwischen gleichen und freien Völkern gewollt und beantragt. [...] Unsere Ehre erfordert es, daß wir dies aussprechen, unser Gewissen, daß wir uns feierlich und förmlich verwahren gegen die Beschlüsse, die am heutigen Tage durch die Mehrheit der Versammlung gefaßt worden sind.
Das Ende Polens wäre das Ende Deutschlands, die Theilung Polens durch die deutsche Nation theilt Deutschland zwischen Rußland und Frankreich, zwischen Republik und Despotie, zwischen französische Freiheit und russische Knute, Deutsche, rettet Deutschland.

Die radical-demokratische Partei der constituirenden deutschen Nationalversammlung
Frankfurt am Main, den 27. Juli 1848

Walter Grab (Hg.), Die Revolution von 1848/49. Eine Dokumentation, Stuttgart 1998, S. 106 ff.

Von vergleichbaren Vergiftungen verschont blieben die Beziehungen zum Risorgimento. Doch da auch dort Ideen von einer Urfeindschaft heranwuchsen, die auf Österreich gerichtet sei - so im Krieg, den König Karl Albert zur Unterstützung der Mailänder Freiheitsbewegung gegen die Habsburgermonarchie geführt hatte -, strahlte dies auf das Verhältnis zu Frankfurt erheblich aus. Die Paulskirche sympathisierte wie selbstverständlich mit dem "deutschen" Österreich, zumal es auch direkte Reibungspunkte mit der italienischen Nationalbewegung gab, da Triest und Südtirol mit dessen damals nach Süden ragenden Landesteilen, in denen mehrheitlich italienisch gesprochen wurde, zum Deutschen Bund gehörten. Von einer ähnlichen Frontstellung geprägt blieben auch die Beziehungen zwischen Deutschen und Tschechen in Böhmen und Mähren.

Bei den Bemühungen um diplomatische Anerkennung des neuen Deutschen Reichs durch etablierte Staaten erwies sich, dass für diese nach wie vor die alten Großmächte Österreich und Preußen die entscheidenden Bezugspunkte blieben. Im England der Königin Victoria, dem Wunschpartner der Liberalen, sympathisierte zwar der Hof unter Einfluss des Coburger Prinzgemahls Albert mit den deutschen Liberalen, doch schon der Krieg um Schleswig hatte den leitenden Minister Lord Henry Palmerston zu einer kritischen Distanz veranlasst.

England war im Vormärz mit der Lage in Mitteleuropa zunehmend unzufrieden geworden, da das labile Österreich dort die Sicherheit und damit das Gleichgewicht Europas nicht mehr garantierte. Ein sich durch moderate Machterweiterung zu einem deutschen Nationalstaat wandelndes Preußen hätte 1848 daher eine willkommene Verbesserung dargestellt. Ganz anders wurde das großdeutsche Projekt der Paulskirche gesehen, denn dessen Realisierung schien gleichbedeutend mit der Errichtung einer kontinentalen Hegemonialmacht, die außerdem Ambitionen als Seemacht hatte.

Auch der Wunschpartner der Demokraten, Frankreich, dachte eher an Kompensationen für den zu erwartenden Machtzuwachs Deutschlands als an dessen diplomatische Anerkennung, wobei die starken Veränderungen der innenpolitischen Szenerie Frankreichs im Revolutionsjahr eher bedeutungslos blieben. Hier hatten Wahlen zu einer Nationalversammlung liberalen Republikanern die Mehrheit verschafft, die - bei gleichzeitiger Radikalisierung der Arbeiterschaft - fortan gegen die linke Opposition vorgingen, was im Juni zu einem Arbeiteraufstand führte, der von Kriegsminister Louis Eugène Cavaignac blutig niedergeschlagenen wurde. Unter diesem als neuem Regierungschef rückten in Frankreich wieder konservative Leitideen in den Vordergrund, und unter dessen im Dezember vereidigten Nachfolger Louis Napoleon Bonaparte, einem Neffen Napoleons I., sollte das Land dann für längere Zeit "bonapartistisch" geführt werden.

Unverhohlen feindlich zeigte sich das absolutistische Russland, von Liberalen wie Demokraten durchgängig als "Hort der Reaktion" bezeichnet. Zar Nikolaj I. musste bei einer nationalstaatlichen Umgestaltung Europas und der Errichtung eines Deutschen Reichs um seine Vorherrschaft in Osteuropa und seinen Einfluss auf Mitteleuropa fürchten. Solche Sorgen wurden durch das Risiko eines direkten Eindringens der Verfassungsbewegung nach Russland noch gesteigert. Folglich drängte er Preußen während des ganzen Revolutionsjahres zu einem entschiedenen Vorgehen gegen Frankfurt und war mit Angeboten, militärisch zu helfen, schnell bei der Hand.

Vor dem Hintergrund dieser Distanz beziehungsweise Feindschaft der entscheidenden Großmächte Europas konnte sich die Paulskirche schließlich nur über die Anerkennung durch die fernen Vereinigten Staaten von Amerika freuen sowie durch die kleinerer Staaten wie Schweden, die Niederlande, Belgien, die Schweiz, Sardinien, Neapel und Griechenland.