Revolution von 1848

21.1.2010 | Von:

Vorparlament und Paulskirche

Weltmachtperspektiven

Im historischen Rückblick überrascht es nicht, dass der Traum der Märzrevolution von einem idyllischen "europäischen Haus" schon früh sein Ende gefunden hatte und die Paulskirche hieran nichts ändern konnte. Zu fragen bleibt aber nach ihrem eigenen Konzept und damit dem Anteil, den sie an der Entwicklung hatte. Ausgangspunkt waren und blieben die Vorstellungen der traditionellen deutschen Nationalbewegung, denen zufolge das Zeitalter von Volksstaaten angebrochen sei und damit auch Deutschland in einem Staat leben sollte, dessen Grenzen denen des deutschen Volkes in gerechter Weise entsprachen.

Argumentiert wurde dabei auch mit historischen Rechten, für die teilweise bis in die Zeit des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation zurückgegangen wurde, um stützende Beweise zu erbringen. Noch mehr galt der Deutsche Bund als Anknüpfungspunkt, dessen Territorium als unverzichtbarer Sockel Deutschlands angesehen wurde, dessen vormalige Außenpolitik aber einmütig als abschreckendes Beispiel galt. Die Abgeordneten waren durchdrungen von der Vorstellung, Deutschlands "Ehre" sei nach Jahrzehnten vermeintlich schmachvoller Schwäche und nationaler Erniedrigung "wiederherzustellen". Hier spielten auch Reflexionen über das angebrochene imperiale Zeitalter und Beobachtungen der Entwicklung der Vereinigten Staaten von Amerika eine Rolle. Vor allem Nationalökonomen entwickelten die Vision, dass die Zukunft sich frei entfaltenden imperialen Weltmächten, großen Flächenstaaten mit kolonialen Ergänzungsräumen gehören werde. Das Deutsche Reich wurde gern in leuchtenden Farben als große mitteleuropäische Basis geschildert, die dank der neuen Eisenbahnen und der "deutschen Ströme" wie Donau und Rhein an die Nord- und Ostsee sowie an das Mittelmeer und das Schwarze Meer angebunden sei. Die imperialen Anschauungen prägten also das kontinentale Konzept mit und weiteten es aus, sie wurden bei allen sich rundum ergebenden Grenzfragen thematisiert, musste doch die Ausdehnung des Kernlandes den Anspruch auf eine Weltmachtrolle rechtfertigen.

Insbesondere war zu beobachten, dass immer, wenn der Blick auf den unaufhaltsam erscheinenden Zerfall der Habsburgermonarchie fiel, Südosteuropa als deutsches Interessengebiet hingestellt wurde; auf keinen Fall sollte Russland hier das Erbe Österreichs antreten dürfen. Mit Blick auf Italien galt die zum Deutschen Bund gehörende Hafenstadt Triest als viel zu schmaler Zugang Deutschlands zum Mittelmeer. Ein verbreitertes Hinterland sollten Istrien mit dem weiteren Hafen Pola und Venetien darstellen. An sich unbedeutende Grenzprobleme mit den Niederlanden führten zu Spekulationen über einen allerdings erst später zu verwirklichenden Ausbau der deutschen Atlantik-Position. Grundlage hierfür war eine Magnettheorie, die besagte, dass der freiheitliche und machtpolitische Glanz des Deutschen Reiches so groß werden würde, dass dieser als germanischer Kernstaat die "Brüdervölker" anziehen werde, wodurch auch eine friedliche Beerbung der Niederlande ins Blickfeld rückte.

Angesichts solcher weltpolitischer Ambitionen war der Wunsch nach einer deutschen Flotte zwangsläufig, zumal die dänische Seeblockade als Ausdruck einer akuten und unerträglichen maritimen Schwäche Deutschlands angesehen wurde. Folglich stellte sich die Paulskirche an die Spitze der Flottenbegeisterung, die sich in Deutschland ausbreitete, und gründete - mit bescheidenem Erfolg - eine deutsche Flotte. Für die Gegenwart sollte sie als reiner Küstenschutz fungieren, doch Fernziel war eine große deutsche Seemacht.

Vor diesem Hintergrund entfernte sich die Paulskirche von der Idee einer Staatenfamilie, die Platz für kleine wie große Staaten hatte, und bewegte sich wieder in Richtung auf ein Großmächte-Europa, zu dem nun neben Russland, Frankreich und England das Deutsche Reich gehören sollte. Italien und Polen mochten in nebulöser Zukunft dazustoßen, wenn sie - wie man es ausdrückte - die "Reife" hierzu erlangt haben würden. England und Frankreich galten als bündnisfähig. Mit Blick auf das absolutistische Russland bestand der Wunsch, dass dieses sich mittel- oder langfristig an ein liberal-demokratisches Europa anpassen würde. Deutschland selbst schrieben die Abgeordneten gern eine Mittlerrolle zwischen Ost und West zu.

Das nationale Konzept der Paulskirche stellte einen ambitionierten und schwer realisierbaren Plan für Europa dar, der ungeachtet der Preisgabe idealistischer Vorstellungen vom Frühjahr 1848 eine bedenkenswerte Fortentwicklung darstellte. Hier zeigte sich ein Erwartungshorizont, der den Zeittrends des imperialistischen Zeitalters entsprach und der sich bis weit ins 20. Jahrhundert hinein behaupten sollte.

Dennoch sind pauschale Verurteilungen nicht angemessen. Dies gilt in erster Linie, weil sich die Paulskirche im Laufe des Revolutionsjahres, wenn die Umstände es geboten, als lernfähig und konzessionsbereit erwies. Mit ihrem Umschwenken zu kleindeutschen Zielvorstellungen erledigte sich ein erheblicher Teil der weltpolitischen Ambitionen, auch wenn weiterhin auf eine enge Verbindung Deutschlands mit Österreich gehofft wurde. Nicht minder bedeutsam war, dass die Paulskirche nicht an ein chauvinistisches und säbelrasselndes Imperium dachte, vor allem die Liberalen konnten sich das Deutsche Reich nur als Hort von Frieden und Freiheit vorstellen. Ein freiheitliches Deutschland mit einem vorbildlichen Minderheitenschutz im Innern sollte zusammen mit Frankreich und mit England, das allerdings bisweilen schon als Gegenspieler gesehen wurde, für ein prosperierendes Europa sorgen.

Dieser Grundposition entsprach die Einstellung der Abgeordneten zu nationalen Einigungskriegen. Solche Unternehmungen wurden zwar nicht prinzipiell verworfen, doch anders als in späteren Epochen der deutschen Geschichte blieben Sorgen vor den ruinösen und unkontrollierbaren Folgen europaweiter Kriege vorherrschend. Man erinnerte sich an schmerzliche historische Erfahrungen, die über die napoleonische Zeit hinaus bis zum Dreißigjährigen Krieg zurück reichten. Entsprechend war die Entscheidung zum Krieg gegen das vermeintlich schwache Dänemark nur wegen der Annahme leicht gefallen, dass es sich um ein eng begrenztes Unternehmen in Analogie zu den Sturmpetitionen der Märzrevolution handele. Dänemark sollte durch eine kraftvolle Demonstration bewogen werden, eine vermeintliche Selbstverständlichkeit hinzunehmen.

Schließlich sind auch die vielfach markigen, nicht selten nationalistischen und martialisch klingenden Kernsprüche von Abgeordneten zu relativieren, die häufig als Redeabschluss gebraucht wurden. Vor dem Hintergrund ihrer Gewalt scheuenden und grundlegende Konzessionen nicht ausschließenden Politik waren sie in erster Linie als politische Strategie zu verstehen. Die deutsche Nationalversammlung entfaltete all ihren rhetorischen und intellektuellen Glanz, um mit missionarischem Eifer für ihre Herzenssache, die Verwirklichung der traditionellen Visionen der deutschen Nationalbewegung von einem freien und starken Deutschland, zu kämpfen. Dabei ließ die Paulskirche den Wunschvorstellungen nicht zuletzt deshalb freien Lauf, weil die deutsche Öffentlichkeit von diesen fasziniert werden und damit auf das Parlament als Baumeister Deutschlands eingeschworen werden sollte. Zudem galten außenpolitisch frühe Abstriche als problematisch, sollte doch den anderen Mächten demonstriert werden,dass das Zeitalter der Schwäche des Deutschen Bundes unwiderruflich der Vergangenheit angehöre.

Prestigeverlust in der Septemberkrise

Welche Probleme andererseits auf die Paulskirchenversammlung bei Anwendung von Gewalt lauerten, zeigte sich bei ihren Verstrickungen in den Krieg mit Dänemark. Diese führten schon im September, also zu einem Zeitpunkt, als das eigentliche Drama der Paulskirche durch die Gegenrevolutionen in Österreich und Preußen noch nicht eingesetzt hatte, zu einer von Unruhen begleiteten Parlaments- und Regierungskrise. In Schleswig hatte Preußen auf Druck Englands und Russlands die deutschen Truppen aus Jütland und Nordschleswig zurückgezogen, was eine Verhandlungslösung mit einer Teilung Schleswigs andeutete. Die Folge waren heftige Proteste der Paulskirche und vor allem ein problematischer Beschluss vom 9. Juni. In ihm beanspruchte die Nationalversammlung die Zuständigkeit in der "schleswigschen Sache" für sich und forderte einen Frieden, bei dem "die Rechte der Herzogtümer Schleswig und Holstein und die Ehre Deutschlands gewahrt" würden.

Alle Versuche der Frankfurter Regierung, in entsprechende Waffenstillstandsverhandlungen einbezogen zu werden, waren jedoch erfolglos, so dass das Parlament von dem am 26. August in Malmö vereinbarten Waffenstillstandsabkommen zwischen Dänemark und Preußen völlig überrascht wurde. Die angestrebte Einbeziehung ganz Schleswigs in das Deutsche Reich war fortan nicht mehr zu erwarten. Nach heftigen Debatten beschloss die Paulskirche daraufhin am 9. September, gegen die Vollziehung des Waffenstillstands ihr Veto einzulegen. Die Regierung Leiningen, die keine Chance sah, sich Preußen zu widersetzen, wurde aufgrund eines destruktiven Misstrauensvotums gestürzt. Da eine neue, den Krieg fortsetzende Regierung nicht zu finden war, vollzog das Parlament eine Woche später eine Kehrtwende und nahm nun auch seinerseits den Waffenstillstand hin.

Die politische Linke im Parlament und in der deutschen Öffentlichkeit wertete dies als nationalen Verrat und rief zu einem auf Schleswig konzentrierten nationalen Einigungskrieg auf. Nach dem Scheitern des Hecker-Zuges sammelten sich nun abermals radikaldemokratische Kräfte in den politischen Zentren Deutschlands, so auch im Rhein-Main-Raum, zum Widerstand gegen den Kurs der neuen liberalen Führung und suchten gleichzeitig das Projekt einer zweiten, zunehmend sozialrevolutionär verstandenen politischen Umwälzung voranzutreiben. Vom preußischen Rheinland bis Baden, aber auch in Hessen und Mitteldeutschland war ein Volksaufstand nicht ausgeschlossen. In Frankfurt forderten Radikale die Schaffung eines Gegenparlaments. Parlamentarisch orientierte demokratische Paulskirchen-Abgeordnete stoppten diese Initiative, dennoch kam es am 18. September zu einem Aufruhr und zur Ermordung zweier Abgeordneter. Der Aufstand wurde niedergeschlagen, eine neuerliche republikanische Erhebung in Baden fand das gleiche Ende. Tatsächlich behaupteten sich Regierung, nunmehr unter Führung von Schmerling, und Parlament in dieser Septemberkrise, doch war ihr Prestigeverlust beträchtlich.

Zwischen Liberalen und Demokraten schien das Tischtuch zerschnitten. Für Teile des Bürgertums war der Weg hin zu den sich sammelnden gegenrevolutionären Kräften kürzer geworden, meinten diese doch immer schon gewusst zu haben, dass die Revolution in Anarchie und Mord enden würde.