Revolution von 1848
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Entstehung einer pluralistischen Öffentlichkeit


21.1.2010
Ständische Schranken, Unterschiede zwischen Arm und Reich, Stadt und Land, Männern und Frauen spalten Mitte des 19. Jahrhunderts die Gesellschaft. Über Zeitungen und Zusammenschlüsse schaffen sich politisch aktive Gruppierungen Gehör.

Helene Lange 1929. Foto: AddF (Bild 22), BildnachweisFrauenrechtlerin im 19. Jahrhundert: Helene Lange (1848-1930), hier im Jahr 1929. (© AddF (Bild 22))

Einleitung



Der Wandel von Untertanen zu Staatsbürgern eines Verfassungsstaates mit Parlamenten, Parteien und Interessenvertretungen war wie das Aufblühen einer politischen Öffentlichkeit gleichzeitig Ziel und Voraussetzung für die Arbeit des Paulskirchenparlaments. Dies erforderte einen gewaltigen Modernisierungsschub, denn ungeachtet aller Politisierung, die sich im Vormärz vollzogen hatte, lebten die Menschen auch nach der Märzrevolution noch weitgehend in ihren privaten Milieus, die durch - zweifellos morsch gewordene - ständische Schranken und durch christliche Konfessionen geprägt waren.

Quellentext

Eintritt in die Politik - die Achtundvierzigerinnen

Männer machen Geschichte? In Deutschland war das so. (...) Aber als eine Gruppe, die politisch gleichberechtigt sein und handeln wollte, nahm man(n) Frauen erst seit dem Schicksalsjahr 1848/49 wahr.(...) Sie waren dabei als Zuschauerinnen, als Helferinnen und schließlich auch als Mitkämpferinnen. Sie saßen auf den Zuschauertribünen der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche und in den Landtagen der Einzelstaaten - und sie kämpften auf den Barrikaden. [...]
Schon zu den allerersten Freiheitskämpfern, die im März 1848 auf den Berliner Barrikaden unter den Kartätschenstreichen der königlich-preußischen Truppen gefallen waren, gehörten sechs Frauen. Viele andere haben dann im Verlauf der Revolution bis zu der endgültigen bitteren Niederlage im Juli 1849 aktiv mitgetan.
Die Berlinerin Emma Herwegh begleitete ihren Mann, den Dichter Georg Herwegh, bei seinen (insgesamt wenig erfolgreichen) Versuchen, mit einer in Frankreich mobilisierten "deutschen demokratischen Legion" den Aufstand der badischen Radikalen um Friedrich Hecker zu unterstützen. Sie verhandelte, ging, da Herweghs Legion an der Grenze festgehalten wurde, als Kundschafterin nach Baden und führte schließlich im April 1848 sogar für einen Moment selber Teile der Truppen.
Neben Emma Herwegh kämpfte die Mannheimer Lehrerin Amalie Struve mit. Sie war die Frau des Revolutionsprotagonisten Gustav Struve. Ihr gelang es, in ihrem Wagen 1000 Patronen durch die gegnerischen Reihen zu den Revolutionsverbänden zu bringen. Ebenso unerschrocken agierte die Schriftstellerin und Journalistin Mathilde Franziska Anneke, geboren 1817 bei Hattingen an der Ruhr. Ein Zeitzeuge staunte nicht schlecht, als er "vor einer Legion" der revolutionären Truppen im badisch-pfälzischen Aufstand von 1849 "eine üppige Weibsperson" sah, "eine rote Feder auf dem Heckerhut, Brille auf der Nase, angetan mit einem Reitkleid aus schwarzem Samt, im roten Gürtel zwei Pistolen, an der Seite einen Schleppsäbel und - hinter ihr reitend ein badischer Dragoner als Ordonnanz".
Andere, weniger namhafte Frauen taten es ihr gleich. Herwegh, Struve und Anneke - sie alle gingen mit ihren Männern ins Exil - sind heute noch besonders bekannt, da sie ihr Engagement später in literarisch-politischen Erlebnisberichten reflektierten und rechtfertigten. [...].
So spektakulär diese und andere Taten waren [...] - am meisten nachgewirkt haben doch die zahlreichen Frauenorganisationen und -zeitschriften jener Jahre.
In den Zentren der Revolution, aber auch in vielen kleinen Orten, entstanden 1848/49 Frauenvereine. Meist waren sie im demokratischen Milieu angesiedelt, doch es gibt auch bemerkenswerte Beispiele für das christlich-konservative Spektrum, in dem die autonome Organisation von Frauen langfristig mindestens ebenso subversiv gewirkt haben dürfte wie das revolutionäre Engagement der Demokratinnen.
Denn die Gründung eines Vereins, die Artikulation politischer Interessen durch Frauen waren ja schon an und für sich spektakulär - in einer Zeit, in der viele Männer den unbeaufsichtigten Aufenthalt von Frauen an öffentlichen Orten wie Gasthäusern, Parlamenten oder den lokalen bürgerlichen Versammlungssälen für "unerhört" hielten.
[...] Der Eintritt vieler Frauen in die Sphäre der Politik ging 1848 häufig einher mit einer Flucht aus Ehen, die vor der Emanzipation geschlossen worden waren und nun als beengend empfunden wurden. Es war ein Akt auch des privaten Widerstands gegen bevormundende, wenn nicht gar gewalttätige Ehe-Herren. [...].
Betrachtet man umgekehrt die revolutionäre männliche Elite von 1848 - etwa am Beispiel der demokratischen Paulskirchenabgeordneten -, so fällt auf, dass vielen von ihnen Frauen zur Seite standen, die zugleich Mitstreiterinnen waren. Kam der Mann in Haft, so führten sie seine Arbeit fort, leiteten die Zeitschrift, die er herausgab, weiter und hielten die politischen Netzwerke lebendig. Sie unterstützten die parlamentarische Tätigkeit ihrer Männer als Vorsitzende demokratischer Frauenvereine in deren Wahlkreisen. Sie waren selbst erwerbstätig und ernährten die Familie, wenn der Hausvater wegen politischer Verfolgung seinen bürgerlichen Beruf verloren hatte.
So führte Henriette Obermüller, eine glühende Demokratin, nach der Revolution eine Fremdenpension in Badenweiler und ermöglichte damit ihrem Mann, dem Republikaner Jakob Venedey, die gemeinsame Arbeit fortzusetzen. [...]
In den Polizeidossiers war es hingegen schon ein Topos, bei politisch engagierten Paaren die Männer als eher harmlose Schöngeister darzustellen, die erst durch ihre Frauen wirklich radikal und gefährlich geworden seien. [...] Liest man diese Büttelprosa, so muten die Forderungen, die von den Frauenvereinen aufgestellt und von den ersten Politikerinnen in ihren Blättern vertreten wurden, mit dem Abstand von 150 Jahren sehr maßvoll an: Es ging vor allem um den Zugang der Frauen und Mädchen zum Bildungssystem - vom Wahlrecht war nur in Ausnahmefällen die Rede. [...] Insbesondere nach dem Scheitern der Revolution gab es [...] eine heftige Wendung der AchtundvierzigerInnen hin zu Erziehungsfragen. Wenn es schon nicht gelungen war, ein neues Staatswesen, ein einiges, freies und mächtiges Deutschland zu schaffen, so machte man sich nun daran, den neuen Menschen zu erziehen, der es dann bei der erhofften nächsten Revolution "besser ausfechten" werde. [...]

Christian Jansen, "Frau und gleich", in: Die Zeit Nr.35 vom 25. August 2005


Innergesellschaftliche Sprengsätze

Der Grad der Politisierung war dabei je nach Region höchst unterschiedlich. Es bestand ein auffälliges Nord-Süd-Gefälle zwischen den noch ständischen mecklenburgischen Staaten und den längst konstitutionellen Staaten im Süden. Massiv waren zudem die Unterschiede zwischen Stadt und Land. In den Städten hatten die Liberalen und Demokraten weiterhin ihre Machtbasis, während auf dem Land, beispielsweise in Brandenburg und Pommern, die alten patrimonialen Ordnungsgefüge bisweilen so intakt blieben, dass konservative Kräfte die Bevölkerung für eine Politik des Bewahrens gewinnen konnten. In Schlesien war die Agrarverfassung so rückständig, dass zahlenmäßig starke "Rustikalvereine" entstanden, die die bäuerlichen Interessen gegenüber Grundherrn und Staat vertraten. Das Gros der Landbevölkerung in den Kernländern der Großmächte trug jedoch schließlich die Gegenrevolution mit.

Auch nach der Märzrevolution vollzog die politische Öffentlichkeit, etwa in der Septemberkrise nach dem Waffenstillstand von Malmö oder im Kampf um die Durchsetzung der Reichsverfassung, Entwicklungsschübe, die allerdings der Paulskirche nicht im erhofften Maße zugute kamen. Im Gegenteil, die Konflikte der Zeit steigerten eher die Gegensätze und Polarisierungen im Volk als die Basis eines parlamentarischen Staates mit einer friedlichen Konkurrenz gouvernementaler und oppositioneller Parteien zu stärken.

Ein Schlüsselproblem war das Andauern der wirtschaftlichen und sozialen Nöte, selbst wenn deren Höhepunkt mit den Jahren 1846/47 1848 bereits überschritten war. Auch die neue liberale Führung konnte keine Wunderdinge vollbringen. Da Paulskirche und Provisorische Zentralgewalt ihre Arbeit vornehmlich auf die Konstruktion des künftigen Deutschen Reiches abstellten, richtete sich der Blick der Notleidenden und Unzufriedenen mehr und mehr auf ihre einzelstaatlichen Regierungen, was das Risiko einer zunehmenden Distanz zur Paulskirche in sich barg. Unter den Einzelregierungen übernahm die preußische Regierung eine Vorreiterrolle, indem sie die seit der Reformzeit ohnehin vorhandenen fortschrittlichen Elemente des preußischen Gesellschaftsaufbaus, fassbar in städtischer Selbstverwaltung und freiem Handel, zügig modernisierte, und damit die lähmende Perspektive eines Staatsbankrotts abwendete. Die wichtigste Erneuerung war, dass nun Aktiengesellschaften als Finanzierungsinstrumente zur Ankurbelung der Industrie dienten.

Die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Modernisierungen wurden allerdings erst in den 1850er Jahren spürbar. Vor allem aus der Arbeiterschaft drangen Forderungen nach modernen sozialstaatlichen Gesetzen, nach Staats- und Musterwerkstätten, nach einem Arbeitsministerium und nach einer progressiven Einkommensteuer. Ähnlich argumentierende Demokraten strebten vielfach nach einer Beschneidung des Einflusses der Besitzenden und nach Staatshilfen für Kleinproduzenten. Darauf reagierten die Liberalen allerdings brüsk abweisend, da sie als Konsequenz einer Politik, die sich dem "Schutz der Arbeit" verschrieb, Anarchie oder neuen Despotismus fürchteten. Der Pariser Arbeiteraufstand vom Juni 1848, der blutig niedergeschlagen worden war, diente ihnen als neuerliche Bestätigung. Demgegenüber betrieben die Liberalen eine Politik, die auf die Selbstheilungskräfte einer Bürgergesellschaft setzte, welche durch neue staatliche Strukturen geschaffen werden sollte.

Vor dem Hintergrund anhaltender Nöte sowie sich sammelnder gegenrevolutionärer Kräfte blieb aber eine Radikalisierung breiter Bevölkerungskreise nicht aus. In der Septemberkrise wurden beispielsweise die Liberalen als "Volksverräter" bezeichnet, was nur allzu deutlich zeigte, wie kurz die Wege zu einer regelrechten Vergiftung der politischen Atmosphäre geworden waren. In Teilen des Bürgertums regten sich angesichts dieser unruhigen Entwicklung Ängste und ein wachsendes Bedürfnis, die "Ordnung" wiederherzustellen.

Charakteristisch waren die zahlreichen Auseinandersetzungen um die Bürgerwehren. Die Linke forderte vergeblich, dass diese die regulären Heere ersetzen sollten. Die Landesherren zeigten wenig Neigung, auf das traditionelle Heer als innenpolitischen Rückhalt zu verzichten, während die bürgerliche Führung der Bürgerwehren beweisen wollte, dass die neue Schutztruppe Herrin der Lage sei und dies mit bisweilen harten Einsätzen gegen unruhige Unterschichten zu untermauern suchte. Die weitere Entwicklung in Preußen zeigte den sich abzeichnenden Trend: Während das an nationalen Brennpunkten erfolgreiche Heer wieder Vertrauen gewann und schon seit dem 30. März Zug um Zug in die Berliner Garnison zurückkehrte, wurde zur Bewahrung der inneren Ordnung mit den königstreuen "Konstablern" eine neue Polizeischutztruppe aufgebaut. Danach war es ein kurzer Weg bis zur Auflösung der Bürgerwehr, womit auch das Heer wieder in seine traditionelle Funktion als innenpolitische Eingreif-Reserve einrückte.

Entfaltung der Presse



Blickt man vor diesem Hintergrund zunehmender Polarisierung zwischen demokratischen, liberalen und gegenrevolutionären Kräften auf die Kommunikationswege und das parteipolitische Umfeld der Paulskirche, so fällt zunächst auf, dass das deutsche Parlament durchaus über einen breiten Zugang zur Öffentlichkeit verfügte. An den politischen Brennpunkten und insbesondere in Frankfurt trafen Abordnungen und interessierte Bürger ein, informierten sich, demonstrierten und bildeten Lobbys. Wichtiger waren die schließlich etwa 1700 Zeitungen, von zahlreichen improvisierten Blättern mit wenigen Erscheinungsnummern bis hin zur mit 17000 Exemplaren pro Ausgabe auflagenstärksten liberalen "Kölnischen Zeitung". Gelesen und besprochen wurden die sich nun durchweg zu parteinahen Blättern wandelnden Zeitungen nicht nur von Einzelnen; sie lagen auch in Lesegesellschaften, Salons und politischen Vereinen aus und wurden Analphabeten - man schätzt ihre Zahl auf 20 Prozent der Bevölkerung- vorgelesen. Unzählige Maueranschläge und Flugblätter hatten ihr Publikum, politische Lieder und politische Lyrik blieben wie im Vormärz gefragt, und Moritatensänger bereiteten die Politik auf ihre Weise auf. Letztere konnten sich auf eine Vielzahl publizierter Bilder stützen, so besonders auf die Neuruppiner Bilderbögen oder die Drucke in der Leipziger "Ilustrirten Zeitung". Schließlich zeigte die Vielzahl von Karikaturen den Trend, die Paulskirche zunächst zu glorifizieren, später aber zu verspotten.

Die Debatten der großen Parlamente, festgehalten in den neuartigen stenographischen Mitschriften, wurden gedruckt und zudem durch umfangreiche Zeitungsberichte einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht; auch die Fraktionen belieferten die Presse mit Informationen über ihre Tätigkeit.

Die berühmteste Zeitung war, neben der von Marx herausgegebenen "Neuen Rheinischen Zeitung", die Heidelberger "Deutsche Zeitung", das schon Mitte 1847 gegründete Zentralorgan der Liberalen. Basierend auf einem europaweiten Korrespondentennetz, war diese Zeitung gleichzeitig Sprachrohr des Casino wie selbstständiges politisches Forum. Sie konnte ihren Leserkreis allerdings kaum über das städtische Bildungsbürgertum hinaus ausdehnen. Demgegenüber erweiterten die demokratischen, stärker dezentralisierten Blätter ihre Leserschaft, wobei sie ihre Hoffnungen zunehmend auf die Führungen der Einzelstaaten setzten. Entsprechende Tendenzen sah man bei der von erheblichen Teilen der Arbeiterschaft gelesenen "Verbrüderung" wie bei der "Deutschen Volkshalle" der Katholiken.



 
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