Revolution von 1848
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Scheitern eines Traumes


21.1.2010
Gegen die militärgestützten Großmächte haben weder die Nationalversammlung noch die europäischen Freiheitsbewegungen eine Chance. Doch auch für die Sieger sind die Zustände der Restaurationszeit nicht wieder herstellbar. Langfristig werden die Leitideen der 1848er realisiert.

Ein Besucher betrachtet im Wiesbadener Hauptbahnhof die historische Darstellung der ersten deutschen Nationalversammlung, die in der Frankfurter Paulskirche tagte.Ein Besucher betrachtet im Wiesbadener Hauptbahnhof die historische Darstellung der ersten deutschen Nationalversammlung, die in der Frankfurter Paulskirche tagte. (© picture-alliance/AP)

Einleitung



In der nationalen Frage war die Paulskirche im Sommer 1848 keinen Schritt weiter gekommen. Ungeachtet aller Konflikte wurde an dem ambitionierten Projekt des Vorparlaments festgehalten, ein Deutsches Reich in großdeutschen Konturen zu schaffen. Unmittelbar vor Ausbruch der Gegenrevolution begann die Paulskirche schließlich mit der Beratung der eigentlichen Verfassungsbestimmungen, die Deutschlands Grenzen und äußeren Status festschreiben sollten.

In einer sich über vier Tage erstreckenden deutschlandpolitischen Debatte vom 20. bis 27. Oktober beschäftigte man sich vor allem mit der problematischen Einbindung Österreichs. Eine erste Lesung der entsprechenden Verfassungsparagraphen endete mit dem erwarteten, von einer beeindruckenden Mehrheit getragenen Beschluss, dass das Territorium des Deutschen Reiches auf dem des Deutschen Bundes fußen solle, während weitere nicht-deutsche Länder - gedacht war an die nicht zum Deutschen Bund gehörenden Teile Österreichs - nur durch ein gemeinsames Staatsoberhaupt "in reiner Personal-union" mit Deutschland verbunden sein durften.

Ringen um Deutschlands Grenzen



Vom bisherigen Widerstand der österreichischen Führung gegen eine Teilung der Habsburgermonarchie ausgehend, betrachtete die Paulskirche diesen Beschluss als "Frage an Österreich". Man hoffte, Wien davon überzeugen zu können, dass ein "großdeutscher" Staat mit einem Habsburger Kaiser an der Spitze in dessen eigenem Interesse liege. Die Alternative, ein "kleindeutscher Staat" unter preußischer Führung, wurde in der Debatte nicht einmal erwähnt, obwohl es in der Paulskirche bereits Politiker gab, die nicht mehr an die Möglichkeit einer Teilung Österreichs glaubten und daher die kleindeutsche Lösung anstrebten.

Nicht vorhersehbar war, dass die "Antworten" aus Wien und alsbald auch aus Berlin schon von den neuen gegenrevolutionären Regierungen kommen würden. In Österreich stellte die Ermordung des Paulskirchenabgeordneten Blum am 9. November eine Richtungsvorgabe dar. In seiner Regierungserklärung vom 27. November vor dem Reichstag in Kremsier ließ der neue Ministerpräsident Schwarzenberg sein ausdrückliches Nein zur "Anfrage" der Paulskirche folgen: "Nicht in dem Zerreißen der Monarchie liegt die Größe, nicht in ihrer Schwächung die Kräftigung Deutschlands. Österreichs Fortbestand in staatlicher Einheit ist ein deutsches wie ein europäisches Bedürfnis."

Den Ausführungen des Ministerpräsidenten waren allerdings weder die Absicht eines Rückzugs der Habsburgermonarchie aus ihren deutschen Positionen noch eine endgültige Frontstellung gegen die Paulskirche zu entnehmen. Denkbar blieb, dass Schwarzenberg ein Kleindeutschland akzeptierte, das sich mit der Habsburgermonarchie in bestimmten Bereichen wie der Außen- und Sicherheitspolitik auf dem Wege von Staatsverträgen zusammenfinden würde. In der Paulskirche wurde dies als Hinweis verstanden, dass fortan auf die kleindeutsche Variante zu setzen sei. Das führte am 15. Dezember zum Rücktritt des großdeutsch orientierten Ministerpräsidenten Schmerling.

Zug um Zug entwickelte daraufhin der österreichische Ministerpräsident jedoch einen Gegenentwurf zu den Plänen der Paulskirche, eine "mittel-europäische Lösung", bei der die gesamte Habsburgermonarchie mit Deutschland zu einem "70-Millionen-Reich" zusammengefasst werden sollte.

Möglicherweise war Schwarzenberg dabei von ausschließlich taktischen Erwägungen geleitet: Mit diesem Vorschlag konnte er alle anderen deutschlandpolitischen Lösungen scheitern lassen, um dann die dritte Variante ins Spiel zu bringen, die später Realität werden sollte, nämlich eine Rückkehr zu den für Österreich nicht ungünstigen Verhältnissen des Deutschen Bundes. Für diese Auffassung spricht, dass ein mitteleuropäisches Reich das Gleichgewicht Europas sprengen musste und das Veto der übrigen Mächte programmierte. Doch die außen- und sicherheitspolitischen Interessen der Habsburgermonarchie, dazu handels- und wirtschaftspolitische Bestrebungen, die sich vor allem gegen die Barrieren des Deutschen Zollvereins richteten, wiesen andererseits durchaus in Richtung eines solchen Großprojektes.

Auch Preußen beantwortete die "Frage" der Paulskirche nicht durchweg zustimmend, doch kam die Regierung Brandenburg dem deutschen Parlament viel weiter entgegen. Der Ministerpräsident versuchte die Abgeordneten davon zu überzeugen, dass der Staatsstreich in Preußen eine unumgängliche Konsequenz aus einem Staatsnotstand gewesen sei. Des weiteren legte er dar, dass die Verordnung einer Verfassung für Preußen als Richtungsvorgabe für eine Vereinbarung mit der Paulskirche anzusehen sei, die einen deutschen Verfassungsstaat herstellte. Das reformkonservative Preußen, in dem bei Beibehaltung traditioneller sozialer Strukturen ein starker König Administrative und Heer beherrschte, sollte Kern des künftigen Deutschlands sein. Zur Empörung Schwarzenbergs bot Brandenburg Österreich in einer Zirkularnote vom 23. Januar 1849 schließlich nur einen weiteren Bund mit diesem großpreußisch geprägten Kleindeutschland an.

Die Volksvertreter in der Paulskirche beharrten in dieser Situation wie auch später auf ihrem Anspruch, das neue Deutschland gemäß dem Prinzip der "Souveränität der Nation" nach eigenem Wissen und Gewissen zu gestalten. Durch den beschleunigten Abschluss der Grundrechtsberatungen und der Verfassungsbestimmungen über den Staatsaufbau suchten sie Herren der Lage zu bleiben und gleichzeitig auf die "Antworten" aus Österreich und Preußen zu reagieren.

Quellentext

Groß- oder Kleindeutschland?

Aus den Debatten der Paulskirche

18. Dezember 1848
[...] Der Abgeordnete Venedey aus Köln:
Wir sind hierher gekommen, meine Herren, um Deutschland's Einheit zu constituiren, und man schlägt uns hier vor, einen Theil Deutschland's aus Deutschland hinauszuwerfen. (Stürmisches Bravo und Händeklatschen auf der Linken.) [...]. Die deutsche Nation, meine Herren, hat schon genug gelitten, jetzt endlich ist sie aufgestanden, und hat uns hierher gesandt, Deutschland zu constituiren, und man will uns einen Theil Deutschland's feil machen. Ich bin hierher gekommen in die Paulskirche, fest entschlossen, mit der Paulskirche zu stehen, oder zu fallen. Aber nicht einen Augenblick länger will ich hier sitzen, wenn Oesterreich nicht dabei ist. (Stürmisches Bravo auf der linken Seite des Hauses.) [...]
Der Abgeordnete Moritz Mohl aus Stuttgart:
[...] Wir sind 40 Millionen Deutsche; wir haben diese zerbröckelten kleinen Nationalitäten nicht zu fürchten. Es sind vielleicht fünf Millionen Czechen; es sind nicht fünf Millionen Magyaren, noch viel weniger Croaten, noch viel weniger Walachen u. s. w. Alle diese Nationen können der deutschen Nationalität nicht nachtheilig werden; aber es ist von der allergrößten Wichtigkeit, daß sie mit uns zusammen sind, daß sie mit Deutschland ein Reich von 70 Millionen Menschen bilden. Meine Herren! Ich frage Sie, wenn der Kaiser von Oesterreich Kaiser von Deutschland wird, wenn diese 70 Millionen Menschen vertreten sind in einem deutschen Parlament, welche Macht in Europa, selbst Rußland mit seinen 66 Millionen, oder Frankreich mit seinen 36 Millionen, welche Macht in Europa wird mächtig genug sein, um gegen dieses große Reich anzugehen? [...]

13. Januar 1849
Der Abgeordnete Beseler aus Greifswald:
[...] Oesterreich will die Gesammtmonarchie, wir wollten das wissen, und das ist genügend für uns. Will es aber die Gesammtmonarchie, so kann es die deutschen Provinzen aus der Gesammtmonarchie nicht entlassen, und sie dem deutschen Bundesstaate einreihen. Es kann nicht Jemand zweien Herren dienen. Wenn hier eine souveräne Gewalt ist, und dort, da kann man nicht beiden zugleich unterworfen sein. Eben so wenig kann Deutschland zugeben, dass die deutsche Politik getheilt werde, und daß hier Oesterreich und hier Deutschland herrsche. Entweder, oder! [...]
Wir werden nicht weinen, wie die Weiber, aber (Gelächter auf der Linken) mit einem männlichen ehrlichen Händedruck, wenn wir unsere Freunde aus Oesterreich scheiden sehen sollten, würden wir scheiden, und wir würden eine aufrichtige, männliche Liebe für die Oesterreicher behalten. [...]

12. März 1849
Dringlicher Antrag des Abgeordneten Welcker:
Die deutsche verfassunggebende Nationalversammlung, in Erwägung der dringlichen Lage der vaterländischen Verhältnisse, beschließt:
1) Angesichts der wiederholten öffentlichen Nachrichten von fremder Einsprache gegen die von der deutschen Nation zu beschließende Verfassung [...]
3) Die in der Verfassung festgestellte erbliche Kaiserwürde wird Sr. Majestät dem König von Preußen übertragen. (Große Sensation.)
4) Die sämmtlichen deutschen Fürsten werden eingeladen, großherzig und patriotisch mit diesem Beschlusse übereinzustimmen, und seine Verwirklichung nach Kräften zu fördern [...]
6)Se. Majestät der Kaiser von Oesterreich, als Fürst der deutsch-österreichischen Lande, und die sämmtlichen Bruderstämme in diesen Landen, einzeln und vereint, sind zum Eintritt in den deutschen Bundesstaat und seine Verfasssung jetzt und zu aller Zeit eingeladen und aufgefordert.
7)Die deutsche Nationalversammlung legt gegen ein etwa von der Regierung der deutsch-österreichen Lande; oder von diesen Landen selbst beanspruchtes Recht, von dem deutschen Vaterlande, und aus der von seinem Gesammtwillen beschlossenen Verfassung auszuscheiden, für alle Zeiten feierlichen Widerspruch ein.
8)Sie ist aber bereit, solange einer definitiven Verwirklichung des völligen Eintritts der deutsch-österreichischen Lande in die deutsche Reichsverfassung noch Schwierigkeiten im Wege stehen sollten, die bestehenden nationalen brüderlichen Verhältnisse, jedoch unbeschadet der Selbständigkeit der deutschen Reichsverfassung, zu erhalten. [...]

Hagen Schulze, Der Weg zum Nationalstaat, 4. Aufl., München 1994, S. 157 ff.


Die Richtung gab am 18. Dezember der neue Ministerpräsident Gagern vor, indem er einen "Doppelbund" vorschlug. Danach sollte die Nationalversammlung einen engeren deutschen Bundesstaat ohne Beteiligung Österreichs schaffen, dessen späterer Regierung die Aufgabe zufiel, mit der Österreichs einen weiteren Bund zu schließen. Doch erst nach einer ultimativen Gegenforderung Schwarzenbergs vom 9. März, die am gleichen Tage mit einer eigenen Verfassung ausgestattete Habsburgermonarchie zum Mittelpunkt des neuen Gesamtstaates zu machen, fand sich die Paulskirche zu einer Konsensentscheidung für die erste Stufe von Gagerns Plan bereit.

Angebot der Kaiserwürde

Das Ergebnis war die Konstruktion eines Kleindeutschlands, das durch seine starke parlamentarische Komponente und durch die geforderte Unterordnung Preußens unter liberale gesamtdeutsche Strukturen mit dem Modell Brandenburgs erheblich kontrastierte. Preußen sollte in Deutschland aufgehen, nicht umgekehrt. Für diesen Preis wurde das erhebliche Risiko eingegangen, Friedrich Wilhelm IV. zum erblichen Kaiser zu wählen.

Schwarzenberg, durch den Kampf gegen die Ungarn noch bis August 1849 militärisch gebunden, fürchtete, zwei entscheidungsreife kleindeutsche Projekte würden eine - wie er es formulierte - "Vertreibung" der Habsburgermonarchie aus Deutschland nach sich ziehen und ihre traditionelle Stellung in Deutschland und Europa gefährden. Folglich verlegte er sich auf eine Blockadepolitik und berief die österreichischen Abgeordneten aus Frankfurt ab.

Dennoch war Schwarzenberg ins Abseits gedrängt. Die folgenden Wochen standen ganz im Zeichen eines duellartigen Ringens zwischen der deutschen Nationalversammlung und Preußen. Für die Paulskirche ging es um Erfolg oder Scheitern, um die Tragfähigkeit ihrer Strategie, musste sich nun doch zeigen, ob eine hinreichend starke Öffentlichkeit hinter ihr stand. Die direkte Konfrontation begann am 3. April, als eine "Kaiserdeputation" der Paulskirche unter ihrem Präsidenten Eduard Simson dem Preußenkönig feierlich die Kaiserkrone anbot, und endete am 28. April 1849 mit der Zurückweisung dieses Angebots durch Friedrich Wilhelm IV.

In dieser Zeitspanne fiel dem preußischen König wieder eine Schlüsselrolle zu. Eigenmächtigkeiten von seiner Seite waren zu erwarten, da mit einer Annahme der Kaiserkrone seine Unterordnung unter die Ziele der von ihm als Reichsfeinde eingestuften Parlamentarier der Paulskirche drohte.

Als die Entscheidungen der Paulskirche vom 27./28. März 1849 bekannt wurden, entwickelte sich innerhalb der preußischen Führung ein Tauziehen mit zunächst offenem Ausgang. Bei Erscheinen der Frankfurter Abordnung schmähte der König intern die Kaiserkrone als einen "Reif aus Dreck und Letten" und wollte sich der Volkssouveränität um keinen Preis beugen, während die Mehrheit der preußischen Regierung unter dem Druck der Öffentlichkeit zum Nachgeben tendierte.

Quellentext

Angebot und Ablehnung der Kaiserkrone

Ansprache des Präsidenten der Nationalversammlung und Leiters der Kaiserdeputation, Eduard Simson, beim Empfang durch den König im königlichen Schlosse zu Berlin am 3. April 1849
Die verfassunggebende deutsche Reichsversammlung, im Frühling des vergangenen Jahres durch den übereinstimmenden Willen der Fürsten und Volksstämme Deutschlands berufen, das Werk der deutschen Verfassung zu Stande zu bringen, hat am Mittwoch, den 28. März des Jahres 1849, nach Verkündigung der in zweimaliger Lesung beschlossenen deutschen Reichsverfassung die in derselben begründete erbliche Kaiserwürde auf Seine königliche Majestät von Preußen übertragen. [...] Sie hat endlich den Beschluß gefaßt, den erwählten Kaiser durch eine Deputation aus ihrer Mitte ehrfurchtsvoll einzuladen, die auf Ihn gefallene Wahl auf Grundlage der Verfassung annehmen zu wollen. In der Vollziehung dieses Auftrages stehen vor Euerer königlichen Majestät der Präsident der Reichsversammlung und zwei und dreißig ihrer Mitglieder in der ehrfurchtsvollen Zuversicht, daß Euere Majestät geruhen werden, die begeisterten Erwartungen des Vaterlandes, welches Euer Majestät alsden Schirm und Schutz seiner Einheit, Freiheit und Macht zum Oberhaupt des Reiches erkoren hat, durch einen gesegneten Entschluß zu glücklicher Erfüllung zu führen.
Aus einem Brief Friedrich Wilhelms IV. vom 23. Dezember 1848 an Joseph von Radowitz, Abgeordneter der Nationalversammlung
[...] Jeder deutsche Edelmann, der ein Kreuz oder einen Strich im Wappen führt, ist hundertmal zu gut dazu, um solch ein Diadem! aus Dreck und Letten der Revolution, des Treubruchs und des Hochverrats geschmiedet, anzunehmen. Die alte, legitime, seit 1806 ruhende Krone deutscher Nation, das Diadem von Gottes Gnaden, das den, der es trägt, zur höchsten Obrigkeit Deutschlands macht, der man Gehorsam schuldet um des Gewissens willen, das kann man annehmen, wenn man in sich die Kraft dazu fühlt und die angeborenen Pflichten es zulassen. Die Krone aber vergibt keiner als Kaiser Franz Joseph, ich und unseresgleichen und wehe dem! der es ohne uns versucht und wehe dem! der sie annimmt, wenn ihr Preis der Verlust eines Drittels von Deutschland und der edelsten Stämme unseres deutschen Volkes ist. Gott helf uns! Amen.

Wolfgang Lautemann/Manfred Schlenke (Hg.), Geschichte in Quellen. Das bürgerliche Zeitalter 1815-1914, München 1980, S. 221 f.


Die erste offene Antwort des Königs an die Abgesandten vom 3. April spiegelte die Auseinandersetzungen in der Führung wider und spielte bei Verwendung unklarer Formulierungen auf Zeitgewinn. Der König berief sich seinem eigenen Denken folgend auf das Vereinbarungsprinzip und drohte "inneren Feinden" mit dem "Schwert". Zugleich zeigte er sich aber so konziliant, dass die eigene Regierung seine Worte als Annahme unter Vorbehalten verstand. Brandenburg seinerseits forderte von der Paulskirche Nachbesserungen der Verfassung im konservativen Sinn - was in Frankfurt umgehend abgelehnt wurde - und versuchte die Regierungen der übrigen Einzelstaaten einzuschalten, um Bewegungsspielraum zu gewinnen und das politische Kräfteverhältnis auszutesten.