Revolution von 1848
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Scheitern eines Traumes


21.1.2010
Gegen die militärgestützten Großmächte haben weder die Nationalversammlung noch die europäischen Freiheitsbewegungen eine Chance. Doch auch für die Sieger sind die Zustände der Restaurationszeit nicht wieder herstellbar. Langfristig werden die Leitideen der 1848er realisiert.

Ein Besucher betrachtet im Wiesbadener Hauptbahnhof die historische Darstellung der ersten deutschen Nationalversammlung, die in der Frankfurter Paulskirche tagte.Ein Besucher betrachtet im Wiesbadener Hauptbahnhof die historische Darstellung der ersten deutschen Nationalversammlung, die in der Frankfurter Paulskirche tagte. (© picture-alliance/AP)

Einleitung



In der nationalen Frage war die Paulskirche im Sommer 1848 keinen Schritt weiter gekommen. Ungeachtet aller Konflikte wurde an dem ambitionierten Projekt des Vorparlaments festgehalten, ein Deutsches Reich in großdeutschen Konturen zu schaffen. Unmittelbar vor Ausbruch der Gegenrevolution begann die Paulskirche schließlich mit der Beratung der eigentlichen Verfassungsbestimmungen, die Deutschlands Grenzen und äußeren Status festschreiben sollten.

In einer sich über vier Tage erstreckenden deutschlandpolitischen Debatte vom 20. bis 27. Oktober beschäftigte man sich vor allem mit der problematischen Einbindung Österreichs. Eine erste Lesung der entsprechenden Verfassungsparagraphen endete mit dem erwarteten, von einer beeindruckenden Mehrheit getragenen Beschluss, dass das Territorium des Deutschen Reiches auf dem des Deutschen Bundes fußen solle, während weitere nicht-deutsche Länder - gedacht war an die nicht zum Deutschen Bund gehörenden Teile Österreichs - nur durch ein gemeinsames Staatsoberhaupt "in reiner Personal-union" mit Deutschland verbunden sein durften.

Ringen um Deutschlands Grenzen



Vom bisherigen Widerstand der österreichischen Führung gegen eine Teilung der Habsburgermonarchie ausgehend, betrachtete die Paulskirche diesen Beschluss als "Frage an Österreich". Man hoffte, Wien davon überzeugen zu können, dass ein "großdeutscher" Staat mit einem Habsburger Kaiser an der Spitze in dessen eigenem Interesse liege. Die Alternative, ein "kleindeutscher Staat" unter preußischer Führung, wurde in der Debatte nicht einmal erwähnt, obwohl es in der Paulskirche bereits Politiker gab, die nicht mehr an die Möglichkeit einer Teilung Österreichs glaubten und daher die kleindeutsche Lösung anstrebten.

Nicht vorhersehbar war, dass die "Antworten" aus Wien und alsbald auch aus Berlin schon von den neuen gegenrevolutionären Regierungen kommen würden. In Österreich stellte die Ermordung des Paulskirchenabgeordneten Blum am 9. November eine Richtungsvorgabe dar. In seiner Regierungserklärung vom 27. November vor dem Reichstag in Kremsier ließ der neue Ministerpräsident Schwarzenberg sein ausdrückliches Nein zur "Anfrage" der Paulskirche folgen: "Nicht in dem Zerreißen der Monarchie liegt die Größe, nicht in ihrer Schwächung die Kräftigung Deutschlands. Österreichs Fortbestand in staatlicher Einheit ist ein deutsches wie ein europäisches Bedürfnis."

Den Ausführungen des Ministerpräsidenten waren allerdings weder die Absicht eines Rückzugs der Habsburgermonarchie aus ihren deutschen Positionen noch eine endgültige Frontstellung gegen die Paulskirche zu entnehmen. Denkbar blieb, dass Schwarzenberg ein Kleindeutschland akzeptierte, das sich mit der Habsburgermonarchie in bestimmten Bereichen wie der Außen- und Sicherheitspolitik auf dem Wege von Staatsverträgen zusammenfinden würde. In der Paulskirche wurde dies als Hinweis verstanden, dass fortan auf die kleindeutsche Variante zu setzen sei. Das führte am 15. Dezember zum Rücktritt des großdeutsch orientierten Ministerpräsidenten Schmerling.

Zug um Zug entwickelte daraufhin der österreichische Ministerpräsident jedoch einen Gegenentwurf zu den Plänen der Paulskirche, eine "mittel-europäische Lösung", bei der die gesamte Habsburgermonarchie mit Deutschland zu einem "70-Millionen-Reich" zusammengefasst werden sollte.

Möglicherweise war Schwarzenberg dabei von ausschließlich taktischen Erwägungen geleitet: Mit diesem Vorschlag konnte er alle anderen deutschlandpolitischen Lösungen scheitern lassen, um dann die dritte Variante ins Spiel zu bringen, die später Realität werden sollte, nämlich eine Rückkehr zu den für Österreich nicht ungünstigen Verhältnissen des Deutschen Bundes. Für diese Auffassung spricht, dass ein mitteleuropäisches Reich das Gleichgewicht Europas sprengen musste und das Veto der übrigen Mächte programmierte. Doch die außen- und sicherheitspolitischen Interessen der Habsburgermonarchie, dazu handels- und wirtschaftspolitische Bestrebungen, die sich vor allem gegen die Barrieren des Deutschen Zollvereins richteten, wiesen andererseits durchaus in Richtung eines solchen Großprojektes.

Auch Preußen beantwortete die "Frage" der Paulskirche nicht durchweg zustimmend, doch kam die Regierung Brandenburg dem deutschen Parlament viel weiter entgegen. Der Ministerpräsident versuchte die Abgeordneten davon zu überzeugen, dass der Staatsstreich in Preußen eine unumgängliche Konsequenz aus einem Staatsnotstand gewesen sei. Des weiteren legte er dar, dass die Verordnung einer Verfassung für Preußen als Richtungsvorgabe für eine Vereinbarung mit der Paulskirche anzusehen sei, die einen deutschen Verfassungsstaat herstellte. Das reformkonservative Preußen, in dem bei Beibehaltung traditioneller sozialer Strukturen ein starker König Administrative und Heer beherrschte, sollte Kern des künftigen Deutschlands sein. Zur Empörung Schwarzenbergs bot Brandenburg Österreich in einer Zirkularnote vom 23. Januar 1849 schließlich nur einen weiteren Bund mit diesem großpreußisch geprägten Kleindeutschland an.

Die Volksvertreter in der Paulskirche beharrten in dieser Situation wie auch später auf ihrem Anspruch, das neue Deutschland gemäß dem Prinzip der "Souveränität der Nation" nach eigenem Wissen und Gewissen zu gestalten. Durch den beschleunigten Abschluss der Grundrechtsberatungen und der Verfassungsbestimmungen über den Staatsaufbau suchten sie Herren der Lage zu bleiben und gleichzeitig auf die "Antworten" aus Österreich und Preußen zu reagieren.

Quellentext

Groß- oder Kleindeutschland?

Aus den Debatten der Paulskirche

18. Dezember 1848
[...] Der Abgeordnete Venedey aus Köln:
Wir sind hierher gekommen, meine Herren, um Deutschland's Einheit zu constituiren, und man schlägt uns hier vor, einen Theil Deutschland's aus Deutschland hinauszuwerfen. (Stürmisches Bravo und Händeklatschen auf der Linken.) [...]. Die deutsche Nation, meine Herren, hat schon genug gelitten, jetzt endlich ist sie aufgestanden, und hat uns hierher gesandt, Deutschland zu constituiren, und man will uns einen Theil Deutschland's feil machen. Ich bin hierher gekommen in die Paulskirche, fest entschlossen, mit der Paulskirche zu stehen, oder zu fallen. Aber nicht einen Augenblick länger will ich hier sitzen, wenn Oesterreich nicht dabei ist. (Stürmisches Bravo auf der linken Seite des Hauses.) [...]
Der Abgeordnete Moritz Mohl aus Stuttgart:
[...] Wir sind 40 Millionen Deutsche; wir haben diese zerbröckelten kleinen Nationalitäten nicht zu fürchten. Es sind vielleicht fünf Millionen Czechen; es sind nicht fünf Millionen Magyaren, noch viel weniger Croaten, noch viel weniger Walachen u. s. w. Alle diese Nationen können der deutschen Nationalität nicht nachtheilig werden; aber es ist von der allergrößten Wichtigkeit, daß sie mit uns zusammen sind, daß sie mit Deutschland ein Reich von 70 Millionen Menschen bilden. Meine Herren! Ich frage Sie, wenn der Kaiser von Oesterreich Kaiser von Deutschland wird, wenn diese 70 Millionen Menschen vertreten sind in einem deutschen Parlament, welche Macht in Europa, selbst Rußland mit seinen 66 Millionen, oder Frankreich mit seinen 36 Millionen, welche Macht in Europa wird mächtig genug sein, um gegen dieses große Reich anzugehen? [...]

13. Januar 1849
Der Abgeordnete Beseler aus Greifswald:
[...] Oesterreich will die Gesammtmonarchie, wir wollten das wissen, und das ist genügend für uns. Will es aber die Gesammtmonarchie, so kann es die deutschen Provinzen aus der Gesammtmonarchie nicht entlassen, und sie dem deutschen Bundesstaate einreihen. Es kann nicht Jemand zweien Herren dienen. Wenn hier eine souveräne Gewalt ist, und dort, da kann man nicht beiden zugleich unterworfen sein. Eben so wenig kann Deutschland zugeben, dass die deutsche Politik getheilt werde, und daß hier Oesterreich und hier Deutschland herrsche. Entweder, oder! [...]
Wir werden nicht weinen, wie die Weiber, aber (Gelächter auf der Linken) mit einem männlichen ehrlichen Händedruck, wenn wir unsere Freunde aus Oesterreich scheiden sehen sollten, würden wir scheiden, und wir würden eine aufrichtige, männliche Liebe für die Oesterreicher behalten. [...]

12. März 1849
Dringlicher Antrag des Abgeordneten Welcker:
Die deutsche verfassunggebende Nationalversammlung, in Erwägung der dringlichen Lage der vaterländischen Verhältnisse, beschließt:
1) Angesichts der wiederholten öffentlichen Nachrichten von fremder Einsprache gegen die von der deutschen Nation zu beschließende Verfassung [...]
3) Die in der Verfassung festgestellte erbliche Kaiserwürde wird Sr. Majestät dem König von Preußen übertragen. (Große Sensation.)
4) Die sämmtlichen deutschen Fürsten werden eingeladen, großherzig und patriotisch mit diesem Beschlusse übereinzustimmen, und seine Verwirklichung nach Kräften zu fördern [...]
6)Se. Majestät der Kaiser von Oesterreich, als Fürst der deutsch-österreichischen Lande, und die sämmtlichen Bruderstämme in diesen Landen, einzeln und vereint, sind zum Eintritt in den deutschen Bundesstaat und seine Verfasssung jetzt und zu aller Zeit eingeladen und aufgefordert.
7)Die deutsche Nationalversammlung legt gegen ein etwa von der Regierung der deutsch-österreichen Lande; oder von diesen Landen selbst beanspruchtes Recht, von dem deutschen Vaterlande, und aus der von seinem Gesammtwillen beschlossenen Verfassung auszuscheiden, für alle Zeiten feierlichen Widerspruch ein.
8)Sie ist aber bereit, solange einer definitiven Verwirklichung des völligen Eintritts der deutsch-österreichischen Lande in die deutsche Reichsverfassung noch Schwierigkeiten im Wege stehen sollten, die bestehenden nationalen brüderlichen Verhältnisse, jedoch unbeschadet der Selbständigkeit der deutschen Reichsverfassung, zu erhalten. [...]

Hagen Schulze, Der Weg zum Nationalstaat, 4. Aufl., München 1994, S. 157 ff.


Die Richtung gab am 18. Dezember der neue Ministerpräsident Gagern vor, indem er einen "Doppelbund" vorschlug. Danach sollte die Nationalversammlung einen engeren deutschen Bundesstaat ohne Beteiligung Österreichs schaffen, dessen späterer Regierung die Aufgabe zufiel, mit der Österreichs einen weiteren Bund zu schließen. Doch erst nach einer ultimativen Gegenforderung Schwarzenbergs vom 9. März, die am gleichen Tage mit einer eigenen Verfassung ausgestattete Habsburgermonarchie zum Mittelpunkt des neuen Gesamtstaates zu machen, fand sich die Paulskirche zu einer Konsensentscheidung für die erste Stufe von Gagerns Plan bereit.

Angebot der Kaiserwürde

Das Ergebnis war die Konstruktion eines Kleindeutschlands, das durch seine starke parlamentarische Komponente und durch die geforderte Unterordnung Preußens unter liberale gesamtdeutsche Strukturen mit dem Modell Brandenburgs erheblich kontrastierte. Preußen sollte in Deutschland aufgehen, nicht umgekehrt. Für diesen Preis wurde das erhebliche Risiko eingegangen, Friedrich Wilhelm IV. zum erblichen Kaiser zu wählen.

Schwarzenberg, durch den Kampf gegen die Ungarn noch bis August 1849 militärisch gebunden, fürchtete, zwei entscheidungsreife kleindeutsche Projekte würden eine - wie er es formulierte - "Vertreibung" der Habsburgermonarchie aus Deutschland nach sich ziehen und ihre traditionelle Stellung in Deutschland und Europa gefährden. Folglich verlegte er sich auf eine Blockadepolitik und berief die österreichischen Abgeordneten aus Frankfurt ab.

Dennoch war Schwarzenberg ins Abseits gedrängt. Die folgenden Wochen standen ganz im Zeichen eines duellartigen Ringens zwischen der deutschen Nationalversammlung und Preußen. Für die Paulskirche ging es um Erfolg oder Scheitern, um die Tragfähigkeit ihrer Strategie, musste sich nun doch zeigen, ob eine hinreichend starke Öffentlichkeit hinter ihr stand. Die direkte Konfrontation begann am 3. April, als eine "Kaiserdeputation" der Paulskirche unter ihrem Präsidenten Eduard Simson dem Preußenkönig feierlich die Kaiserkrone anbot, und endete am 28. April 1849 mit der Zurückweisung dieses Angebots durch Friedrich Wilhelm IV.

In dieser Zeitspanne fiel dem preußischen König wieder eine Schlüsselrolle zu. Eigenmächtigkeiten von seiner Seite waren zu erwarten, da mit einer Annahme der Kaiserkrone seine Unterordnung unter die Ziele der von ihm als Reichsfeinde eingestuften Parlamentarier der Paulskirche drohte.

Als die Entscheidungen der Paulskirche vom 27./28. März 1849 bekannt wurden, entwickelte sich innerhalb der preußischen Führung ein Tauziehen mit zunächst offenem Ausgang. Bei Erscheinen der Frankfurter Abordnung schmähte der König intern die Kaiserkrone als einen "Reif aus Dreck und Letten" und wollte sich der Volkssouveränität um keinen Preis beugen, während die Mehrheit der preußischen Regierung unter dem Druck der Öffentlichkeit zum Nachgeben tendierte.

Quellentext

Angebot und Ablehnung der Kaiserkrone

Ansprache des Präsidenten der Nationalversammlung und Leiters der Kaiserdeputation, Eduard Simson, beim Empfang durch den König im königlichen Schlosse zu Berlin am 3. April 1849
Die verfassunggebende deutsche Reichsversammlung, im Frühling des vergangenen Jahres durch den übereinstimmenden Willen der Fürsten und Volksstämme Deutschlands berufen, das Werk der deutschen Verfassung zu Stande zu bringen, hat am Mittwoch, den 28. März des Jahres 1849, nach Verkündigung der in zweimaliger Lesung beschlossenen deutschen Reichsverfassung die in derselben begründete erbliche Kaiserwürde auf Seine königliche Majestät von Preußen übertragen. [...] Sie hat endlich den Beschluß gefaßt, den erwählten Kaiser durch eine Deputation aus ihrer Mitte ehrfurchtsvoll einzuladen, die auf Ihn gefallene Wahl auf Grundlage der Verfassung annehmen zu wollen. In der Vollziehung dieses Auftrages stehen vor Euerer königlichen Majestät der Präsident der Reichsversammlung und zwei und dreißig ihrer Mitglieder in der ehrfurchtsvollen Zuversicht, daß Euere Majestät geruhen werden, die begeisterten Erwartungen des Vaterlandes, welches Euer Majestät alsden Schirm und Schutz seiner Einheit, Freiheit und Macht zum Oberhaupt des Reiches erkoren hat, durch einen gesegneten Entschluß zu glücklicher Erfüllung zu führen.
Aus einem Brief Friedrich Wilhelms IV. vom 23. Dezember 1848 an Joseph von Radowitz, Abgeordneter der Nationalversammlung
[...] Jeder deutsche Edelmann, der ein Kreuz oder einen Strich im Wappen führt, ist hundertmal zu gut dazu, um solch ein Diadem! aus Dreck und Letten der Revolution, des Treubruchs und des Hochverrats geschmiedet, anzunehmen. Die alte, legitime, seit 1806 ruhende Krone deutscher Nation, das Diadem von Gottes Gnaden, das den, der es trägt, zur höchsten Obrigkeit Deutschlands macht, der man Gehorsam schuldet um des Gewissens willen, das kann man annehmen, wenn man in sich die Kraft dazu fühlt und die angeborenen Pflichten es zulassen. Die Krone aber vergibt keiner als Kaiser Franz Joseph, ich und unseresgleichen und wehe dem! der es ohne uns versucht und wehe dem! der sie annimmt, wenn ihr Preis der Verlust eines Drittels von Deutschland und der edelsten Stämme unseres deutschen Volkes ist. Gott helf uns! Amen.

Wolfgang Lautemann/Manfred Schlenke (Hg.), Geschichte in Quellen. Das bürgerliche Zeitalter 1815-1914, München 1980, S. 221 f.


Die erste offene Antwort des Königs an die Abgesandten vom 3. April spiegelte die Auseinandersetzungen in der Führung wider und spielte bei Verwendung unklarer Formulierungen auf Zeitgewinn. Der König berief sich seinem eigenen Denken folgend auf das Vereinbarungsprinzip und drohte "inneren Feinden" mit dem "Schwert". Zugleich zeigte er sich aber so konziliant, dass die eigene Regierung seine Worte als Annahme unter Vorbehalten verstand. Brandenburg seinerseits forderte von der Paulskirche Nachbesserungen der Verfassung im konservativen Sinn - was in Frankfurt umgehend abgelehnt wurde - und versuchte die Regierungen der übrigen Einzelstaaten einzuschalten, um Bewegungsspielraum zu gewinnen und das politische Kräfteverhältnis auszutesten.


Kampf um die Reichsverfassung



Die Entwicklung im übrigen Deutschland, die nach dieser halben Zustimmung des Königs einsetzte, zeigte, wie stark die Position der Paulskirche in diesen Tagen war. Es gelang dem deutschen Parlament, die Öffentlichkeit in erheblichem Maße zu mobilisieren, 28 vor allem kleinere Staaten stellten sich hinter die Reichsverfassung. Die Mittelstaaten, von Österreich zu einer Verteidigung ihrer Souveränität animiert und durch das Zögern Preußens bestärkt, suchten sich zu widersetzen, gerieten jedoch unter erheblichen Druck ihrer jeweiligen Parlamente und der Öffentlichkeit. Selbst in Preußen stimmten die neu gebildeten Kammern für eine Annahme der Reichsverfassung. Ein Erfolg der deutschen Nationalversammlung lag greifbar nahe.

Für die zunehmend in Zugzwang geratende preußische Regierung war und blieb die Annahme oder Ablehnung der Reichsverfassung sowie der Kaiserwürde eine Machtfrage. Preußen gewann die Überzeugung, den bei Zurückweisung der Kaiserkrone möglicherweise drohenden innerpreußischen Schwierigkeiten begegnen zu können, indem es gleichzeitig sein eigenes kleindeutsches Konzept energisch vorantrieb. Auch die Haltung Russlands, das für den Fall eines Zusammenspiels zwischen Berlin und Frankfurt ernsthaft mit einer militärischen Intervention drohte, musste bedacht werden.

Vor diesem Hintergrund entschied sich die preußische Führung zur Ablehnung der Reichsverfassung am 28. April bei gleichzeitiger Intensivierung ihrer eigenen Deutschlandpolitik. Sie startete ihre "Unionspolitik", die den Gagernschen Plan eines Doppelbundes nach preußischen Vorstellungen modifizieren und weiterverfolgen sollte. Ein von Preußen geführter engerer Bund, föderalistischer und weniger parlamentarisch ausgelegt als das Deutsche Reich der Paulskirche, sollte mit Österreich in ein staatenbündisches Unionsverhältnis treten.

Die Paulskirche dachte zwar auch in dieser dramatisch zugespitzten Situation nicht an ein Nachgeben gegenüber Preußen, unternahm aber andererseits auch keinen Versuch, in Deutschland eine neue Revolution auszulösen. Eine knappe Mehrheit der Paulskirche rief am 4. Mai alle deutschen Parlamente, die Institutionen der Selbstverwaltung und das deutsche Volk auf, sich für eine Annahme der Reichsverfassung einzusetzen.

Auflösung des Paulskirchenparlaments

Als Reichsverweser Erzherzog Johann den Ministerpräsidenten Gagern, der den genannten Kurs des Parlaments unterstützte, zum Rücktritt zwang, wurden die letzten Brücken zwischen Berlin und Frankfurt abgebrochen. Dem frühen Beispiel Österreichs vom April folgend, beriefen nun auch Preußen, Sachsen, Hannover und Baden ihre Abgeordneten aus Frankfurt ab. Die Mehrheit der Liberalen resignierte, und die Paulskirche schrumpfte rasch zu einem linken Rumpfparlament, das vor preußischen Truppen nach Stuttgart ausweichen musste und dort am 18. Juni von württembergischem Militär aufgelöst wurde.

Das Machtkalkül der preußischen Führung war aufgegangen. Allerdings verlief die Ausschaltung der Paulskirche keineswegs reibungslos. Schon Ende April hatte eine Volksbewegung zugunsten der Reichsverfassung eingesetzt, die sich zur "Reichsverfassungskampagne" ausweitete. Sie wurde von demokratischen Vereinen getragen, allen voran vom Zentralmärzverein. Die Demokraten mobilisierten nicht zuletzt dank der anfänglichen Unterstützung durch Frankfurt Massen wie nie zuvor.

Doch angesichts der festgefügten militärgestützten Abwehrfront der gegenrevolutionären Großmächte besaßen auch machtvollste Demonstrationen keine Erfolgschancen, und weite Teile des ohnehin revolutionsfeindlichen Bürgertums waren zu einem bewaffneten Kampf gegen die gut gerüsteten reformkonservativen Großmächte nicht bereit. Die Reichsverfassungskampagne blieb daher in ihrem Kern eine breite, demokratische Demonstrationsbewegung, die bald in Vergessenheit geriet. Im Gedächtnis haften blieb demgegenüber eine ebenso spektakuläre wie aussichtslose militärische Erhebung, die eine republikanische Minderheit, unterstützt von Sympathisanten aus ganz Mitteleuropa, in einzelne deutsche Staaten hineintrug.

Militärgewalt gegen Demokraten



Die preußische Führung war vorbereitet, revolutionäre Versuche im eigenen Lande wie in anderen deutschen Staaten zu ersticken. Landwehrmeutereien in Breslau, am Niederrhein und im Sauerland konnten auf lokaler Ebene eingedämmt und von den Bürgerwehren abgefangen werden. Nur in Iserlohn schossen Linientruppen Landwehrsoldaten nieder. Unter dem Oberbefehl des Prinzen von Preußen wurden die Aufstände in Sachsen, der bayrischen Pfalz und in Baden niedergeschlagen.

In Dresden glückte den Demokraten die Bildung einer provisorischen Regierung. Obwohl der König floh, blieb ihre Reichweite auf die Landeshauptstadt begrenzt. Sie lieferte den preußischen Truppen immerhin einen verlustreichen viertägigen Straßen- und Barrikadenkampf, an dem unter anderem auch Richard Wagner und Gottfried Semper teilnahmen. In der Pfalz, die sich von Bayern und dessen König losgesagt hatte, wurde eine republikanische Führung in wenigen Tagen mühelos vertrieben. Viel härter war das Ringen in Baden. Im Großherzogtum - auch hier war der Landesherr geflohen - gelang den Demokraten, gestützt auf das breite Netz demokratischer Volksvereine, die Aufstellung eines 45000 Mann starken Heeres. Auf gegenrevolutionärer Seite standen mittlerweile zusätzlich Verbände anderer deutscher Staaten, die Prinz Wilhelm daran zu hindern suchten, in Baden nicht nur die Demokraten auszuschalten, sondern darüber hinaus das Land richtungweisend für ganz Süddeutschland derpreußischen Deutschlandpolitik zu verpflichten. Trotz erbitterten Widerstands wurden die Truppen der Aufständischen nach wenigen Tagen am 21. Juni entscheidend besiegt. Mit der Kapitulation der Festung Rastatt am 23. Juli endete die Reichsverfassungskampagne.

Der spätere deutsche Kaiser rechnete ganz im Sinne seines königlichen Bruders mit den Demokraten ab. Es ergingen etwa 1000 Verurteilungen durch Standgerichte und in Hochverratsprozessen, wobei zahlreiche Todesurteile und hohe Zuchthausstrafen verhängt wurden. Auch die anderen deutschen Einzelstaaten drängten nach und nach die Liberalen aus den ihnen noch verbliebenen politischen Führungspositionen, wobei deren bürgerliche Existenzgrundlagen nicht angetastet wurden. Ganz anders sah das Schicksal der Demokraten aus. Vielfach ausgegrenzt, kriminalisiert und in die Emigration getrieben, wurden sie die eigentlichen Opfer der Gegenrevolution.

Preußische Unionspläne



Die Ablehnung der Kaiserkrone durch den König und die Militäraktionen des Prinzen von Preußen waren Teil einer breiter angelegten Deutschlandpolitik des Ministerpräsidenten Brandenburg. Schnelles Handeln war erforderlich, da ein baldiger Sieg Österreichs in Ungarn abzusehen war und die durch die Reichsverfassungskampagne bedingte militärische Präsenz Preußens in Teilen Deutschlands genutzt werden sollte.

Nachdem das Paulskirchenparlament als möglicher Juniorpartner endgültig ausgeschieden war, blieb nur die Möglichkeit, in Verhandlungen mit den deutschen Mittel- und Kleinstaaten ein Kleindeutschland preußischer Prägung voranzutreiben. Am 26./28. Mai 1849 gelang Preußen durch Abschluss eines entsprechenden Dreikönigsbündnisses mit Sachsen und Hannover ein beachtlicher Erfolg. Bis Ende April 1850 einigte sich auch ein Erfurter Reichstag, beschickt von 26 Einzelstaaten, auf eine "Unionsverfassung". Da an diesem Unternehmen aber mittlerweile bereits alle mittleren Königreiche nicht mehr beteiligt waren, wurde die Basis für die Unionspolitik zunehmend schmaler.

Zar Nikolaj I., der schon bei der Ablehnung der Kaiserkrone Druck auf Preußen ausgeübt hatte, verstärkte diesen nunmehr mit dem Ziel, einen Abbruch der Unionspolitik herbeizuführen. Zudem hatten die militärischen Interventionen des preußischen Heeres im übrigen Deutschland traditionelle Ressentiments gegen Preußen als Militär- und Obrigkeitsstaat wiedererweckt, so dass für den Fall internationaler Verwicklungen als Folge der Unionspolitik eine Unterstützung durch die Regierungen der Einzelstaaten nicht zu erwarten war.

Brandenburg suchte daher wieder den Kontakt zu Österreich als Hauptgegner der Unionspolitik auf deutscher Seite. Doch Schwarzenberg, der seit der Niederlage der Ungarn wieder handlungsfähig war, startete nun eine politische Gegenoffensive gegen Preußen, die schließlich bis hart an die Eröffnung eines Krieges führte. Im Ringen um die Führung im nachrevolutionären Deutschland zeigten sich weder Preußen noch Österreich in der Lage, ein Konzept zur Umgestaltung Deutschlands mit bescheidenen Neuerungen zu konkretisieren und voranzutreiben. Immerhin einigte sich Österreich im Februar 1850 mit den Königreichen Bayern, Württemberg, Sachsen und Hannover vorübergehend auf einen deutschen Staatenbund. Das hierbei sichtbar werdende Pendeln der Mittelstaaten von Preußen zu Österreich zeigte allerdings nur, dass diese ihrerseits wieder einige Souveränitätsansprüche ins Spiel brachten und nicht bereit waren, sich dem Führungsanspruch einer der Großmächte unterzuordnen.

Rückkehr zum Deutschen Bund



Zug um Zug rückte daher Schwarzenberg das Notprojekt einer Rückkehr zum Deutschen Bund bei Verzicht selbst auf die kleinste Reform in den Mittelpunkt der Überlegungen. Mit Hilfe eines am 2. September 1850 eingesetzten Rumpfbundestages, dem zunächst nur dreizehn Staaten angehörten, setzte er unter kräftigem militärischen Säbelrasseln Preußen unter Druck, um eine Preisgabe der Unionspolitik zu erzwingen. Der preußischen Führung wurde immer mehr bewusst, dass es Zeit zu einem Arrangement mit Österreich und zu einem Einschwenken auf dessen nunmehrigen Kurs einer Erneuerung des Deutschen Bundes sei. Die Entwicklung kam zum Abschluss, als der preußische Ministerpräsident Brandenburg plötzlich verstarb und eine Mehrheit der preußischen Regierung den von ihr fast zwei Jahre lang kontinuierlich verfolgten Plan eines monarchisch orientierten deutschen Doppelbundes als konservative Variante des Gagernplanes fallen ließ, wobei einer "vermittelnden" russisch-österreichisch-preußischen Konferenz am Warschauer Zarensitz besondere Bedeutung zufiel. Im österreichisch-preußischen Vertrag von Olmütz vom 29. November 1850 gab Preußen schließlich die Unionspolitik unter als demütigend empfundenen Umständen auf. Weniger spektakulär, aber ebenso bedeutsam war, dass gleichzeitig auch die letzten Chancen für eine Realisierung von Schwarzenbergs Projekt eines 70-Millionen-Reiches zu Grabe getragen wurden.

Die deutschen Mächte kehrten zur Konstruktion jenes Deutschen Bundes zurück, dessen Unzeitgemäßheit nur unbelehrbare Reaktionäre bestritten und der offenkundig eine provisorische Verlegenheitslösung darstellte. Gleichzeitig war der auf Ausgleich angelegte Dualismus der Restaurationszeit nicht wiederherstellbar, da Österreich und Preußen in der Frage des Führungsanspruchs uneinig blieben.

Von herausragender Bedeutung blieb, dass sich die gegenrevolutionären Großmächte Österreich und Preußen unter dem Eindruck des Wirkens von deutscher Nationalbewegung und Paulskirche letztlich unumkehrbar in den Trend einer neuartigen, mit der Restaurationszeit nicht vergleichbaren Großmachtpolitik gestellt hatten.

Österreich hatte sich dabei in Revolution und Gegenrevolution weiter von Deutschland entfernt als in der Zeit Metternichs. Preußen, das mit der Übernahme des Gagernplans selbst Führungsansprüche in Deutschland angemeldet hatte, schmerzte das Scheitern der Unionspolitik, doch im Grunde konnte es warten, bis die Zeit reif wurde für einen neuen Anlauf.

Weiterentwicklung und Bilanz nach 1849



Die Betrachtungen zur Staatenwelt und zu den Freiheitsbewegungen im Jahre 1848 führen zu einer ambivalenten Bilanz der 1848er Revolution und deren Wirkung: Auf der einen Seite sieht man ein elementares Scheitern der vorpreschenden Kräfte der Bewegung, des Fortschritts und der Modernisierung sowie einen unzweideutigen Triumph der Reaktionäre, die im Kern jene alte Staatenwelt, die auf den Wiener Kongress zurückging, mit den dazugehörigen Gesellschaften wiederherstellten. Eine aufgeschreckte und manche Modernisierungen wie eine aktive Medienpolitik nicht mehr scheuende politische Rechte betrachtete fortan die 1848er Revolution als Warnung und Ansporn, im vorbeugenden Kampf gegen ein Wiedererstarken revolutionärer Kräfte nicht nachzulassen.

Auf der anderen Seite war aber - ungeachtet blutiger Siege und manchen Terrors der Gegenrevolutionäre - das Ringen der jungen Vorkämpfer für eine freiheitlich-nationalstaatliche, nicht selten schon demokratische oder sozialistische Ordnung keineswegs perspektivlos geworden, besaß vielmehr bei Zugrundelegung langer Entwicklungszeiträume sogar recht gute Chancen.

So hatte sich 1848/49 das schwer angeschlagene konservative Lager, das, wie dargelegt, in großen Teilen Europas schon vor dem Revolutionsjahr nicht mehr als legitime Herrschaft respektiert wurde, schließlich allzu deutlich nur mit Mühe behauptet. Selbst in zentral wichtigen Fragen wie im Bereich der Staatsverfassungen schien es ihm dabei richtig oder opportun, Grundforderungen der Liberalen nicht rückgängig zu machen. Zudem beruhte die Selbstbehauptung der Rechten darauf, dass diese ihre traditionellen Machtmittel zu nutzen und Kompromisse unter Gesinnungsgenossen einzugehen verstanden hatte. Die Linke hingegen - überrascht von der Problemfülle, die sich hinter ihrem Reformprogramm verbarg - zeigte sich vielfach politisch unreif; so vertraute sie - zwar wohlüberlegt an der Erhaltung des inneren und äußeren Friedens orientiert, zugleich aber machtpolitisch naiv - allzu stark auf die Wucht ihrer Argumente und konnte die Interessengegensätze in den eigenen Reihen nicht überzeugend beherrschen. Aus alledem mussten sich über kurz oder lang neue Kraftproben mit gro-ßen neuen Chancen, aber auch Gefahren ergeben; nicht abzusehen war, ob in Zukunft Wendepunkte mit dann gradlinigen Modernisierungen wie in England oder Kehrtwenden mit den schlimmen Folgen, die im 20. Jahrhundert eintraten, bestimmend würden.

Europäische Machtverhältnisse

Das von inneren Unruhen 1848 nicht betroffene Großbritannien blieb Welt-Vormacht, gestützt auf eine kontinuierliche Reformpolitik im Innern. Bei der anhaltenden Suche nach einem potenten und verlässlichen Partner auf dem Kontinent, der - ohne eigene hegemoniale Ambitionen - zur Sicherung der britischen Gleichgewichts- und Friedenspolitik beitragen sollte, hatten die wechselvollen Phasen des Revolutionsjahres kein klares Ergebnis gebracht. Doch besaß fortan die Perspektive eines arbeitsteilig mit England verbundenen Preußens, das mit einer Verfassung ausgestattet und zu Kleindeutschland erweitert war, eine gewisse Attraktivität; Englands Haltung in der bald folgenden Bismarck-Zeit orientierte sich an diesem Sachverhalt.

Frankreichs Politik hingegen stellte eine große und dramatische Kehrtwende dar, von gewissen Ansätzen zu einer demokratisch-sozialistischen Prinzipienpolitik hin zu einem blassen Imitat des napoleonischen Kaisertums durch Louis Napoleon (Kaiser 1852 bis 1870). Schon die Niederwerfung der Römischen Republik 1849 durch ein französisches Expeditionscorps zeigte, dass unter Napoleon III. wieder eine nach Hegemonie strebende Machtpolitik bei opportunistischer Haltung gegenüber anderen Völkern und Freiheitsbewegungen praktiziert wurde, die schließlich ihre Ziele gründlich verfehlte. Zudem blieb Frankreich eine Rückkehr zur republikanischen Staatsform bis zum deutsch-französischen Krieg 1870/71 versagt.

Demgegenüber mochte sich Russland in der Rolle eines erfolgreichen Gendarmen Europas sonnen, Zar Nikolaj I. zudem für all seine antidemokratischen Kassandrarufe und schließlich den Auftritt seines Heeres in Ungarn bleibende Dankbarkeit im konservativen Lager erwarten. Doch hatten Österreich und Preußen im Revolutionsjahr ungeachtet mancher gemeinsamer ideologischer Positionen wie ein Sperrriegel gewirkt, der keinen großen Einfluss Russlands im Westen, etwa mit Eingriffen in Verhältnisse Mittel-, Süd- und Westeuropas, zuließ. Einen "Großauftritt" des Gendarmen im Westen wünschte selbst im konservativen Lager kaum jemand, von den elementaren und bisweilen panischen Sorgen der politischen Mitte und Linken in dieser Frage ganz zu schweigen. Perspektivisch war folglich durch das Revolutionsjahr eine stärkere Einordnung und Einbindung des Zarenreiches in Europa keineswegs leichter geworden.

Mit Blick auf die Freiheitsbewegungen stellte sich nach 1849 die Lage der offenkundig düpierten polnischen Vorkämpfer hoffnungslos dar; Autonomie oder gar staatliche Unabhängigkeit wurden definitiv einer nebulösen Zukunft vorbehalten. Bis hin zum Ersten Weltkrieg galt die Regel, dass die eigenen Kräfte nicht ausreichten, um die Teilung zu revidieren, dass fortschrittliche Mächte im Westen für Polen nur gute Worte übrig hatten und dass die Teilungsmächte in der Polenfrage ungeachtet sonstiger Interessengegensätze zusammenhielten. Die politische Haltung der Polen änderte sich folglich nach dem Revolutionsjahr - auch wenn 1863 noch ein weiterer polnischer Aufstand folgen sollte - grundlegend. Ein letztes Mal waren sie 1849 nach fast sechzig von heroischer Haltung geprägten Jahren in den verzweifelten Schlusskämpfen der Demokraten in Deutschland, Italien und Ungarn als "Sturmvögel" der Revolution und als tragische Helden aufgetreten. Danach war statt eines romantisierenden Kampfes zunehmend eine "organische Arbeit" angesagt: Bei nüchterner Loyalität gegenüber den jeweiligen Teilungsmächten galt der Einsatz dem Wohlstand und der Bildung des eigenen Volkes, das dadurch als Nation mit Zukunftsperspektive - was immer dies heißen mochte - erhalten und gestärkt werden sollte. Nicht zu beantworten blieb im 19. Jahrhundert mit dessen Nationalisierungsschüben - zu denen 1848 auch das Ende der deutschen "Polenfreundschaft" und ein Ausbruch von Hass gehört hatten - die Frage, wohin diese Strategie schließlich und endlich führen würde, zu einer Befriedung in einem langwierigen Prozess oder zu eskalierenden nationalen Kollisionen. Entsprechend offen war die Konstellation in Posen, das nunmehr auch rechtlich, nämlich durch die preußische Verfassung, zur "normalen" preußischen Provinz ohne Sonderstatus für Polen wurde, in dem aber dank eines zunächst weithin funktionierenden Minderheitenschutzes auch keine düstere Zukunft vorprogrammiert war.

Demgegenüber blieben dem Risorgimento, nur von einer viel schwächeren und instabilen Mächtegruppierung mit dem keineswegs übermächtigen Österreich an der Spitze zurückgedrängt, ein viel größerer politischer Spielraum und bessere Chancen. Mit Piemont-Sardinien stand zudem - bei mancherlei Parallelen zu der künftigen Rolle Preußens in Deutschland - eine Führungsmacht bereit, die Italiens Einigung in die Hand nehmen konnte. Diese wurde vom jungen Monarchen Viktor Emanuel II. und dessen Ministerpräsident Camillo Graf von Cavour (1810-1861) - auch er Exponent einer neuartigen, als maßvoll zu charakterisierenden und vielfach als "realpolitisch" bezeichneten Politik - im Einigungskrieg gegen Österreich schon 1859 endgültig auf den Weg gebracht.

Nicht viel später, dank des österreichisch-ungarischen Ausgleichs von 1867, wendete sich das Blatt auch wieder zugunsten der Ungarn, allerdings auf andere Weise: Zwar erstritten sie keine staatliche Unabhängigkeit, erhielten jedoch innerhalb der kaiserlich und königlichen Monarchie mit deren wachsender antislawischer Frontstellung "ihr" Königreich.

Langfristige Schwächung der revolutionären Kräfte

Analog zur europäischen Ebene endeten Märzrevolution, Wirken der Paulskirche und Gegenrevolution auch in Deutschland mit einer ernüchternden Bilanz. Die Liberalen und Demokraten waren mit ihrem Versuch gescheitert, Deutschland als Teil einer europäischen Modernisierung nach freiheitlichen und nationalen Leitvorstellungen auszurichten. Der anachronistische Deutsche Bund hatte Wiederauferstehung gefeiert, und Österreich war wieder ein absolutistischer Staat. Dadurch hatten sich die Perspektiven für die Habsburgermonarchie keineswegs verbessert, doch waren ihre baldige außenpolitische Isolierung, ihre Niederlage im italienischen Einigungskrieg und im Krieg gegen Preußen 1866, dem ein Jahr später ein weitreichender Staatsumbau im Innern folgen sollte, keineswegs abzusehen.

Allein in Preußen bot die Umwandlung des Staates in eine konstitutionelle Monarchie Aussichten für die spätere Umsetzung liberaler Ansätze. Hier waren die keineswegs exklusiven, in ihrer Summe aber doch spezifischen Besonderheiten des nunmehrigen Verfassungsstaates in der Zeit der Gegenrevolution durch eine Politik der vollendeten Tatsachen geschaffen worden. Diese hatten die Konsequenz, dass für lange Zeit ein nahtloses Wiederanknüpfen an den politischen Start in der Märzrevolution unwahrscheinlich, wenn nicht ausgeschlossen wurde. Preußens erfolgreiche Deutschlandpolitik in der Bismarckzeit bewirkte, dass dies auch für das übrige Deutschland galt. In Preußen hatten die resolut zupackenden gegenrevolutionären Kräfte das insgesamt glücklose Handeln der Demokraten genutzt, um dieses Lager nicht nur momentan zu besiegen, sondern auch nachhaltig zu schwächen; sie sollten für lange Zeit ihre im Vormärz und Frühjahr/Sommer 1848 gewonnene Position nicht mehr zurückgewinnen können.

Nicht so klar und hart war die Ausgrenzung der Liberalen, die allerdings in ihrem Anspruch, die führende Kraft im 19. Jahrhundert darzustellen, schwer getroffen wurden. Reformkonservative und Hochkonservative verhinderten gemeinsam, dass Liberale ihr Meisterstück, die Gründung eines Deutschen Reiches auf parlamentarischem Wege, verwirklichten. Dieselbe konservative Allianz trat in Preußen den "Beweis" an, dass nur sie in der Lage sei, einen Verfassungsstaat Wirklichkeit werden zu lassen, wobei die Liberalen selbst zumindest vorübergehend aus dem politischen Leben abgedrängt wurden. Immerhin blieb diesen der Trost, dass ihre Grundprinzipien in Preußen durch die Verfassung gleichsam eine dauerhafte politische Anerkennung gewonnen hatten, auf der sich später wieder aufbauen ließ.

Zunächst waren jedoch neben der unterschiedlichen, aber insgesamt massiven Schwächung von Liberalen und Demokraten weitere Vorkehrungen der Konservativen in Preußen gegen deren politischen Wiederaufstieg zu beobachten. Das konservative Lager war und blieb durch den Schock des Revolutionsjahres nachhaltig geprägt. Hatten nach 1815 Politiker wie Metternich Entscheidungen getroffen, die durch das Trauma der Französischen Revolution und Napoleons geformt worden waren, so sollten nach 1848, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Persönlichkeiten wie Bismarck und der spätere Kaiser Wilhelm I.die deutsche Politik gestalten, die durch das Revolutionsjahr 1848 geprägt waren. Wie seinerzeit Metternich setzten sie alles daran, den Kräften der Revolutionszeit jede Möglichkeit zu verbauen, ihre Ziele in einem neuen Anlauf durchzusetzen. Als Bismarck und der Hohenzoller 1862 ihre Politik starteten, die in den Aufbau eines deutschen National- und Verfassungsstaates einmündete, fandensie allerdings die starken Sperrriegel, die sie gegen Liberale und Demokraten benötigten, bereits vor, auch wenn diese noch in eine spezielle Form gegossen werden sollten. Die Grundmodelle stammten von Friedrich Wilhelm IV. und seinem hochkonservativen Kreis.

Zu den Grundgegebenheiten der nachrevolutionären Zeit gehörte die militärische Basis, die der preußische Verfassungsstaat in der Gegenrevolution erhalten hatte. An sich war die Bedeutung des Militärs nicht neu, der Hohenzollernstaat hatte seinen Aufstieg zur Großmacht und die Bewahrung dieses Status ganz wesentlich seinem Heer zu verdanken, die Kriege Friedrichs II. und die Befreiungskriege gegen Napoleon waren markante Beispiele.

Neu war jedoch, dass der Royalismus des Heeres insofern seit 1848 eine starke innenpolitische Komponente bekommen hatte, als ein auf dem Gottesgnadentum fußender und damit christlich verbrämter Führungsanspruch des Monarchen durch das Militär abgestützt wurde. Eng damit verbunden war eine in der konservativen Sammlungsbewegung 1848 vorbereitete, durch die Hochkonservativen um Friedrich Wilhelm IV. in der Zeit der Gegenrevolution in Kraft gesetzte Staatsdoktrin. Als staatserhaltend galt einzig das konservative Lager, während die Demokraten insgesamt, die Liberalen nur bezüglich ihres politischen Führungsanspruchs als Staatsfeinde stigmatisiert waren. Bismarcks Ausgrenzung von "Reichsfeinden" und Kaiser Wilhelms Militarisierung weiter Teile der Gesellschaft des Kaiserreichs schlossen sich nahtlos an.

Bezeichnend war der Umgang mit der jüngsten Geschichte. Sorgsam wurde darauf geachtet, dass kein Gedenkstein im Lande an die Opfer auf demokratischer Seite erinnerte, während über den gepflegten Gedenkstätten für 1848/49 gefallene Soldaten preußische Adler oder Standbilder des Erzengels Michael angebracht waren, die an den "heiligen" Kampf gegen die Staatsfeinde des Revolutionsjahres erinnerten. Mit großer Langzeitwirkung wurde 1848 als das "tolle Jahr" hingestellt, dessen revolutionäre Ereignisse als bloße Störfälle angesehen wurden, während in der Folgezeit ein vorgezeichneter Weg Preußen dank monarchischer Führung zur Vormacht Deutschlands geführt hatte.

Quellentext

Instrumente der Repression

[...] Die Gegenrevolution verfügte im Jahrzehnt der Reaktion zwischen 1849 und 1858 über fünf Instrumente: die Strafverfolgung durch die Justiz, die Gesetzesrestauration, die Geheimpolizei, die politische Manipulation der Landtage und die Säuberung des öffentlichen Dienstes. [...]
Durchgängig versuchten die deutschen Einzelstaaten und die 1851 wiederhergestellte Deutsche Bundesversammlung in Frankfurt am Main, den "Rechtsboden von 1848" zu revidieren. Da man als Träger revolutionärer Bestrebungen Parteien, Presse, Parlamente und nationale Propaganda ausgemacht hatte, richteten sich die ersten Repressionsmaßnahmen gegen diese vier Aktionsfelder. Die Bundesversammlung hob in ihren Beschlüssen von 1851 ausdrücklich die Grundrechte von 1848 wieder auf und setzte einen "Reaktionsausschuss" ein, welcher die Rechtsrestauration in den Einzelstaaten zu überwachen hatte. Je ein besonderer Bundesbeschluss im Jahr 1854 knebelte das Vereinswesen und die Presse. Österreich und Preußen betrieben eine nationale Politik aus der Defensive heraus, indem sie die Bundesversammlung dazu benutzten, letzte Reste an demokratischem und nationalem Widerstand in den Mittel- und Kleinstaaten zu unterdrücken.
Parallel dazu und oft auf äußere Pressionen der deutschen Großmächte hin erließen die Einzelstaaten Vereinsgesetze, welche die Bildung politischer Parteien entweder gänzlich untersagten oder diese an den Ort fesselten, damit überregionale Zusammenschlüsse zu nationalen Dachverbänden unmöglich würden.
Auf dem Gebiet der "politischen Polizei", wie es nun häufig in den Akten heißt, entwickelten die größeren deutschen Bundesstaaten in streng geheimer Weise ein Überwachungssystem, das es in dieser Perfektion und Effektivität in Deutschland noch nicht gegeben hatte, nicht einmal während der Napoleonischen Zeit, in der die Geburtsstunde der modernen politischen Polizei liegt. [...]
Dieses lange Zeit unbekannte System der politischen Polizei, [...] erklärt für sich allein schon, wie in so überraschend kurzer Zeit sämtliche Regungen oppositioneller Art so erstickt werden konnten, [...].
Es ist eine Paradoxie und entspricht der angedeuteten Zwiespältigkeit der Epoche, dass Deutschland in diesen Jahren massiver, politischer Unterdrückung zugleich den entscheidenden Durchbruch der Industrialisierung und einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte, welcher die Massenauswanderung nach Amerika abflauen ließ und andererseits eine neue - innerdeutsche - Migration aus dem Osten zu den neuen industriellen Standorten im Westen in Gang brachte. [...]

Wolfram Siemann, "Strategien der Gegenrevolution", in: Damals spezial 1848, S. 86 ff.


Durchsetzung liberal-demokratischer Ziele im 20. Jahrhundert

Die Frontstellung gegen Liberale und Demokraten, die militärische Basis des Staates und ein christlich verbrämter Monarchismus prägten Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in erheblichem Maße. Hierzu stand in scharfem Kontrast, dass Ernst Moritz Arndt, im Revolutionsjahr prominenter Interpret des Geschehens von liberal-bürgerlicher Warte, noch nach dem Scheitern der Paulskirche Optimismus ausstrahlte. Er ging davon aus, dass sich mit Blick auf die Zielvorstellungen der 1848er "durch eine innere Notwendigkeit alles doch zuletzt durcharbeiten" werde. Bei sehr langfristiger, auf das Ende des 20. Jahrhunderts gerichteter Perspektive sollte er Recht behalten.

Quellentext

1848er - die 68er des 19. Jahrhunderts?

[...] Geschichte wiederholt sich nicht, wohl wahr. Und doch gibt es immer wieder verblüffende Parallelen. [...] Die vielschichtigen Revolutionen von 1848/49 bedeuteten wie "1968" einen - über etwa ein Jahrzehnt hinweg vorbereiteten - Aufbruch, einen scharfen Generationswechsel, eine Dynamisierung der politischen Verhältnisse, die mit gewissen Verzögerungen zu gesellschaftlichen Umbrüchen führten. Auch nach 1849 begann ein Teil der gescheiterten Revolutionäre den Marsch durch die Institutionen, und dies mit ganz ähnlichen Begleiterscheinungen wie bei den 68ern heute: die Spaltung zwischen "Realpolitikern" und "Fundamentalisten" und wechselseitige, erbitterte Verratsvorwürfe.
"1848" bedeutete wie "1968" eine Kommunikationsrevolution. Das Parteiensystem wurde neu strukturiert. Und in beiden Jahrhunderten folgte mit etwa zwanzigjährigem Abstand auf die Revolution beziehungsweise Revolte eine deutsche Einigung: 1867/71 die Reichsgründung, 1989/90 die Wiedervereinigung. [...]
Fundis gegen Realos: Besonders heftig brachen die Gegensätze zwischen den einstigen Kampfgenossen während der deutschen Nationalstaatsgründung auf. Diese wäre ohne die Revolutionen von 1848/49 nicht möglich gewesen. Aber die 48er stritten, seit Otto von Bismarck die Führung bei der deutschen Einigung übernommen hatte, darum, ob eine Zusammenarbeit mit diesem [...] Gegner einer liberal-parlamentarischen Verfassung ein Verrat an den Idealen der Revolution sei oder aber eine "realpolitische" Neuorientierung angesichts veränderter Verhältnisse.
[...] "Realpolitik" - das ist bis heute meist das entscheidende Argument zur Begründung politischer Konversionen. Dieser Begriff wurde von einem Mann erfunden, der ebenfalls eine recht turbulente Vita hatte. Er hieß Ludwig August von Rochau, kam aus Wolfenbüttel und war Mitglied der radikalen, gewaltbereiten Szene der Burschenschaft [...].
1833 hatte der Student am Sturm auf die Frankfurter Hauptwache teilgenommen, eine desperate Unternehmung, mit der man einen allgemeinen Aufstand auslösen wollte, ohne allerdings zu bedenken, dass dafür in Deutschland alle Voraussetzungen fehlten. Zu lebenslanger Haft verurteilt, ließ Rochau seine Flucht mit Hilfe eines korrupten Gefängnisaufsehers arrangieren. Bis 1848 lebte er in Paris. Dank der Revolution konnte er in die Heimat zurückkehren.
Wenig später dann, 1853, zog Rochau in seinem äußerst einflussreichen Buch "Grundsätze der Realpolitik" seine Konsequenzen aus dem Scheitern der Revolution. Meist wird es als Arrangement mit dem preußischen Obrigkeitsstaat gedeutet. Es enthält aber eine genuin linksliberale Verarbeitung der Ereignisse von 1848/49. Das Buch sollte die bürgerliche Linke repolitisieren und trug tatsächlich zu deren Abkehr von philosophisch inspirierten Utopien bei. Rochau verabschiedete sich stellvertretend für die meisten 48er vom Modell der Volksrevolution, ohne jedoch die Ziele von 1848 zu revidieren. Insbesondere im zweiten Band der Grundsätze, der 1869 - also nach den ersten Triumphen Bismarcks - erschien, betont Rochau, dass "Realpolitik" nicht hemmungsloses Machtstreben bedeute. Sein Ziel war vielmehr ein Rechtsstaat mit allgemeinem Wahlrecht.
Konsequenterweise machte er sich selbst daran, seine neu gewonnenen Grundsätze umzusetzen. An der Spitze des Deutschen Nationalvereins, der wichtigsten Organisation des liberalen, großpreußischen Nationalismus, unterstützte er Bismarcks Deutschland-Politik. Auch trat er gleich bei ihrer Gründung 1866 in die mit Bismarck zusammenarbeitende Nationalliberale Partei ein, die er dann von 1871 bis 1873 im Reichstag vertrat.
Ein anderer, besonders heftiger Konvertit war Johannes Miquel. [...] Der Heidelberger Jurastudent hatte sich während der Revolution für radikale Ideen begeistert. Ende 1848 versuchte er mit einem bewaffneten Haufen Kommilitonen die Frankfurter Nationalversammlung zu sprengen. Seit 1850 gehörte er dem Bund der Kommunisten an. [...]
Nach dem Studium ließ Miquel sich 1854 als Anwalt in Göttingen nieder. [...] 1859 war er an der Gründung des Deutschen Nationalvereins beteiligt. 1863 wurde er in den Hannoverschen Landtag gewählt. 1866 zog er als Spitzenmann der Nationalliberalen Partei ins preußische Abgeordnetenhaus und 1871 in den Reichstag ein. [...] 1890 wurde er preußischer Finanzminister, 1897 Vizepräsident des preußischen Staatsministeriums, geadelt und mit dem schwarzen Adlerorden ausgezeichnet.
Johannes von Miquel ist ein extremes Beispiel für politisches Konvertitentum im 19. Jahrhundert. Typischer sind Männer wie Arnold Ruge, Theodor Mommsen oder Ludwig Bamberger [...] Sie begannen sich für Bismarck zu begeistern, weil er, nach all den Jahren des Stillstands im Einigungsprozess, mit seiner riskanten Gewaltpolitik greifbare Erfolge erzielte. In einer "realpolitischen" Selbstkritik waren sie zu dem Ergebnis gelangt, dass eine Einigung "von unten" in beiden denkbaren Varianten - basisdemokratisch oder parlamentarisch - wie 1848/49 auch künftig zum Scheitern verurteilt sei. [...] Nur große (National) Staaten hätten eine Zukunft, nur in ihnen sei eine freiheitliche Entwicklung möglich.
So stellten sie, die alternden Helden von 1848/49, ihre Forderungen nach Freiheit und Demokratie einstweilen zurück. Sie waren überzeugt, dass sich das historisch "Notwendige" und politisch "Richtige" ohnehin durchsetzen werde und dass Bismarck ein Werkzeug des historischen Fortschritts sei. Wenn sie mit ihm kooperierten [...], dann könnten sie ihn für ihre eigenen Ziele benutzen[...] - und distanzierten sich mehr oder minder schnell von Bismarck, als dieser ihre Erwartung einer durchgreifenden Liberalisierung und Modernisierung des Reichs enttäuschte [...]. [...]

Christian Jansen, "Weltgeist und Zeitgeist", in: Die Zeit Nr.24 vom 9.Juni 2005


Allerdings war auch die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, wie Arndt es prophezeit hatte, eine Zeit des politischen Aufbruchs in die 1848 vorgezeichnete Richtung. Parteien und Verbände befanden sich in einer Wartestellung, aus der heraus sie ein Jahrzehnt später, bei veränderter politischer Großwetterlage, neu starteten. Bismarck baute das Deutsche Reich als Verfassungsstaat auf, der einerseits über starke Bollwerke gegen eine Parlamentarisierung verfügte, dessen Reichstag aber andererseits, ausgestattet mit dem allgemeinen Wahlrecht der Paulskirchenverfassung von 1849, eine Macht im Staate darstellte.

1919, bei Gründung der Weimarer Republik, standen die Verfassungsveteranen von 1849 Pate, als ein umfassender, zweiter Versuch unternommen wurde, Deutschland zu einem parlamentarischen Verfassungsstaat zu gestalten. Hatten sich im Kaiserreich allein die Sozialdemokraten des Erbes der 1848er angenommen und waren nicht zuletzt deshalb als "Reichsfeinde" ausgegrenzt worden, so versuchte nun der sozialdemokratische Reichspräsident Friedrich Ebert, die Erinnerung an die Paulskirche zum Kernpunkt einer neuen demokratischen, Bürger und Arbeiter gleichermaßen verpflichtenden Staatsdoktrin zu machen.

1949 schließlich wurden bei der Schaffung des Grundgesetzes und der Gründung der Bundesrepublik Deutschland entscheidende Lehren aus dem Scheitern der Weimarer Republik und Eberts gezogen, zugleich wurde neuen politischen Gegebenheiten des 20. Jahrhunderts Beachtung geschenkt. Dennoch stellte die Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Kern eine Realisierung der Leitideen der 1848er in einem dritten Anlauf dar.

Das Gedenken 1998 an die 150 Jahre zurückliegende Revolution zeigt, dass ein entsprechendes Traditionsbewusstsein in der Bundesrepublik Deutschland zumindest kräftig heranwächst. Die Revolution von 1848 kann zu den Glanzpunkten deutscher Geschichte gerechnet werden. Es lohnt ein Besuch ihrer zentralen Gedenkstätten in Berlin und Frankfurt. Im Berliner Friedrichshain, wo die demokratischen "Märzgefallenen" bestattet sind, wird gleichzeitig an die Novemberrevolution 1918 erinnert, und in Frankfurt verkündet Ernst Moritz Arndt auf dem vor der Paulskirche stehenden Einheitsdenkmal: "Wir sind geschlagen, nicht besiegt, in solcher Schlacht erliegt man nicht."


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