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Bildung für alle, Material von allen


5.9.2014
Lernen und Lehren verändert sich – so auch in Bezug auf das Material, mit dem gelernt und gelehrt wird. Open Educational Resources (OER) sind ein Phänomen, das im Bildungsbereich zunehmend sichtbarer wird. Eine Einführung zur Bedeutung, Wahrnehmung und Entwicklung von OER und der Frage, was Lehrer und Schüler davon haben.

CC BY-SA 2.0, flickr/opensourcewayCC BY-SA 2.0, flickr/opensourceway (© CC BY-SA 2.0, flickr/opensourceway)

Nico Herrmann ist Geschichtslehrer an einer Gesamtschule in Hamburg. Morgen möchte er mit seinen Schülerinnen und Schülern das Thema Deutsche Einheit behandeln. Seine Idee für den Einstieg: ein Video der Nachrichten von damals, das die Stimmung und Bedeutung der Wiedervereinigung illustriert. Also sucht er im Netz nach einem Video. Auf dem "Zentralen Portal für offene Bildungsmaterialien" findet er einen Beitrag von 1990, der genau passt. Das dazugehörige Arbeitsblatt ändert er etwas ab und fügt zwei Fragen hinzu. Schließlich kürzt er noch das Video – Veränderungen sind schließlich ausdrücklich erlaubt. Der Unterricht morgen kann beginnen.

Wer jetzt das Web nach dem "Zentralen Portal für offene Unterrichtsmaterialien" durchforstet, dem sei gesagt: es existiert (noch) genauso wenig wie es den Lehrer Nico Herrmann gibt. Vielmehr steht er als Stellvertreter für viele Lehrende, die im Internet nach geeignetem Material für den Unterricht suchen und sich die Frage stellen: Darf ich dies einfach so nutzen, verändern und vielleicht noch an meine Kolleginnen und Kollegen weitergeben?

Die Antwort darauf lautet: Es geht nicht mit jedem Material – aber es funktioniert mit offenen und freien Bildungsmaterialien, wie sie hier beschrieben sind. Denn diese gibt es bereits und sie werden auch an Schulen eingesetzt. Dieses bpb-Spezial trägt Antworten auf diese und weitere an der Schul- und Lernpraxis orientierte Fragen zusammen. Dabei geht es auch darum, was sich konkret hinter der Idee verbirgt.

Offene Bildungsmaterialen? Was? Wozu? Wie?



Wie sich Lernen und Lehren neu gestalten lassen und Unterrichtsmaterialen auf neuen Wegen entstehen, darüber dachte die UNESCO bereits 2002 nach. Sie prägte international den englischen Begriff der freien und offenen Bildungsmaterialien: Open Educational Resources (OER). Neben der UNESCO haben sich auch andere internationale Initiativen und Stiftungen mit der Definition von OER befasst. Im Detail unterscheiden sie sich, doch die wesentlichen Charakteristika offener Bildungsmaterialien sind identisch:
  • Sie sind frei zugänglich (theoretisch hat jeder Zugriff).
  • Sie können bearbeitet und weiterverbreitet werden.
  • Sie stehen unter einer Lizenz, die Änderungen und eine Weiterverbreitung ermöglicht, ohne dabei aus dem bestehenden Rahmen des Urheberrechts zu fallen.
Und wo gibt es sie, diese offenen Bildungsmaterialien? Das offene Material aus unserem Einstiegsbeispiel könnte Nico Herrmann auf der deutschen Plattform segu – selbstgesteuert entwickelnder Geschichtsunterricht gefunden haben. Hier werden offene Materialien zu verschiedenen zeitgeschichtlichen Themen zur Verfügung gestellt, die frei zugänglich nutzbar sind.

Neben deutschen Portalen, die noch nicht so zahlreich sind, gibt es international bereits ein großes Angebot. In den Niederlanden oder den USA zum Beispiel unterstützt durch nationale Bildungsprogramme. Daneben gibt es internationale Portale, Suchmaschinen oder Initiativen zu offenen Ressourcen wie das Netzwerk OERcommons, das mit unterschiedlichen Tools und Einführungen den Einstieg in OER begleitet.

Darf ich...? Urheberrecht im Schulunterricht



Das Thema Urheberrecht und Lizenzen erweckt auf den ersten Blick vielleicht den Eindruck, als stünde es nicht im direkten Zusammenhang mit dem Schulunterricht, als ginge es um Fragen für Rechtsanwälte oder Eingeweihte, aber eben nicht für Lehrende. Spätestens seitdem im November 2011 die Debatte um den Schultrojaner und damit die Verunsicherung der Lehrenden in Sachen digitalisierter Lernmaterialien begann, ist manchem Lehrer, mancher Lehrerin klar geworden, dass diese Fragen tatsächlich sehr viel mit ihrem Berufsalltag zu tun haben. Denn überall, wo Materialien aus dem Netz, aus Büchern oder Materialsammlungen von Kollegen kopiert und digitalisiert, vielleicht sogar publiziert werden, spielen Urheberrechts- und Lizenzfragen eine wichtige Rolle.

Mit dem Zusammenstellen der Materialien aus verschiedenen Quellen, beginnt für die Lehrenden ein rechtlicher Balanceakt. Sie laufen Gefahr, gegen das Urheberrecht zu verstoßen. In analogen Zeiten war es relativ unproblematisch, Inhalte aus verschiedenen Medien herauszusuchen, zu kopieren und mit anderen Inhalten in Verbindung zu bringen. Im Zeitalter von Internet und Co. werden Materialien oft digitalisiert (z.B. durch das Scannen eines Textes aus einem Schulbuch) und digital neu zusammengestellt, evtl. auch auf eine Website, ein Blog hochgeladen oder per E-Mail versandt. Das ist ein Verstoß gegen das Urheberrecht. Lernmaterialien, die unter offenen Lizenzen stehen, haben hingegen genau diesen "Remix" zum Ziel: Lehrende können mit offenen Materialien rechtlich unbedenkliches und zugleich individualisiertes Lernen ermöglichen.

Viele existierende Projekte und Plattformen im Bereich offener Bildungsmaterialien arbeiten daher beispielsweise mit dem Creative-Commons-Lizenzmodell (auch als CC-Lizenz bekannt). Es ermöglicht, Materialien und Medien so zu veröffentlichen, dass sie der Definition offener Bildungsmaterialien gerecht werden können: Sie können angepasst und weiterverbreitet und so flexibel im Unterricht eingesetzt werden.

Das Thema Urheberrecht und Lizenzen ist sicherlich eines der meist besprochenen Themen in der Debatte um offene Bildungsressourcen. Ein weiterer zentraler Punkt, der oft diskutiert wird, ist der wirtschaftliche Faktor für bislang entgeltlich produzierende Anbieter und ihre Autoren. Dahinter steht auch die Frage: Muss die Politik in diesem Feld tätig werden oder sollte man weiter auf Initiativen, Organisationen und Stiftungen setzen? Damit steht der Kosten- und Qualitätsaspekt in Verbindung: Wer zahlt für die Entwicklung offener Bildungsmaterialien? Wie kann die Qualität der Materialien sichergestellt werden, wenn sie jeder verändern kann? Und gibt es eventuell auch tragbare Geschäftsmodelle, die auf die Entwicklung oder Verbreitung von OER setzen? Viele Fragen, auf die es unterschiedliche Antworten gibt und mit denen verschiedene Lösungen verbunden werden. Was bei dieser Diskussion jedoch oftmals in den Hintergrund rückt, ist der unmittelbare Nutzen für Lehrende und Lernende.

Und was bringt das Lehrenden und Lernenden?



Offene Bildungsmaterialien haben das Potenzial, die Qualität und Effektivität von Bildung zu erhöhen – so heißt es im Basic Guide to OER der UNESCO, der 2013 von der Deutschen UNESCO-Kommission unter dem Titel Was sind Open Educational Resources? auf Deutsch herausgegeben wurde. Drei zentrale Chancen von OER werden hierin benannt:
  1. Gäbe es mehr offene Bildungsmaterialien, die qualitativ hochwertig und relevant sind, könnten sowohl Lehrende als auch Lernende diese produktiv einsetzen.
  2. In vielen Systemen fallen hohe Kosten für Lehr- und Lernmaterial an, die sich unter anderem aus den Lizenz- und Nutzungsgebühren ergeben. Eine stärkere Verbreitung offener Materialien könnte diese Kosten verringern.
  3. Daneben sieht die UNESCO die Chance, bei Lehrkräften die Kompetenzen zu fördern, selbst Bildungsmaterialien herzustellen, indem ihnen die nötigen Instrumente hierfür kostenlos zur Verfügung gestellt werden.
Die am häufigsten diskutierte Chance setzt bei den Lernenden an: Lernansätze gehen immer stärker von individuellen Lernprozessen aus. Jeder Schüler bringt unterschiedliche Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten mit ins Klassenzimmer. Manche lernen schnell, andere langsamer. Eine heterogene Schülerschaft und jahrgangsübergreifende Klassen verstärken die Forderung nach individuellen Ansätzen. Die Lehrenden sollen auf die einzelnen Schüler und Schülerinnen eingehen, um sie nach ihren Bedürfnissen zu fördern. Ein einziges Schulbuch, das gemeinsam abgearbeitet wird, wird diesen Anforderungen nur schwer gerecht. Das wissen Lehrerinnen und Lehrer längst und stellen sich ihre eigenen Materialien möglichst passgenau zusammen. Welche rechtlichen Probleme das mit sich bringen kann wurde bereits erläutert. Mit offenen Materialien ist es einfacher möglich, verschiedene Quellen miteinander zu verbinden, Neues und Individuelles zu erschaffen und dieses Material dann auch digital zur Verfügung zu stellen, ohne dabei an etwas anderes zu denken als die Förderung der Lernenden.

Nico Herrmann, unser fiktiver Beispiellehrer, hat gerade erst begonnen, offene Bildungsressourcen im Unterricht einzusetzen. Blicken wir in seine Zukunft, könnte sich folgendes Bild ergeben: Für Nico Herrmann ist es selbstverständlich, nach offenem Material im Netz zu suchen. In seinem Kollegium ist das weit verbreitet. Über Urheberrechtsverstöße müssen sie sich keine Gedanken machen, denn in ihrer Ausbildung haben sie gelernt, wo sie frei nutzbare Arbeitsblätter, Videos, Fotos, Grafiken und Co. finden und wie sie diese weiterverwenden können. Vor allem wissen sie, wie sie die Ressourcen unter eine offene Lizenz stellen und was das bedeutet. Sie tragen aktiv zur Kultur des Teilens und einer wachsenden Materialvielfalt bei. Diese Selbstverständlichkeit geben sie an ihre Schülerinnen und Schüler weiter.

Lernende können durch und mit offenem Material eine aktive, partizipatorische und kreative Rolle einnehmen. So wird nicht nur der individuelle Lernprozess stärker berücksichtigt, sondern auch eine weitere Faustregel des Lernens: Je stärker die Lernenden aus der Passivität herausgeholt werden, also aktiv sind und selbst gestalten, desto mehr lernen sie.

Am Ende bleibt das Urteil über den Sinn offener Materialien immer abhängig vom Kontext. Denn diese Lernmaterialien sind kein Allheilmittel, sondern ihr Nutzen hängt im großen Maße davon ab, wie sie eingesetzt werden. Im Fokus steht schlussendlich wieder einmal die Lehrperson, die unterrichtet und sich dabei das Potenzial offener Bildungsmaterialien zu eigen macht – vorausgesetzt, sie weiß von deren Existenz und den Herausforderungen, die mit ihnen in Verbindung stehen.

Während OER in anderen Ländern bereits etabliert sind, gilt in Deutschland oft immer noch die Maxime der Zurückhaltung. Mangelnde Kenntnisse über die bereits bestehenden Möglichkeiten, Angst vor fehlerhaftem Material und vor Rechtsverstößen sowie chronischer Zeitmangel halten viele Lehrkräfte davon ab, sich mit offenen Bildungsmaterialien auseinanderzusetzen bzw. sie aktiv zu nutzen oder eigene, erarbeitete Unterrichtsmaterialien bereitzustellen. Doch dieses Bild, das oft in Diskussionen um offene Bildungsressourcen gezeichnet wird, bekommt Risse. Es gibt sie nämlich auch auf deutschem Boden: Die Pioniere, die das Thema voranbringen; Lehrende die längst mit offenem Material arbeiten, den Sinn und Nutzen gut verstehen und Ihre Ideen an das Kollegium und die Schülerschaft weitergeben. So wächst langsam und stetig der Bekanntheitsgrad freier Bildungsmaterialien. Nico Herrmanns Zukunftsvision rückt näher.




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Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

 

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