Das zerstörte Nürnberg

Ziele des Projektes

5.1.2005
Ein Projekt zur Zeitgeschichte: Die Jugendlichen erforschen in einer repräsentativen Befragung die Meinungen der Bürgerinnen und Bürger ihrer Stadt zur "Erinnerung an die NS-Zeit und 2. Weltkrieg". Dabei müssen sie eng mit Lehrenden und den Medien vor Ort zusammen arbeiten.

Mit einer Putzaktion der "Stolpersteine" am 09.11.2013 soll an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert werden.Mit einer Putzaktion der "Stolpersteine" am 09.11.2013 soll an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert werden. (© picture-alliance/dpa)

"Soviel Hitler war nie. Die mediale Gegenwart des 'Führers' sechs Jahrzehnte nach dem Ende des 'Dritten Reiches' übertrifft nicht nur bei weitem seine öffentliche Präsenz in den Monaten vor dem 'Untergang' im Bunker; sie lässt auch alle Hitler-Wellen der vergangenen Dekaden flach erscheinen. Eine Flut von Filmen, Fernsehbildern und Erinnerungen bringt uns, den Nachbeborenen, '1945' näher denn je. Hitler und der Nationalsozialismus, so jedenfalls scheint es, bewegen nun schon die 'dritte Generation', und gemessen am Ausstoß der Medien, nimmt das Interesse immer noch zu. Also alles in Ordnung?" [aus: Norbert Frei: 1945 und wir, München 2005, S. 23]

Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg im Fotoalbum von Manfred Schöne (Stadtarchiv Olpe; aus: Ruth Goebel/Markus Köster: 1945 - Fotografien aus Westfalen (CD-ROM), Münster 2005).Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg im Fotoalbum von Manfred Schöne (Stadtarchiv Olpe; aus: Ruth Goebel/Markus Köster: 1945 - Fotografien aus Westfalen (CD-ROM), Münster 2005).
In dem hier vorgestellten Projekt wird diese Frage von Norbert Frei zum zentralen Gegenstand einer Untersuchung zur Zeitgeschichte gemacht. In der eigenen Stadt die Meinungen der Bürgerinnen und Bürger zu diesem Thema mit Hilfe einer repräsentativen Befragung zu erforschen stellt eine spannende Aufgabe dar, in der Jugendliche, Lehrerinnen und Lehrer sowie Medien vor Ort eng kooperieren. Alternativ kann aber auch eine weniger aufwändige Befragung, beispielsweise unter den Jugendlichen der eigenen Schule, durchgeführt werden. Jugendliche lernen so, die Gegenwart der Vergangenheit in origineller Weise zu erforschen. Geschichte kann so im eigentlichen Sinne des Wortes als gegenwärtig "fragwürdig" wahrgenommen werden, um dann das Untersuchungsinteresse zum Beispiel auf problematische Einstellungen, einseitige Erinnerungen sowie deren mögliche Ursachen zu lenken.

Insbesondere das Erreichen von zwei Zielen wird mit diesem innovativen Geschichtsprojekt möglich:
  • Die Generation der Zeitgenossen tritt ab. Für die allermeisten von uns ist Hitler-Zeit keine erlebte Vergangenheit, sondern Geschichte. So stellt sich für die Jungen heute die Frage neu, wie sie mit der Vergangenheit umgehen sollen (Opfer mahnen: "Vergesst uns nicht!"; Forderungen werden lauter: "Zieht endlich einen Schlussstrich!"). Die Jugendlichen untersuchen mit Hilfe einer lokalen repräsentativen Bürgerbefragung vor Ort die Frage, welche Erinnerung an den Nationalsozialismus künftig bewahrt werden soll. Diese Frage rückt immer mehr in den Mittelpunkt wissenschaftlich-historischer Überlegungen, denn "vor dem Hintergrund des sich vollziehenden Abschieds von den Zeitgenossen der NS-Zeit geht es inzwischen weniger um die praktische Bewältigung benennbarer politischer Folgen der Vergangenheit." [Norbert Frei, 1945 und wir, München 2005, S. 39]

  • Insbesondere durch die mögliche Präsentation der Befragungsergebnisse im Forum der Schule, aber auch in der lokalen Presse, wird das Erinnern der Bevölkerung an den Nationalsozialismus und Weltkrieg zugleich zu einem Thema in der Öffentlichkeit, zumal hier exklusive Informationen über das Geschichtsbewusstsein vor Ort geliefert werden. Der Diskurs über die oben gestellte Frage findest somit nicht nur im Klassenraum, sondern in der Öffentlichkeit statt.
Auch für den Unterricht ist die Zäsur, die durch das Verschwinden der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen (auf Seiten der Opfer und der Täter) entsteht, eine Herausforderung. Mit ihr beginnt eine neue Phase im wechselvollen Umgang mit der Vergangenheit. Für den Unterricht ist übrigens ein weiterer Aspekt in den letzten Monaten bedeutsam geworden, der eng mit dem bereits genannten in Verbindung steht: heute hat die Befragung der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen – besonders in den Medien – hektisch wirkende Hochkonjunktur. Ihre Erzählungen versprechen Authentizität und sind – medial häppchenweise präsentiert – leicht konsumierbar. Es ist zu überdenken, ob die Analyse komplexer Zusammenhänge und historische Gewichtungen dadurch nicht in eine Schieflage geraten.

Leitidee dieses modernen, handlungsorientierten Geschichtsunterrichts ist die Förderung eines reflektierten Umgangs mit Geschichte. Die Erforschung des Geschichtsbewusstseins der Bevölkerung, der Einstellungen und Meinungen zum Nationalsozialismus und zum Zweiten Weltkrieg vor Ort ermöglicht nicht nur, es verlangt die Fähigkeit zum kontroversen Diskurs. Geschichtsbewusstsein dieser Art macht die Kommunikation verschiedener Personen oder Gruppen möglich, ja erforderlich. "Deutsche Geschichte ist anstößig - vor allem dann, wenn es um den Nationalsozialismus geht. Diese Zeit gehört, anders als das Kaiserreich oder die Weimarer Republik, nicht allein den Historikern, die sich berufsmäßig damit beschäftigen. Sie gehört der Öffentlichkeit: Journalisten und Politikern, Verbandsvertretern und Schriftstellern, den Zeitzeugen und ihren Nachkommen." (aus: Ute Frevert, Geschichtsvergessenheit und Geschichtsversessenheit revisited, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 40-41/2003, S. 6)



 

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