Das zerstörte Nürnberg

Baustein 1: Einstieg - Erinnern oder verschweigen?

5.1.2005
Mit der Fragestellung "Warum vergeht diese Vergangenheit nicht?" werden die Motive der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg thematisiert. Eine zentrale Aufgabe des Lehrenden besteht darin, insbesondere auf die veränderten Generationenkonstellationen und darin begründete Veränderungen im Geschichtsbewusstsein in den Untersuchungsfokus zu nehmen.

Markt und Rathaus von Minden nach dem Angriff vom 28.03.1945Markt und Rathaus von Minden nach dem Angriff vom 28.03.1945 (© Kommunalarchiv Minden; aus: Ruth Goebel/Markus Köster: 1945 - Fotografien aus Westfalen, Münster 2005)
Mit der Fragestellung "Warum vergeht diese Vergangenheit nicht?" werden die Motive der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus thematisiert.

Der Einsatz der Karikatur M 01.01 bietet der Lerngruppe zunächst die Möglichkeit, weitgehend selbständig die Notwendigkeit zur Erinnerung an den Nationalsozialismus zu begründen. Dieser Einstieg ist insofern schülerorientiert, als hier die Lernenden ihre Vorkenntnisse einbringen können. Das Unterrichtsgespräch wird auch zahlreiche Hinweise zur (inhaltlichen) Strukturierung der Unterrichtsreihe bieten – auch deshalb sollte den Lernenden für diese Phase ausreichend Zeit zur Verfügung gestellt werden.

Die Konkretisierung der Motive sollte anschließend systematisch erarbeitet werden, indem die Lerngruppe die zentralen Aussagen von Ian Kershaw dem Material M 01.02 entnimmt. Das Material kann von der Lerngruppe zu Hause vorbereitet werden, um die Unterrichtszeit effektiver zu nutzen. Der Text ist geeignet, bereits vorhandenes Wissen der Lerngruppe zu aktivieren und bietet den Lernenden für die spätere Beteiligung an der inhaltlichen Schwerpunktsetzung gute Orientierung. In einem weiteren Schritt kann sich die Lerngruppe mit Hilfe des Essays von Bernhard Schlink der Frage zuwenden, wie wir uns heute erinnern (sollen) (M 01.03). Dieser Text ist in besonderer Weise geeignet, weil er den aktuellen Stand der Diskussion der bundesrepublikanischen Erinnerungskultur bearbeitbar macht - bei Bedarf kann hier zur Vertiefung beispielsweise die so genannte Walser-Bubis-Debatte oder die so genannte Weizsäcker-Rede zum Gegenstand des Unterrichts gemacht werden.

Eine wichtige Erweiterung zu dem Essay von Bernhard Schlink stellen die Materialien M 01.04, M 01.05, M 01.06 dar. Ute Frevert gibt hier zunächst einen Überblick über die Geschichte der Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland, analysiert dann die gegenwärtige Debatte um die Rückkehr der Opfererinnerung, um dann ein Konzept für eine zeitgemäße Erinnerungskultur zu entwerfen.

Eine zentrale Aufgabe des Lehrenden hinsichtlich der Bearbeitung der Materialien besteht hier darin, insbesondere auf die bereits erwähnten veränderten Generationenkonstellationen und darin begründete Veränderungen im Geschichtsbewusstsein in den Untersuchungsfokus zu nehmen.

"Gleichwohl ist schwer zu sagen, wie sich die Zukunft der NS-Vergangenheit gestalten wird; nicht nur für den Historiker dürfte sich in diesem Zusammenhang die Rekapitulation des Gewesenen empfehlen. [Es] soll deshalb eine Skizze der Geschichte des politischen und kulturellen Umgangs mit der NS-Vergangenheit in der Bundesrepublik mit einem Vorschlag zur Periodisierung dieser Geschichte verbunden werden. Anlass, nach spezifischen Abschnitten in der langen ‚Nachgeschichte´ des ‚Dritten Reiches´ zu fragen, besteht nicht zuletzt angesichts der für ihren Verlauf offenkundig bedeutsamen – und in ihrem Verlauf sich permanent verändernden – Generationenkonstellationen. In der Schlussphase des Abschieds von den Zeitgenossen der NS-Zeit ist dieser bisher wenig beachtete Gesichtspunkt vielleicht sogar von besonderem Gewicht." [Norbert Frei: 1945 und wir, München 2005, S. 25/26]

Die Materialien M 01.07 und M 01.08 ermöglichen eine tiefergehende Erörterung der Diskussion um eine angemessene Erinnerungskultur vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen. Norbert Frei (M 01.07) analysiert problematische Aspekte der medialen Inszenierung nationalsozialistischer Vergangenheit.

"Keine Schuld, aber Verantwortung", sagt Jan Philipp Reemtsma, Direktor des Hamburger Instituts für Sozialforschung, sei die entscheidende Verlegenheitsformel deutscher Mühen, sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinander zu setzen (M 01.08). Im taz-Interview sagte er, es müsse vage bleiben, was der Debatte um die Vergangenheit dienlich sei, hinter der Formel aber verberge sich auch die Zumutung, sich von dieser Vergangenheit nicht lösen zu können. Einen Schlussstrich zu ziehen, sei jedenfalls unmöglich.

Die intensive Bearbeitung dieser Texte durch die Lernenden ist für den weiteren Verlauf des Projektes bedeutsam. Hieraus lassen sich zahlreiche Aspekte für die Erforschung der Erinnerungskultur vor Ort ableiten und für die Bearbeitung des Fragebogens ableiten (vgl. Baustein 2).

Zur Überleitung des Themas des zweiten Bausteins können die Schüler aufgefordert werden, in ihrem Freundeskreis oder in ihrer Familie zu erkunden, ob der "8. Mai 1945" eher als Tag der Befreiung oder als Tag der Niederlage angesehen wird. Die Ergebnisse dieser Befragung bieten einen guten Einstieg in für den nächsten Baustein und wecken das Interesse, auch quantifizierende Aussagen zur Verbreitung bestimmter Einstellungen zu machen.



 

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