Das zerstörte Nürnberg

Baustein 4: Datenauswertung - zu welchen Ergebnissen führt eine Analyse der Befragung?

5.1.2005
Mit dem Sechs-Punkte-Schema zur Auswertung von Umfragedaten wird ein methodisches Verfahren vorgestellt, mit dem die Lernenden relativ selbständig eine Datenauswertung vornehmen können. Neben der Analyse der Hypothesen wird auch die Zuverlässigkeit der eigenen Ergebnisse behandelt.

Häftlinge des Außenlagers des KZ Dachau in München-Allach (Rüstungsproduktion der Firma BMW) am Tag der Befreiung, dem 30. April 1945.Häftlinge des Außenlagers des KZ Dachau in München-Allach (Rüstungsproduktion der Firma BMW) am Tag der Befreiung, dem 30. April 1945. (© National Archives, Washington)
Die Frage nach ursächlichen Bedingungen von bestimmten Meinungen und Einstellungen verfolgt das Ziel, das Wissen über die bisher erarbeiteten Kenntnisse zu erweitern und Kausalbeziehungen herzustellen sowie zu überprüfen. Dabei sollte sich die Fragestellung nicht mit deskriptiven Erörterungen begnügen, sondern auch den Blick auf Zusammenhänge von Interessen, Motivationen, Einstellungen und Lebenslagen sowie äußeren Voraussetzungen lenken. Nach der zielgerichteten Hinführung zu den Auswertungsmethoden (siehe Baustein 2) kann nun die Auswertung vorgenommen werden.

Vor dem Hintergrund der bereits gemachten Annahmen über Zusammenhänge zwischen sozialstatistischen oder geschichtsdidaktischen Kategorien und Einstellungen zum Nationalsozialismus (s.o.), die auf einer Folie fixiert worden waren, werden nun in einer arbeitsteiligen Gruppenarbeit eigene Analysen zu den ausgemachten Hypothesen vorgenommen, indem die Lernenden am Computer Kreuztabellen erstellen und kurze schriftliche Analysen dazu anfertigen. Durch Interpretation der Auszählungsergebnisse können dann die aufgestellten Hypothesen bestätigt oder widerlegt werden.

Wie können die Daten erfolgreich ausgewertet werden?



Mit dem Sechs-Punkte-Schema zur Auswertung von Umfragedaten (M 04.01) wird ein methodisches Verfahren vorgestellt, mit dem die Lernenden relativ selbständig eine Datenauswertung vornehmen können. Das Verfahren hat sich in der Praxis bewährt, denn Daten ohne konkret formuliertes Erkenntnisinteresse auszuwerten führt dazu, dass zahlreiche Tabellen und Grafiken produziert, jedoch die Beantwortung eines Problems oder Erkenntnisgewinne werden so kaum zielorientiert erreicht werden.

Durch die Anwendung dieses Vorgehens wird auch die notwenige Transparenz bzgl. der Erkenntnisgewinnung erreicht - so können die von einzelnen Schülerinnen und Schülern präsentierten Auswertungen von den anderen Lernenden leicht nachvollzogen werden, um sie zu kritisieren, um Verbesserungsvorschläge zu machen, um über die Ergebnisse zu diskutieren, um selbst Erkenntnisse zu gewinnen.

Das methodische Verfahren gliedert sich in sechs Schritte:
  1. Formulierung einer Hypothese
  2. Operationalisierung der Hypothese mit Hilfe der Fragen des Fragebogens
  3. (Grafische) Darstellung der Auszählung
  4. Interpretation der Daten
  5. Ergebnisformulierung der Hypothesenüberprüfung
  6. Formulierung von weiterführenden Fragestellungen
Wichtig bei diesem Verfahren ist vor allem die Vermittlung der Erkenntnis, dass die Schülerinnen und Schüler zuerst eine Hypothese formulieren müssen und erst dann die Daten auswerten. Wird dieser Schritt unterlassen, wird häufig nur wahllos in den Daten herumgesucht, ohne dass Ergebnisse zu erwarten sind.

Mit Hilfe der Vorüberlegungen im Unterricht und der problemorientierten Entwicklung des Fragebogens gelingt es den Jugendlichen, Erkenntnisprobleme gezielt ausfindig zu machen oder hypothetische Kausalbeziehungen zu benennen.

Beispiel:
Ältere Bürgerinnen und Bürger stimmen der These "man sollte die NS-Vergangenheit endlich auf sich beruhen lassen und nicht immerzu in alten Wunden stochern" eher zu als jüngere!

In der anschließenden Phase der Operationalisierung wird die Hypothese nach Merkmalsdimensionen aufgeschlüsselt. Da es darum geht, Zusammenhänge und Abhängigkeiten aufzudecken, ist die Auswertung der Daten mit zwei Merkmalen erforderlich. In der resultierenden Kreuztabelle wird das erste Merkmal in den Spalten und das zweite Merkmal in den Zeilen abgebildet. Der Prozess der Operationalisierung versteht sich als formaler Prozess der Kategorisierung. Den Jugendlichen wird so ein vertieftes Verständnis für wesentliche politische oder soziale Zusammenhänge ermöglicht.

Beispiel:
Merkmal 1: Alter (= Frage 36)
Merkmal 2: "Man sollte die NS-Vergangenheit endlich auf sich beruhen lassen und nicht immerzu in alten Wunden stochern" (= Frage 30)

Mit der Darstellung der Daten in einer Kreuztabelle und in einer Grafik erkennen die Jugendlichen zudem, dass mit Hilfe dieser Kategorien die Forschungsarbeit auf relevante Fragen konzentriert werden kann und muss. Durch dieses regelorientierte Vorgehen fällt es ihnen leichter und sie werden geübt darin, die Grafik und Tabelle zu beschreiben.

Anschließend prüfen die Lernenden die Sachverhalte im Lichte der aufgestellten Kategorien. Dabei untersuchen sie, ob sich die aufgestellte Hypothese bestätigt hat oder durch das Datenmaterial widerlegt worden ist. Das Ergebnis sollte schriftlich fixiert werden.

In der Folge der Verifizierung oder Falsifizierung von Hypothesen können eventuell neue Hypothesen entstehen, die ihrerseits wiederum zu neuen Kriterien führen. Dazu filtern die Lernenden das gewonnene Datenmaterial, beispielsweise um die Sicht auf relevante Teilmengen, die den "neuen" Kategorien genügen, zu beschränken. Damit wird der Prozess der Erkenntnisgewinnung fortgesetzt. Die Intensität der Prüfung, ob nicht andere Beweise, Erklärungen und Sichtweisen überzeugend sein könnten, ist für die Qualität der Sachverhaltsfeststellung von entscheidender Bedeutung. Der hier vorgestellte Ansatz zur Datenauswertung wird dieser Forderung durch seine Wissenschaftsorientierung in besonderer Weise gerecht.

Beispiel:
Ältere männliche Bürger stimmen der These "man sollte die NS-Vergangenheit endlich auf sich beruhen lassen und nicht immerzu in alten Wunden stochern" eher zu als ältere weibliche Bürger!

Was sind die Ergebnisse unserer Datenanalyse und wie sind diese zu bewerten?



Die Bearbeitung der Aufgaben in Form einer Gruppenarbeit ist nicht so sehr mit der Bedienung der Software GrafStat zu begründen, die durch gegenseitige Hilfestellungen erleichtert wird, sondern eher damit, dass der Prozess der Hypothesenüberprüfung durch lautes, reflektierendes und urteilendes Denken der Schülerinnen und Schüler vorgenommen werden sollte. Sie sollen hier unmittelbar die Erfahrung machen, dass statistische Auswertungen immer gedeutet und interpretiert werden.

In einer abschließenden Phase stellen die Arbeitsgruppen ihre Ergebnisse im Plenum vor. Dazu präsentieren Sie die ausgefüllten Schemata zur hypothesenorientierten Datenauswertung auf Folien. Dadurch kann von allen Lernenden der Weg nachempfunden werden, der von der Aufstellung der Hypothese zum Analyseergebnis geführt hat. Auf diese Weise können im Plenum gegensätzliche Meinungen bzgl. des methodischen Vorgehens diskutiert werden, um auf mögliche Fehler (z.B. im Aufbau der Kreuztabelle) aufmerksam zu machen und Optimierungsvorschläge zu überlegen (z.B. zusätzlichen Filter setzen).

Die Resultate der Gruppenarbeit werden dann im Unterrichtsgespräch zusammengefasst und an der Tafel (siehe z.B. Analyse der Daten) gesichert.

In der anschließenden vertiefenden Diskussion sollte nicht auf eine Bewertung der Ergebnisse verzichtet werden – diese Aufgabe der Lernenden ist nicht trivial, denn es gibt keinen exakten Maßstab für die Bewertung und Einschätzung der erhobenen Daten. Als Orientierung für die Diskussion der erhobenen Daten sollten die Ergebnisse aus Baustein 1 herangezogen werden (Was ist eine angemessene Erinnerung an den Nationalsozialismus und inwiefern deckt sich dies mit den Meinungen der Bevölkerung vor Ort? Was sind die Ursachen für mögliche Unterschiede?)

Hartmut von Hentig schreibt in Bezug auf die Rolle der Empirie und das auf Messung hinauslaufende Erkenntnisverfahren: "Sie haben einen ausschließlich klärenden, niemals normierenden Charakter. Sie bedürfen immer der Interpretation, deren Rechtfertigung sich nicht in der Vermehrung von Gewissheit erschöpft. Es muss ihnen ein Kontext von Teilnahme und Verantwortung zurückgegeben werden, ohne dass dies ihre Gültigkeit mindert." (aus: Hartmut von Hentig: Abschiedsrede, in: Frankfurter Rundschau vom 04.06.1988)

Die vertiefende Diskussion kann schließlich auch die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der zum Vergleich hinzugezogenen SPIEGEL-Befragung und der eigenen Befragung herausstellen. Sie geht der interessanten Frage nach, inwiefern die Einflussfaktoren auf die Einstellungen und Meinungen zum Nationalsozialismus in der eigenen Befragung zu erkennen sind.

Diese Diskussion der Ergebnisse kann im günstigen Fall in der Phase der Reflexion des Projektes noch mal aufgegriffen werden: es ist durchaus möglich (und wünschenswert), dass eine Veröffentlichung der Befragungsergebnisse in der lokalen Zeitung Reaktionen der Bürger provoziert. Die Chance sollte nicht vertan werden, diese wiederum zum Gegenstand des Unterrichts zu machen.

Es kann durchaus sinnvoll sein, die Ergebnisse im Rahmen einer Podiumsdiskussion zu präsentieren und mit Expertinnen und Experten zu diskutieren, die man zum Beispiel aus dem Stadtarchiv, aus Gedenkstätten, Universitäten oder Geschichtsvereinen einladen kann.

Wie zuverlässig ist unsere Befragung ausgefallen?



Wichtig erscheint aus didaktischer Perspektive, dass die Reflexion der sozialwissenschaftlichen Methode selbst, die reflektierte Einschätzung über Sicherheit oder Unsicherheit der jeweiligen Analyse, Teil der gewonnenen Erkenntnis wird. Dies gilt es in der Präsentation der Gruppenergebnisse explizit zu erörtern – insbesondere im Hinblick auf die mögliche Veröffentlichung der Ergebnisse in der lokalen Pressen. Schließlich muss entschieden werden, ob die Qualität hinreichend ist, um damit an die Öffentlichkeit zu gehen – gerade bei diesem sensiblen Thema.

Möglicher Fragenkatalog für die Zuverlässigkeits- und Fehleranalyse:
  1. Enthalten die Ergebnisse Überraschungen? Inwieweit sind diese zu erklären?
  2. War die Stichprobe repräsentativ?
  3. Ist die Verteilung nach Altersgruppen und Geschlecht angemessen berücksichtigt? (siehe Gewichtung)
  4. Gab es Probleme bei der Befragung? Hätten Fehler vermieden werden können?
  5. Wie kann die Qualität der geleisteten Forschungsarbeit rückblickend beurteilt werden?
  6. Ist die Qualität hinreichend, um damit an die Öffentlichkeit zu gehen?
  7. Welche Ergebnisse haben die Auszählungen erzielt; wie groß ist beispielsweise die Abweichung von vergleichbaren Fragen der SPIEGEL-Befragung?
  8. ...
Nach den sorgfältigen Vorarbeiten, die sie geleistet haben, werden die Lernenden der möglichen Veröffentlichung mit einiger Erwartung entgegensehen. Die Lernenden dürfen mit der Frage, ob die Ergebnisse veröffentlicht werden können, nicht allein gelassen werden - aus der Möglichkeit zur Evaluation wird aufgrund der möglichen Brisanz des Themas und/oder der erzielten Ergebnisse quasi eine Pflicht. Möglichen Zweifeln an den Ergebnissen muss vorgebeugt werden.

Nicht nur um öffentlicher Kritik entgegenzuwirken, sollte auf jeden Fall darauf verwiesen werden, dass jede Befragung auch mit statistischen Unsicherheitsfaktoren belastet ist und es selbst professionellen Meinungsforschern schwer fällt, eine exakte Analyse der Vorhersagen zu treffen.

Zunächst erhalten die Lernenden Gelegenheit, ihre persönlichen Eindrücke und Auffassungen bzgl. der Einschätzung der Qualität der eigenen Ergebnisse zu schildern, bevor sie diese in den beiden Arbeitsschritten der "Bestandsaufnahme" und der "Fehleranalyse" genauer prüfen. Anschließend erfolgt das Abwägen möglicher Fehlerquellen; hier wird eine stärkere Steuerung durch Lehrende notwendig sein. Dies sollte daher in einem gelenkten Unterrichtsgespräch erfolgen.

Wenn es gelingt, plausible Gründe ausfindig zu machen, mit denen sich Abweichungen zwischen eigener Befragung und anderen repräsentativen Befragungen erklären lassen, so wäre damit ein Erkenntnisziel erreicht, das in gewissem Maß für die unvermeidliche Ungenauigkeit der eigenen Analyse zu entschädigen vermag. Vor diesem Hintergrund wird es den Lernenden dann möglich sein, zu einem angemessenen Urteil über die Qualität ihrer eigenen Forschungsarbeit zu gelangen.



 

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