GrafStat Fußball

10.6.2014

M 03.08 Fußball prägt die Sicht der Welt

Mithilfe dieses Materials untersuchen die Schülerinnen und Schüler den Stellenwert eines WM-Siegs für die Gesellschaft. Es wird historisch auf die Erfolge der deutschen Nationalmannschaft zurückgeblickt und eine Verknüpfung zum Nationalgefühl und Nationalbewusstsein hergestellt.

In den Jahren 1954, 1974 und 1990 konnte eine bundesdeutsche Nationalmannschaft das Endspiel einer Fußballweltmeisterschaft für sich entscheiden. Jedoch standen diese Spiele unter höchst verschiedenen Vorzeichen und hatten ganz unterschiedliche Wirkungen. Während dem Titel von 1974 stets eine allenfalls sportliche Bedeutung beigemessen wurde, wird der scheinbar sensationelle Sieg über die Auswahl Ungarns am 4. Juli 1954 als ein die noch junge Bundesrepublik nachhaltig konsolidierendes Ereignis angesehen (vgl. Pyta, Wolfram: Einleitung: Der Beitrag des Fußballsports zur kulturellen Identitätsstiftung in Deutschland, in: Ders. [Hrsg]: Der lange Weg zur Bundesliga. Zum Siegeszug des Fußballs in Deutschland, Münster 2004, S. 1-30, hier S. 29) Die Kommunikation dieses Endspiels und seine Verankerung in der populären Erinnerungskultur führten in der Folge dazu, dass dem Spiel bzw. dem Spielort bisweilen tatsächlich der Charakter eines lieux de mémoire für die Bundesrepublik Deutschland zuerkannt wird (vgl. Brändle, Fabian/Koller, Christian: Goal! Kultur- und Sozialgeschichte des modernen Fußballs, Zürich 2002, S. 16)

Schließlich fühlen sich nicht wenige in diesem Zusammenhang immer wieder ermuntert, auf die scheinbar nahe liegende Symbolik des Titelgewinns von 1990 als gewissermaßen emotionalen Vollzug der deutschen Einheit hinzuweisen. Doch die (symbolische) Bedeutung der Nationalelf für Zustand und Perspektive der Nation scheint sich darüber hinaus ungebrochen bis in unsere Gegenwart fortzusetzen, wie eine Beobachtung der Süddeutschen Zeitung ein Jahr vor der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland glauben lässt:

Es ist in der Tat ein heiliger Ernst um die Geschicke dieser Mannschaft […], mitunter könnte man glauben, sie stünde unter der nationalen Mission, das Land aus der Lethargie […] zu reißen und mit dem bloßen Gewinn einer unhandlichen Skulptur durch ein güldenes Portal in den Garten Eden zu führen. (Süddeutsche Zeitung, 18./19.6.2005, S. 37.)

So scheint es bisweilen, dass für die elf Männer in weißen Hemden und schwarzen Hosen seit 1954 ein gleichsam heilsgeschichtlich anmutender nationaler Auftrag bestünde. Jener klassisch konstruierte Mythos der "Helden von Bern" wurde gleichwohl nicht ohne bestimmte Zutaten möglich. Nachträglich war zunächst die Beschreibung der deutschen Nachkriegsgesellschaft als "Millionen von Menschen […] beladen von Schuld, Unsicherheit und Selbstzweifel" (Braun, Egidius: Grußwort des Präsidenten, in: Brüggemeier, Franz-Josef/Borsdorf, Ulrich/Steiner, Jürg [Hrsg.]: Der Ball ist rund. Katalog zur Fußballausstellung im Gasometer Oberhausen im CentrO anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Deutschen Fußballbundes, 12. Mai bis 15. Oktober 2000, Essen 2000, S. 5) notwendig, welcher unverkennbar die angenommene Außenseiterrolle der eigenen Mannschaft zu entsprechen hatte. Diese traf auf die schier unüberwindbare Übermacht des Gegners, die – per aspera ad astra – nur durch die in der Folge dann unablässig beschworenen "deutschen Tugenden" wie unermüdlichen Kampfgeist und Siegeswillen nebst kameradschaftlichen und redlichen Einsatz wettgemacht werden konnte. Helmut Rahn, der "aus dem Hintergrund schießen müsste", traute sich und schoss das "Tor für Deutschland", das nach den gängigen Spielberichten über die Geschichte der Bundesrepublik diese und ihre Bewohner wieder in den gefühlten Vordergrund führte (vgl. Schildt, Axel: Ankunft im Westen. Ein Essay zur Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik, Frankfurt a.M. 1999, S. 93). Ab nun sollten sich alle wieder mehr zutrauen.

Die Identitätsmuster, die über die eigene "tüchtige" Mannschaft sinnfällig für das Selbstbild der gesamten Nation konstruiert bzw. bestätigt wurden, fanden und finden ihr (notwendiges) Pendant stets in der stereotypen Umschreibung anderer Nationen und ihrer (putativen) kulturellen Eigenarten. Dann messen sich jene "deutschen Tugenden" mit der Leichtfüßigkeit der Brasilianer, der fairen Härte der Briten, der Schlitzohrigkeit der Südeuropäer oder der Verspieltheit der Afrikaner (vgl. Blain, Neil/Boyle, Raymond/O’Donnell, Hugh: Sport and national identity in the European media, Leicester – London - New York, 1993, S. 64ff.). Insofern stellen viele Fußballpartien offenbar nicht nur ein Spiel dar. Nicht nur zwei Mannschaften treten gegeneinander an, sondern zwei Nationen, zwei Systeme, zwei Kulturen.

Auf diese Weise prägt der Fußball für viele die Sicht der Welt. Alle zwei bzw. vier Jahre verdichten sich diese Eindrücke in einer Kontinental- oder Weltmeisterschaft, die dem neutralen, nüchternen Betrachter (ein in jenen Wochen eher rares Wesen) als auffallend nationalistisches Kräftemessen erscheinen können. Und zuweilen wird erkennbar, mit welchen nationalen Emotionen und Aufladungen – oft als unüberhörbares Echo alter Feindseligkeiten – bestimmte Partien diese Ansicht stützen: Als der deutsche Torhüter Harald "Toni" Schumacher im Halbfinale der WM 1982 den französischen Spieler Patrick Battiston derart rüde foulte, dass dieser drei Zähne verlor und einen gebrochenen Wirbel davontrug, schien es vielen, dass die mehr als dreißigjährigen Nachkriegsbemühungen um die deutsch-französische Freundschaft mit diesem einem Schlag verpufft waren. Ein nationaler Stereotyp fand an der deutschen Strafraumgrenze seine Bestätigung.

Der moderne Fußball stellt – als gewichtiger Teilaspekt seiner zahllosen Ambivalenzen und trotz seiner oftmals kosmopolitischen Charakterisierung als "universalste Sache der Welt’ – offenbar auch die "Schaubühne, wo […] der populäre Militarismus und Nationalismus sich so produzieren können, daß sowohl eine Selbstvergewisserung als auch eine symbolische Konfrontation mit dem Anderen und Fremden erfolgt" (Eisenberg, Christiane: Sportgeschichte. Eine Dimension der modernen Kulturgeschichte, in: Geschichte und Gesellschaft 23/1997, S. 295-310, hier S. 296).

Aus: Lars Plantholt: "Tor für Deutschland!" Westdeutscher Nationalismus/Patriotismus im Kontext der Fußballweltmeisterschaften 1954 und 1974. (Magisterarbeit Philosophische Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität), Münster 2005, S. 1-4.


Arbeitsaufträge:
  1. Lies den Text und arbeite heraus welche Bedeutung der Gewinn der Fußballweltmeisterschaft für Bevölkerung hatte.
  2. Mit welchen Worten werden die deutsche Mannschaft und andere Nationalmannschaften charakterisiert?
  3. Welcher Stellenwert wird damit den Fußballpartien übertragen?


Eine Druckversion des Arbeitsblatts steht als PDF-Icon PDF-Datei zur Verfügung.


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