Partizipation vor Ort
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Sachanalyse


22.4.2013
Generelles Ziel dieses Beteiligungsprojektes ist es, die Schülerinnen und Schüler als Akteure zu stärken und das System Schule für die Beteiligung der Jugendlichen zu öffnen. Die Jugendlichen können so am Beispiel Schule Erfahrungen sammeln, wie Selbst- und Mitbestimmung funktionieren können, wo Probleme auftauchen, wie sie solidarisch bearbeitet und wie die Erfolge und Ergebnisse auf andere Bereiche und Systeme übertragen werden können.

1. Beteiligung und (Wettbewerbs-)Gesellschaft



So vielfältig die Beteiligungsmöglichkeiten und -formen in unserer Gesellschaft sind, so wichtig ist die Beteiligung für die Entwicklung der agierenden Personen und der mit ihnen interagierenden sozialen Systeme. Diese dynamische Wechselbeziehung zwischen Mensch und System findet sich bei Schülerinnen und Schülern in der Klasse, aber auch bei Fußballspielern in ihrer Mannschaft und bei Politikern in ihren politischen Parteien sowie für viele andere soziale Bereiche. Die Beteiligungschancen werden von den Akteuren allerdings unterschiedlich genutzt, obwohl bekannt ist: Nur wer sich beteiligt, hat die Möglichkeit, (Einfluss) zu gewinnen und seine Chancen zu verbessern. Wer sich nicht beteiligt, hat schon verloren. Stützt das System die Akteure, setzen die Akteure sich für das System ein – eine gut funktionierende wechselseitige Stabilisierung, die im Alltag erfolgreicher sozialer Beziehungen immer wieder zu beobachten ist. Interessant sind die "Störungen", wenn diese Wechselbeziehung nicht oder nur unzureichend funktionieren und die Akteure die Beteiligungschancen kaum oder gar nicht nutzen. Wer nutzt die Chancen, wer nicht? Liegen diese Unterschiede am Akteur oder am System? Darauf wird noch einzugehen sein, wenn nach pädagogischen Fördermaßnahmen gesucht wird.

Wir machen mitWir machen mit (© S. Hofschlaeger / pixelio.de; www.pixelo.de)
Beteiligung – das zeichnet sich deutlich ab — ist einerseits wichtig für den Akteur, da er dabei die Welt aktiv in sich aufnimmt, seine Eindrücke verarbeitet und auch emotional verortet (z. B. nach positiv – negativ, Freund – Feind, Lust – Unlust), gleichzeitig kognitiv vielfältige Informationen aufnimmt und mit vorhandenem Wissen verknüpft, sich seine biographische Orientierung aufbaut und seine sozialen Beziehungen zu den anderen knüpft. Ein einfaches Beispiel aus dem modernen "Hochgeschwindigkeits-Fußball" möge das verdeutlichen: Das Doppel-Pass-Spielen muss in den Köpfen verstanden, in den Herzen gewollt und in den Beinen der Akteure gekonnt sein, wenn es sich aus dem Spielverlauf organisch ergeben und den Gegner überraschen soll. Auch wenn es kaum fundierte empirische Studien über die Wirkung von partizipativen Handlungen auf Identität, Kreativität und politisches Interesse von jugendlichen Akteuren gibt (vgl. Fatke 2007, S.35), so kann auf der Ebene von Plausibilitätsüberlegungen davon ausgegangen werden, dass das Verantwortungsgefühl und die Kompetenz von Jugendlichen gestärkt werden, wenn sie frühzeitig in Entscheidungsprozesse miteinbezogen werden und dabei Verantwortung übernehmen (learning by doing). Weiterhin gibt es durchaus erste Belege, dass demokratische Gruppenprozesse positives soziales Verhalten von Kindern und Jugendlichen fördern, autoritäre oder strukturlose Gruppenprozesse dieses hingegen behindern. (Vgl. Oser/Biedermann 2003, S. 20.)

Beteiligung ist andererseits auch für das soziale System (sei es die Klasse in der Schule, sei es das Fußballspiel oder die politische Partei) von enormer Bedeutung, da es nur so funktionsfähig, leistungsfähig, konsensfähig, umweltsensibel und entwicklungsfähig bleibt. Generell kann man sagen, dass Beteiligung das zentrale Moment in der Konstitution von Selbst und Welt, von Subjekt und sozialem System ist. Der "Symbolische Interaktionismus" (vgl. H. Steinert 1972) hat uns früh schon gezeigt, dass die Gesellschaft ein soziales Konstrukt ist, und die Wissenssoziologen P. Berger und T. Luckmann haben in den 60er Jahren entschlüsselt, wie "die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit" (1969) funktioniert. In der gemeinsamen Konstruktion von Wirklichkeit werden Intersubjektivität und auch Gemeinsinn entwickelt, wie P. Foray im Anschluss an I. Kant und H. Arendt darlegt:
"Menschen haben nur deshalb einen Gemeinsinn, weil sie in Beziehung zueinander leben und weil ein jeder mit den anderen eine gemeinsame Welt, eine ‚Gemeinwelt‘ hat. Nach Arendt kann es ohne eine Gemeinwelt, in der wir alle unseren Platz finden und in der wir zusammen leben können, keinen Gemeinsinn geben." (Foray 2007).
Dieser dynamische Zusammenhang zwischen Beteiligung und Konstruktion von Gemeinsamkeit fällt uns heute besonders auf, da wir Mitglieder einer Gesellschaft sind, in der viele sozialen Beziehungen unter einen enormen Konkurrenzdruck geraten und infolge von technisch-wissenschaftlichen Innovationen vielfältigen Veränderungen ausgesetzt sind. Die Orientierung auf die Gemeinschaft hin und die Individualisierungstendenzen stehen dabei in einem starken Spannungsverhältnis. In der internationalen neurobiologischen Forschung setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch: Wir sind nicht nur auf Egoismus und Konkurrenz (homo oeconomicus) eingestellt, sondern auf Kooperation und Resonanz. Der wahre Egoist kooperiert.

Der Neurobiologe Joachim Bauer hat in mehreren Publikationen diesen Aspekt anschaulich beschrieben:
"Das Gehirn belohnt gelungenes Miteinander durch Ausschüttung von Botenstoffen, die gute Gefühle und Gesundheit erzeugen. Kern aller Motivation ist es, zwischenmenschliche Zuwendung, Wertschätzung und erst recht Liebe zu finden und zu geben. Was wir im Alltag tun, wird meist direkt oder indirekt dadurch bestimmt, dass wir sozialen Kontakt gewinnen oder erhalten wollen." (Bauer 2013)
Was für die Welt des Profifußballspiels gilt, trifft auch vielfach für unsere Gesellschaft zu: Wer sich beteiligt und neue schnelle Interaktionssysteme schafft und zu nutzen lernt, hat gute Aussichten, in dieser Wettbewerbs-Gesellschaft eine Win-Win-Situation zu schaffen. Unser Verständnis von Beteiligung in der Erziehung, Kultur, Politik und Gesellschaft hat sich grundlegend geändert und ist dynamischer geworden. Auch Kinder und Jugendliche werden schon früh gefordert und gefördert, im Freundeskreis, in der Schule, in der Freizeit und im Sport sowie der Politik eine aktive Rolle einzunehmen. "Herkömmliche Formen politischer Partizipation, wie etwa die Teilnahme an Wahlen, sind durch unkonventionelle Formen wie Demonstrationen, Unterschriftensammlungen, Petitionen usw. erweitert worden. Die Ausweitung der politischen Beteiligung von Kindern und Jugendlichen ist daher auch als Teil eines Reformprojektes zu sehen, das auf die 'Demokratisierung liberaler Demokratie' zielt." (Fatke, S. 43)

Auf den hier erkennbaren zentralen Zusammenhang zwischen Selbst- und Mitbestimmung in der heutigen Zeit weist der Berliner Philosoph Volker Gerhardt in seinem umfassenden Werk mit dem bezeichnenden Titel "Partizipation - Das Prinzip der Politik" überzeugend hin. Für ihn ist gerade im Bereich der demokratischen Politik Partizipation der Dreh- und Angelpunkt schlechthin. Seine Definition von Partizipation ist auch für unsere Überlegungen zur Beteiligung von Jugendlichen durchaus geeignet. Auch wenn der Anspruch hoch ist, so wird der größere Zusammenhang sichtbar:
"Wenn die Selbstbestimmung die Quelle aller gesellschaftlichen Eigentätigkeit ist, ohne die es nicht zu bewussten gemeinsamen Aktivitäten verschiedener Individuen kommen kann, ist die Mitbestimmung die spezifische Bedingung einer jeden politischen Organisation. Erst durch sie kommt es zu dem auf den wechselseitigen Verbindlichkeiten beruhenden gesellschaftlichen Zusammenhang, der wiederum nur durch Mitbestimmung zu erhalten und zu entfalten ist. Aus der von der Selbstbestimmung her gedachten Mitbestimmung erwächst und besteht die Politik. Um den Begriff von der betrieblichen Mitwirkung in Wirtschaftsunternehmen abzugrenzen, spreche ich statt von Mitbestimmung von Partizipation. Der Ausdruck hat den Vorteil, dass er stets das Ganze (totum) ins Bewusstsein rückt, an dem der Teil (pars) seinen sowohl aktiven als auch passiven Anteil nimmt." (Gerhardt 2013, S. 24f)
Der Anspruch und die Erwartung, dass in unserer Gesellschaft Partizipation weit verbreitet sein sollte, ist gut begründet und weitgehend akzeptiert, aber die Umsetzung in der Wirklichkeit lässt vielfach zu wünschen übrig. Im Bereich der Schule und der außerschulischen Jugendbildung ist bekannt, dass es um die Partizipation von Jugendlichen an vielen Stellen nicht gut bestellt ist. Bevor auf Fördermöglichkeiten eingegangen wird, soll exemplarisch untersucht werden, wie es mit der Partizipation aussieht und wo es Probleme gibt.