Der Zauberer von Oz

23.10.2014 | Von:
Stefan Stiletto

Das süße Jenseits

The Sweet Hereafter

Der Unfall eines Schulbusses kostet die Mitglieder einer kleinen Gemeinde das Leben all ihrer Kinder. Die stille Variante eines Katastrophenfilms, der nach den Abgründen des Prinzips Familie sucht.

Das süße JenseitsDas süße Jenseits (© picture alliance )

Kanada 1997
Drama

Kinostart: 1998 (Deutschland)
Verleih: Studiocanal
Regie: Atom Egoyan
Drehbuch: Atom Egoyan nach dem gleichnamigen Roman von Russell Banks
Darsteller/innen: Ian Holm, Caerthan Banks, Sarah Polley, Tom McCamus, Gabrielle Rose, Alberta Watson u. a.
Kamera: Paul Sarossy
Laufzeit: 112 Min
Sprachfassung: dt. F.
Format: 35mm, Farbe
Festivals / Preise: Filmfestspiele Cannes 1997: Großer Preis der Jury, FIPRESCI Preis
FSK: ab 12 J.
Altersempfehlung: ab 14 J.
Klassenstufen: ab 9. Klasse
Themen: Familie, Tod/Sterben, Trauer/Trauerarbeit, Schuld (und Sühne), Märchen
Unterrichtsfächer: Deutsch, Englisch, Ethik, Religion, Kunst

Bei einem Busunglück mitten im Winter sind 14 Kinder aus dem kleinen kanadischen Ort Sam Dent ums Leben gekommen. Der New Yorker Anwalt Mitchell Stephens ist angereist, weil er mit einer Sammelklage für Gerechtigkeit sorgen will. Geradezu besessen versucht er, die Eltern der Kinder zu überreden, vor Gericht auszusagen und Schmerzengeld einzuklagen. Tatsächlich gelingt es ihm, nach und nach immer mehr Eltern für sich zu gewinnen. Doch allmählich regt sich auch Widerstand. So erkennt etwa Nicole, die als einzige den Unfall überlebt hat, wie Stephens den Zusammenhalt in der Stadt gefährdet. Das Kinopublikum erfährt zudem, dass auch der Anwalt ein Kind verloren hat. Gilt sein selbstloser Kampf möglicherweise weniger der Suche nach Gerechtigkeit und mehr der Bewältigung einer persönlichen Tragödie?

Ohne Rücksicht auf Erklärungen lässt Atom Egoyan in seiner Adaption des gleichnamigen Romans von Russell Banks die Zeitebenen fließend ineinander übergehen. Erst nach und nach wird deutlich, welche Szenen in der Vergangenheit, der Gegenwart oder gar der Zukunft der Haupthandlung spielen. Durch diese nicht-chronologische, anfangs irritierende Montage und Erzählweise gelingt es dem überaus dicht und ruhig inszenierten Film, die zahlreichen Figuren sehr vielschichtig darzustellen. Zugleich verschiebt sich der Fokus der Handlung somit nicht auf den Unfall selbst, der erst in der zweiten Filmhälfte gezeigt wird, sondern auf dessen Folgen für die Familien.

Vor allem die allegorische Ebene vertieft die im Film thematisierten Konflikte und bietet Anknüpfungspunkte zur Interpretation, werden doch zunehmend Motive aus dem Märchen Der Rattenfänger von Hameln aufgegriffen. Wie dessen Protagonist tritt der Anwalt, der als Grenzgänger zwischen der ¬ – auch farbig – kalten Außenwelt und den warm beleuchteten Innenräumen inszeniert wird, zunächst als Retter auf, der den Eltern eine verführerisch einfache Lösung für ihre Sorgen anbietet und sie zugleich mit dem Versprechen auf Geld lockt. Doch letztlich ist er es, der damit – wenngleich ohne schlechte Absicht – den inneren Frieden der Dorfbewohner/innen auf die Probe stellt. So wird die Märchenvorlage wiederum durch die allgegenwärtigen Schuldgefühle und die Auseinandersetzung mit Trauer und Schicksalsschlägen um universelle ethisch-moralische und religiöse Themen erweitert. In dieser Hinsicht lohnt sich vor allem eine Beschäftigung mit den beiden Hauptfiguren Stephens und Nicole, die mit ihrem Verhalten die Erwartungen des Publikums unterlaufen und damit den Themen Verlustbewältigung und Trauerarbeit neue, differenzierte Facetten hinzufügen.

Informationen und Materialien:
bpb.de: Dossier Filmkanon: Das süße Jenseits
http://www.bpb.de/gesellschaft/kultur/filmbildung/filmkanon/43630/das-suesse-jenseits

mediaculture.online: Das süße Jenseits
http://www.mediaculture-online.de/Suesses-Jenseits.83.0.html

ZEITonline: Familienbilder. Atom Egoyans Film "Das süße Jenseits"
http://www.zeit.de/1998/11/Familienbilder

Mehr zum Thema auf kinofenster.de
Lust am Untergang - Der Katastrophenfilm (Kinofilmgeschichte vom 12.12.2006)
Über die Unfähigkeit zu trauern (Hintergrund vom 21.09.2006)
Das Zimmer meines Sohnes (Filmbesprechung vom 01.12.2001)


Das Internet hat unsere Kommunikationskultur nachhaltig verändert – vor allem für Jugendliche, die mit digitalen Medien aufgewachsen sind. Kinofenster.de untersucht, wie das Smartphone den Alltag der Digital Natives prägt, welche Bedeutung die Neuen Medien für die Bildung und wie sie Eingang in filmische Erzählwelten gefunden haben. Passend zum Thema gibt es Unterrichtsmaterial von der Grundschule bis zur Oberstufe.

Mehr lesen auf kinofenster.de

Dossier

Film

Ungeachtet der Bedeutung neuer digitaler Entwicklungen spielt auch der Film als historisch gewachsene und nach wie vor sehr massenwirksame Kunstform eine zentrale Rolle für die Medienbildung. Die Frage nach dem Wie und Warum filmischer Darstellungformen ist dabei wesentlich für eine mündige Rezeption und sachkundige Einordnung der dargebotenen fiktionalen wie auch dokumentarischen Stoffe. Jeder Film spiegelt stets seine sozialen und kulturellen Kontexte wider. Daher ist es wichtig, das Medium nicht nur als mehr oder minder künstlerisch ambitioniertes Unterhaltsprodukt zu betrachten, sondern sich immer auch kritisch mit seinen offenen und verborgenen politisch-ideologischen Botschaften auseinanderzusetzen - und der Art und Weise, wie sie vermittelt werden.

Mehr lesen