Zuflucht Gesucht

"Wir wollten Verständnis und Empathie für geflüchtete Kinder wecken“


17.7.2017
Andy Glynne ist Leiter der britischen Filmproduktion Mosaic Films und hat das dokumentarische Animationsfilmprojekt "Seeking Refuge“ initiiert. Im Interview spricht er über den Produktionsprozess sowie Chancen des Einsatzes der dokumentarischen Animation bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

Andy Glynne schreibt und produziert seit 15 Jahren DokumentarfilmeAndy Glynne schreibt und produziert seit 15 Jahren Dokumentarfilme. Er hat bereits zweimal Filmepreise des BAFTAs (British Academy Film and Television Arts) gewonnen. (© Privat)

Das Video-Projekt “Zuflucht gesucht” erzählt die individuellen Geschichten von fünf Kindern, die gezwungen sind ihre Heimat zu verlassen und in Großbritannien Zuflucht finden. Was gab den Impuls zu diesem Projekt?

Glynne: Wir haben in der Vergangenheit sehr viele animierte Dokumentarfilme produziert. Unter dem Projekttitel "Animated minds“ (engl.; „Gezeichnete Seelen“) haben wir zunächst Filme entwickelt, die Empfindungen von Menschen mit psychischen Problemen thematisieren. Dieses erste Projekt war sehr erfolgreich, da wir einen neuen Weg gefunden haben, sehr schwierige Themen, die sich nicht wirklich filmen lassen, filmisch aufzuarbeiten. Die Animation hilft auf eindrückliche Weise darzustellen, was in der Psyche einer Person vor sich geht und macht ihre Gefühle für andere Menschen verständlich. Durch den Erfolg von „Animated minds“ wurden wir darin bestärkt, die Form des animierten Dokumentarfilms auch in anderen Bereichen einzusetzen – wie in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und im Besonderen mit geflüchteten Kindern.

Welche Erfahrungen geflüchteter Kinder haben Sie dabei vor allem interessiert?

Glynne: Ich habe mich vor allem dafür interessiert, wie sich Kinder fühlen, die in England zur Schule gehen, deren Muttersprache aber nicht Englisch ist - also für die Sprachbarriere. Ich erinnere mich an Gespräche mit meinen Kindern, die darüber erzählten, dass in ihren Klassen geflüchtete Kinder sitzen, mit denen sie sich nicht unterhalten können. Das war sozusagen der Startschuss für unser Projekt – Wir wollten diesen Kindern, die häufig nicht verstanden und gehört werden, eine Stimme geben und ihre Geschichten aus ihrer Perspektive darstellen.

Interessanterweise war unsere erste These über diese Kinder aber falsch. Wir gingen davon aus, dass sie eine schwierige Zeit in der Schule haben. Dass sie mit Vorurteilen, Hänseleien und Rassismus konfrontiert sind. Und obwohl solche Probleme in britischen Schulen natürlich existieren, haben wir im weiteren Verlauf unserer Recherche festgestellt, dass die meisten geflüchteten Kinder solchen Anfeindungen nicht ausgesetzt sind. Vor allem in der Grundschule haben Kinder eine wirklich offene, freundliche und unterstützende Seite und wollen mehr über die Kinder und über ihre Länder lernen. Deshalb ging es uns dann eher darum festzuhalten, wie die Individuen das Ankommen in der neuen Heimat erlebt haben und weniger um eine Adressierung von Rassismus und Vorurteilen im Allgemeinen.

Der Fokus der Filme hat sich also während des Rechercheprozess verändert?

Glynne: Wir hatten von Anfang an zwei Anliegen mit diesen Filmen: Der eine war der Wunsch, Stigmatisierung und Diskriminierung in den Klassenzimmern anzusprechen. Der andere, Fluchtgeschichten so zu erzählen, dass Kinder ohne Fluchterfahrungen geflüchtete Kinder besser verstehen und ein Gespür dafür bekommen, welche Gefühle diese mit sich herumtragen. Wir wollten Verständnis und Empathie wecken für die Lebenswege geflüchteter Kinder. In der Psychologie nennt man das „Theory of mind“ und diese Theorie bezieht sich auf die Gabe, Dinge aus der Perspektive einer anderen Person zu betrachten. Und ich denke, es ist für Lehrer, Eltern oder Erzieher immer eine Herausforderung, diese Fähigkeit des Perspektivwechsels zu fördern, also Kinder zum Nachdenken anzuregen, wie es sich anfühlt, wenn du gehänselt wirst, Streit mit deinen Eltern hast oder eben als Geflüchteter in einer dir fremden Schulklasse landest.

Sie sprachen oben von den Vorteilen, sensible Themen und Emotionen durch Animation darzustellen. Was ermöglichte diese Form der Umsetzung im konkreten Fall von "Zuflucht gesucht“?

Glynne: Zunächst mal ist es vom Standpunkt des Erzählers, also vom Standpunkt des geflüchteten Kindes ein großer Vorteil, dass durch diese Form absolute Anonymität gewährt wird. Da waren nur ich und die Kinder in einem Aufnahmestudio. Durch die Animation ist es möglich, etwas sehr Reales darzustellen, ohne dass diese Kinder durch Kameras verunsichert werden. Im Fall von Rachels Geschichte war das zum Beispiel extrem wichtig, da Teile ihrer Familie immer noch im Heimatland verfolgt werden. Deswegen nennen wir noch nicht einmal den Namen ihres Herkunftslandes, sondern sprechen von Zentralasien.

Durch Animation können sich andere Menschen zudem einfacher mit individuellen Geschichten identifizieren. Wenn ich eine Person dabei filme, wie sie ihre Geschichte erzählt, steht ihr Charakter sehr stark im Mittelpunkt. Durch eine animierte Figur wird die Geschichte des Protagonisten repräsentativ für alle Menschen, die mit solchen Schwierigkeiten konfrontiert sind. Außerdem kann man mit Animation Dinge zeigen, die sich nicht filmen lassen – Gedanken und Emotionen einer Person, die sie in Worten beschreibt, können wir zu Bildern werden lassen. Auch Orte an die sie zurückgeht, wie das Heimatland zum Beispiel, haben wir aus den Erzählungen der Kinder visuell entstehen lassen.

Besonders spannend ist dabei die visuelle Darstellung des Innenlebens der Kinder. In Alis Geschichte, haben wir etwa das gebrochene Fenster als Metapher für seine Angst und die große Traurigkeit benutzt, die er durch die Trennung von seinen Eltern empfindet. Oder die Abschiebung Rachels – sie beschrieb diese Männer als Monster, die ihre Hoffnung in Sicherheit zu leben, platzen ließen und sie in ein Abschiebegefängnis steckten – genauso haben wir die Männer auch dargestellt als riesige graue Monster, gegen die sie sich nicht wehren kann. Das kann man in normalen Bildern nicht darstellen und deswegen ist Animation so eine wirkungsmächtige Form, diese schwierigen Umstände zu thematisieren.

Waren die fünf porträtierten Kinder in den Prozess der Videoproduktion eingebunden? Haben Sie sie nach ihrer Meinung zu den Filmen gefragt? Und wollten die Kinder, dass Sie bestimmte Sequenzen ändern oder hinzufügen?

Glynne: Wir haben zunächst Interviews geführt, die ungefähr eine Stunde gingen. Diese Interviews wurden dann auf die Länge des Films gekürzt – also auf vier oder fünf Minuten. Und bevor wir weiter arbeiteten, gaben wir die gekürzte Form dem Interviewpartner zurück und im Fall dieses Filmprojektes auch an die Eltern oder die Betreuerinnen und Betreuer. An diesem Punkt mussten sie einverstanden sein mit dem Text und wenn sie wollten, dass irgendwas rausgenommen wird, dann haben wir das geändert. In der nächsten Phase kam es total auf die Kinder an: Zum Bespiel gibt es in Alis Geschichte ja eine Szene am Ende, in der er zeichnet – das sind seine Zeichnungen, die wir in die Animation eingebunden haben. Wir fragten ihn, was er in seinem Film haben will, weil er sehr interessiert an dem Prozess war. Auch mit Rachel haben wir noch öfter telefoniert und visuelle Ideen mit ihr diskutiert. Aber die Kinder entscheiden selbst, wie sehr sie in den Prozess eingebunden werden wollten. Die Kinder haben uns alle positive Rückmeldungen auf die fertigen Filme gegeben.

Wie kamen Sie in Kontakt mit den porträtierten Kindern?

Glynne: Teilweise über britische Flüchtlingsorganisationen wie Refugee Council, Refugee Action oder das Center for Refugee Services. Aber auch über meine alte Arbeitsstelle - ich bin klinischer Psychologe. Der Casting-Prozess- das ist ein schlimmes Wort in diesem Kontext – aber wir hatten schon einen Casting-Prozess, und es war gar nicht so einfach Protagonisten zu finden. Zu Beginn hatten wir eine Liste von 80 Kindern. Wir haben vielleicht mit 20 gesprochen, zehn aufgenommen und im Endeffekt fünf Geschichten benutzt. Es war schon sehr schwierig, so junge Kinder zu finden, die in der Lage waren ihre persönlichen und emotionalen Geschichten ausführlich zu erzählen. Viele Kinder haben sehr schlimme Sachen erlebt, aber konnten diese nicht so artikulieren, dass man daraus einen Animationsfilm mit visuellen Metaphern hätte machen können. Wir haben aber denjenigen, die uns ihre Geschichte erzählt, deren Geschichten wir aber nicht für den Film benutzt haben, die Audiodatei mit dem Interview gegeben. Viele der vermittelnden Nichtregierungsorganisationen haben diese Audiodateien als Podcasts für ihre Homepage eingesetzt.

Haben Sie noch Kontakt zu den Kindern? Wissen Sie, wie sie mit ihrer Migration heute umgehen? Lebt Ali heute mit seiner Familie zusammen?

Glynne: Ja, wir sind mit manchen in Kontakt geblieben, das ganze Projekt ist ja jetzt schon eine Weile her und teilweise waren die Kinder bereits etwas älter, als sie uns ihre Geschichten erzählt haben. Rachel hat ihren Traum tatsächlich verwirklicht, sie hat angefangen Jura zu studieren und zwar an der London School of Economics (LSE), einer der besten Universitäten für ein Jurastudium. Das hat uns natürlich sehr gefreut. Mit den anderen ist der Kontakt mit der Zeit abgebrochen, über Ali und seine Familie weiß ich leider nichts.

Das Interview führte Katharina Lipowsky.


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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-sa/4.0
Autor: Katharina Lipowsky Andy Glynne für bpb.de
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