Maske

Kamera/Licht - Das objektive Auge

Wie Kamera und Licht einen Film visualisieren

1.6.2011
Ein Kameramann ist im Grunde der visuelle Autor der Geschichte. In enger Abstimmung mit dem Regisseur trifft er kreative Entscheidungen, um das Bildgeschehen lebendig, glaubhaft und stoffgerecht mit der Filmkamera zu bannen. Er sieht seine Umgebung mit einem anderen, oftmals genaueren Blick und setzt Schauspieler wortwörtlich ins rechte Licht.

Kamerafrau Anna Maria Hora bei den Dreharbeiten zu "Nachtwandler" von Markus Adrian, Copyright: Jaroslaw GodlewskiKamerafrau Anna Maria Hora bei den Dreharbeiten zu "Nachtwandler" von Markus Adrian (© Jaroslaw Godlewski)

1. Einführung: Visuelle Autoren



In den Anfängen des Films Stand der sog. Filmfotograf allein hinter einem eckigen Kasten und drehte wie ein Leierkastenspieler an der Handkurbel. Auch wenn diese Arbeit bis heute den Begriff der Dreharbeiten prägt, hat sich seine Tätigkeit nicht nur vom Namen her gewandelt. Dem Kameramann stehen mittlerweile neben der analogen auch die digitale Aufnahmetechnik und zudem ein ganzer Mitarbeiterstab zur Verfügung. Gemeinsam mit Schwenkern, Beleuchtern, Lichttechnikern und vielen Assistenten bebildert er das Drehbuch.

Ein Kameramann ist im Grunde der visuelle Autor der Geschichte. In enger Abstimmung mit dem Regisseur trifft er kreative Entscheidungen, um das Bildgeschehen lebendig, glaubhaft und stoffgerecht mit der Filmkamera zu bannen. Er sieht seine Umgebung mit einem anderen, oftmals genaueren Blick und setzt Schauspieler wortwörtlich ins rechte Licht.

2. Wissen: Schattenspiele und bewegte Bilder



2.1 Filmische Gestaltung hinter der Kamera

Mit einer Kamera belichtet man Fotografien auf einem perforierten Film, der aus Zelluloid besteht. Das Wirkungsprinzip ist einem Daumenkino vergleichbar: Weil das menschliche Auge eine Sequenz von mehr als 20 Einzelbildern pro Sekunde als fließende Bewegung interpretiert, spricht man von Film.

Die Gestaltungselemente des Films sind in vielen Fällen denen der Fotografie sehr ähnlich. So lassen sich z.B. Einstellungsgrößen für die Kamera bestimmen. Die Bezeichnungen sind Richtwerte, um die Verständigung innerhalb des Filmteams zu erleichtern. Wichtig ist die Relation zum Hauptmotiv: Eine Totale, die als 'Establishing Shot' häufig dazu dient, den Zuschauer in eine Szene einzuführen, zeigt die Person bzw. das zentrale Objekt in der Gesamtheit und vermittelt räumliche Orientierung. Alle weiteren Kameraeinstellungen leiten sich von dieser Vorgabe ab.

Kameraeinstellungen als Gestaltungselement des Films. Szenenbild aus Lissi und der wilde Kaiser. © 2007 Constantin FilmKameraeinstellungen als Gestaltungselement des Films. Szenenbild aus Lissi und der wilde Kaiser. © 2007 Constantin Film
Die Panoramaeinstellung soll vor allem Übersicht herstellen, sie zeigt deshalb oft Landschaften oder eine urbane Skyline. Die Einstellung zwischen Nah und Halbnah – nach ihrer häufigen Verwendung in US-Western auch Amerikanisch genannt – filmt eine Person bis unterhalb ihrer Hüften. Mittels Kamerafahrt oder Zoom, das heißt einer Veränderung der Objektivbrennweite, ist es möglich, die Einstellungen stufenlos zu modifizieren.

Um einen Sachverhalt auch bildlich aus mehreren Blickwinkeln darzustellen, stehen dem Kameramann verschiedene Kameraperspektiven zur Verfügung.

Meistens wird in Augenhöhe, das heißt aus
Verschiedene Kamera-perspektiven. Jürgen Vogel im Film Die Welle. © 2008 Constantin FilmVerschiedene Kamera-
perspektiven. Jürgen Vogel im Film Die Welle. © 2008 Constantin Film
der normalen Sicht einer stehenden oder sitzenden Person, gefilmt. Um den Eindruck von Kraft, Größe und Ehrfurcht zu erwecken, wählt man die Froschperspektive von unten. Aus einer höheren Position, der Vogelperspektive, vermittelt der Kamerablick zwar Übersicht, zugleich aber auch Überlegenheit, da der Zuschauer durch die Kamera auf den Darsteller herabblickt.

Die bisherigen Gestaltungselemente bezogen sich vor allem auf das Kamerabild, dessen Rahmen wie bei einer Fotografie an die Grenzen des Kameraobjektivs gebunden ist. Film lebt jedoch gerade von Bewegung! Der Zuschauer, der die dargestellte Bildfolge als Kamerabewegung nachvollzieht, wird somit in das Geschehen integriert.

Im Stand nimmt die Kamera ein Motiv unverändert aus einer Perspektive wahr.

Der horizontale Schwenk, die üblichste der Grundbewegungen, ist mit dem Hin- und Herbewegen eines Kopfes vergleichbar. Mit jedem Schwenk verändert sich der Bildausschnitt, den die Kamera zeigt. Nach dem gleichen Prinzip bewegt sich die Kamera beim Neigen, wenn der gezeigte Bildausschnitt auf der vertikalen Achse variiert wird.

Die Kamerafahrt ist sinngemäß eine Bewegung mit dem ganzen Körper. Da sie den Eindruck erwecken kann, man fahre in einem Wagen, existieren demzufolge mehrere Fahrtentypen wie Zu- oder Rückfahrt, Parallelfahrt, Aufzugsfahrt oder Kreisfahrt.

Nicht nur die Kamera selbst, auch die gefilmten Objekte oder Personen können sich bewegen. Sie tun dies entweder vom Zuschauer weg ins Bild hinein, auf den Zuschauer und die Kameralinse zu oder parallel zum Bildrand. Diese lokalen Veränderungen werden als Bewegungen auf Bildachsen beschrieben: Der Blick durch die Kamera verläuft entlang der sog. Kameraachse, die Handlung spielt sich auf der Handlungsachse ab.
Skizze eines Achsensprungs. © 2008 Deutsche Filmakademie e.V.Skizze eines Achsensprungs. © 2008 Deutsche Filmakademie e.V.
Besonders deutlich wird das Verhältnis von Kamera - und Handlungsachse, wenn beide auf einer Achse liegen und ein Schauspieler dem Publikum unmittelbar in die Augen blickt. In Gesprächssituationen ist die Kamera allerdings meistens so aufgebaut, dass sie sich senkrecht zur Handlungsachse befindet und der Zuschauer die Sprechenden deutlich als links bzw. rechts im Bild befindlich identifizieren kann. Wechselt die Kamera – z.B. um einen Dialog als Schuss-Gegenschuss aufzunehmen – in dieser Situation ihren Standort, indem sie die Handlungsachse kreuzt, spricht man vom sog. Achsensprung.

2.2 Lichtgestaltung – Die Kunst des schönen Scheins

Wo Licht ist, da ist auch Schatten, heißt es sprichwörtlich nach Johann Wolfgang von Goethe. Für den Film gilt das umso eindringlicher: Schatten erzählen von Licht und ohne Licht wären Farben, Formen, Räume und Menschen überhaupt nicht sichtbar. Licht ist deshalb das zentrale Element beim Drehen, es schafft Stimmungen und Atmosphäre – nicht ohne Grund wurden Kinos früher als Lichtspieltheater bezeichnet. Die Art und Weise, wie es eingesetzt wird, ist abhängig vom jeweiligen Genre und den individuellen Fähigkeiten des Kamerateams.

Grundsätzlich stehen beim Drehen zwei Lichtkategorien zur Verfügung, die sich in ihrer Farbtemperatur unterscheiden: Tageslicht, also natürliches Licht, hat je nach Sonnenstand und Bewölkungsdichte mehr bläuliche Anteile, während Kunstlicht ins Orangerötliche tendiert. Wenn beide Lichtarten parallel auftreten, spricht man von Mischlicht.

Skizze zum Lichteinfall. © 2008 Deutsche Filmakademie e.V.Skizze zum Lichteinfall. © 2008 Deutsche Filmakademie e.V.
Ähnlich wie bei der Kamerabewegung macht es auch für den Lichteinfall einen Unterschied, aus welcher Richtung oder mit welcher Intensität das Licht von der Kameralinse eingefangen wird. Vorderlicht, das der Kameraachse folgend auf das Motiv fällt, leuchtet eine Szene hell aus und negiert Schatten, sodass Gesichter und Figuren flach wirken. Gegenlicht ist wiederum nur eingeschränkt brauchbar, weil es die Kamera und damit den Zuschauer blendet.

Beleuchtung wird deshalb in der Regel als Streif - oder Seitenlicht schräg zur Kameraachse gesetzt und durch ergänzende Lichtquellen nivelliert. Man unterscheidet demzufolge Führungslicht, was handelnde Personen direkt ausleuchtet, von Fülllicht, welches dunkle Partien erhellt. Sogenannte Akzentlichter können darüber hinaus Signifikantes anstrahlen, so z.B. wenn bei einer im Schatten gehaltenen Person punktuell das Gesicht beleuchtet wird, um ihre Mimik zu zeigen.

Abgesehen vom handwerklich korrekten Einsatz der Lichtquellen, sind Kameramann und Beleuchter auch für die erwünschte Lichtwirkung der jeweiligen Einstellung verantwortlich. Beim Normalstil werden die Lampen so angeordnet, dass alle Details deutlich zu erkennen sind und der Eindruck einer gleichmäßige Ausleuchtung entsteht.

Sind Räume oder Personen hingegen nur gedämpft beleuchtet und durch ein generell niedriges Lichtniveau gekennzeichnet, spricht man vom Low-Key-Stil, der Licht selektiv verwendet, um Gegensätze nachdrücklich zu kontrastieren und damit den Blick des Zuschauers in dramatischer Form auf das Hauptmotiv zu lenken. Der High-Key-Stil leuchtet eine Szene hell und im Extremfall beinah transparent aus. Er weist auf einen glücklichen Ausgang des Geschehens und betont Zuversicht, Freude und Optimismus. Diese Form der umfassenden Ausleuchtung darf keinesfalls mit der Überbelichtung verwechselt werden.

3. Unterrichtsmaterialien

4. Weiterführende Literatur und Weblinks



vierundzwanzig.de: Interview mit dem Kameramann Michael Ballhaus

http://www.vierundzwanzig.de/kamera_licht (Link zum Gewerk auf 24 mit Interviewclips, Filmausschnitten und Hintergrundinformationen)

http://www.vierundzwanzig.de/glossar (Von A wie Abspann bis Z wie Zwischentitel - Erkärungen zu allen Fachbegriffen des Dossiers)

Ottersbach, Béatrice / Schadt, Thomas (Hrsg.): Kamerabekenntnisse, UVK, 1. Auflage, Konstanz 2008. (Sammelband mit Beiträgen deutscher Kameramänner und Kamerafrauen sowie zahlreichen Interviews und Nachfragen zu ihrem Beruf)



 

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