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23.10.2014 | Von:
Philipp Bühler

Sein oder Nichtsein

To Be or Not to Be

Der Nationalsozialismus als lächerliche Inszenierung mit tödlichem Potential. Ein satirischer Blick Ernst Lubitschs aus seinem amerikanischen Exil auf seine Heimat Deutschland unter der NS-Diktatur.

Sein oder NichtseinSein oder Nichtsein (© picture-alliance)

USA 1942
Komödie

Kinostart: 1960 (BRD)
Verleih: Neue Visionen / Deutsche Kinemathek
Regie: Ernst Lubitsch
Drehbuch: Edwin Justus Mayer
Darsteller/innen: Carole Lombard, Jack Benny, Robert Stack, Felix Bressart, Lionel Atwill, Stanley Ridges u. a.
Kamera: Rudolph Maté
Laufzeit: 99 Min.
Format: 35mm, Schwarzweiß
FSK: ab 12 J.
Altersempfehlung: ab 14 J.
Klassenstufen: ab 9. Klasse
Themen: Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg, Theater, Filmgeschichte
Unterrichtsfächer: Deutsch, Englisch, Geschichte, Kunst

Warschau 1939. Das Ensemble des Theater Polski ist entsetzt: Um den kriegsbereiten deutschen Nachbarn nicht zu reizen, wird sein antifaschistisches Stück "Gestapo" verboten. Nun, Hauptdarsteller Joseph Tura spielt ohnehin lieber den Hamlet. Die Anerkennung als "großer Schauspieler" ist ihm fast noch wichtiger als die Liebe seiner Frau, der gefeierten – und nicht sehr treuen – Bühnendiva Maria Tura. Solche künstlerischen Eitelkeiten werden mit Hitlers Überfall auf Polen auf brutale Weise hinfällig. Doch auch im Krieg geht das Spiel weiter, diesmal auf Leben und Tod: Um einen gefährlichen Spion auszuschalten und den polnischen Widerstand zu schützen, inszeniert das Ensemble ein fintenreiches Verwechslungsspiel. Dafür schlüpfen die Schauspieler in die Rollen und Kostüme ranghoher Nationalsozialisten und statten das Theater als Gestapo-Hauptquartier aus. Es wird damit zur Bühne einer makabren Groteske um dumme Nazis und falsche Bärte.

Bereits der Filmtitel Sein oder Nichtsein signalisiert Regisseur Ernst Lubitschs Verbundenheit zum Theater; der zitierte Hamlet-Monolog ist sogar Teil der ausgeklügelten Dramaturgie. Aber auch die filmsprachlichen Mittel verdeutlichen den Schauspielcharakter des Films: Echte und falsche Nazis betreten die Kulisse durch Türen, die statische Kamera simuliert den Publikumsblick. Von einer anfänglichen Erzählstimme und der orchestralen Musik abgesehen, liefern allein die gedrechselten Dialoge dramatischen Effekt: Im Büro des stets zu Scherzen aufgelegten Gestapochefs Ehrhardt, genannt "Konzentrationslager-Ehrhardt", bedeutet jedes falsche Wort Gefahr. Während die Schauspieler/innen – und gelegentlich auch die Nationalsozialisten – alles tun, um nicht aus der Rolle zu fallen, verdeutlicht allenfalls die Beleuchtung die Düsternis der wahren Situation. Sie erinnert an den zeitgenössischen Film Noir.

Sein oder Nichtsein wurde 1942 in den USA uraufgeführt und sofort heftig kritisiert. Der Vorwurf, den nationalsozialistischen Terror als Lustspiel zu verharmlosen, traf den deutschstämmigen Lubitsch schwer. Tatsächlich war das wahre Ausmaß der NS-Verbrechen zum Zeitpunkt der Dreharbeiten nicht bis Hollywood durchgedrungen. Spätestens nach Bekanntwerden des Holocaust galt ein Film, in dem polnische Schauspieler in SS-Uniformen schlüpfen und echte Nazis ihre Opfer verhöhnen, als Geschmacklosigkeit. Doch Lubitsch beharrte auf der Freiheit der Kunst und behielt Recht. Gemeinsam mit Charlie Chaplins Der große Diktator (The Great Dictator, USA 1940) wurde die beißende Satire zum Vorbild für weitere Filme, die zeigten, dass man selbst über Hitler lachen darf. Ein Thema für den Unterricht ist ferner auch die Inszenierung von Macht im Hitler-Faschismus. Wird doch das herrische Auftreten der Nationalsozialisten in Sein oder Nichtsein nicht nur beißend karikiert, sondern auch durch die Schauspieler, die sich als Nazis ausgeben, mit den ureigenen Mitteln des Theaters brillant entlarvt.

Informationen und Materialien
bpb.de: Dossier Filmkanon: Sein oder Nichtsein
http://www.bpb.de/gesellschaft/kultur/filmbildung/filmkanon/43556/sein-oder-nichtsein

mediaculture.online: Sein oder Nichtsein
http://www.mediaculture-online.de/Sein-oder-Nichtsein.52.0.html

Sein oder Nichtsein – Zusatztexte Ernst Klett Verlag
www2.klett.de/sixcms/media.php/229/347467_0067.pdf

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