Der Zauberer von Oz

23.10.2014 | Von:
Michael Kohler

Ich war neunzehn

Im Stil fragmentierter Tagebucheinträge verfilmte Konrad Wolf 1968 seine Erfahrungen in der Roten Armee am Ende des II. Weltkriegs: Ein jugendlicher Blick auf ein historisches Ereignis.

Ich war neunzehnIch war neunzehn (© Progress Film-Verleih/ Foto Werner Bergmann)

DDR 1968
(Anti-)Kriegsfilm, Drama

Kinostart: 1968 (DDR), 1971 (BRD)
Verleih: Progress Filmverleih / Deutsche Kinemathek
Regie: Konrad Wolf
Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase, Konrad Wolf
Darsteller/innen: Jaecki Schwarz, Vasilil Livanov, Aleksei Ejbozhenko, Galina Polskikh, Rolf Hoppe, Wolfgang Greese u. a.
Kamera: Werner Bergmann
Laufzeit: 120 Min
Sprachfassung: OmU
Format: 35mm, Schwarzweiß
Preise: Nationalpreis 1. Klasse (1968), Heinrich-Greif-Preis 1. Klasse (1969), Bester Jugendfilm auf der Jugendfilmwoche Halle (1969), Kunstpreis der Gesellschaft für DSF (1975)
FBW: Besonders Wertvoll
FSK: ab 12 J.
Altersempfehlung: ab 14 J.
Klassenstufen: ab 9. Klasse
Themen: (Deutsche) Geschichte, Krieg/Kriegsfolgen, Erwachsenwerden, Heimat, Militär, Sowjetunion/Russland
Unterrichtsfächer: Deutsch, Geschichte, Ethik

Als Kind floh Gregor Hecker mit seinen politisch engagierten Eltern vor den Nazis in die Sowjetunion. Als Leutnant der Roten Armee kehrt der 19-Jährige in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland zurück. Er versucht in einer Aufklärungseinheit, deutsche Soldaten zum Aufgeben zu bewegen und dient einem hochrangigen Offizier als Übersetzer. Bei seinen Begegnungen mit den einstigen Landsleuten trifft er Verblendete und Kriegsmüde, Verängstigte und Hoffnungsvolle und lernt die verschiedenen Seiten der ihm fremd gewordenen Heimat kennen.

Konrad Wolf schuf mit seinem autobiografisch gefärbten Schwarz-Weiß-Antikriegsfilm einen Klassiker des DDR-Kinos. Das Persönliche der Erinnerungen seines Alter Egos Gregor wird durch den Off-Kommentar des jungen Helden betont und die bleibende Lebendigkeit der Kriegserfahrungen durch den häufigen Einsatz der Handkamera. Mit der episodischen Erzählstruktur, die stellenweise an den italienischen Neorealismus der Nachkriegszeit erinnert, unterstreichen Wolf und sein Ko-Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase die Zufälligkeit der Ereignisse: Der Held geht dorthin, wohin ihn der Krieg verschlägt, und die Eindrücke, die er gewinnt, sind durch persönliche Begegnungen geprägt.

Die im Titel anklingende Unreife des Helden wird von Konrad Wolf in einen Vorteil umgemünzt. Gregor Hecker ist weniger Handelnder als aufmerksamer Beobachter. Er versucht zu begreifen, wie es zu den Gräueltaten der Nationalsozialisten kommen konnte, die im Film durch einmontierte Szenen aus dem DEFA-Dokumentarfilm Todeslager Sachsenhausen (Richard Brandt, Deutschland 1946) verdeutlicht werden. Im Geschichtsunterricht lässt sich diskutieren, ob die im Film angebotenen Erklärungsversuche – deutscher Untertanengeist, preußisches Pflichtgefühl, verblendeter Fanatismus – aus heutiger Sicht ausreichen. Lohnend ist zudem, die russische Offensive kurz vor Kriegsende und die deutsche Kapitulation im Unterricht nachzuvollziehen und nach der Bedeutung des Films in der DDR zu fragen. Hier bietet sich ein Vergleich in Bezug auf die Resonanz an, die weitere Antikriegsfilme wie Bernhard Wickis Die Brücke (BRD 1959) etwa zur selben Zeit in der Bundesrepublik Deutschland erfuhren. Zudem lässt sich diskutieren, inwiefern die Genre-Unterscheidung zwischen Kriegsfilm und Antikriegsfilm sinnvoll ist.

Informationen und Materialien:
bpb.de: Dossier Filmkanon: Ich war neunzehn
http://www.bpb.de/gesellschaft/kultur/filmbildung/filmkanon/43593/ich-war-neunzehn

filmportal.de
http://www.filmportal.de/film/ich-war-neunzehn_52fb880c8f4b4947b41ac3cf805ac8cb

Filmmuseum Potsdam
http://www.filmmuseum-potsdam.de/de/398-0-6660.htm

Landesmedienzentrum Baden-Württemberg
http://www.mediaculture-online.de/Ich_war_neunzehn.64.0.html

Mehr zum Thema auf kinofenster.de
Die drei Leben von Babelsberg (Hintergrund vom 07.02.2012)
Geschichtsunterricht – Wie das Kino Erinnerungsarbeit leistet (Hintergrund vom 14.08.2007)
Das künstlerische Erbe der DEFA (Hintergrund 11.12.2006)
Krieg als filmisches Thema für Kinder und Jugendliche (Hintergrund vom 01.05.2005)


Das Internet hat unsere Kommunikationskultur nachhaltig verändert – vor allem für Jugendliche, die mit digitalen Medien aufgewachsen sind. Kinofenster.de untersucht, wie das Smartphone den Alltag der Digital Natives prägt, welche Bedeutung die Neuen Medien für die Bildung und wie sie Eingang in filmische Erzählwelten gefunden haben. Passend zum Thema gibt es Unterrichtsmaterial von der Grundschule bis zur Oberstufe.

Mehr lesen auf kinofenster.de

Dossier

Film

Ungeachtet der Bedeutung neuer digitaler Entwicklungen spielt auch der Film als historisch gewachsene und nach wie vor sehr massenwirksame Kunstform eine zentrale Rolle für die Medienbildung. Die Frage nach dem Wie und Warum filmischer Darstellungformen ist dabei wesentlich für eine mündige Rezeption und sachkundige Einordnung der dargebotenen fiktionalen wie auch dokumentarischen Stoffe. Jeder Film spiegelt stets seine sozialen und kulturellen Kontexte wider. Daher ist es wichtig, das Medium nicht nur als mehr oder minder künstlerisch ambitioniertes Unterhaltsprodukt zu betrachten, sondern sich immer auch kritisch mit seinen offenen und verborgenen politisch-ideologischen Botschaften auseinanderzusetzen - und der Art und Weise, wie sie vermittelt werden.

Mehr lesen