Ein Ausstellungsraum der Deutschen Kinemathek Berlin. Audiovisuelle Formate sind in Filmmuseen längst etabliert, setzen sich aber auch in anderen Zusammenhängen mehr und mehr durch.

15.1.2010 | Von:
Alain Bergala

Für eine Pädagogik des Fragments - Fragmente in Beziehung setzen

Sich der Filmgeschichte und -Ästhetik nähern, indem man Filmausschnitte zueinander in Beziehung setzt: Darin liegt für den Filmwissenschaftler Alain Bergala die pädagogische Innovation der DVD. Ein Auszug aus "Kino als Kunst".
Alain Bergala und Nathalie Bourgeois, die gemeinsam an der DVD-Reihe L'Eden cinéma gearbeitet haben, beim Kongress "Vom Kino Lernen" in Bremen.Alain Bergala und Nathalie Bourgeois, die gemeinsam an der DVD-Reihe L'Eden cinéma gearbeitet haben, beim Kongress "Vom Kino Lernen" in Bremen. (© Kino 46)

Die echte Innovation der DVD im Filmunterricht jedoch liegt auf einer anderen Ebene: Dieses neue Trägermedium gestattet es, neue pädagogische Methoden zu finden und zu praktizieren, die bis jetzt wegen der Linearität der Videowiedergabe nicht praktikabel waren. Nicht jede technologische Neuerung eröffnet zwangsläufig auch neue pädagogische Horizonte, manche tragen schlicht zur allgemeinen Verbesserung der Bedingung pädagogischen Handelns bei, ohne die Pädagogik selbst zu verändern. Doch in der DVD liegen Möglichkeiten, die für die Filmvermittlung genutzt werden können. Dank ihr können neue pädagogische Methoden erarbeitet werden, die nicht mehr an die Grenzen der Videokassetten stoßen.


Das pädagogische Instrumentarium im Filmunterricht basierte lange auf dem in Frankreich vorherrschenden und sehr alten didaktischen Modell einer "wissenden" Stimme, die die Sequenzen und Einstellungen eines Films entziffert, analysiert und interpretiert. Wenn ein Filmlehrer im Unterricht eine derartige Kassette, eine so genannte Filmanalyse, vorführt, erteilt er einem anerkannten Spezialisten das Wort, der dieses spezielle Thema (den oder den Film, den oder den Autor) und alle Methoden der Filmanalyse beherrscht. Diese "wissende" Stimme liefert uns die Resultate einer Analyse, eines Denkens, dessen Voraussetzungen, Entstehung und Mechanismen wir nicht kennen. Meist stützt sich der Vortrag auf "Beweise" in Bild und Ton, d.h. auf Einstellungen, Filmstandbilder und sorgfältig zusammengestellte Filmausschnitte. Solchen Beweisen sollte man jedoch nie trauen, jedenfalls dann nicht, wenn jemand sie anführt, der sein Fach beherrscht und seine Zuhörer auch mit ganz falschen Aussagen gewinnen könnte. Es ließe sich etwa mit geschickt gewählten Einstellungen und manchen Anschlüssen in "Ausser Atem" leicht – und vollkommen wahrheitswidrig – beweisen und mit sichtbaren Beispielen belegen, dass dieser Film sich gewissenhaft an die klassischen Schnittregeln hält.

Diese Art von Didaktik (ein die Bilder überlagernder analysierender oder demonstrierender Vorgang) gehört zu einem Typus von Wissensvermittlung, dessen Effizienz und Verdienste unbestritten sind und auf den zu verzichten absurd und unnütz wäre. Um bestimmte Bedürfnisse im Bereich der Filmvermittlung zu befriedigen, bleiben noch genug schöne Analysefilme zu drehen. Wahrscheinlich brauchen wir diese vertikal (vom Wissenden zu den Lernenden) und linear verlaufende Didaktik (ein Vortrag, der abläuft wie eine Vorlesung oder eine Lektion) wie auf der Videokassette noch lange. Aber man kann sich heute schon andere ausdenken.

Die DVD ermöglicht eine weniger didaktische Herangehensweise, die primär darauf basiert, Beziehungen zwischen Filmen und Filmfragmenten herzustellen. Dabei ist nicht mehr ein Diskurs Träger des Wissens, sondern das Denken entwickelt sich allein aus der Beobachtung dieser vielfältigen Beziehungen und im praktischen Umgang mit der DVD.


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