Maske

1.6.2011

Schnitt - Schneiden und Montieren

Wie Filmbausteine zu Kino werden

"Im Schneideraum schreibt man die letzte Fassung des Films [...]", erklärt Cutterin Mathilde Bonnefoy im 24-Interview und betont, dass ihre Arbeit mit der eines Drehbuchautors eng verwandt sei. In der Schnittphase wird die Geschichte des Autors mit dem vorhandenen Filmmaterial dramaturgisch verändert erzählt.

Die Cutterin Saskia Metten am Schnitt zu "Heißkalte Seele" (SWR/Maran-Film) von Michael Verhoeven. Foto: Saskia MettenDie Cutterin Saskia Metten am Schnitt zu "Heißkalte Seele" (SWR/Maran-Film) von Michael Verhoeven. (© Saskia Metten)

1. Einführung: Unsichtbare Filmlotsen

Wenn die Dreharbeiten abgeschlossen sind, hält man einen Film gemeinhin für fertig. Das Gegenteil ist richtig, vieles wird erst in der Postproduktion gestaltet. "Im Schneideraum schreibt man die letzte Fassung des Films [...]", erklärt Cutterin Mathilde Bonnefoy im 24-Interview und betont, dass ihre Arbeit mit der eines Drehbuchautors eng verwandt sei. In der Schnittphase wird die Geschichte des Autors mit dem vorhandenen Filmmaterial dramaturgisch verändert erzählt.

Filmschnitt umfasst auch keineswegs nur das Herausschneiden unbrauchbarer Filmaufnahmen. Seine wichtigste Aufgabe ist das ästhetische und künstlerische Zusammenfügen der einzelnen Einstellungen zu einem harmonischen Gesamtwerk. Da sich der im Deutschen gebräuchliche Begriff Schnitt jedoch vorwiegend auf die technische Fehlerkorrektur, das Wegschneiden, beschränkt, spricht man mittlerweile eher von Montage bzw. 'Editing'.

Filmmontage ist ein sehr zeitaufwendiges Handwerk – ein etwa 90- bis 120-minütiger Kinofilm benötigt im Durchschnitt allein drei bis fünf Monate für den reinen Bildschnitt –, das sich für den Zuschauer, sofern es die Bildaussage nicht anders erfordert, weitgehend unsichtbar macht: Wenn ein Film funktioniert, also die Auswahl und Kombination der Bilder, Timing, Tempo und die filmische Kontinuität stimmen, dann ist er erfolgreich geschnitten worden. Im Drehbuch muss sich der Film vorab gut lesen lassen, aber erst im Schneideraum entsteht die Fassung, die wir auf der Leinwand sehen.

2. Wissen: Einstellung – Szene – Sequenz

2.1 Historische Stationen der Schnittgestaltung

Ganz frühe Filmaufnahmen bestanden lediglich aus einer einzigen, knapp einmütigen Kameraeinstellung und wiesen noch keine Schnitte auf. Erst die Hinwendung von dokumentarischen zu fiktiven Stoffen machte Schnittgestaltung für die Filmerzählung interessant. Aufgrund einer technischen Panne – ein Filmstreifen verfing sich während der Aufnahme in der Kamera und erzwang eine kurze Pause – entdeckte der französische Filmkünstler Georges Méliès 1896 eher zufällig eine Schnitttechnik als Vorstufe der Montage: Die sog. Stopptrick-Technik gestattete es in Folge, Darsteller aus dem Bild verschwinden zu lassen und erste Effekte umzusetzen.

Zum Öffnen des PDFs bitte klickenZum Öffnen des PDFs bitte klicken (© BPB)
2.2 Filmische Einheiten

Ähnlich wie bei einem Satz, der aus mehreren Wörtern zusammengesetzt wird, basiert das Prinzip der filmischen Montage auf dem Zerlegen und Zusammenfügen bildlicher Einheiten.

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2.3 Arbeitsschritte in der Schnittphase

Nur ein Bruchteil des gedrehten Materials wird auch Bestandteil des fertigen Films. Für eine Stunde Film benötigt man durchschnittlich 20 Stunden Material. Es ist Aufgabe des Cutters, sich alle gedrehten Filmabschnitte erst einmal anzuschauen, sie zu strukturieren, auszuwählen und in enger Absprache mit dem Regisseur und Produzenten geschickt miteinander zu verweben.



Sichten des vorhandenen Filmmaterials
Um einen möglichst genauen Überblick über die Bilderflut zu bekommen, muss ein Protokoll aller Aufnahmen und Einstellungen vorhanden sein. Der sog. Cutterbericht, der vom 'Script' parallel zum Dreh erstellt wird, erfasst das gesamte Filmmaterial, die Platzierung der Einstellungen auf dem Filmband, die Fülle der vorhandenen 'Takes' und formale Kriterien wie Drehort, Aufnahmetag u.ä.

CutterberichtCutterbericht
  1. Detaillierte Kameraangaben werden nicht nur als Information für die Nachbearbeitung, sondern auch für eventuell notwendige Nachdrehs notiert.
  2. K-NK = Kennzeichnung als Kopierer bzw. Nichtkopierer
    - Szenenlänge
    - Drehzeit der Szene
  3. Anfangs- und Enddialog der Szene (off = Rüdiger spricht nicht im Bild, sondern hinter der Kamera.)
  4. Primärton = Die Tonspur ist nicht verwendbar.
  5. ABG. = Abbruch der Szene
  6. Nurton = Der Dialog wurde nachträglich noch einmal aufgenommen und angelegt.
  7. Grundlegende Beschreibung der Szene: Kamerafahrt auf Melanie von links nach rechts, Einstellung von Halbnah auf Nah


Ausmustern unbrauchbarer 'Takes'
In einem zweiten Schritt gilt es, das vorhandene Filmmaterial beträchtlich zu reduzieren und den Cutterbericht um inhaltliche Kriterien zu ergänzen. Dafür diskutiert der Cutter mit seinem Regisseur die Filmmuster, macht sich Notizen und bereitet den Rohschnitt vor. Nur die besten 'Takes' werden ausgewählt und alle übrigen Wiederholungen für eventuell notwendige Alternativen während der späteren Montage aussortiert.

Anordnung in einer Szenenfolge
Alle brauchbaren Einstellungen, die sog. Kopierer, werden nun in der Arbeitskopie dem Konzept entsprechend geordnet. Früher wurde in dieser Phase am Schneidetisch mit Klebeladen gearbeitet, heutzutage schneidet man digital am Computer. Einzelne 'Takes' sind so beliebig austauschbar und Schnittversionen können in ihrer Wirkung erprobt werden.

Fehlerkorrektur
Auch bei bester Vorbereitung läuft während der Dreharbeiten nicht immer alles so, wie es geplant war. Im Schneideraum fallen die Mängel und Fehler des Drehs besonders auf – hier besteht gleichwohl die Chance, einige Ungereimtheiten wie Anschlussfehler zu glätten und missglückte Szenen z.B. mit einem Zwischenschnitt für den Film zu retten.

Montage
Nach der umfangreichen und zeitaufwendigen Vorarbeit erfolgt nun der kreative Teil: Der Cutter bringt das ausgewählte Material in eine Form, gibt ihm Spannung, Rhythmus und Filmfluss, konfrontiert Gegensätze oder verknüpft sie miteinander.
  • Im Rohschnitt werden die Einstellungen in der Regel nach den Vorgaben des Drehbuchs geschnitten und die besten Momente des Filmmaterials zu einer funktionierenden Szene zusammengesetzt. In dieser Phase können vor allem Handlungsabläufe und Dialoge optimiert und das Tempo des Films bestimmt werden, indem je nach erwünschter Aussage einzelne Szenen mit schnellerer oder langsamerer Bildfolge geschnitten werden. Oft arbeitet der Cutter bereits parallel zu den Dreharbeiten an dieser ersten Fassung.
  • Der Feinschnitt ist im Grunde eine Art Korrekturvorgang, bei dem der eigentliche Film entsteht. Szenen werden im Detail verändert oder verschoben, teilweise herausgeschnitten und neue Montagetechniken erprobt. Um den Bildschnitt auch akustisch zu unterstützen, bearbeiten parallel auch die Filmkomponisten und Tongestalter alle Einstellungen.
  • Der 'Final Cut' fügt die festgelegte Endversion endgültig zusammen, damit beim Negativschnitt im Kopierwerk das gedrehte Originalfilmmaterial nach diesen Vorgaben am Computer geschnitten werden kann.
2.4 Ausgewählte Montage- und Schnitttechniken

Viele Entscheidungen zum Filmbild wie Schuss-Gegenschuss, Reihungen oder Einstellungsgrößen sind bereits beim Dreh vom Kameramann getroffen worden. Der Cutter stellt sie mit seiner Arbeit jedoch noch einmal auf den Prüfstand und bewertet sie durch Schnitt und Montage neu.

Montagetechniken
Die Kausalmontage verdeutlicht Ursache und Wirkung einer Szene: Wenn z.B. ein Verbrecher auf einen Polizisten zielt, soll der Zuschauer in der nächsten Einstellung sehen, ob das Opfer getroffen wurde.

Mit einer Parallelmontage lassen sich besonders intensive, gleichzeitig ablaufende Handlungsstränge gut darstellen. So zeigen z.B. Katastrophenfilme oft abwechselnd die gefährdete Person und den herannahenden Retter.

Schnitttechniken
Der Bewegungsschnitt führt eine Einstellung besonders unauffällig in die nächste, weil unser Auge von der Bewegung abgelenkt wird. Damit er gelingen kann, ist es wichtig, beim Dreh auf Überlappungen zu achten.

Indem sie das erste Bild aus- und gleichzeitig das zweite langsam einblendet, suggeriert die Überblende im Gegensatz zum harten Schnitt einen fließenden Übergang zwischen zwei Bildern.

3. Unterrichtsmaterialien

4. Weiterführende Literatur und Weblinks

vierundzwanzig.de: Interview mit der Cutterin Mathilde Bonnefoy

vierundzwanzig.de: Interview mit der Cutterin Uta Schmidt

http://www.vierundzwanzig.de/schnitt (Link zum Gewerk auf 24 mit Interviewclips, Filmausschnitten und Hintergrundinformationen)

http://www.vierundzwanzig.de/glossar (Von A wie Abspann bis Z wie Zwischentitel - Erkärungen zu allen Fachbegriffen des Dossiers)

http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/bibliothek/
beller_filmmontage/beller_filmmontage.pdf
(Einleitungskapitel des Standardwerks zur Filmmontage von Prof. Hans Beller (s.u.), mit Berücksichtigung der historischen Schnittentwicklung)

http://www.infilmserver.de/forms/cutterbe.pdf (Kopierfolie eines Cutterberichts zum kostenlosen Download)

Beller, Hans (Hrsg.): Handbuch der Filmmontage. Praxis und Prinzipien des Filmschnitts, 5. Auflage, München 2005. (Standardwerk zur Filmmontage)

Kamp, Werner / Rüsel, Manfred: Vom Umgang mit Film, Berlin 1998. (Einführung für Pädagogen mit ausführlichem Kapitel zur Montage und praktischen Unterrichtshinweisen)


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