Geschichte begreifen

10.11.2008 | Von:
Christian Geißler-Jagodzinski

Simulationsspiele


Konstruktion eines Simulationsspiels

Simulationsspiele unterscheiden sich durch den Grad der Strukturierung bzw. "Verregelung". In höher strukturierten Simulationen geht es um eine möglichst an den historischen Fakten orientierte Darstellung. In gering strukturierten Simulationen wie Rollenspiel, Standbild, Psychodrama hingegen improvisieren die Spielenden frei in ihren Rollen.

Höher strukturierte Simulationen werden seltener verwendet, da Konstruktion, Vorbereitung und Durchführung mit einem höheren Aufwand verbunden sind. Oft ist es schwierig, sie in die schulische Taktung zu integrieren. Nur wenige Spielanleitungen liegen frei verfügbar vor; mehrheitlich werden Simulationen von Trägern der außerschulischen Bildungsarbeit angeboten. Ein Beispiel ist die Planspiele-Datenbank der Bundeszentrale für politische Bildung zum Thema Extremismus/Nationalsozialismus.

Je nach Thema und Lernziel ist es jedoch denkbar und unter Umständen lohnenswert, eigens eine Simulation zu konstruieren. Die Herausforderung ist, Rollen und Situationen zu entwickeln, die empathisches Spielen ermöglichen. Damit scheiden Rollen von NS-Tätern aus, genau wie die von Verfolgten oder Ermordeten sowie Inszenierungen von Verbrechen.

Auch wenn bei höher strukturierten Simulationen die Teilnehmenden die umfassend beschriebenen Rollen mehr übernehmen als ausfüllen sollen ("role taking" anstelle eines "role making"), bringen sie weiterhin ihre Persönlichkeit ein und identifizieren sich mit der Rolle. Thema und Inhalt der Simulation als auch ihre Struktur müssen dies zulassen. Das heißt: Die Spielstruktur darf nicht auseinanderbrechen, sobald jemand von der zugedachten Rolle abweicht.

Bestandteile eines Simulationsspiels

Am Anfang steht die Überlegung, welches Erkenntnisziel die Simulation verfolgt. Entweder formulieren die Lernenden eine Frage, oder die Anleitenden legen sich auf ein Lernziel fest. Dieses muss bezüglich des historischen Gegenstands angemessen und relevant sein: Exemplarität, Gegenwarts- und Zukunftsbezug.

Folgende Bestandteile sollten entwickelt werden:
  • Beschreibung der Spielsituation, historischer Kontext,
  • Rollen (beteiligte Personen/Gruppen) und wenn notwendig, da Personen/Gruppen abstrakt/fiktiv sind, eine kurze Beschreibung ihrer Biographie oder Charakteristika,
  • Spielregeln, zum Beispiel Kommunikationsregeln zwischen den Gruppen,
  • Zeitplan für Vorbereitung und Durchführung,
  • Planung, wie die Rollen verteilt werden sollen,
  • Planung der Recherche zur Vorbereitung der Lernenden für ihre Rolle, eventuell Vorbereitung von Materialien oder einer Literatur-, Medien- und Linkliste.
Im ersten Schritt muss die Komplexität der historischen Situation reduziert werden – ohne sie jedoch zu verfälschen. Dies ist durch Vereinfachung oder Abstraktion von Strukturen möglich.

Im zweiten Schritt wird die Zahl der Beteiligten reduziert; Charaktere werden formalisiert. So kann zum Beispiel eine Person stellvertretend für die Gruppe der SA-Mitglieder stehen. Wichtig ist, dass die Rollen nur wenig Raum für individuelle Interpretation lassen. Dies erleichtert den Lernenden die Recherche zu den Rollen und vergrößert die Wahrscheinlichkeit, dass sie der angedachten Struktur der Simulation folgen.

Bei der Reduktion sollte soviel historische Genauigkeit wie nur möglich gewahrt werden. Was sind die Intentionen und Motivationen der Beteiligten, typische Aspekte, grundlegende Strukturen, Bedingungen, Handlungsabläufe? Die verbleibenden Rollen müssen Multiperspektivität ermöglichen.

Zudem müssen die Struktur der Simulation und die Rollen daraufhin reflektiert werden, ob den Lernenden transparente und zumutbare Rollen angeboten werden. Ein bekanntes Gegenbeispiel dafür ist die pädagogische Inszenierung einer faschistischen Bewegung in "Die Welle" von Morton Rhue. Die Spielenden erfahren nicht, worum es in der Simulation eigentlich geht. Dies mag beeindruckende emotionale Reaktionen zur Folge haben oder von den Lernenden als prägendes Lernereignis erfahren werden. Ein Verstoß gegen das Überwältigungsverbot gemäß Beutelsbacher Konsens bleibt es trotzdem.

Für die Auswertung ist es wichtig, den Verlauf zu dokumentieren. In der fachdidaktischen Literatur wird empfohlen, (nichtspielende) Beobachter einzusetzen. So lässt sich einerseits das häufig auftauchende Problem lösen, zu wenige Spielrollen für zu viele Teilnehmende zu haben. Andererseits sind die Beobachter oft schwierig zu motivieren.

Eine der Spiellogik entsprechende Integrationsmöglichkeit ist dagegen ein Presseteam: Als teilnehmende Beobachter beschreiben Journalisten einer oder mehrerer Zeitungen bzw. Sender das Geschehen und interviewen Akteure. Ihre Produkte können in der Auswertung ein wichtiger Bezugspunkt sein, da die Beobachtungen "unabhängig" gemacht worden sind.

Spieleinführung

Die Einführung in ein Planspiel hängt von den Vorkenntnissen der Lernenden ab. Sind der Kontext und die beteiligten Personen aus einer vorangegangenen Lerneinheit bekannt, kann das Planspiel direkt vorgestellt werden. Die anschließende Recherche kann sich auf die Rollen beschränken, die die Lernenden im Spiel übernehmen.

Gibt es keine oder nur geringe Vorkenntnisse, müssen die Anleitenden vorher abwägen, ob sich die Lernenden breit oder fokussiert in ein Thema einarbeiten sollen. Im ersten Fall wird nur die Methode Simulationsspiel angekündigt; zudem werden die Rollen vorgestellt sowie die Frage, die mittels des Spiels beantwortet werden soll. Anschließend bereiten sich die Lernenden mittels vorbereiteter Informationen oder durch völlig selbstständige Recherche vor.

Je geleiteter diese Recherche, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Simulation den beabsichtigten Verlauf nehmen wird, desto geringer jedoch der Kompetenzerwerb im Bereich der Informationserschließung. Nach dieser breiten, einführenden Recherche werden die Rollen vergeben, und es schließt sich eine fokussierte Recherche entsprechend der Rollen an.

Soll die Erarbeitungszeit jedoch verkürzt werden, wird das Planspiel komplett vorgestellt: Die Ausgangssituation und das Erkenntnisziel werden beschrieben, die beteiligten Akteure eingeführt und die Rollen vergeben. Anschließend erfolgt eine auf die Rolle fokussierte Recherche der historischen Situation.

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