Geschichte begreifen

10.11.2008 | Von:
Christian Geißler-Jagodzinski

Simulationsspiele


Spielverlauf

Am Beginn der Durchführung sollte eine Aktion stehen, die den Lernenden die Rollenübernahme erleichtert. Dies kann bedeuten, sich seinen Rollennamen oder ein Gruppensymbol sichtbar anzubringen oder der simulierten Situation entsprechende Kleidung zu tragen. Möglich sind auch einfache theaterpädagogische "Aufwärmübungen" wie die Anweisung: "Es ist der 9. Juni 1939 um 7.30 Uhr morgens. Ihr geht zur Arbeit und lauft dabei mehrere Minuten lang durch belebte Straßen. Bewegt euch bereits euren Rollen entsprechend. Ihr könnt auch mit anderen Mitspielenden Kontakt aufnehmen."

Vor Beginn werden noch einmal die Spielregeln besprochen. Die Anleitenden beschreiben ihre Rolle, zum Beispiel wann und wie sie eingreifen, wie man sich an sie wenden kann oder inwiefern sie unterstützen. Anschließend wird der Ablauf erklärt und die Spielsituation vorgelesen. Zuletzt werden die Mitspielenden ihren Rollen entsprechend vorgestellt und die Simulation beginnt.

Nach einer verabredeten Zeit oder durch ein Signal der Anleitenden endet das Simulationsspiel. Haben sich die Lernenden mit ihren Rollen identifiziert, ist es vor der Auswertung notwendig, eine Aktion durchzuführen, mit der Distanz zur Rolle hergestellt werden kann – zum Beispiel mittels Ablegen oder Zerreißen des Rollennamens beziehungsweise des Gruppensymbols oder durch einfache theaterpädagogische Übungen. Mögliche Anweisung: "Stellt euch vor, eure Rolle wäre ein Anzug, wie ihn Eisschnellläufer tragen. Zieht euch diesen Anzug bitte jetzt aus, knüllt ihn zusammen und werft ihn in den Mülleimer."

Auswertung

Die Reflexion über den Verlauf und das Ergebnis ist genauso bedeutsam wie die Simulation selbst. Nur so wird aus dem Erlebnis eine Erfahrung. Zuerst wird besprochen, ob die Lernenden Schwierigkeiten mit der Rollenübernahme hatten. Sie müssen klären, was an der Rolle leicht oder schwer gefallen ist und wie es war, in der Rolle zu agieren. Erst danach können sie distanziert über den Verlauf der Simulation sprechen. Ohne diesen Schritt sind die Lernenden mit ihren Gefühlen oder gegenseitigen Vorwürfen beschäftigt.

Anhand der Berichte des Presseteams oder durch gemeinsames Zusammentragen wird der Verlauf der Simulation rekonstruiert. Wichtig ist dabei, die verschiedenen Sichtweisen, die aus den Rollen herrühren, festzuhalten (Multiperspektivität). Die Lernenden beschreiben, ob sie mit dem Prozess zufrieden sind – aus der Sicht ihrer Rolle und/oder ihrer Person. Auch unterschiedliche Strategien einzelner Personen oder Gruppen können an dieser Stelle sichtbar gemacht werden. Ging es in der Simulation um eine historische Entscheidungssituation, wird auch nach der Zufriedenheit mit dem Ergebnis gefragt.

Für die historisch-politische Bildung von besonderer Bedeutung ist die Frage danach, wie weit die Lernenden das, was simuliert und erfahren wurde, für auf die historische Situation übertragbar halten. Anhand der Kenntnisse, welche sich die Lernenden in der Recherchephase über die historische Situation und die Akteure angeeignet haben, wird das Simulationsgeschehen differenziert nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten untersucht. Nur auf dieser Grundlage kann diskutiert werden, ob von der Geschichte abweichende Verläufe des Simulationsspiels auf alternative Handlungsmöglichkeiten für die historischen Akteure verweisen oder ob sie aus einem Fehlverstehen des historischen Kontexts resultieren.

Literatur

Meier, Klaus-Ulrich: Rollenspiel. in: Mayer, Ulrich / Pandel, Hans-Jürgen / Schneider, Gerhard (Hg.): Handbuch Methoden im Geschichtsunterricht, Schwalbach/Ts. 2004, S. 325-341.

Ders.: Simulation. in: a.a.O., S. 342-353.

Rappenglück, Stefan: Bildung wirkt – aber wie? Das Beispiel Simulation in der politischen Bildung. Praxis Politische Bildung. 10. Jahrgang Heft 4 (2006)

Praxisbeispiele

Arbeitsgemeinschaft christlicher schüler / Christliche Bildungsinitiative e.V.: Planspiel "Das 'Dritte Reich'- bewältigte Vergangenheit?". Auf: www.acs-cbi.de.

Bundeszentrale für politische Bildung: Datenbank mit 131 Beschreibungen von Planspielen für den Einsatz in der schulischen und außerschulischen politischen Bildung. Auf: www.bpb.de.

Brettschneider, Eva-Maria / Niemann, Frank (Religionspädagogisches Institut Loccum): Anne Frank – Ein Planspiel. Auf: www.rpi-loccum.de.

Kreisau-Initiative-Berlin e.V.: Model International Criminal Court. Auf: www.model-icc.org.

Lienert, Eva Maria / Lienert, Wilhelm: Ein Ende mit Schrecken. Planspiel zum Kriegsende in Nordwürttemberg. In: Praxis Geschichte 1990, 5, S. 47-51

Lück, Holger u.a.: "Wer trägt die Schuld am 1. Weltkrieg?" Tagebuchnotizen zu einem Versuch alternativer Behandlung von Kriegen im Unterricht. In: Die Deutsche Schule 78, 1986, S. 200-211

Rückert, Horst: "Machtergreifung". Ein Spiel in fünf Schritten. In: Praxis Geschichte 5, 1989, S. 54-57

Praktische Beispiele für den Einsatz gering strukturierter und verregelter Simulationsspiele bietet z.B. die Reihe "Konfrontationen" des Fritz-Bauer-Instituts. Auf: www.fritz-bauer-institut.de.

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