Geschichte begreifen

13.11.2008 | Von:
Werner Imhof

Oral History

Chancen, Grenzen, Praxis


Warum dennoch Oral History?

Die Alternative ist nicht: Zeitzeugen oder konventionelle Unterrichtsmodelle. Nur ein Methodenmix kann zu zufriedenstellenden Ergebnissen führen. Gewichtige Gründe sprechen dafür, jede sich bietende Chance zum Einsatz von Zeitzeugen zu nutzen. Bescheidenheit ist angebracht – auch der beste Unterricht kann für sich genommen übersteigerte Erwartungen im Blick auf die genannten Lernziele nicht erfüllen. Von außen werden Ansprüche an die Schule herangetragen, die eine Überforderung darstellen.

Fremdenfeindliche und rassistische Einstellungen etwa sind überwiegend der von verschiedensten außerschulischen Faktoren abhängigen "Unfähigkeit" geschuldet, "in der gegenwärtigen Gesellschaft auf friedliche Weise einen anerkannten Platz zu erreichen und für die Zukunft gesichert zu sehen", wie Falk Pingel betont. Und sind nicht hauptsächlich jenseits der Schule Defizite aufzuarbeiten, solange die Bundesregierung für das erste Halbjahr 2007 über 5300 rechte Straftaten meldet und ganze neun Haftbefehle (Der Tagesspiegel, 28.8.2007)?

Die "Authentizität" des Zeitzeugen ist bereits relativiert worden. Doch seien andere, bedeutsamere Argumente für die Arbeit mit Zeitzeugen genannt. Rahmenrichtlinien sehen für NS-Diktatur und Holocaust nur 10-20 Stunden Unterrichtszeit vor. Viele Lehrkräfte konzentrieren sich deshalb auf das "Wichtigste": die Nürnberger Gesetze, Auschwitz, die Gaskammern.

Geschichte und Kultur der Juden, ihre Assimilierung, ihre wesentlichen gesellschaftlichen Beiträge fallen unter den Tisch. Sie betreten die historische Bühne als Außenseiter, als Verfolgte und verlassen sie als Opfer. Eine ganz andere Sichtweise eröffnet sich Schülern, wenn sie mit einer Lebensgeschichte konfrontiert werden, die mit einer normalen Kindheit im Kreise einer gesellschaftlich geachteten, assimilierten Familie beginnt und mit einem vergleichbaren gesellschaftlichen Status endet – aus dem Mund eines Menschen, der antisemitischen Zerrbildern in keiner Weise entspricht.

Das Thema Holocaust sträubt sich gegen die menschliche Neigung, sich mit Handelnden zu identifizieren (oder diese hat verheerende Folgen). Belehrungen können gegen Erfahrungen nichts ausrichten – das bestätigt etwa die "Bielefelder Rechtextremismus-Studie" Wilhelm Heitmeyers, die Wege Jugendlicher in den Rechtextremismus nachgezeichnet hat.

Begegnungen mit Zeitzeugen aber vermitteln genau das: Erlebnisse, Erfahrungen, Identifikationswege. Die Schüler sind nicht lediglich in der Rolle des passiven Zuhörers, sondern Gastgeber, fühlen sich für das Gelingen des Gesprächs verantwortlich. Das erhöht von Anfang an die gegenseitige Wertschätzung für- und die Neugier aufeinander. So ist mancher Jugendliche erreichbar, den ein trockener und moralisierender Lehrervortrag kalt lässt.

Wie vorgehen?

Der Auswahl des Zeitzeugen muss die sachliche Einordnung seines Berichts in das didaktische Konzept folgen. Dazu bedarf es genauer Kenntnis des Berichts vor dessen Einsatz im Unterricht. Weitere Ratschläge sind nur eingeschränkt möglich, weil die individuelle Lerngruppe eine wesentliche Rolle spielt.

Selbstverständlich ist es von Bedeutung, wenn in Großstädten wie Berlin oder Frankfurt die Lerngruppe nicht selten zu mehr als 50 % aus Schülern mit Migrationshintergrund besteht, die teilweise eigene Verfolgungs-, Bürgerkriegs- oder gar Genoziderfahrungen mitbringen. Dann ergeben sich aktuelle Bezüge, stellen sich Assoziationen ein, denen einfühlsam nachgegangen werden kann und soll. Das umstrittene Paradigma, angesichts der Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen verbiete sich jeder Vergleich, wirkt in diesem Zusammenhang kontraproduktiv.

Vorbereitung

Die anstehenden Aufgaben werden soweit möglich von Schülern übernommen und vorher verteilt.
  • Die Lerngruppe stellt sich, ihre Schule, den Wohnort dem Zeitzeugen in einem persönlichen Brief vor. Anschaulicher ist das, wenn Fotos verwendet werden.
  • Wo wird der Gast untergebracht? Wer bucht das Hotel? Wer begrüßt ihn am Bahnhof/im Hotel?
  • Wer besorgt ein Gastgeschenk – wer überreicht es? Kann man etwas über Vorlieben/Hobbys des Gastes in Erfahrung bringen? (Blumen sind meist ungeeignet, weil sie sich auf der Rückreise schlecht transportieren lassen und verwelken! Eine Schulchronik ist eher für ehemalige Schüler interessant – besser: Bildband des Ortes o. ä.)
  • Wo soll die Begegnung stattfinden? Wer erwartet den Gast und zeigt ihm den Weg?
  • Wie kann man den Raum, in dem die Begegnung stattfindet, gastlicher gestalten?
  • Wer sorgt für Getränke/einen Imbiss/Gebäck?
  • Kann man die Sitzordnung kommunikativer gestalten (Halbkreis)? Wer stellt wann die Stühle/Tische entsprechend um (und räumt nachher auf)?
  • Welcher zeitliche Rahmen steht zur Verfügung? Ideal ist, wenn danach kein Unterricht mehr stattfindet und niemand sofort zum Bus muss.
  • Bereiten die Schüler Fragen vor? (Vorsicht: Besonders jüngere Schüler sind oft überfordert, wenn ein Fragenkatalog abgearbeitet wird. Sie können sich dann schlecht auf den Vortrag konzentrieren, stellen Fragen, die bereits beantwortet wurden. Besser: Während des Berichts spontan auftauchende Fragen notieren.)
  • Wer dokumentiert die Begegnung und wie? (Protokoll, Ton- oder Videoaufnahme, Fotos – wer kümmert sich um die Technik? Sind alle Kabel, genügend Steckdosen, Batterien, Kassetten vorhanden? Unbedingt einen Test machen!)
  • Wer berichtet dem Gast (und wie: Bilder, Plakatwände, Powerpoint, Wandzeitung etc.) von der eigenen Vorbereitung zum Thema?
  • Wird der Gast anschließend zum Essen eingeladen? Wo? Wer geht mit? (Tischreservierung)
Die Lerngruppe kann zur Vorbereitung Öffentlichkeit herstellen, z. B.
  • sich in einem Brief an den Bürgermeister wenden, von dem bevorstehenden Besuch berichten und vorschlagen, ihn auch im Namen der Stadt zu empfangen,
  • die Lokalzeitung anschreiben und einladen.
Gemeinsam mit dem Zeitzeugen kann
  • ein Ort der Zwangsarbeit oder eines Lagers aufgesucht werden,
  • ein Friedhof besucht werden, wenn dort Menschen mit ähnlichem Schicksal beerdigt worden sind (z. B. Kranzniederlegung auf einem jüdischen Friedhof).
Auch andere Gedenkorte sind möglich. Das Besuchsprogramm muss mit dem Gast abgesprochen, auf seine Interessen und seine körperliche Verfassung abgestimmt werden.

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