Geschichte begreifen

13.11.2008 | Von:
Werner Imhof

Oral History

Chancen, Grenzen, Praxis


Das Gespräch

Zwei Wege bieten sich an, den Bericht des Zeitzeugen zu strukturieren: thematisch oder chronologisch. Vieles spricht für die Chronologie: Sie liefert dem Berichtenden eine einfache Stütze, der Erinnerung eine Form zu geben. Der Respekt für die Person und die ihr geschuldete Dankbarkeit für die Bereitschaft, das schmerzliche Erinnern auf sich zu nehmen, legen es nahe, seine ganze Geschichte anzuhören. Der Blick auch auf die Vor- und Nachgeschichte stellt sicher, dass die Biografie nicht auf den Opfer- und Verfolgtenstatus reduziert wird. Und schließlich rückt auch erst diese umfassende Perspektive vollends in den Blick, was zerstört wurde und welche Narben zurückblieben.

Ein Zeitzeuge ist nicht notwendig Experte für die historischen Zusammenhänge der von ihm erlebten Zeit. "Bezeugen" kann er nur, was er persönlich gesehen hat. Schreckliche Erlebnisse sollen nicht aus Rücksicht auf die Schüler ausspart, übersprungen oder nur allgemein angesprochen werden ("Da haben sich schlimme Dinge ereignet..."). Das ist es ja, was wir wissen wollen, auch wenn es wehtut – weil es wehgetan hat. Entsprechend gilt es, einfühlsam zu persönlichen Erlebnissen zurückzufinden, wenn der Gast Zusammenhänge oder Ereignisse schildert, deren Zeuge er gar nicht war oder die er aus heutiger Sicht darstellt.

Sachliche Fragen bereiten den Rückweg: "Wo waren Sie zu diesem Zeitpunkt?", "Was haben Sie von Ihrem Standort/in Ihrem Lager/an Ihrem Arbeitsplatz davon mitbekommen?", "Was dachten Sie?", "Was haben Sie damals empfunden?" Mitunter greifen Zeitzeugen in ihrer Erzählung auch der Chronologie vor und nehmen den Faden anschließend nicht wieder auf. Dann ist es hilfreich, wenn Schüler – gegebenenfalls auf ein verabredetes Zeichen des Lehrers – vorbereitete Fragen stellen: "Lassen Sie uns bitte noch einmal auf das Barackenlager zurückkommen: Was gab es für Mahlzeiten...?" oder "Ich habe noch eine Frage zu Ihrer Verhaftung: Wie verhielten sich die Nachbarn/Augenzeugen?" Diese Fragen sollten nicht von dem Lehrer oder Moderator gestellt werden! Das wirkt auf den Zeitzeugen wie eine Korrektur oder gar Kritik. Kommen sie jedoch von Schülerseite, belegen sie Interesse.

Eine Grundregel muss immer und absolut befolgt werden: Wenn der Zeitzeuge über bestimmte Dinge nicht sprechen möchte, dann verbietet sich jede weitere Nachfrage. Wir führen kein Verhör, und eine Retraumatisierung kann verheerende Folgen haben!

Lehrkräfte sind während des Gesprächs in doppelter Weise gefordert: Einerseits wenden sie ihre Aufmerksamkeit dem Bericht des Zeitzeugen zu, andererseits müssen sie – in Kenntnis der Lerngruppe – deren Reaktion, die "Teilhabe am Trauma" im Auge behalten und gegebenenfalls darauf eingehen.

Deshalb ist es hilfreich, wenn sie sich auf die Unterstützung durch einen Moderator verlassen können. Umfassende Begleitung und Betreuung bieten die Zeitzeugenprojekte der Brücke/Most-Stiftung. Kontakte vermitteln die Zeitzeugenbörsen in Berlin und beim Seniorenbüro Hamburg oder – lokal beschränkt – die Regionalen Arbeitsstellen für Ausländerfragen, Jugendarbeit und Schule (RAA), Brandenburg. Förderungen für Reisekosten gewährt die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft".

Nachbereitung

Widersprüche, Ungereimtheiten, Abweichungen von den historisch bekannten Tatsachen werden notiert, aber nicht in Gegenwart des Zeitzeugen besprochen, sondern im Rahmen der Nachbereitung. Dabei wird vielfach feststellen sein, dass es entsprechend den individuellen Charakteren, Standorten, Erlebnissen und Verarbeitungsmechanismen verschiedene "Wahrheiten" geben kann.

Fruchtbar ist für alle Beteiligten, wenn der Dialog nicht mit der persönlichen Begegnung endet. Die Zeitzeugen nehmen große Belastungen auf sich. Sie fragen sich oft, ob der Aufwand lohnt. Umso wichtiger ist es, ihnen ein Feedback zu geben – brieflich, telefonisch, per E-Mail. Diese Rückmeldung sollte von Schülern im Rahmen der Nachbereitung des Gesprächs verfasst werden. Ihre Bedeutung für die Zeitzeugen ist immens.

Ein Zeitzeugengespräch kann nicht auf die Funktion der historischen Aufklärung reduziert werden. Bei allem berechtigten Ehrgeiz im Blick auf die Erreichung von Lernzielen sollte stets bedacht werden, dass sich Überlebende mit der Erinnerung auch erneut dem Trauma nähern. Gleichzeitig werden empathische junge Zuhörer einer starken emotionalen Belastung ausgesetzt, die nicht selten Tränen hervorruft.

Mit diesen Emotionen und psychischen Ausnahmesituationen muss gerechnet, sie müssen ausgehalten und verarbeitet werden. Dem Gedenken und der Trauer sollte Raum gelassen werden. Wenn diese angemessenen Ausdruck gefunden haben, müssen selbstverständlich auch Diskussion und Reflexion stattfinden. Gelingt diese Gratwanderung, ist ein fruchtbarer Boden für nachhaltige Lernerfolge bereitet.

Literatur

Heitmeyer, Wilhelm; Buhse, Heike; Liebe-Freund, Joachim: Bielefelder Rechtextremismus-Studie. Weinheim – München 1992.

Imhof, Werner: Lernen durch Begegnen. Deutsch-tschechische Lerneffekte in einem bundesweiten Zeitzeugenprojekt. In: Dolezel, Heidrun; Helmedach, Andreas: Die Tschechen und ihre Nachbarn – Studien zu Schulbuch und Schülerbewusstsein. Hannover 2006, S. 123-127.

Kößler, Gottfried: Teilhabe am Trauma? In: Fuchs, Eduard; Pingel, Falk; Radkau, Verena (Hrsg.): Holocaust und Nationalsozialismus. Innsbruck – Wien – München – Bozen 2002, S. 48-57.

Pingel, Falk: Unterricht über den Holocaust. In: Holocaust und Nationalsozialismus, a. a. O., S. 11-23.

Rieber, Angelika: "Begegnungen mit der Vergangenheit. Pädagogik mit Zeitzeugen". In: Kößler, Gottfried; Steffens, Guido; Stillemunkes, Christoph (Hrsg.): Spurensuche. Ein Reader zur Erforschung der Schulgeschichte während der NS-Zeit. Frankfurt/M. 1998, S. 33-44.

Rieber, Angelika: "Ich konnte viele Dinge aus eigener Erfahrung nachvollziehen" – Das Thema Holocaust im Unterricht in multikulturellen Klassen. In: Holocaust und Nationalsozialismus, a. a. O., S. 58-73.

Creative Commons License

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