Geschichte begreifen

13.11.2008 | Von:
Annegret Ehmann

Archivarbeit und Quellenrecherche

Seit den 1970er Jahren haben sich viele Archive als Lernorte für Schülerinnen und Schüler geöffnet. Die eigenständige Quellenrecherche im Archiv bietet Freiraum für entdeckendes Lernen und kann nachhaltige Lernerfolge erzielen.

Historisches Lernen im Archiv bietet Freiraum für Eigeninitiative und entdeckendes Lernen. Kernpunkt dieser Methoden des entdeckend-forschenden Lernens ist, dass die Schülerinnen und Schüler selbstständig etwas entdecken, Fragen entwickeln und sich Wissen aneignen. Die offenen Lernformen sind unvergleichlich nachhaltiger als passive und reproduktive Methoden wie die des Zuhörens oder Mitschreibens zum Beispiel bei Führungen oder Vorträgen in Gedenkstätten.

Schlagwortkatalog. Bild: Dr. Marcus Gossler, commons.wikimedia.org, by GNU FDLSchlagwortkatalog. (© Dr. Marcus Gossler, commons.wikimedia.org, by GNU FDL)

Vielfach wird gegen weitgehend selbstständige Lernformen wie Archivarbeit eingewendet, sie überfordere Schülerinnen und Schüler. Mehrere Projekte von Haupt- und Realschülern auf der Website www.lernen-aus-der-geschichte.de u.a. zeigen, dass das bei entsprechender Betreuung, das heißt Beratung, Anleitung, Besprechung und Ausarbeitung der Recherchen durch und mit dem Lehrer/Archivpersonal keineswegs sein muss.


Archive in der politischen Bildungsarbeit

Archive öffneten sich in der Bundesrepublik als Lernorte für Schülerinnen und Schüler erst seit den 1970er Jahren. Bis dahin war die Nutzung von Quellen für den Geschichtsunterricht in den Schulen noch weitgehend unüblich. Verschiedene Faktoren beeinflussten die Öffnung:
  • Der Geschichtsunterricht musste reformiert werden, um sich gegenüber neuen Fächern wie der Politischen Weltkunde und außerschulischen Angeboten zu behaupten.
  • Nach ausländischen Vorbildern entstanden "Geschichtswerkstätten", die sich der Regional- und Alltagsgeschichte zuwandten.
  • Der "Schülerwettbewerb Deutsche Geschichte um den Preis des Bundespräsidenten" bewirkte ab 1973 alle zwei Jahre, dass tausende Schülerinnen und Schüler sich außerhalb der Schulen auf Spurensuche begaben.
Als erste entwickelten städtische Archive Angebote für Schulen. Es folgten ab den 1980er Jahren größere staatliche Archive und Gedenkstätten, die auch pädagogisch geschultes Personal einstellten. Inzwischen gehören Dienstleitungen für schulische und außerschulische Zielgruppen zum Selbstverständnis der Archive.

Lernerfahrungen durch Archivrecherchen

Archivrecherchen von Schülerinnen und Schülern finden vor allem im Rahmen von Projektarbeit statt, die über einen längeren Zeitraum erfolgt und meist mit Exkursionen, Zeitzeugenbefragungen, Teamarbeit sowie einer Präsentation der Ergebnisse verbunden ist.

Folgende Lernerfahrungen kann die Arbeit in Archiven im Unterschied zum Schulbuch Jugendlichen eröffnen:
  • Kennenlernen der Bedeutung von Archiven, ihrer Funktionen, Aufgaben und Arbeitsweisen,
  • Erschließen historischer Vorgänge anhand von Originalquellen,
  • Eigenständige Erarbeitung von Deutungen und Einordnungen der Quellen in der Lerngruppe,
  • Direkte sinnliche Erfahrung von Zeitverschiedenheit durch die Fremdheit des Schrift- bzw. Druckbildes und des sprachlichen Ausdrucks.
Regional- und landeskundliche Archivquellen fördern Erkenntnisse darüber, was allgemeine Geschichte mit der persönlichen Geschichte, der Geschichte der Familie, der Gemeinde zu tun hat.

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Info

Methodensteckbrief

  • Teilnehmerzahl: Klassenverband oder Teil einer außerschulischen Lerngruppe
  • Altersstufe: Sekundarstufen I/ II
  • Zeitbedarf: Je nach Komplexität und Lerntempo der Gruppe ab 3 Unterrichtsstunden bis zu mehrwöchigen/monatigen Unterrichtsprojekten
  • Preis (ohne Fahrten): Nicht ermittelbar
  • Benötigte Ausstattung: Moderationsmaterial, Flipchart/ Overhead-Projektor/Folien, Internetfähiger Computer je Kleingruppe (2-6 Schüler), gängige Office-Software, Präsentationsprogramm, Software für Bildbearbeitung
  • Die Archivarbeit verstärkt außerdem die Motivation zu selbstständigem, forschend-entdeckendem Lernen. Hier können Jugendliche aber auch erleben, dass politisch brisante, bis in die Gegenwart reichende Aufklärung über Ereignisse und Personen unerwünscht sein können.

    So verweigerte beispielsweise ein Bürgermeister einer Projektgruppe, die über das Thema Zwangsarbeit arbeitete, die Erlaubnis, im Gersthofener Stadtarchiv zu forschen. Den Zugang erstritten sich die Jugendlichen und ihr Lehrer gerichtlich. Nicht nur ihre Forschungsmotivation wurde dadurch erheblich gesteigert, sie machten darüber hinaus auch praktische politische Erfahrungen.

    Beim Lesen und Auswerten von Archivquellen – anders als im chronologisch aufgebauten Schulgeschichtsbuch und dem Unterricht – können die Jugendlichen vor allem erkennen, dass Geschichtsdarstellungen jeweils Rekonstruktionen und Interpretationen vergangenen Handelns sind, sie sind also Konstrukte, wie es gewesen sein könnte.

    Vor allem durch Quellen und die Zusammenführung von Quellen unterschiedlicher Herkunft und kontroverser Sichtweisen wird Multiperspektivität erfahrbar. Durch öffentliche Präsentation ihrer Forschungsergebnisse können Jugendliche lernen, ihre Darstellung und eigene Interpretation eines Sachverhalts mit Quellen zu belegen.


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