VorBild Dossierbild

15.1.2013

Hintergrund: Zur Notwendigkeit des "VorBild"-Projektes

Der Ansatz von "VorBild"

Die Macher der Vorbild-DVD diskutieren über politische Bildung und den Einsatz der Module an Förderschulen. (© 2010 Bundeszentrale für politische Bildung und Universität Bielefeld)

Förderschulen bezeichnen eine Schulform, die außerhalb der Regelschulen angesiedelt ist. Damit gelten die Schülerinnen und Schüler, die dort beschult werden, per definitionem als außerhalb des gesellschaftlich Normalen (vgl. Pfahl 2011). Der bislang mehr oder weniger systematische Ausschluss von Förderschüler/innen von strukturierten Formen politischer Bildung ist aus einer demokratischen Perspektive jedoch nicht legitimierbar. Auch Hinweise auf die vermeintlich geringen kognitiven Kompetenzen oder mangelnde Beteiligung und fehlendes Interesse an politischen Fragen rechtfertigen diesen Ausschluss nicht (vgl. Bittlingmayer u.a. 2011). Zudem ist die geringe politische Beteiligung nicht zwingend auf mangelndes Interesse, sondern auch auf das geringe Selbstbewusstsein der Schüler/innen zurückzuführen.

Das Projekt "VorBild" setzt an dieser Stelle an. Es werden insgesamt drei Module sozialen Lernens entwickelt, um die selbstbezogenen und sozialen Kompetenzen von Förderschüler/innen zu stärken. Die Modultitel sind "Basiskompetenzen sozialen Lernens" "Selbstvertrauen" und "Subjektive und intersubjektive Kompetenzen".

Wenn Lehrkräfte aber bereits andere Programme zur Selbstbewusstseins- und Selbstvertrauensstärkung im Unterricht eingesetzt haben, kann auch direkt mit den Modulen zur politischen Bildung im engeren Sinn begonnen werden. Die Modultitel lauten "Demokratie und Partizipation", "Grundrechte und Menschenrechte" sowie "Mehrheiten und Minderheiten". Die Modulstruktur soll dabei den Rahmenbedingungen an Förderschulen maximal entgegenkommen.
Bielefelder Bildungsforscher im Gespräch über den Sinn und Einsatz von Förderschulen und die Alternative Ganztagsschule. (© 2010 Bundeszentrale für politische Bildung und Universität Bielefeld)

Politikdidaktisch wird von folgendem Ansatz ausgegangen:

Das Spannungsverhältnis zwischen geltenden kollektiven Regeln und individuellen Selbstbestimmungsmöglichkeiten in sozialen Kontexten bildet eine bessere Voraussetzung für das Verstehen und Vermitteln von Politik in der Demokratie als die unmittelbare und selektive Thematisierung bestimmter dezidiert politischer Themen, Institutionen und Prozesse des politischen Systems.

Daher ist anzunehmen:
  1. Soziale Kompetenzen sind zum Teil bereits identisch mit und zum Teil Voraussetzung für politische Kompetenzen.
  2. Eine Anschlussfähigkeit zu "eigentlich" politischen Inhalten kann auf Basis der erwähnten strukturellen Analogie der Probleme sozialer und politischer Integration in modernen Gesellschaften besser geleistet werden.
Trotz dieser strukturellen Analogie in gesellschaftlichen Verhältnissen und politischen Prozessen ist immer noch eine pädagogische Übersetzungsleistung von vorpolitischer zu politischer Bildung zu vollbringen. Sie sollte gerade auch die Differenzen zwischen sozialen und politischen Prozessen im engeren Sinn herausarbeiten. Dazu gehört beispielsweise, dass Demokratie auf der Ebene sich selbst regulierender politischer Gemeinwesen
  • in einer umfassenden und institutionell komplexen Weise und
  • in intern oder extern mit begrenzteren Aufgaben und Zielen befassten sozialen Institutionen gelten muss.
Denn die Realisierung und Durchsetzung von Grundrechten in der Gesellschaft ist auf politischer Ebene immer auf komplexere Institutionen angewiesen.

Im Idealfall kann die "vorpolitische" Förderung der selbstbewussten Formulierung von Interessen dazu führen, dass
  • Einsicht und Motivation reifen und
  • diese Interessen auch politisch artikuliert und vertreten werden, möglicherweise unter Bezug auf individuelle Rechte.
Dieses wäre ein wünschenswertes Ergebnis politischer Bildung, insbesondere bei dieser strukturell und institutionell sozial benachteiligten Zielgruppe.

Ausblick: Besprechung über das kommende Modul 5 von "VorBild" (© 2010 Bundeszentrale für politische Bildung und Universität Bielefeld)

Forschungsergebnisse

Ergebnisse der Evaluationsforschung der außercurricularen Sek. I-Unterrichtsprogramme "Erwachsen werden" und "VorBild": Im Rahmen standardisierter Klassenraumbefragungen sind die Selbstkompetenzen der Schüler/innen überprüft worden. Um ein moderates Extremgruppendesign zu realisieren, sind bei der Evaluation von "Erwachsen werden" 16 Schulen in den Schulformen Hauptschulen und Gymnasien (5. Klasse) in Nordrhein-Westfalen befragt worden. Im "VorBild"-Projekt wurden mit demselben Instrument – nur um einige Fragen gekürzt – an 9 Förderschulen (5. Klasse) in Nordrhein-Westfalen, Bremen und Brandenburg unterstützte Klassenraumbefragungen durchgeführt.

Den Daten zufolge sind die selbstbezogenen Kompetenzen bereits bei zehn- bis elfjährigen Kindern sehr ungleich verteilt. Sie zeigen, dass es tatsächlich einen markanten Unterschied in Richtung Selbstbewusstsein bei den Kindern und Jugendlichen gibt.

Abbildung 1Abbildung 1 (© 2010 bpb/Universität Bielefeld)
In der Abbildung 1 sind ausgewählte Items aufgeführt und nach der Schulformzugehörigkeit getrennt dargestellt. Die Eingangsfrage lautete: "Wie leicht fällt es Dir…" und die Antwortmöglichkeiten variierten zweistufig zwischen "leicht" und "schwer". Alle hier dargestellten Items variieren signifikant nach Schulform.

Erkennbar ist, dass insbesondere Förderschüler/innen ein gegenüber den anderen Schülergruppen eingeschränktes Selbstvertrauen haben. Nur beim Item: "’Nein’ zu sagen, wenn der Lehrer Dich um etwas bittet, was Du nicht tun möchtest" dreht sich die Korrelation um. Dass Förderschüler/innen hier deutlich mehr Selbstvertrauen haben, den Lehrkräften eine Bitte abzuschlagen, liegt in der spezifischen Förderschulpädagogik begründet.

Das zweite Item ist für politisches Handeln besonders relevant Hier wird die Signifikanz dadurch erzeugt, dass Förderschüler/innen sich deutlich von Hauptschüler/innen und Gymnasiast/innen unterscheiden. Knapp vier Fünftel der Gymnasiast/innen und knapp drei Viertel der Hauptschüler/innen, aber lediglich 57 % der Förderschüler/innen geben an, dass es ihnen leicht fällt, Kritik gegenüber anderen zu äußern. Das ebenfalls für politisches Handeln wichtige dritte Item – eine andere Meinung zu vertreten als deine Freunde – zeigt in dieselbe Richtung. Es variiert gegenüber dem zweiten Item nur wenig. Beim letzten Item, die Gesprächsaufnahme mit Unbekannten, liegen die Gymnasiast/innen deutlich über den beiden anderen Gruppen. Knapp die Hälfte gibt hier an, dass ihnen die Gesprächsaufnahme leicht fällt, aber nur rund ein Drittel der Hauptschüler/innen und Förderschüler/innen.


Abbildung 2Abbildung 2 (© 2010 bpb/Universität Bielefeld)
Abbildung 2 stellt so genannte internale Kontrollüberzeugungen im Schulformvergleich dar. Auch hier zeigen sich markante Differenzen in den jeweiligen Schulklientelen. So stimmen lediglich 13 % der Gymnasiast/innen der Aussage "Das meiste wird von selbst wieder gut, wenn man sich gar nicht darum kümmert" zu, gegenüber 29 % der Förderschüler/innen und sogar 37 % der Hauptschüler/innen. Das zweite, ähnlich gelagerte Item "Über das Leben entscheidet sowieso immer nur Zufall (Glück und Unglück)" weist eine analoge Verteilung auf. Auch hier haben die Hauptschüler/innen die geringsten internalen Kontrollüberzeugungen. Knapp zwei Drittel von ihnen stimmen der Aussage zu sowie 57,5 % der Förderschüler/innen, aber nur 38 % der Gymnasiast/innen. Im elterlichen Lebensbereich stimmen etwa die Hälfte der Förderschüler/innen und Hauptschüler/innen der Aussage zu "Ich habe meistens wenig Einfluss auf Entscheidungen bei uns zuhause", aber nur etwa ein Viertel der Gymnasiast/innen. Bei diesen drei Items wird die Signifikanz dadurch erzeugt, dass sich die Gymnasiast/innen gegenüber den beiden anderen Schülergruppen in ihrem Antwortverhalten deutlich unterscheiden. Beim letzten Item ist die Zustimmungsquote zur Aussage "Es ist fast unmöglich, die Meinung meiner Eltern zu ändern" bei Förderschüler/innen und Gymnasiast/innen gleich, die Hauptschüler/innen liegen mit 63 % signifikant darüber. Es ist davon auszugehen, dass die Förderschüler/innen etwas bessere Werte als die Hauptschüler/innen aufweisen, weil die Förderschuldidaktik stärker als die Hauptschuldidaktik darum bemüht ist, auf die Wünsche der Schüler/innen einzugehen.

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Statements

Uwe BittlingmayerUwe Bittlingmayer
Uwe Bittlingmayer: "Also für mich war eine der ganz großen Überraschungen, – als wir angefangen haben zu recherchieren auf der Grundlage unserer Expertise für die Bundeszentrale für politische Bildung wusste ich noch sehr wenig über dieses ganze Förderschulsystem – dass ein Politikunterricht an Förderschulen gar nicht stattfindet. Es gibt gar kein Fach Politikunterricht, so wie ich das erwartet hätte."

"Soziales Lernen ist bereits eine Form politischer Bildung, weil man Interessen abwägen muss, weil man zu Kooperationen kommen muss, weil man sich gegenseitig Vertrauen schenken muss in bestimmten Bereichen."

Klaus HurrelmannKlaus Hurrelmann
Klaus Hurrelmann: "Dass soziales Lernen für die Schülerinnen und Schüler an Förderschulen unmittelbar wichtig und auch machbar ist, das wissen die Lehrkräfte. Deswegen ist der Einstieg über das soziale Lernen sehr klug gewählt."







Diana SahraiDiana Sahrai
Diana Sahrai: "Weil sozial Benachteiligte sich seltener politisch engagieren, wäre es ja eigentlich ein Grund, dass gerade an diesen Schulen politische Bildung verstärkt eingesetzt wird."

"Politik fängt ja schon da an, dass ich Einfluss nehme auf das, was um mich herum passiert."




Quellen:

Bittlingmayer, Uwe H. / Gerdes, Jürgen / Sahrai, Diana (2012): Politische Bildung unter erschwerten Bedingungen am Beispiel der Förderschule. Einige Anmerkungen aus der Perspektive des VorBild-Projekts. In: Widmaier, Benedikt / Nonnenmacher, Frank (Hrsg.): Politische Bildung unter erschwerten Bedingungen. Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag.

Bittlingmayer, Uwe H. / Gerdes, Jürgen / Sahrai, Diana / Scherr, Albert (2012): Entpolitisierung wider Willen? Anmerkungen zum Spannungsverhältnis von schulischen Social- und Life Skills-Programmen und politischer Bildung. In: Bremer, Helmut / Kleemann-Göring, Mark / Trumann, Jana (Hrsg.): Politische Bildung – Politisierende Bildung – Politische Sozialisation. Weinheim/München: Juventa.


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