Oral History
Chancen, Grenzen, Praxis
Die Arbeit mit Zeitzeugen birgt Risiken, erfordert sorgfältige und aufwändige Vorbereitung. Aber der Aufwand lohnt. Ein kritischer Überblick."Ein Zeitzeuge der NS-Geschichte ist Hitler, Goebbels, Göring und Himmler persönlich begegnet, war in Auschwitz, Stalingrad und auf dem Nürnberger Parteitag. Er erinnert sich detailliert an jedes seiner Erlebnisse, versteht diese anschaulich zu schildern, ist zu 100% glaubwürdig und überdies sehr sympathisch."
In Auschwitz eintätowierte Nummer des ehemaligen Häftlings Werner Bab. (© Christian Ender / Imdialog e.V.)So beschreibt Angelika Rieber die ungeheure Autorität, die viele Jugendliche einem Zeitzeugen zuerkennen. Auch Lehrkräfte erwarten laut Gottfried Kößler häufig "so etwas wie einen Sprung der Erkenntnis". Ist diese Erwartung berechtigt? Kößler: "Die banale, aber grundlegende Wahrheit bei der Planung pädagogischer Prozesse gilt auch hier: Zunächst ist zu überlegen, wer eigentlich was lernen soll und kann." Als Lernziele werden immer wieder genannt: Empathie und Solidarität für Ausgegrenzte und Schwache, Zivilcourage, Mitverantwortung, Toleranz, Respekt für Menschenrechte und Demokratie, Immunisierung gegen rechtsextreme Positionen.
Zeitzeugen werden oft als ein Stück unverfälschter, wandelnder Geschichte missverstanden. Aber der Bericht des Zeitzeugen ist nicht historische Wahrheit, sondern eine Konstruktion, an der Wahrnehmung, Erinnerungsvermögen, historisches Wissen, ethische Überzeugungen und sprachliche Ausdrucksfähigkeit beteiligt sind. Wir unterstellen gern, dass diese Konstruktion der Vergangenheit unserer eigenen Einschätzung entsprechen müsse. Wie falsch diese Annahme ist, wird unmittelbar einsichtig, wenn wir einmal annehmen, unser Zeitzeuge wäre zum Beispiel Adolf Eichmann.
Auswahl des Zeitzeugen
Die Arbeit mit Zeitzeugen beginnt mit der Auswahl. Diese ist nach mehr als sechs Jahrzehnten nicht mehr groß. Für die wissenschaftliche Forschung ist jede Zeitzeugenaussage von Interesse. Die pädagogische Praxis stellt jedoch höhere Anforderungen.
Methodensteckbrief
Zur Vorbereitung einer Begegnung mit Jugendlichen gehört die Überprüfung der Plausibilität der Erinnerungen vor dem Hintergrund der wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse. Zu klären ist ferner, ob der Zeitzeuge seine Erinnerungen in einer nachvollziehbaren Form wiedergeben kann. Nicht zuletzt bedarf es einer realistischen Einschätzung, ob er den physischen und psychischen Belastungen gewachsen ist.
Begleitpersonen und Komplikationen
Zeitzeugen sollten nicht allein einer Begegnung mit für sie bis dahin Fremden ausgesetzt werden. Ideal ist die Begleitung durch eine vertraute Person, die ihre Biografie und zugleich als Historiker die übergreifenden Zusammenhänge kennt. Denn erfahrungsgemäß werden Zeitzeugen stets auch mit Fragen konfrontiert, die eher an Historiker gerichtet werden sollten. Zwischen Organisator und Zeitzeuge muss ein Vertrauensverhältnis existieren, das auch und gerade dann tragfähig ist, wenn die Begegnung einen unerwarteten, unbefriedigenden Verlauf nimmt. Auch erfahrene Zeitzeugen sind nicht vor einer Retraumatisierung gefeit. Die psychosoziale Betreuung muss sehr ernst genommen werden.
Dossier
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