Was heißt Islamismus?

Erklärfilm aus dem Dossier Islamismus – bpb.de/islamismus

Kaum ein Wort hat nach den Anschlägen vom 11. September 2001 eine derartige Konjunktur erfahren wie Islamismus. Aber was genau versteht man unter Islamismus? Welche Gruppen und Strömungen gibt es? Und auf welche ideologischen (Vor-)Denker berufen sie sich? Sind alle Islamisten Gewalttäter?

Inhalt

Kaum ein Wort hat nach den Anschlägen vom 11. September 2001 eine derartige Konjunktur erfahren wie Islamismus. Aber was genau versteht man unter Islamismus? Welche Gruppen und Strömungen gibt es? Und auf welche ideologischen (Vor-)Denker berufen sie sich? Sind alle Islamisten Gewalttäter? Diesen und anderen Fragen geht der 10-minütige Film der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb nach, der im Rahmen des Dossier Islamismus erscheint (www.bpb.de/islamismus). Er beleuchtet wichtige Ideologien der radikalen Herrschaftstheorie, bettet sie überblicksartig in historische Entwicklungen ein und blickt auch auf jüngere Entwicklungen wie das Ausbreiten der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS).

Transkript: Was heißt Islamismus?

In Deutschland leben rund fünf Millionen Menschen mit muslimischem Hintergrund. Ob und wie sie ihre Religion leben und interpretieren, ist sehr unterschiedlich.

Ein kleiner Teil dieser fünf Millionen Muslime kann als Islamisten bezeichnet werden. In Deutschland geht der Verfassungsschutz von rund 44.000 Islamisten aus.

Innerhalb des Islamismus gibt es wiederum ein sehr breites Spektrum unterschiedlicher Strömungen und Gruppen.

Sie haben unterschiedliche Ziele und Vorstellungen davon, wie das politische System aussehen sollte. Manche lehnen Gewalt ab, andere befürworten sie oder sehen in ihr den einzigen Weg zum Erreichen ihres Ziels.

Was Islamismus bedeutet und welche Personen und Rahmenbedingungen für den Islamismus wesentlich waren und sind, zeigt dieser Film.

Nach dem 1. Weltkrieg endet ein langer geopolitischer Niedergang der islamischen Welt: Das osmanische Reich wird aufgelöst und viele Regionen wie Palästina, der Irak oder Nordafrika fallen unter europäische Herrschaft.

Schon im 18. und 19. Jahrhundert zeigt sich, dass die muslimische Welt technologisch, wissenschaftlich und militärisch vom Westen abgehängt wird.

Gelehrte wie Jamal ad-Din Al-Afghani, Muhammad Abduh und Rashid Rida formulierten schon damals die ideologischen Grundlagen für den Islamismus. Ein wichtiger Grundgedanke: Die historische Schwäche der islamischen Welt liege in der unislamischen Lebensweise der Menschen. Um zurück zu alter Stärke zu finden, müssten die Muslime wieder gottgefälliger Leben.

Der Maßstab dafür sind die Muslime der ersten drei Generationen, die Salaaf Asalih, die zwischen dem 7. und dem 9., Jahrhundert lebten. Der Begriff bedeutet so viel wie „Altvordere“ und ist Namensgeber für den Salafismus.

Durch die Rückbesinnung auf die Ursprünge soll der wesentliche Kern der Religion freigelegt werden und als Grundlage für die Schaffung einer modernen Gesellschaft dienen.

Muhammad Bin Abdal Wahhab, Namensgeber des Wahhabismus, hat im 18. Jahrhundert ähnlich geschlussfolgert und die Rückbesinnung besonders wörtlich ausgelegt. Die sunnitischen Wahhabiten stehen insbesondere technologischen und sozialen Neuerungen skeptisch gegenüber. Sie bekämpfen den schiitischen Islam und wenden sich unter anderem gegen Heiligenverehrung und den Sufismus.

Der Ägypter Hassan al-Banna gründet 1928 die Muslimbruderschaft, die erste und bis heute eine der einflussreichsten islamistischen Gruppen mit Ablegern in vielen arabischen Ländern.

Er formuliert einen Grundgedanken auf den sich alle Islamisten beziehen: Die Religion soll nicht nur für den privaten, spirituellen Bereich gelten, sondern alle Lebensbereiche ordnen, also auch die Politik, die Wirtschaft und das Rechtssystem.

Diese Grundansätze haben sich im Laufe des 20. Jahrhunderts durch verschiedene politische, soziale und ökonomische Faktoren in einzelnen Ländern und international weiter geformt und entwickelt. Die wichtigsten Entwicklungen:

Der Wahhabismus geht im 18. Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel eine Allianz mit dem Königshaus Saud ein, die bis heute hält und die religiöse Legitimitätsgrundlage für die Monarchie in Saudi-Arabien ist. Die gigantischen Öleinnahmen des Landes sind im 20. und 21. Jahrhundert die finanzielle Grundlage für den Export dieser Ideologie in die ganze Welt. Der Salafismus wahabbitischer Prägung ist in Europa die derzeit am stärksten wachsende islamistische Strömung. Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern wird von Islamisten als Propagandainstrument genutzt. Seit die islamistische Hamas zum wichtigsten Gewaltakteur auf palästinensischer Seite aufgestiegen ist, wird der Konflikt immer häufiger religiös gedeutet. Islamisten werfen dem Westen vor, einseitig Israel zu unterstützen. Das befeuert auch das Feindbild des Westens innerhalb des Islamismus.

Ein weitere entscheidende Rahmenbedingung: Die meisten Staaten der islamischen Welt waren und sind autoritär regiert. In den Diktaturen haben sich islamistische Strömungen oft zur einzigen nennenswerten Opposition entwickelt und gegen die autokratischen Herrscher aufbegehrt. Das hat ihre Legitimität in den Augen der Bevölkerung erheblich erhöht.

Die Diktaturen bekämpfen die islamistische Opposition oft mit Gewalt. In Ägypten werden in den 1950er Jahre viele Mitglieder der Muslimbruderschaft hingerichtet oder in Foltergefängnisse gesteckt. In einem dieser Gefängnisse kommt der Muslimbruder Sayyid Qutb zu dem Schluss, dass eine friedliche islamistische Opposition das Land nicht verändern wird. Er entwickelt die ideologische Grundlage für den bewaffneten Kampf, oft auch Jihadismus genannt. Damit legt er die Grundlage für eine große Vielzahl an gewalttätigen Organisationen.

Ein guter Nährboden für den Islamismus ist die schwierige wirtschaftliche Situation in vielen Ländern der islamischen Welt, besonders im arabischen Raum. Verbesserungen in den Bildungssystemen haben zu einem höheren Ausbildungsgrad geführt. Aber die vielen jungen Absolventen haben kaum Aussicht auf Arbeit und damit auf die Grundlage für eine Familiengründung.

Islamistische Bewegungen stoßen häufig in Versorgungslücken, die die ineffizienten Staaten hinterlassen. Die ägyptische Muslimbruderschaft betreibt z.B. Krankenhäuser, Kindergärten und Suppenküchen. Auch diese karitativen Tätigkeiten tragen viel zu ihrer Beliebtheit bei.

1979 wird im Iran der Schah gestürzt. Es entsteht ein islamischer Staat unter der Führung Ajatollah Chomeinis. Viele Islamisten sehen sich durch diesen Erfolg in ihrem revolutionären Kampf bestätigt Der Iran unterstützt anschließend islamistische Organisationen wie die Hisbollah und die Hamas.

Aus dem Krieg zwischen der Sowjetunion und den von Pakistan, den USA und Saudi-Arabien unterstützten islamistischen Mujaheddin geht in Afghanistan ein neuer jihadistischer Ansatz hervor. Bisher ging es in erster Linie darum, im eigenen Land etwas zu erreichen. Nun gründen Afghanistanveteranen um Osama bin Laden mit Al-Qaida die erste Organisation mit globalem Anspruch.

Al-Qaidas Anschlag auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September 2001 haben Islamismus und Jihadismus in den sicherheitspolitischen Fokus der westlichen Staaten gerückt. Der Angriff von „9/11“ und der anschließende Krieg gegen den Terror haben eine Konfliktspirale in Gang gesetzt, die zur Destabilisierung des Nahen Ostens beigetragen hat.

2003 haben die USA und ihre Verbündeten den Irak angegriffen und den Diktator Saddam Hussein gestürzt. Die nachfolgenden jahrelangen blutigen Auseinandersetzungen im Irak haben das Land destabilisiert. Sie haben damit einer neuartigen jihadistischen Organisation viel Raum zur Expansion gegeben.

Dem Islamischen Staat. Der Miliz ist es 2014 gelungen größere Gebiete im Irak und in Syrien zu erobern und in diesem Gebiet quasi-staatliche Strukturen wie ein Steuersystem zu etablieren. Der IS rekrutiert erfolgreich auch in europäischen Staaten und koordiniert dort Anschläge wie in Paris 2015 und in Brüssel 2016. Die Radikalisierung junger Muslime in Folge der geschickten IS-Propaganda ist in Europa und Deutschland zu einem Problem geworden.

Gewalttätige jihadistische Gruppen bekommen viel Aufmerksamkeit. Doch auch gemäßigte Islamisten spielen in vielen Ländern eine Rolle in den politischen Systemen. So etwa die Ennahda in Tunesien, die PJD in Marokko oder die AKP in der Türkei.

Islamismus ist also ein sehr breiter Begriff. Er fasst eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Gruppen und Bewegungen zusammen, die verschiedene Ziele und Strategien verfolgen.

Weitere Informationen

  • Produktion: 2016

  • hrsg. von: Bundeszentrale für politische Bildung/bpb

 
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