„Leben im ewigen, kritischen Misstrauen“

Beitrag von Hans-Joachim Maaz

Die Integration des Verdrängten und Tabuisierten. Zum Umgang mit dem Thema Flucht und Vertreibung in der DDR.

Inhalt

Dr. Hans-Joachim Maaz, Chefarzt der Psychotherapeutischen Klinik im Evangelischen Diakoniewerk Halle. Er beleuchtet das Thema „Flucht und Vertreibung“ jedoch nicht nur aus medizinischer Sicht, sondern auch aus der Perspektive eines DDR-Bürgers und selbst Vertriebenen. 1943 in Dolni Poustevna/ Niedereinsiedel (Tschechien) geboren, flüchtet er mit seiner Familie in den 40er Jahren nach Sachsen. Im ersten Teil seines Vortrags beschreibt Maaz den Umgang mit Flucht und Vertreibung in der DDR. Wenngleich damals ca. vier Millionen DDR-Bürger Flüchtlinge sind, findet ein öffentlicher Diskurs nicht statt – das Thema wird tabuisiert. Viele Familien übernehmen zudem die kollektive, offizielle Leugnung, so dass bis zur Wiedervereinigung keine Fälle von seelischen Verletzungen Vertriebener öffentlich werden. Nach diesem Rückblick beleuchtet Maaz die unbewusste Fortführung des Fluchtthemas in Vergangenheit und Gegenwart. Zum einen sieht er in der Flucht- und Ausreisewelle zu Zeiten der DDR eine Re-Inszenierung des unverstandenen Traumas. Circa ein Viertel der Vertriebenen in der DDR fliehen noch vor dem Mauerfall in den – vielfach idealisierten – Westen. Zum anderen deutet Maaz die anhaltende Ostalgie-Welle gleichermaßen als Versuch und Abwehr über den Verlust der DDR zu trauern. Zum Schluss gewährt er einen Einblick in seine ganz persönliche Erfahrung mit diesem Thema. Der erlebte Heimatverlust zeigt sich bei ihm noch heute in einer kritischen Distanz zum gesellschaftlichen System.

Weitere Informationen

  • Redaktion: Lothar G. Kopp

  • Produktion: 12.12.2003

  • Spieldauer: 00:25:36

  • hrsg. von: Bundeszentrale für politische Bildung

 
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