Die Freunde als Stasi-Spitzel

Die Eröffnung der Gauckbehörde

von: Roland Jahn und Peter Wensierski

Die erste offizielle Akteneinsicht offenbart es: die Stasi versuchte, ganze Biografien zu zerstören. KONTRASTE gewährt exklusive Einblicke in die Akten prominenter Bürgerrechtler.

Inhalt

Es war ein Vorgang von welthistorischer Bedeutung als im Dezember 1989 und im Januar 1990 Bürgerinnen und Bürger in der DDR die Zentralen der Geheimpolizei besetzten und die Regierung zwangen, den übermächtigen Apparat ersatzlos aufzulösen. Noch nie zuvor stand das Geheimwissen in Millionen Akten einer demokratischen Öffentlichkeit zur Verfügung.

Schon bald tauchten in vielen Redaktionsstuben MfS-Akten aus oft dubiosen Quellen auf. Manche versuchten mit diesen Akten finanzielle Vorteile zu erzielen. Zahlreiche Gerüchte kursierten, und es drohte eine Situation, in der mit zweifelhaften Akten Erpressungen erfolgen und die offene Gesellschaft in einen bedrohlichen Zustand versetzt werden konnte. Daher war es notwendig, den Umgang mit den MfS-Akten auf eine gesetzlich gesicherte Grundlage zu stellen. Denn zur Öffnung der Archive gab es keine Alternative. Nur die Öffnung konnte selbst zur Demokratisierung der Gesellschaft beitragen. Eine Vernichtung der Akten hätte diese eher erschweren, wenn nicht sogar verhindern können.

Am 7. Juni 1990 beschloss die frei gewählte Volkskammer, dass ein Sonderausschuss zur Kontrolle der Auflösung des MfS/AfNS eingesetzt würde. Dieser Sonderausschuss, dem Joachim Gauck vorstand, war die Geburtsstunde der späteren "Gauck-Behörde". Am 24. August 1990 verabschiedete die Volkskammer ein Gesetz über den Umgang mit den MfS-Unterlagen. Als dieses keinen Eingang in den Einigungsvertrag fand, besetzten Bürgerrechtler das MfS-Archiv, traten zeitweise in den Hungerstreik, erhielten prominente und massenhafte Unterstützung und beeinflussten medienwirksam eine Sitzung der Volkskammer.

Am 18. September 1990 wurde dann aufgrund dieser Proteste und wegen des Engagements von Bürgerrechtlern, die in der Volkskammer als Abgeordnete saßen, im Einigungsvertrag festgeschrieben, dass der Bundestag unverzüglich ein MfS-Unterlagen-Gesetz verabschieden solle. Am 3. Oktober 1990 folgte Joachim Gaucks Ernennung zum Sonderbeauftragten der Bundesregierung. Ihm standen anfangs 52 Mitarbeiter zur Seite. Am 14. November 1991 verabschiedete der Bundestag das "Stasiunterlagengesetz" und am 2. Januar 1992 eröffnete offiziell die Behörde des "Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR", nach ihrem ersten Leiter auch "Gauck-Behörde" genannt. Bald arbeiteten hier fast 3.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und verhalfen den Bürgern zu ihrem Recht, "ihre" Akte einzusehen. Außerdem bearbeiteten sie Millionen Anträge öffentlicher Einrichtungen auf Überprüfung, ob jemand mit dem MfS zusammengearbeitet habe. Zu der von einigen befürchteten Hysterie kam es nicht. Die ersten, die am 2. Januar 1990 ihre Akte einsehen durften, waren prominente Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler. (Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk)

Quelle: Dieser Beitrag ist Teil der DVD-Edition "Kontraste - Auf den Spuren einer Diktatur".

Weitere Informationen

  • Kamera: Stephan Ambrosius

  • Schnitt: Sylvia Krüger

  • Produktion: 06.01.1992

  • Spieldauer: 00:21:30

  • hrsg. von: Bundeszentrale für politische Bildung und RBB

 
© 2005 Bundeszentrale für politische Bildung und RBB

Weitere Medien zum Thema

Aufbruch im Osten 1987 - 1989

Aufbruch im Osten 1987 - 1989

Geheime Videos und mutige Bürger

Der Opposition in der DDR ein Stimme zu verleihen, ist das Credo der 12 Fernsehbeiträge aus der Zeit vor dem Mauerfall 1989. KONTRASTE berichtet von Oppositionellen und Ausreisewilligen. Weiter...

Spontan leben

Spontan leben

Jugend in Jena

Jugendliche Spontanität und Selbständigkeit passen nicht ins sozialistische Weltbild der DDR-Führung und werden hart bestraft. KONTRASTE zeigt wie der Freiheitsdrang junger Menschen unterdrückt wird. Weiter...

Tanzen aus der Reihe

Tanzen aus der Reihe

Rebellion am Brandenburger Tor

Ostberliner Jugendliche wollen einem Open-Air-Konzert im Westen zuhören. Die DDR-Polizeit greift ein. Der KONTRASTE-Beitrag zeigt: der Ruf nach Demokratie und Freiheit wird immer lauter. Weiter...

Glasnost von unten

Glasnost von unten

Drang nach Pressefreiheit

Glasnost, die neue Offenheit in der sowjetischen Presse, bringt in der DDR keine Pressefreiheit. KONTRASTE zeigt Oppositionelle, die den staatlichen Medien eine alternative Öffentlichkeit gegenüberstellen. Weiter...

Streben nach Mündigkeit

Streben nach Mündigkeit

Die unabhängige Friedensbewegung

Pazifisten, Bürgerrechtler und Umweltschützer formieren sich als Opposition zum SED-Staat. KONTRASTE berichtet über die immer stärker werdende unabhängige Friedensbewegung der DDR. Weiter...

Widerstehen

Widerstehen

Vom Staatskünstler zum Staatsfeind

Ihr Aufbegehren endete mit Gefängnis und Abschiebung in den Westen. KONTRASTE zeichnet den Lebensweg der Theaterregisseurin Freya Klier und des Musikers Stephan Krawczyk nach. Weiter...

Nicht mehr mitmachen

Nicht mehr mitmachen

Ausreise als Ausweg

KONTRASTE zeigt Menschen, die es trotz Wohlstand und Erfolg in der DDR nicht mehr aushielten. Sie erzählen, warum sie im Westen von vorne anfangen wollen. Weiter...

Nichts wie raus

Nichts wie raus

Flucht unter Lebensgefahr

Vor allem junge Menschen haben die Hoffnung auf eine Besserung der Verhältnisse in der DDR aufgegeben. KONTRASTE zeigt spektakuläre Aufnahmen gefährlicher Fluchtaktionen an der innerdeutschen Grenze. Weiter...

Protest gegen Zensur

Protest gegen Zensur

Die Zeitungen der Kirche

KONTRASTE zeigt auf, wie die kirchlichen Zeitungen in der DDR zensiert werden. Systemkritiker protestieren gegen die staatlichen Einschränkungen und bestehen auf Meinungs-, Presse- und Informationsfreiheit. Weiter...

Aufruf zum Boykott

Aufruf zum Boykott

Die Wahlen als Farce

KONTRASTE gibt der DDR-Opposition eine Stimme. Anlässlich der Kommunalwahlen 1989 fordern Bürgerrechtler statt Einheitsliste und Einheitspartei freie und geheime Wahlen oder aber einen Wahlboykott. Weiter...

Jetzt oder nie

Jetzt oder nie

Leipziger Montagsdemonstrationen

Die Leipziger Demonstrationen im Herbst 1989 sind der Ausgangspunkt für die friedliche Revolution in der DDR. KONTRASTE zeigt die Bilder der demonstrierenden Massen. Weiter...

Nichts geht mehr

Nichts geht mehr

Wo sind die Reformer?

Viele Menschen sehen keine Chance mehr und wollen in den Westen. KONTRASTE beschreibt die Situation in der DDR wenige Wochen vor der friedlichen Revolution. Weiter...

Stasi am Ende?

Stasi am Ende?

Die Auflösung des Geheimdienstes

Die Staatssicherheit versucht sich zu retten. Die Mitarbeiter wollen vertuschen, wie sie die Bevölkerung unterdrückt haben. KONTRASTE findet heraus, wie Akten abtransportiert und vernichtet werden. Weiter...

Alles unter Kontrolle?

Alles unter Kontrolle?

Video-Überwachung der Staatsfeinde

Die Überwachungskameras im Ost-Berliner Zentrum dienen offiziell nur der Verkehrsbeobachtung. KONTRASTE enthüllt, dass damit unliebsame Menschen observiert werden – vor und nach dem Mauerfall. Weiter...

Den Bock zum Gärtner?

Den Bock zum Gärtner?

Der neue DDR-Justizminister Wünsche

Auch in der frei gewählten neuen DDR-Regierung sitzen alte Kader. Kurt Wünsche war schon einmal DDR-Justizminister. KONTRASTE zeichnet seine politische Laufbahn nach. Weiter...

Vom Rechtsbeuger zum Rechtsanwalt

Vom Rechtsbeuger zum Rechtsanwalt

Die Karriere von DDR-Juristen

In der DDR haben sie Bürgerrechtler zu Gefängnisstrafen verurteilt. KONTRASTE deckt auf, wie DDR-Richter nach dem Zusammenbruch des SED-Regimes nahtlos ins neue Rechtssystem wechseln. Weiter...

Unentdeckt in die deutsche Einheit

Unentdeckt in die deutsche Einheit

Die Stasi-Offiziere im "besonderen Einsatz"

Sie arbeiten heimlich für die Stasi und sitzen immer noch unerkannt an den Schaltstellen von DDR-Betrieben und –Behörden. Das KONTRASTE-Team spürt die "OibE" auf und enttarnt sie live vor der Kamera. Weiter...

Die Wahrheit muss raus

Die Wahrheit muss raus

Bekenntnisse einer Stasi-Agentin

Als inoffizielle Mitarbeiterin spionierte Monika Haeger die Berliner Oppositionsbewegung aus. Nach dem Mauerfall stellt KONTRASTE sie zur Rede und legt die Gedankenwelt eines Spitzels offen. Weiter...

Von der Stasi zum BGS

Von der Stasi zum BGS

Alte Schnüffler in neuen Uniformen

An den DDR-Grenzen kontrollierten Stasi-Offiziere die Pässe. KONTRASTE enthüllt: Jetzt arbeiten dieselben Leute für den Bundesgrenzschutz. Weiter...