Von der Stasi zum BGS

Alte Schnüffler in neuen Uniformen

von: Roland Jahn und Peter Wensierski

An den DDR-Grenzen kontrollierten Stasi-Offiziere die Pässe. KONTRASTE enthüllt: Jetzt arbeiten dieselben Leute für den Bundesgrenzschutz.

Inhalt

"Stasi in die Produktion" – das war eine zentrale Forderung im Herbst 1989. Gemeint war damit, dass das Ministerium für Staatssicherheit aufgelöst und die flächendeckende Bespitzelung, die für niemanden ein Geheimnis war, aufhören sollte. Die Menschen wollten endlich angstfrei leben. Sie riefen nach Recht und Gerechtigkeit, nach Transparenz und Wahrheit. Mit der Forderung "Stasi in die Produktion" war auch die selbstverständliche Forderung verbunden, dass zum Beispiel MfS-Offiziere nicht mehr an sensiblen und vertrauensvollen Stellen der Gesellschaft tätig sein sollten. Sie sollten nicht auf einmal als Lehrer oder Hochschullehrer arbeiten, nicht bei der Polizei, in Gerichten, in Verwaltungsbehörden oder beim Zoll.

Solche Selbstverständlichkeiten stellten sich schnell als Trugschlüsse heraus. Zunächst trug dazu ein Beschluss der letzten SED-Regierung unter Hans Modrow bei, nach dem alle ihre Personalunterlagen "säubern" durften. Sodann kam hinzu, dass nach der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 Bundeseinrichtungen für sich reklamierten, sie bräuchten ostdeutsche "Fachkräfte", um ihren Aufgaben gerecht werden zu können. In vielen Bereichen wurden frühere IM schon für geringfügige Taten fristlos entlassen, aber ausgerechnet das Bundesinnenministerium übernahm mehr als eintausend hauptamtliche MfS-Mitarbeiter und stellte sie beim Bundesgrenzschutz an. Deren Aufgabe bestand bis 1989 darin, die "Feinde" der DDR zu bekämpfen. Zu diesen Feinden zählten stets die Bundesrepublik und die meisten ihrer Bürger.

Nun, frisch über Nacht gewendet, sollten ausgerechnet diese MfS-Mitarbeiter die Außengrenzen der Bundesrepublik schützen und kontrollieren. Sie selbst hatten keine Gewissensbisse. "Ich brauche mir nichts vorzuwerfen!", war ein häufig gehörter Satz. Jegliche individuelle Schuld oder Mitschuld bestritten die meisten. Viele Menschen, die das Treiben der früheren MfS-Mitarbeiter mit ansehen mussten, waren fassungslos und konnten nur mit dem Kopf schütteln. Von einer Hetzjagd auf frühere MfS-Mitarbeiter, wie manche glaubten beobachten zu können, war jedenfalls nichts zu sehen. Die ostdeutsche Gesellschaft hat ihre Revolution nicht nur friedlich begonnen, sondern auch friedlich zu Ende gebracht. (Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk)

Quelle: Dieser Beitrag ist Teil der DVD-Edition "Kontraste - Auf den Spuren einer Diktatur".

Weitere Informationen

  • Kamera: Axel Reinhardt

  • Schnitt: Gisela Thiemann

  • Produktion: 02.07.1991

  • Spieldauer: 00:15:04

  • hrsg. von: Bundeszentrale für politische Bildung und RBB

 
© 2005 Bundeszentrale für politische Bildung und RBB

Weitere Medien zum Thema

Aufbruch im Osten 1987 - 1989

Aufbruch im Osten 1987 - 1989

Geheime Videos und mutige Bürger

Der Opposition in der DDR ein Stimme zu verleihen, ist das Credo der 12 Fernsehbeiträge aus der Zeit vor dem Mauerfall 1989. KONTRASTE berichtet von Oppositionellen und Ausreisewilligen. Weiter...

Spontan leben

Spontan leben

Jugend in Jena

Jugendliche Spontanität und Selbständigkeit passen nicht ins sozialistische Weltbild der DDR-Führung und werden hart bestraft. KONTRASTE zeigt wie der Freiheitsdrang junger Menschen unterdrückt wird. Weiter...

Tanzen aus der Reihe

Tanzen aus der Reihe

Rebellion am Brandenburger Tor

Ostberliner Jugendliche wollen einem Open-Air-Konzert im Westen zuhören. Die DDR-Polizeit greift ein. Der KONTRASTE-Beitrag zeigt: der Ruf nach Demokratie und Freiheit wird immer lauter. Weiter...

Glasnost von unten

Glasnost von unten

Drang nach Pressefreiheit

Glasnost, die neue Offenheit in der sowjetischen Presse, bringt in der DDR keine Pressefreiheit. KONTRASTE zeigt Oppositionelle, die den staatlichen Medien eine alternative Öffentlichkeit gegenüberstellen. Weiter...

Streben nach Mündigkeit

Streben nach Mündigkeit

Die unabhängige Friedensbewegung

Pazifisten, Bürgerrechtler und Umweltschützer formieren sich als Opposition zum SED-Staat. KONTRASTE berichtet über die immer stärker werdende unabhängige Friedensbewegung der DDR. Weiter...

Widerstehen

Widerstehen

Vom Staatskünstler zum Staatsfeind

Ihr Aufbegehren endete mit Gefängnis und Abschiebung in den Westen. KONTRASTE zeichnet den Lebensweg der Theaterregisseurin Freya Klier und des Musikers Stephan Krawczyk nach. Weiter...

Nicht mehr mitmachen

Nicht mehr mitmachen

Ausreise als Ausweg

KONTRASTE zeigt Menschen, die es trotz Wohlstand und Erfolg in der DDR nicht mehr aushielten. Sie erzählen, warum sie im Westen von vorne anfangen wollen. Weiter...

Nichts wie raus

Nichts wie raus

Flucht unter Lebensgefahr

Vor allem junge Menschen haben die Hoffnung auf eine Besserung der Verhältnisse in der DDR aufgegeben. KONTRASTE zeigt spektakuläre Aufnahmen gefährlicher Fluchtaktionen an der innerdeutschen Grenze. Weiter...

Protest gegen Zensur

Protest gegen Zensur

Die Zeitungen der Kirche

KONTRASTE zeigt auf, wie die kirchlichen Zeitungen in der DDR zensiert werden. Systemkritiker protestieren gegen die staatlichen Einschränkungen und bestehen auf Meinungs-, Presse- und Informationsfreiheit. Weiter...

Aufruf zum Boykott

Aufruf zum Boykott

Die Wahlen als Farce

KONTRASTE gibt der DDR-Opposition eine Stimme. Anlässlich der Kommunalwahlen 1989 fordern Bürgerrechtler statt Einheitsliste und Einheitspartei freie und geheime Wahlen oder aber einen Wahlboykott. Weiter...

Jetzt oder nie

Jetzt oder nie

Leipziger Montagsdemonstrationen

Die Leipziger Demonstrationen im Herbst 1989 sind der Ausgangspunkt für die friedliche Revolution in der DDR. KONTRASTE zeigt die Bilder der demonstrierenden Massen. Weiter...

Nichts geht mehr

Nichts geht mehr

Wo sind die Reformer?

Viele Menschen sehen keine Chance mehr und wollen in den Westen. KONTRASTE beschreibt die Situation in der DDR wenige Wochen vor der friedlichen Revolution. Weiter...

Stasi am Ende?

Stasi am Ende?

Die Auflösung des Geheimdienstes

Die Staatssicherheit versucht sich zu retten. Die Mitarbeiter wollen vertuschen, wie sie die Bevölkerung unterdrückt haben. KONTRASTE findet heraus, wie Akten abtransportiert und vernichtet werden. Weiter...

Alles unter Kontrolle?

Alles unter Kontrolle?

Video-Überwachung der Staatsfeinde

Die Überwachungskameras im Ost-Berliner Zentrum dienen offiziell nur der Verkehrsbeobachtung. KONTRASTE enthüllt, dass damit unliebsame Menschen observiert werden – vor und nach dem Mauerfall. Weiter...

Den Bock zum Gärtner?

Den Bock zum Gärtner?

Der neue DDR-Justizminister Wünsche

Auch in der frei gewählten neuen DDR-Regierung sitzen alte Kader. Kurt Wünsche war schon einmal DDR-Justizminister. KONTRASTE zeichnet seine politische Laufbahn nach. Weiter...

Vom Rechtsbeuger zum Rechtsanwalt

Vom Rechtsbeuger zum Rechtsanwalt

Die Karriere von DDR-Juristen

In der DDR haben sie Bürgerrechtler zu Gefängnisstrafen verurteilt. KONTRASTE deckt auf, wie DDR-Richter nach dem Zusammenbruch des SED-Regimes nahtlos ins neue Rechtssystem wechseln. Weiter...

Unentdeckt in die deutsche Einheit

Unentdeckt in die deutsche Einheit

Die Stasi-Offiziere im "besonderen Einsatz"

Sie arbeiten heimlich für die Stasi und sitzen immer noch unerkannt an den Schaltstellen von DDR-Betrieben und –Behörden. Das KONTRASTE-Team spürt die "OibE" auf und enttarnt sie live vor der Kamera. Weiter...

Die Wahrheit muss raus

Die Wahrheit muss raus

Bekenntnisse einer Stasi-Agentin

Als inoffizielle Mitarbeiterin spionierte Monika Haeger die Berliner Oppositionsbewegung aus. Nach dem Mauerfall stellt KONTRASTE sie zur Rede und legt die Gedankenwelt eines Spitzels offen. Weiter...

Die Freunde als Stasi-Spitzel

Die Freunde als Stasi-Spitzel

Die Eröffnung der Gauckbehörde

Die erste offizielle Akteneinsicht offenbart es: die Stasi versuchte, ganze Biografien zu zerstören. KONTRASTE gewährt exklusive Einblicke in die Akten prominenter Bürgerrechtler. Weiter...