Der Wunsch nach Offenheit kann ansteckend sein

Andrej A. Gratchev im Interview

Die kommunistischen Führungen wagten während der Weltfestspiele mehr Offenheit, weil sie ihr System nach der Niederlage der USA in Vietnam für unverwundbar hielten, argumentiert Gratchev.

Inhalt

Die kommunistischen Führungen wagten während der Weltfestspiele mehr Offenheit, weil sie ihr System nach der Niederlage der USA in Vietnam für unverwundbar hielten. Dr. Andrej A. Gratchev wertet die Weltfestspiele 1973 auch als ein Mittel, um aus dieser Position heraus stärkere Bindungen mit der Dritten Welt zu knüpfen. Gratchev, geb. 1941, war 1967-72 Vize-Präsident des Weltbundes der Demokratischen Jugend. Seit 1992 ist er am Institut für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen in Moskau tätig. Das Interview wurde in russischer Sprache geführt.

Das Interview entstand am Rande der Veranstaltung "Weltfestspiele '73 - Heldinnen, Bands & Klassenbrüder" vom 1. bis 3. August 2003 in Berlin.

Deutsche Übersetzung des Interviews:

Die Weltfestspiele hatten jeweils ihr individuelles Gesicht, je nach Ort, an dem sie stattfanden und je nach Zeitepoche. Wenn man sich an die Festspiele in Berlin im Jahre 1973 erinnert, dann kann man sagen, dass sie im Grunde an die Länder der Dritten Welt gerichtet waren. Daher gab es viele Gäste aus der Dritten Welt - aus Lateinamerika, aus Chile; aus dem Nahen Osten nahm zum Beispiel Jassir Arafat teil. So versuchten die kommunistischen Länder, durch die Weltfestspiele eine Art strategische Bindung mit der Dritten Welt zu knüpfen.

Eigentlich trafen sich bei allen Weltfestspielen Jugendliche aus dem Osten und aus dem Westen. Der Sinn lag zum großen Teil darin, linke kommunistische Ideen unter Jugendlichen zu propagieren. Das trifft auch auf die Berliner Weltfestspiele zu. Aber das Besondere an ihnen machte vielleicht die Trennung Deutschlands aus. Aus diesem Grund verlieh die Anwesenheit von westdeutschen Jugendlichen gerade diesen Festspielen eine besondere Note.

Man darf sich nicht verführen lassen, Geschichte nachträglich zu schreiben. Viele Vertreter der kommunistischen Regierung in der DDR, wahrscheinlich auch in der Sowjetunion, hatten damals den Eindruck, dass diese Weltfestspiele den Boden für die Vereinigung Deutschlands auf kommunistischen Grundlagen bereiteten.

Die Berliner Weltfestspiele waren kein Einzelbeispiel für die so zu sagen "allgemeine Kurzsichtigkeit" der führenden kommunistischen Kräfte. Man glaubte damals, das kommunistische System sei unverwundbar und eine Öffnung gegenüber der Außenwelt stelle keine Gefahr dar. Es stellte sich jedoch heraus, dass sich der Wunsch nach Öffnung des Systems sehr schnell verbreitete, er geradezu ansteckend war.

Selbstverständlich wollte die Bevölkerung aus unterschiedlichen Gründen dem Westen näher kommen und aus der Isolation ausbrechen. Der wichtigste Grund war vielleicht wirtschaftlicher Natur, da der Westen als Beispiel florierenden Wohlstands galt. Man wollte die gleiche Lebensqualität erreichen. So entstand nach diesen Festspielen eine neue Jugendgeneration, die nicht mehr ideologisch beeinflusst war.

Die Funktionäre in Moskau und in anderen kommunistischen Ländern schätzten die Weltlage folgendermaßen ein: Die kommunistischen Länder seien im Vormarsch, die USA dagegen dabei, ihre Positionen nach der Niederlage in Vietnam zu verlieren. Die Dritte Welt würde der Sowjetunion helfen, die USA zu isolieren. Diese Einschätzung wollte man mit den Weltfestspielen in Berlin bestätigen.

Всемирный фестиваль 1973 года

Федеральный центр политического образования в Берлине напомнил в беспристрастно критической ретроспективе о Х Всемирном фестивале молодёжи и студентов, состоявшимся в 1973 году в ГДР, и о его историческом контексте. В рамках этой ретроспективной акции Федеральный центр политического образования взял интервью у современников фестиваля из области культуры, политики и журналистики. Интервью вы можете просмотреть в формате RealVideo на сайте Федерального центра политического образования. Интервью с А.А.Грачевым, полную документацию мероприятия, а также дополнительную информацию по теме вы найдёте в следующих линках:

Каждый фестиваль имел своё индивидуальное лицо из-за места, где он проходил, и, конечно, из-за эпохи, из-за времени. Если вспомнить, что этот фестиваль в Берлине проходил в семьдесят третьем году, можно сказать, что это был в основном фестиваль, адресованый третьему миру. И поэтому там было так много приглашённых гостей из третьего мира: из Латинской Америки, из Чили; и из Ближнего Востока был Арафат.Tак что в этот период на этом фестивале коммунистические страны пытались заключить такой стратегический союз с третьим миром. На всех фестивалях молодёжь востока и запада встречалась, собственно. И смысл фестивалей был во многом в том, чтобы использовать их для пропаганды левых коммунистических идей на молодёжь запада. То же было и в Берлине. И может быть, в Берлине особенность была в том, что всё-таки этот фестиваль проходил в условиях разделённой Германии, поэтому здесь присутствие западногерманской молодёжи добавляло какую-то изюминку, особенность для этого фестиваля. Надо избежать соблазна писать историю задним числом. Тогда у многих коммунистических руководителей и в ГДР, а может быть, и в Советском Союзе было наоборот впечатление, что этот фестиваль готовит почву для объединения Германии, но на коммунистической основе.

Фестиваль - это просто частный пример этой общей такой близорукости, можно сказать, коммунистических руководителей. Они вообще думали, что их система неуязвима. Поэтому думали, что для них безопасно открываться для внешнего мира. А оказалось, что можно там подхватить инфекцию. Я думаю, что, конечно, населению по разным причинам хотелось сближения с западом, выйти из изоляции. Может, главной причиной была всё-таки экономическая, потому что люди смотрели на запад как на пример процветания, как на пример благополучия. Им хотелось иметь такой же уровень жузни. А фестиваль в этом смысле просто создал новое поколение молодёжи, которое не было так догматически зашорено, индоктринировано. В международной ситуации в этот период у руководителей в Москве и в других коммунистических странах было ощущение, что коммунистические страны находятся в наступлении, что Америка отступает после поражения во Вьетнаме и что третий мир помогает Советскому Союзу изолировать Соединённые Штаты. Поэтому фестиваль должен был продемонстрировать такую наступательную победную тенденцию в коммунистическом мире

Weitere Informationen

  • Produktion: 2003

  • Spieldauer: 00:03:33

  • hrsg. von: Bundeszentrale für politische Bildung

 
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