Besuch einer Gedenkstätte
Gedenkstättenbesuche sollten nicht aus kurzen Führungen einer Großgruppe bestehen. Hinweise zur Vorbereitung und Durchführung.Besuche von Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus gehören heute meist selbstverständlich zum Programm des Geschichtsunterrichts, sind aber auch zunehmend Teil außerschulischer historisch-politischer Bildung. Sie ergänzen durch die Anschauung vor Ort, die der Aufbereitung und Erklärung bedarf, die schulische historisch-politische Bearbeitung des Themas "Nationalsozialismus", können jedoch die Auseinandersetzung mit dem Thema in der Schule nicht ersetzen.
Besucherin im Dokumentationszentrum des Zwangsarbeiterlagers Schöneweide in Berlin, 2007. (© Stiftung EVZ / Jan Zappner)Gedenkstätten sind Orte gemeinsamen Lernens und Gedenkens sowie der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Erinnerungskulturen. Sie entfalten ihre Wirkung für die politischen Bildung jedoch nur, wenn ihr Besuch sorgfältig vorbereitet und auf die Fragen und Bedürfnisse der Besucher/innen ernsthaft, möglichst individuell und nicht routinemäßig eingegangen wird.
Von Kurzzeitbesuchen, wie einer meist zweistündigen Führung einer Großgruppe durch eine Ausstellung oder einem alleinigen Orientierungsrundgang über das Gedenkstätten-Gelände, ist nachdrücklich abzuraten. Erfahrungsgemäß sind solche, einem Programm geschuldeten "Pflichtbesuche" nicht nur pädagogisch wirkungslos, sondern können die Kommunikation der Jugendlichen untereinander stören.
Bei Führungen dieser Art sind die Besucherinnen und Besucher einseitig zur Rezeption einer Vielfalt dargebotener Materialien und Bilder genötigt, ohne nachfragen oder sich kritisch damit auseinandersetzen zu können. Lehrkräfte oder pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bemerken oft nicht, dass sie mit langen, detailreichen Vorträgen die Aufnahmefähigkeit der Besucherinnen und Besucher überfordern oder durch drastische Darstellungen von Grausamkeiten gegen das Überwältigungsverbot (Beutelsbacher Konsens) verstoßen.
Für einen Gedenkstättenbesuch sollte mindestens ein ganzer Tag eingeplant werden. Besser noch sind Projekte an zwei bis fünf Studientagen vor Ort, wie sie in den meisten "großen" KZ-Gedenkstätten realisiert werden können. Ein Gedenkstättenbesuch sollte nie kollektiv verordnet werden, sondern auf freiwilliger Teilnahme basieren.
Inhaltlich-organisatorische Vorbereitung
Ein Gedenkstättenbesuch wird sinnvollerweise mit allen Beteiligten gemeinsam vorbereitet. Zusammen mit den Teilnehmenden sollte vorab geklärt werden:
- Welche Vorkenntnisse bringen sie mit/ein?
- Welche Erwartungen stellen sie an den Besuch?
- Welche Themen interessieren sie besonders?
- Welche Fragen haben sie?
- Welche Fragen möchten sie (gegebenenfalls mit einer Partnergruppe im Rahmen einer internationalen Begegnung) diskutieren?
- Welche Bedürfnisse oder Befürchtungen haben sie bezüglich der Durchführung des Besuchs?
- Wie umfangreich ist die Ausstellung?
- Wie viel Zeit erfordert der Rundgang über das Gelände?
- Welche Abteilungen der Ausstellung eignen sich besonders für meine spezifische Gruppe, welche eher nicht?
- Kann die Gruppe sich die Gedenkstätte auch in Kleingruppen nach der Methode der angeleiteten Selbstführung erschließen?
- Gibt es Räume für Kleingruppenarbeit?
- Welche Medien stehen zur Verfügung: Bibliothek oder Archiv, Audio-, Videomaterialien etc.?
- Welche pädagogischen Mitarbeiter/innen sind für die Gruppe als fachkundige Ansprechpartner/innen am besten geeignet?
- Besteht die Möglichkeit zu einem Gespräch mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen?
- Gibt es biographische Bezüge (Opfer/Täter) zur Geschichte der eigenen Familie oder Region, aus der die Gruppenmitglieder kommen?
- Gibt es Möglichkeiten für praktische Erhaltungsarbeiten in der Gedenkstätte?
- Welche produktorientierten Lernformen bieten sich an?
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