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Bürgerinitiativen

Der Begriff Bürgerinitiative (Bi.) kann wohl seiner plastischen Aussagekraft wegen als eine besonders gelungene Hervorbringung der jüngeren politischen Semantik gelten. Dabei ist nicht zu übersehen, dass der Wortbestandteil "initiativ" nicht nur beschreibend, sondern durchaus auch normativ gemeint ist: Es wird als demokratiepolitisch erwünscht vorausgesetzt, dass der Bürger die Initiative ergreift. In der Praxis allerdings waren – seit Bi. dem Begriff wie der Sache nach, in den späten 60er-Jahren in der Nachfolge der → Wählerinitiativen und gelegentlich auch gestützt auf amerikanische Vorbilder in der BRD aufkamen und in den 70er-Jahren rasche Verbreitung fanden – viele "Initiativen" genauer besehen eher "Reaktiven"; d. h. sie reagierten auf öffentliche Planungen, auf (kommunal-)politische Handlungen oder Unterlassungen.

Mehr als auf spezifische Inhalte hebt der Begriff auf das Moment des unmittelbaren Tätigwerdens des Bürgers ab, der sich mit seinem konkreten Anliegen unmittelbar zu Wort meldet und sich nicht mehr von → Parteien und Verbänden allein vertreten lässt.

Was sind Bi. (1), wie sind Umfang und Reichweite ihrer Aktivitäten zu beschreiben (2), was sind ihre Ursachen und Anliegen (3), auf welche Weise und mit welchen Mitteln mischen sie sich in die Politik ein (4), wie haben sie sich seit ihren Anfängen in ihrer Binnenstruktur und ihrem Selbstverständnis entwickelt und verändert (5) und wie sind sie im Bereich der politischen Willensbildung und der politischen Kultur zu verorten, wie vertragen sie sich mit der Funktionslogik der repräsentativen Parteiendemokratie (6)?

1. Definition



Bi. sind spontane, zeitlich meist begrenzte, organisatorisch eher lockere Zusammenschlüsse einzelner Bürger, die sich, außerhalb der etablierten Beteiligungsformen der repräsentativen Parteiendemokratie, zumeist aus einem konkreten Anlass, häufig auch als unmittelbar Betroffene zu Wort melden, und sich, sei es direkt im Wege der Selbsthilfe, sei es "indirekt" im Wege der öffentlichen Meinungswerbung und der Ausübung politischen Drucks, um Abhilfe im Sinne ihres Anliegens bemühen. Der vorstehende Satz ist nicht als "fertige" Definitionsformel zu verstehen. Charakteristisch für Bi. sind gerade ihre amöbenhafte Unabgeschlossenheit, ihre organisatorische Vielgestalt sowie die Vielfalt möglicher Zielsetzungen: Bi. kommen und gehen, sie haben in der Regel einen konkreten, eng begrenzten Aktionsanlass, und sie lösen sich oft auch wieder auf, wenn ihre Bemühungen scheitern oder wenn sie erfolgreich waren (jedenfalls gilt dies uneingeschränkt für die Bi. der "ersten Generation"). Ihre Attraktivität beruht nicht zuletzt darauf, dass jeder sie "machen" kann und dass nahezu jedes denkbare Anliegen zum Gegenstand einer Initiative werden kann. Sie sind meist lockere Interessenkoalitionen und partielle Aktionsgemeinschaften, deren Zusammenhalt zunächst eher negativ begründet ist – durch Gefahr und Missstand, die man gemeinsam wahrnimmt und bekämpft: die geplante Bahnhofs- oder Flughafenerweiterung, die achtspurige Autobahn, die Mülldeponie, das Kernkraftwerk, die Theaterschließung, unzureichende Krankenversorgung, fehlende Sport- und Freizeitmöglichkeiten, Wohnraumzerstörung, Landschaftszersiedelung, umweltbelastende Großtechnologie, wenig kinderfreundliche Schulwege u. v. a. m.

2. Ursachen und Ziele



Angesichts der Vielgesichtigkeit und soziologischen Instabilität des Untersuchungsgegenstands "Bi." ist es nicht verwunderlich, dass hier die Instrumentarien der empirischen Sozialforschung, die an stabilen und relativ eindeutigen Strukturen entwickelt wurden, häufig versagen. Die Zahlen und Daten, welche uns die empirischen Erhebungen liefern, sind denn auch nur mit der gebotenen Zurückhaltung zu interpretieren. Seit Beginn der 70er Jahre entwickelte sich die Bürgerinitiativbewegung in Reaktion auf eine fortschritts- und wachstumsfixierte Planungs- und Modernisierungspolitik zu einem partizipatorischen Flächenbrand. Die Angaben über den Umfang von Bürgerinitiativ-Aktivitäten im Beobachtungszeitraum von 1972 bis 1978 wiesen ganz erhebliche Unterschiede auf: Zwischen 1.000 und 50.000 bewegten sich die Schätzungen über die Gesamtzahl von Bi., zwischen 1,3 % und 12 % schwankten die Angaben über den durch Umfragen ermittelten Anteil von Bürgerinitiativenmitgliedern an der erwachsenen Gesamtbevölkerung. Realistischerweise wird man – in diesem Zeitraum – von einer Gesamtzahl von 1.000 bis höchstens 1.500 Einzelinitiativen ausgehen können. Gleichwohl dürfte die Gesamtzahl der Bürger, die, sei es als aktive Mitglieder, sei es anlassbedingt als teilaktive Sympathisanten in Bi. arbeiten oder gearbeitet haben und damit das "Modell" Bi. aus eigener Erfahrung kennen, dürfte die Gesamtzahl aller Mitglieder der im Bundestag vertretenen Parteien (mehr als zwei Mio.) deutlich übertreffen. Bedeutet dieses massenhafte "Ausweichen" auf die freie Mitarbeit in ad-hoc gegründeten Initiativen im Hinblick auf die Parteiendemokratie und ihre eingefahrenen Modalitäten der Willensbildung als solches schon eine Art politischer "Kulturrevolution" (zumal vor dem spezifisch deutschen Hintergrund einer "verspäteten" bzw. vielfach gebrochenen demokratischen Tradition), so verstärkt sich dieser Eindruck noch, wenn man die nachfolgenden Aspekte miteinbezieht: Obwohl es keine zuverlässigen Vergleiche zwischen Bürgerinitiativ- und Parteiaktivität gibt, die auch die Qualität der Aktivität berücksichtigen, kann doch wohl von sehr unterschiedlichen Intensitätsgraden des Engagements, der Betroffenheit und des sozialen Einbezugs ausgegangen werden. Die → Parteien selbst geben an, dass allenfalls jedes vierte bis fünfte Parteimitglied "aktiv" sei, während es sich beim großen Rest eher um Beitragszahlende "Karteileichen" handele. Man kann davon ausgehen, dass die Aktivitätsrate in Bi. ungleich höher ist, da deren Durchschlagskraft und Erfolgschance unmittelbar vom persönlichen Engagement jedes Einzelnen abhängen. Die durchschnittliche Zahl der Mitglieder pro Bi. hat sich – jedenfalls bei den publikumswirksamen, einflussstarken und in der Tendenz "kontinuierlich engagierten" Initiativen – gegenüber den frühen 70er Jahren stark erhöht, mit der Folge, dass sich auch hier deutliche Unterschiede zwischen 'registrierten' und aktiven Mitgliedern abzeichnen.

Die hohe Attraktivität der Bürgermitwirkung in freien Initiativen wird noch deutlicher, wenn man neben der faktischen auch die erklärte Partizipationsbereitschaft ins Kalkül zieht: über 60 % der bundesdeutschen Wahlbevölkerung sind – verschiedenen Erhebungen zufolge – bereit, sich in Verbindung mit bestimmten Fragen und Problemen von hohem Betroffenheitsgrad (wie beispielsweise der Kernenergie oder dem Engagement für den Frieden) auf seiten der Bi. zu engagieren. Noch deutlicher wird der öffentliche Prestigerang – und damit auch die politische Bedeutung – der Bi., wenn nach der Kompetenzzuweisung und den hiermit verknüpften Problemlösungserwartungen für die Zukunft gefragt wird. Den wirkungsvollsten Beitrag zum Umweltschutz erwartete zu Beginn der 80er Jahre knapp die Hälfte der Befragten von den Bi. (48 %), nur ganze 8 % (also gerade die doppelte Anzahl der Parteimitglieder!) setzen ihr Vertrauen in die Parteien. Dies hat sich mit der parteipolitischen Etablierung der Grünen und dem Nachweis ihrer Regierungsfähigkeit in den 90er Jahren graduell deutlich, wenngleich nicht grundsätzlich geändert.

3. Politikstil



Gewiss hat es in der Geschichte der politischen Widerstandsbewegungen schon immer den Bi. vergleichbare Phänomene gegeben. In der Massierung und Häufung seit den frühen 70er Jahren reagieren sie auf eine historisch neue Situation; sie sind Indikatoren einer Krise, die sich aus objektiven und subjektiven Quellen speist: der objektiven Verschlechterung der sozialen und natürlichen Umweltsituation als Folge von Vermassungs-, Verdichtungs- und Beschleunigungsphänomenen der modernen Industriezivilisation auf der einen und der neuen Bewusstseinslage des kritischen und engagementbereiten Bürgers auf der anderen Seite, eines "aktiven" Bürgers, der sich mit Sensibilität und eigener Urteilskraft wider die Sachzwangberufungen der etablierten Politik zur Wehr setzt und Gesichtspunkte einer humanen Gestaltbarkeit geltend macht. Die gesteigerte Aufmerksamkeit, die der kommunalen Politik zuteil wird, hat vor allem damit zu tun, dass hier Fehlentwicklungen am deutlichsten sichtbar werden, zum anderen aber auch unmittelbare Ansatzpunkte für direkte politische Mitsprache und Einmischung gegeben sind. Bi. sind, in widersprüchlicher Gleichzeitigkeit, beides: Ausdruck einer wachsenden Fragmentierung und Segmentierung des politischen Prozesses, zugleich aber auch Ausdruck der neuen Notwendigkeit einer ganzheitlichen Politikorientierung; und sie verkörpern nicht selten selbst in ihren Aktionen und Urteilen ein neues, ganzheitliches Wertbewusstsein.

Die Aktivitätsbereiche von Bi. sind vielfältig: Knapp 60 % aller Einzelinitiativen sind im soziokulturellen Feld anzusiedeln (Jugendfragen, Randgruppen, Kindergärten und Spielplätze, Schulen, kommunale Einrichtungen, Verkehrs- und Stadtplanung). Seit den frühen 80er Jahren schieben sich – vor allem in Verbindung mit dem Widerstand gegen Atomkraftwerke – die Umwelt-Bi. in den Vordergrund, die bis dahin rund 1/3 aller Initiativen ausmachten. Jede dritte Umwelt-Bi. ihrerseits opponiert gegen die Errichtung eines Kernkraftwerks, so dass der AKW-Widerstand insgesamt einen nicht unerheblichen Anteil am Gesamtpotential aller Bürgerinitiativ-Aktivitäten umfasst (rund 1/9). Dies wird sich, nachdem soeben unter dem Eindruck der Atomkatastrophe von Fukushima definitiv vollzogenen Ausstieg aus der Kernenergie, künftig wohl deutlich ändern.

Das Öffentlichkeitsbild der Bi. wird wesentlich durch die mittlerweile gut organisierten, meist auch überregional tätigen Initiativen bestimmt. In diesen Bereich fallen auch einige spektakuläre Erfolge: mehrfache Bauunterbrechungen und modifizierte Entscheidungsverfahren etwa im Falle der Kernkraftwerke Wyhl, Kalkar und Brokdorf, die drastische Reduzierung des Kernenergieprogramms der → Bundesregierung – bis hin zum "doppelten" Atomausstieg der Stimmungsumschwung gerade auch in den großen Parteien, der sich seinerzeit vor allem in der Entscheidung der niedersächsischen Landesregierung gegen das geplante Entsorgungs- und Wiederaufbereitungszentrum in Gorleben manifestierte. Aber auch in anderen Bereichen gab es Erfolge überregional agierender Initiativen, so etwa in BY, wo die Änderung des Rundfunkgesetzes zu Fall gebracht wurde, oder in NRW, wo sich Bi. gegen das Gesetzesvorhaben zur Einführung der Kooperativen Schule und der Orientierungsstufe wandten. Die Arbeit der großen Mehrzahl der "stilleren" Bi., zumal der vielen Selbsthilfeinitiativen, findet gegenüber den publikumswirksamen Aktionen der großen "Verhinderungs-Initiativen" vergleichsweise wenig Beachtung. Dennoch sind auch sie recht erfolgreich: Bis zu 60 % geben an, ihre Zielsetzung erreicht oder wenigstens nennenswerte Teilerfolge erzielt zu haben. Die Erfolgsaussichten einer Bi. sind nach wie vor am größten, wenn sie im überschaubaren Kommunalbereich kurzfristig erreichbare und möglichst konkrete Einzelziele verfolgt.

4. Binnenstruktur



Bi. organisieren sich in höchst unterschiedlichen Formen. Am häufigsten finden sich freie, nicht verfasste Gruppierungen, daneben aber auch Stiftungen des privaten Rechts, rechtsfähige und nicht rechtsfähige Vereine im Sinne von § 21 ff. BGB bzw. § 53 ff. BGB, ferner auch sog. "BGB-Gesellschaften" (im Sinne von § 705 ff. BGB).

Ein Spezifikum der Aktivitäten von Bi. besteht darin, dass sie sich unter Umgehung der üblichen institutionellen Vermittlungsinstanzen der Verbände, Parteien und Parlamente direkt an die zuständigen Planungs- und Genehmigungsbehörden wenden und diese – vor allem durch die Mobilisierung von Öffentlichkeit – unter Druck setzen. Sie verfügen über eine farbige Palette phantasievoller Dramatisierungsstrategien, zu denen sich die seit den 60er Jahren erprobten unkonventionellen Aktionsformen gesellen: Sit-in und Go-in, Demonstrationen und Betroffenenversammlungen, Plakataktionen und Unterschriftenkampagnen. Nicht selten zählt auch die begrenzte Regelverletzung (Selbstbezichtigungen, unangemeldete → Demonstrationen, Platzbesetzungen, Verkehrsbehinderungen, "Mahnwachen", Zahlungsboykotte u. a. m.) zu ihrem Handlungsinstrumentarium.

5. Politische Verortung



Die Bürgerinitiativbewegung hat während der letzten 35 Jahre eine Entwicklung durchgemacht, die sich – deutlich ablesbar etwa bei den Umwelt-Bi. – in fünf Phasen aufteilen und darstellen lässt:

In der ersten Phase dominierte eindeutig die Einzelfall-Orientierung in der Politik; Konkrete, persönliche Betroffenheit löste in den allermeisten Fällen die Aktivitäten aus. Die zweite Phase lässt sich als Phase des Erwerbs von Zusammenhangswissen beschreiben: Man vermutet hinter der Fülle einzelner, ganz verschiedenartiger Missstände, Versäumnisse und Fehlentwicklungen einen gemeinsamen Ursachennenner und beginnt nach Alternativen zum herrschenden Lebens- und Zivilisationsmodell zu suchen. In der dritten Phase werden die theoretisch gewonnenen Einsichten ins Praktisch-Konkrete gewendet und zu programmatischen Forderungen an die Politik Verdichtet. Die vierte Phase schließlich ist die der organisatorischen und parteipolitisch- ideologischen Formierung des "grünen Protests".

Zwar war es nur der kleinere Teil der Bi., der sich in "grünen Parteien" oder in "Grünen" bzw. "Bunten Listen" unmittelbar auch parteipolitisch konstituierte. Aber eine zunehmende Institutionalisierung, organisatorische Strukturierung und Festigung, eine Erweiterung des Zielhorizonts und der überregionalen Kooperationsbereitschaft, sowie insgesamt eine Verstetigung ihrer Arbeit ist für die Mehrzahl der Bi. inzwischen durchaus kennzeichnend. Für diesen Befund sprechen eine Reihe von Indizien: Die meisten der Umwelt-Bi. sind Mitglieder von Dachverbänden, deren wichtigstem, dem "Bundesverband Bi. Umweltschutz" (BBU) Mitte der 80er Jahre über Landesverbände, regionale Zusammenschlüsse und Einzelgruppen bereits etwa 1.000 Bürgeraktionen mit mehr als 300.000 Einzelmitgliedern angehörten, die kooperativ angeschlossenen Organisationen noch nicht einmal berücksichtigt. Auch wenn die Zahlen seit den 90er Jahren hier stark rückläufig sind: die Tendenz zur (über)regionalen Kooperation ist ungebrochen: Arbeiteten 1972 58 % der Bi. noch völlig isoliert, ohne Beziehungen zu anderen Initiativen, so sind seit den 90er Jahren nur noch 8 % ohne solche Außenkontakte. Auch die Bestandsdauer der einzelnen Bi. hat sich erhöht, so dass auch die These von der engen zeitlichen Begrenztheit nicht mehr uneingeschränkt Geltung hat. Ähnliches gilt für die Erweiterung des Zielhorizonts: Nahezu 2/3 der aktuellen Umwelt-Bi. geben an, dass sie neben konkreten Einzelanliegen auch allgemeine Ziele verfolgen, so dass die These von der Bürgerinitiativbewegung als einem "single-purpose-movement" eingeschränkt werden muss. Für einen gewissen Institutionalisierungs- und Verstetigungstrend sprechen auch Formalisierungserscheinungen, denen man in der inneren Organisation (z. B. Vorstands- und Sprecherwahlen, feste Aufgabenverteilung) ebenso begegnet wie in der äußeren (z. B. zunehmende Organisation als eingetragener Verein).

Seit den 80er Jahren zeichnete sich, zumindest bei einem Teil der Bürgerinitiativbewegung, eine Entwicklung in Richtung auf Parteien oder mit Parteien vergleichbaren Organisationsformen ab, sei es im Wege der aktiven Mitgliedschaft oder sei es im Wege der lockeren Kooperation. Die Ausrichtung auf umfassendere Organisationsformen (von Amnesty International bis Greenpeace, vom WWF bis zu den NGOs) erklärt sich vor allem auch im Blick auf die "neuen Themen" der 90er Jahre: Geschlechterpolitik, Menschen- und Bürgerrechte, deutsch-deutsche Verfassungsinitiativen, Aktionen zur Friedenspolitik und zur Ausländerintegration, Initiativen der Globalisierungsgegner, Freiwilligeninitiativen in ökologischen, pädagogischen und soziokulturellen Handlungsfeldern u. a. m.

Die jüngste Entwicklung (5), die sich – zumal nach dem Wahlerfolg der Grünen bei den Landtagswahlen in BW 2011 mit der erstmaligen Durchsetzung eines Ministerpräsidenten der Grünen – vor allem auch als Basisreflex auf die endgültige parteiförmliche Etablierung der ökologischen Bewegung darstellt, steht wohl ganz überwiegend im Sternzeichen des Internets mit allen distanzmedialen Ingredienzien der E-democracy: Email, Handy, IPad, SMS, Bloggen, Twittern und Netzcommunity-Aktivitäten von Facebook bis Youtube. Anders als noch zu den Hochzeiten der ökologisch-inspirierten Bürgerinitiativbewegung steht nicht mehr so sehr die Gemeinsamkeit der Botschaft, sondern vielmehr die des politischen und sozialen Transportmittels im Zentrum – des Mediums Internet. Viele der aktuellen zivilgesellschaftlichen und bürgerrechtlichen Anliegen (einschließlich des verbreiteten NGO-Engagements von Attac bis Amnesty International) zielen primär auf Öffentlichkeit, Transparenz, Barrierefreiheit, Inklusion und die Durchsetzung einer jederzeit aktivierbaren elektronischen Basisdemokratie mit einer Öffnung auf für fluide, jugend – und szenetypische Interessen.

Hinter diesem Aufbruch zeichnet sich eine Art "großer Bürgerinitiative" für die zivilgesellschaftlich und elektronisch inspirierte Erneuerung der direkten Demokratie ab; eine neuartige Sammlungsbewegung der vom etablierten Partei- und Politikbetrieb Ausgeschlossenen und Abgestoßenen, die sich vor allem in lokalen und überlokalen Aktionsbündnissen wie z. B. Stuttgart 21 und temporären Parteiforen wie etwa der "Partei der Nichtwähler" oder den "Piraten" organisieren.

6. Bürgerinitiativen und repräsentative Demokratie



Der Bruch, welchen die Bürgerinitiativbewegung seit den späten 70er Jahren signalisierte, war und ist nicht nur ein Bruch auf der Ebene der politischen Institutionen und Einwirkungsformen, sondern zugleich ein geistiger Strukturbruch: Die überkommenen Orientierungen der produktions- und erwerbszentrierten "Arbeitsgesellschaft" werden auf breiter Front von den Werten einer industrie- und konsumkritischen Lebensorientierung bedrängt.

Man hat diesen, von der empirischen Sozialforschung schon seit geraumer Zeit beobachteten Wert- und Einstellungswandel mit dem Begriff "postmaterialistisch" (R. Inglehart) gekennzeichnet. Träger dieses Wandlungsprozesses sind ganz überwiegend die Angehörigen der besser ausgebildeten und besser verdienenden Mittelschichten, aus denen sich auch das Gros der Sozialaktiven der Bürgerinitiativbewegung rekrutiert.

Dieser → Wertewandel traf die programmatisch eher profilarmen Volksparteien weitgehend unvorbereitet. Die Mechanismen der Wettbewerbsdemokratie verleiten dazu, Themen und Meinungen erst dann aufzugreifen, wenn diese mehrheitsfähig erscheinen. Bi. "konkurrieren" mit den Parteien häufig nicht bloß auf dem Boden einer vom Prinzipiellen her identischen Politik um diese oder jene Einzelverbesserung. Sie stehen in ihrer großen Mehrzahl für die "ganz Andere" bisherige Politik: für die Abkehr von der bloßen Klientelpolitik, für das Misstrauen gegenüber der Berufung auf Sachzwänge, für die tief empfundene Skepsis gegenüber wissenschaftlicher Planung und Politikanleitung, für die Abwehr von zu vielen und zu schnellen sozialen Wandlungsprozessen, zumal jenen der Globalisierung.

Die Parteien, die alten Volksparteien zumal, oft aber heute auch schon die Grünen erscheinen als Teil jener "großen" Strukturen, welche von den Bi. negiert werden: Sie sind nach Anliegen und innerem Aufbau in vielfältiger Weise gerade jener Wertewelt verpflichtet, deren Humanverträglichkeit und deren Legitimität von den Bi. in Zweifel gezogen werden. Das Verhältnis Bi./Parteien ist von daher nicht in den Kategorien der bloßen Personalkonkurrenz und des einfachen Meinungs- oder Sympathiewettbewerbs zu beschreiben, sondern immer mehr auch in den Kategorien eines schwerlich überbrückbaren Wert- und Prinzipienkonflikts.

Hier wird als Gefahr sichtbar, dass der für das Funktionieren der repräsentativen Parteiendemokratie bestandsnotwendige gesellschaftliche Minimalkonsens verlorengehen und die Bi. insgesamt auf die schiefe Ebene der Systemopposition abgedrängt werden könnten.

Bi. zielen jedoch keineswegs prinzipiell und von vornherein auf Systemüberwindung. Sie sind als "plebiszitäre Korrektive" einer basisdemokratischen Beteiligung mit den verfassungspolitischen Leitlinien der repräsentativen Ordnung durchaus zu vereinbaren. Die gesamtstaatliche Repräsentativverfassung kann ihre Vorzüge nur entfalten, wenn dem plebiszitären Element in den gesellschaftlichen Untergliederungen, d. h. in Bürgerzusammenschlüssen, Bewegungen und freien Initiativen ausreichend Spielraum verbleibt.


Literatur



Altner, Günter u. a. 1978: Alternativen. Anders denken – anders handeln. Zum Selbstverständnis der Bürgerinitiativbewegung (ÖKO1). Freiburg/Brsg.

Edwards, Michael 2001: Global citizen Action, Boulder Enquete-Kommission ,Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements‘ des Deutschen Bundestages (Hrsg.) 2002: Bürgerschaftliches Engagement und Zivilgesellschaft. Opladen.

Fritsch, Herbert 41995: Bürgerbeteiligung und Bürgerinitiativen im Umweltschutz. o. O.

Guggenberger, Bernd/Kempf, Udo (Hrsg.) 21984: Bürgerinitiativen und repräsentatives System. Opladen.

Guggenberger, Bernd 1980: Bürgerinitiativen in der Parteiendemokratie. Stuttgart u. a.

Guggenberger, Bernd (Hrsg.) 2002: Jugend erneuert Gemeinschaft. Jugendfreiwilligendienste und zivilgesellschaftliches Engagement. Baden-Baden.

Heinze, Rolf G. (Hrsg.) 2001: Bürgerengagement in Deutschland. Bestandsaufnahme und Perspektiven. Opladen.

Lösch, Volker (Hrsg.) 2011: Stuttgart 21 oder: Wem gehört die Stadt? Köln.

Mayer-Tasch, Peter C. 21977: Die Bürgerinitiativbewegung. Der aktive Bürger als rechts- und politikwissenschaftliches Problem. Reinbek.

Ottersbach, Markus 2003: Außerparlamentarische Demokratie. Neue Bürgerbewegungen als Herausforderung an die Bürgergesellschaft. Frankfurt a. M.

Rolke, Lothar 1987: Protestbewegungen in der Bundesrepublik. Eine analytische Sozialgeschichte des politischen Widerspruchs. Opladen.

Roth, Roland/Rucht, Dieter (Hrsg.) 21990: Neue soziale Bewegungen in der Bundesrepublik Deutschland. Bonn.

Rucht, Dieter 1982: Planung und Partizipation. München.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Bernd Guggenberger


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