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Kirchen

1. Definition und Konfession



1.1



Kirchen (K.) sind organisierte Gemeinschaften von Christen. Ihr gemeinsames Merkmal ist der Glaube an Jesus Christus und seine im Neuen Testament enthaltene Botschaft, die weltweite Verkündigung dieser Botschaft, die Feier der Liturgie und der Sakramente, insbesondere der Taufe und der Eucharistie bzw. des Abendmahls sowie die Diakonie, das Handeln gemäß dem Evangelium. Die Gemeinde der Jünger Jesu war noch keine K. Nach dem Selbstverständnis aller Christen ist die K. die Befreiung von Sünde vermittelnde und Erlösung verheißende Gemeinde Christi zwischen seiner Himmelfahrt und seiner Wiederkunft am Ende der Zeit. Sie lebt vom Hl. Geist. Sie unterscheidet sich von → Parteien, Verbänden und → Interessengruppen dadurch, dass sie nicht von Menschen gegründet, sondern auf Gottes Wort hörende Stiftung Christi ist. Sie erhebt einen öffentlichen Anspruch. Sie versteht ihren Auftrag als Dienst an der Einheit der Menschheit.

Im allgemeinen Sprachgebrauch hat der Begriff K. verschiedene Bedeutungen. Er kann die von der → Gesellschaft und vom Staat unterschiedene Universal- oder Ortsk. (Bistum bzw. Landesk.) meinen, die von den Laien unterschiedene Amtsk. oder schlicht das meist von einem Turm gekrönte Gebäude, in dem sich die christliche Gemeinde zum Gottesdienst versammelt. Die Theologie, die erst nach der Reformation im 16. Jh. die Selbstreflexion der K. thematisiert und eine Ekklesiologie entwickelt hat, spricht von der K. vorzugsweise in Bildern als Volk Gottes, Leib Christi oder Gemeinde der Heiligen, die als "K. unterwegs" aber immer auch die Gemeinde der Sünder, mithin der Buße und Erneuerung bedürftig ist.

1.2

Im Glaubensbekenntnis des Konzils von Konstantinopel (381), das allen Christen gemeinsam ist, werden vier Eigenschaften der K. genannt: Sie ist die "eine, heilige, katholische und apostolische K.". Der Begriff "katholisch" (= allgemein, weltumspannend) wird erst nach der Reformation zu einer Konfessionsbezeichnung. Während die von Luther und Calvin geformten K.n der Reformation das allgemeine Priestertum aller Gläubigen betonen und die sichtbaren Strukturen der K. als nicht heilsnotwendig erklären, unterstreicht die katholische Ekklesiologie die Sichtbarkeit und die hierarchische Struktur der K. sowie die apostolische Sukzession, d. h. die sakramentale, im Zeichen der Handauflegung sichtbar gemachte Aufnahme in das auf die Apostel zurückgehende kirchliche Amt. Auch die orthodoxe K., die sich durch das Morgenländische Schisma schon 1054 von der katholischen K. abspaltete, hält an der hierarchischen Struktur der Patriarchate und an der apostolischen Sukzession fest. Dass die Einheit der K. verloren ging, empfinden die Christen heute weithin als geschichtliche Tragik, als menschliche Schuld und als Ärgernis, dessen Überwindung ihre Anstrengung und Geduld herausfordert.

2. Geschichte



2.1

Die katholische K. blickt in D auf eine bald 1300-jährige Geschichte zurück. Angelsächsische Missionare begannen im 7. Jh. mit der Germanenmission. Bonifatius gründete im 8. Jh. Klöster, die die Religions-, Kultur- und Wissenschaftszentren des Mittelalters waren, und errichtete Bistümer in HE, TH und BY. Unter den historischen Ereignissen, die für die gegenwärtige Gestalt der katholischen K. in D prägenden Einfluss haben, ragen neben der Reformation des 16. Jh.s heraus: die Säkularisation der kirchlichen Territorien und des kirchlichen Eigentums 1803, der Kulturkampf 1871-1879 und der K.nkampf des Nationalsozialismus. Die Säkularisation, die Gründung des preußisch-protestantisch dominierten, die katholischen Lande der Habsburger Monarchie ausschließenden Deutschen Reiches 1871 und Bismarcks Kulturkampf drängten die Katholiken nicht nur in konfessioneller, sondern auch in kultureller, politischer und sozialer Hinsicht in den Status einer Minderheit. Sie fühlten sich auf Jahrzehnte hin als Untermieter in dem von Protestanten erbauten Gebäude des Deutschen Reiches. Sie lernten so notgedrungen, die Freiheitsgarantien des modernen Verfassungsstaates zu nutzen, um sich gegen die Angriffe des Staates auf die Freiheit der K. zur Wehr zu setzen. Es waren vornehmlich katholische Laien, die sich im Anschluss an die Kölner Wirren 1837/38 und die Verhaftung des Kölner Erzbischofs Clemens August von Droste-Vischering durch die preußische Regierung zur Verteidigung kirchlicher Freiheit in Vereinen zusammenschlossen. Mit der politischen Mobilisierung 1848 setzte zugleich der organisatorische Ausbau des Vereinswesens ein. Die Gründung von Vereinen und die Herausgabe von Zeitungen und Zeitschriften waren ab März 1848 nicht mehr an die Genehmigung staatlicher Behörden gebunden. Im Okt. 1848 versammelten sich diese Vereine in Mainz zu ihrer ersten Generalversammlung. Sie motivierten die deutschen Bischöfe, sich im gleichen Jahr ebenfalls erstmals zu versammeln und zur Fuldaer Bischofskonferenz zusammenzuschließen. Die Mainzer Generalversammlung der Vereine war der Anfang der Deutschen Katholikentage, deren 98. im Jahr 2012 in Mannheim stattfindet. Die Katholikentage verfolgen bis heute ein doppeltes Ziel. Sie wollen einerseits den Glauben bekennen und klären, was von den Katholiken angesichts der gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen gefordert ist, und sie wollen andererseits die Positionen, Angebote und Forderungen der Katholiken im Meinungsbildungsprozess einer pluralistischen Gesellschaft artikulieren.

Der Kulturkampf, in dem die katholische K. staatlicher Aufsicht unterworfen werden sollte und die Katholiken als ultramontane, an Rom orientierte Deutsche mit zweifelhafter Reichsloyalität denunziert wurden, hat die Gräben zwischen den Konfessionen vertieft. Nach dem Ersten Weltkrieg freundeten sich die Katholiken schneller mit der → Demokratie und der rechtsstaatlichen Verfassung an als die Protestanten. In der Weimarer Republik waren sie es, die im Zentrum neben und mit den Sozialdemokraten und den Liberalen versuchten, die von rechts und links angefeindete Demokratie zu stabilisieren. Sie trugen durch die katholische Soziallehre und Heinrich Brauns, einen in 12 Regierungen über sieben Jahre als Arbeitsminister wirkenden Priester und Zentrumspolitiker, viel zur Entwicklung des deutschen Sozialstaates bei.

Der K.nkampf der Nationalsozialisten führte 1933 zu einem schnellen und unrühmlichen Ende des Zentrums. Die menschenverachtende Ideologie und Politik der nationalsozialistischen Diktatur ließen die Christen am Ende des Zweiten Weltkrieges nach neuen, ökumenischen Wegen für ihr politisches Engagement suchen. Das → Grundgesetz und die Rechtsordnung Ds sind gewiss nicht allein ihr Werk. Aber sie tragen in der Anerkennung vorstaatlicher Menschenrechte und in der Umsetzung des Solidaritäts- und des → Subsidiaritätsprinzips deutliche Spuren ihres Engagements, ihrer Erfahrungen, Wertorientierungen und Hoffnungen. In der → DDR jedoch ging der K.nkampf schon bald nach 1945 weiter – nun unter kommunistischen Vorzeichen. Das SED-Regime gewährte den K.n bis 1989 keine Möglichkeiten, über Hirtenbriefe und Kanzelerklärungen hinaus an der Gestaltung des öffentlichen Lebens mitzuwirken. Die Christen galten als Bürger zweiter Klasse.

2.2

Die evangelische K., genauer die evangelischen K.n, entstanden in der Zeit der Reformation in der ersten Hälfte des 16. Jh.s. Statt der von den Reformatoren Luther, Zwingli und Calvin angestrebten Erneuerung der gesamten Christenheit kam es zu K.nspaltungen und Konfessionsbildungen. Der Augsburger Religionsfriede 1555 gewährte den Landesherren das ius reformandi. Der Grundsatz "cuius regio eius religio" bestimmte fortan die Konfession des jeweiligen Territoriums. Wenn sich ein Untertan der Konfession der Landesherren nicht anschließen wollte, hatte er ein Auswanderungsrecht. Im Westfälischen Frieden von Münster und Osnabrück wurde diese Regelung 1648 bestätigt.

Für das innerkirchliche Leben der evangelischen Landesk.n. höchst bedeutend war die Entwicklung des landesherrlichen K.nregiments. Luther beanspruchte nach dem Wegfall der alten bischöflichen und päpstlichen Verfassung die Landesherren als "Notbischöfe". Deren Rechte in K.nangelegenheiten wurden dann im 17. und 18. Jh. aus dem Wesen staatlicher Hoheit selbst begründet. So wurde der Landesherr zum Summepiscopus und die K. zur Staatsk. Das landesherrliche K.nregiment dauerte bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. Es machte die K. so sehr zu einem Gebiet der staatlichen Verwaltung und die Pfarrer in solchem Maße abhängig von Fürsten und Herren, "dass die Freiheit zur kritischen Haltung mehr und mehr verloren ging" (P. Althaus).

Bis zur Mitte des 19. Jh.s gab es keine Gesamtorganisation der evangelischen Landesk.n. Auf dem K.ntag in Wittenberg, der im Sept. 1848 erfolglos über eine Konföderation der evangelischen K.n beriet, wurde der "Centralausschuss für die Innere Mission der deutschen evangelischen K." errichtet, durch den die evangelische K. erstmals eine gesamtkirchliche Arbeitsorganisation, wenn auch nur für den Bereich der Diakonie, erhielt. Vier Jahre später kam es in Eisenach zur Gründung der Deutschen Evangelischen K.nkonferenz, einem Koordinationsgremium aller deutschen evangelischen K.nregimentsbehörden ohne Beschlussrecht. Auch der nach dem Ende des landesherrlichen K.nregiments 1922 in Wittenberg gegründete Deutsche Evangelische K.nbund besaß keinerlei Eingriffsmöglichkeiten in den inneren Rechtsbereich der Landesk.n. So hat der deutsche Protestantismus "an einer geistigen und politischen Grundlegung des neuen demokratisch-republikanischen Staatswesens [...] keinen nennenswerten aktiven Anteil genommen" (E. Wilkens).

Der → Nationalsozialismus wurde für die evangelische K. nicht weniger gefährlich als für die katholische. Er führte zunächst zu einer Spaltung des deutschen Protestantismus in die "Deutschen Christen", die unter Reichsbischof L. Müller die evangelische K. zu einer Hilfsorganisation für die Durchsetzung der Ziele des NS-Staates machen wollten, und in die Bekennende K., die zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufrief und auf ihren Synoden in Barmen und Berlin-Dahlem 1934 die Etablierung eines Notkirchenregiments anstelle des offiziellen, aber autoritätslosen K.nregiments der Deutschen Evangelischen K. begründete.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Manfred Spieker




 

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